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LITERAIIHISTOIILSCHE
FORSCHUNGEN
HERAUSGEGEBEN
VON
Dr. JOSEF SCHICK ^nd D^- **- Frh. v. WALDBERC
o. ö. Professor an der Universität a. o. Professor an der Universität
München Heidelberg
Heft XXXII
RUDOLF ZENKER
BOEVE-AMLETHUS.
DAS ALTFRANZÖSISCHE EPOS VON BOEVE DE HAMTONE
UND DER URSPRUNG DER HAMLETSAGE.
BERLIN und LEIPZIG
Verlag von Emil Felber
1905
B0EVE-AMLETHU8.
DAS ALTFRANZÖSISCHE EPOS VON BOEVE DE HAMTONE
UND DER URSPRUNG DER HAMLETSAGE
von
RUDOLF ZENKER,
a. o. Professor der romanischen Philologie an der Universität Rostock.
BERLIN
Verlag von P^mil Felber
1905
Po.
ms
Alle Rechte vorbehalten.
Prmted in G«runinj
Wolfgang Golther
ZUGEEIGNET
Vorwort.
Nothing of him that doth fade,
But dotli suffer a sea-change
Into something rieh and stränge.
Shakespeare, The Tempest, I, 2.
Die nachstehende Untersuchung ging aus von der
Beobachtung, dafs der Kern der Sage, welche dem alt-
französischen, in England entstandenen Epos von Boeve de
Hamtone^) zu Grunde liegt, identisch ist mit der Hamlet-
sage, wie sie uns der dänische Historiker Saxo Gramma-
ticus (d. i. „der Gelehrte") in seiner zu Anfang des 13.
Jahrhunderts verfafsten Historia Danica überliefert. Nur
diese Tatsache sollte ursprünglich auf wenigen Blättern
dargetan werden. Der lockende Versuch, die gemeinschaft-
liche Quelle der beiden Überlieferungen zu rekonstruieren,
nötigte nun aber dazu, auch die übrigen Versionen der
nordischen Sage heranzuziehen und die bisherigen For-
schungen über den Ursprung der Sage einer Nachprüfung
zu unterwerfen. Dabei boten sich sofort eine Reihe neuer
Gesichtspunkte dar, und indem in deren Verfolgung der
Kreis der Untersuchung weiter und weiter gezogen wurde,
gestaltete sich, was ursprünglich als eine knappe wissen-
^) Zum ersten Mal herausgegeben von Albert Stimming, Der anglo-
normannische Boeve de Haumtone, Halle 1899, in Suchiers Bibliotheca
Normannica B. VII (s. d. Anzeigen von G. Paris, Romania 29 (1900)^
127; von Vising, Zeitschr. f franx. Spr. u. Litt. 22« (1900), 21—26, und
von [Schu]ltz-G[ora], Lüt. Centralblatt 1900, 978 f.).
VIII
schaftliclie Mitteilung in Form eines Zeitschriftenaufsatzes
gedaclit war, schliel'slich aus zu einer Studie über die
gesamte Vorgeschichte der Hamletsage und ihre sagenhaften
und historischen Grundlagen, welche ich hiermit der Öffent-
lichkeit übergebe.
Ich möchte sagen, es sei mir ergangen wie einem
Manne, der, in fremdem Lande eingetroffen, an schönem
Morgen zum ersten Male aus der Türe seiner ländlichen
Herberge tritt, um sich kurze Zeit in dem Garten zu ergehen,
welcher das Haus unmittelbar umgibt. Er durchwandert
ihn bis ans Ende — da sieht er sich einem schattigen
Walde gegenüber, dessen grüne Hallen ihn unwiderstehlich
anlocken. Er verläfst die Umzäunung des Gartens und
schreitet pfadlos weiter. Nicht lange währt es, da lichten
sich die Bäume, und plötzlich liegt vor seinem Blicke im
Sonnenschein eine weite pittoreske Landschaft mit Tälern
und Höhen, Hainen und Flüssen, malerischen Ruinen
und Schlössern, die zwischen dem Grün hervorleuchten.
Wie sollte er sich's entgehen lassen, noch eine Strecke
weiterzuwandern — nur bis zu jener nahen Höhe empor
— vielleicht bietet sie eine noch umfassendere Umschau.
Aber wie er die Höhe erreicht hat, da winkt ein neues
Ziel. So eilt er denn vorwärts, von einem Punkte zum
andern, und immer neue Gegenstände fesseln seinen Blick:
hier die Trümmer einer alten Burg, von dichtem Epheu
übersponnen, mit moosumwachsenen Grabsteinen, auf denen
schwer lesbare Worte in altertümlichen Lettern zu Tage
treten; dann wieder, aus einem alten Eichenhain hervor-
schimmernd, die Überreste eines griechischen Tempels, mit
umgestürzten, arg verstümmelten Götterbildern und da-
neben das Fragment eines römischen Triumphbogens mit
IX
deutlich erkennbaren Bildern von Königen und Helden
der ewigen Roma; und dort, auf sonnenumglänzter Berges-
höhe, die den Blick in blaue Ferne hinausschweifen läfst,
gar die Überreste eines uralten, mit krausen orientalischen
Zeichen bedeckten Feueraltars. Weiter, immer weiter
schreitet der Wanderer, nicht selten genötigt, durch dichtes
Gebüsch sich mühsam den Weg zu bahnen, oder auf steilem
Pfade langsam emporzuklimmen. Und als er endlich auf
langen Umwegen zu seiner Behausung zurückkehrt, da ist
die Sonne schon hinabgegangen, die Dämmerung sinkt
nieder, und aus dem geplanten Gange durch den Garten
in der ersten Frühe des Morgens ist eine lange, oft an-
strengende, aber dennoch fast immer genufsreiche Tages-
wanderung geworden . . .
Das Hauptergebnis meiner Untersuchung ist dieses:
Die Hamletsage ist griechisch-römischen Ursprunges; sie
stellt sich dar als eine Verschmelzung der griechischen,
ursprünglich vermutlich lykischen, Beilerophonsage mit der
römischen Brutussage, zu denen als drittes, aber nur sekun-
däres, Element die Heraklessage hinzutritt; sie ist eine
Schwester der aus dem gleichen Quell entsprungeneu per-
sischen Sage von Kei Chosro und Afrasiab, welche in Fir-
dosis gewaltigem Epos Schahname (d. i. Königsbuch) einen
breiten Raum einnimmt, und auf deren Verwandtschaft
mit der Hamletsage zuerst 0. L. Jiriczek hingewiesen hat.
Hamlet ist ein metamorphosierter Bellerophon- Brutus. Die
Elemente der Beilerophonsage scheinen entnommen aus
dem Bellerophontes des Euripides, von dem uns nur eine
Anzahl Fragmente erhalten sind. Die berühmteste Fassung
der Hamletsage, das Hamletdrama Shakespeares, beruht
aller Wahrscheinlichkeit nach nicht auf Saxo, wie man
bisher annahm, sondern auf einer von der Saxos stark
abweichenden Version der Sage, die noch nicht nach-
gewiesen, vielleicht auch für immer verloren ist.
Ich glaube, diese Tatsachen als ziemlich gesichert
hinstellen zu dürfen. Im einzelnen freilich mufste ich es
vielfach bei Hypothesen und Möglichkeiten bewenden lassen.
Eine Fülle interessanter Probleme harrt noch der definiti-
ven Lösung, und eine reiche Nachlese dürfte auf den von
mir durchsuchten Gebieten zu halten sein. Ich zweifle
auch nicht, dafs weitere Forschung gar manche meiner
Aufstellungen und Vermutungen korrigieren wird. Aber
die Hauptroute, die ich eingeschlagen, wird, hoffe ich, auch
durch die ferneren Untersuchungen und etwaige neue Funde
als die richtige und zum Ziele führende erwiesen werden.
Die Arbeit bewegt sich zum grofsen Teil aufserhalb
der eigentlichen Grenzen der romanistischen Wissenschaft,
und es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dafs mir in der
Litteratur manches, was noch hätte verwertet werden
können, entgangen ist, auch wohl gelegentlich Fehler
mit untergelaufen sind, die dem Fachmann nicht begegnet
wären. Ich hoffe, hier als Romanist auf einige Nachsicht
rechnen zu dürfen. Denen aber, die geneigt sein sollten,
es mir zum Vorwurf zu machen, dafs ich nicht innerhalb
meines zünftigen Arbeitsgebietes geblieben bin, möchte ich
mit der Frage antworten, wer denn wohl in der Lage sein
würde, Untersuchungen wie die vorliegende anzustellen,
ohne über sein engeres Fachgebiet hinauszuschreiten: Dem
Germanisten wird in der Regel das Altfranzösische und
Provenzalische nur mangelhaft vertraut, dem klassischen
Philologen wie dem Orientalisten werden beide Sprachen
meist vollkommen fremd sein, andererseits liegt die antike
XI
Mythologie und Litteraturgeschichte dem Germanisten und
Anglisten kaum näher als dem Romanisten, während der
klassische Philologe und der Orientalist wieder in den
germanistischen Studien ein Fremdling zu sein pflegt. Es
würde deshalb jene Forderung im Grunde nichts anderes
bedeuten, als dafs Untersuchungen wie die vorliegende
überhaupt nicht anzustellen seien. Eine solche Behauptung
aber als unrichtig zu erweisen, dürfte gerade diese Studie
selbst geeignet sein, insofern sie, so sehr sie im einzelnen
gewifs der Verbesserung, Erweiterung, Vertiefung bedarf,
doch zu einigen wichtigen neuen Ergebnissen gelangt ist,
welche bei Beschränkung auf das Gebiet einer Einzel-
philologie niemals hätten gewonnen werden können.
Nicht unbemerkt darf ich lassen, dafs ich den Ursprung
der Hamletsage aus der Beilerophonsage erst erkannte,
als von dem Buche bereits 16 Bogen gedruckt waren; bis
dahin glaubte ich die Sage nicht aus einer griechischen,
sondern aus einer persischen Vorstufe der Firdosischen
Fassung der Chosrosage ableiten zu müssen. Es werden
sich deshalb wohl an manchen Stellen der früheren Kapitel
Aufserungen finden, welche zu der Auffassung der letzten
Kapitel nicht durchaus stimmen. Ich bitte, dies ent-
schuldigen und die betreffenden Stellen auf Grund der Dar-
legungen der letzten Kapitel korrigieren zu wollen.
Rostock, im August 1904.
Rudolf Zenker.
Inhalt
Seite
Das anglonormannische Epos von Boeve de Hamtone .... 1
Der Boeve von Hamtone und die Hamletsage bei Saxo Grammaticus 8
Die Herkunft der Saxoschen Hamletsage 44
Die Hamletsage und die römische Brutussage 79
Die Haveloksage 91
Der geschichtliche Amleth-Amhlaide 111
Die Hrolfssaga Kraka 121
Die Ambalessage 127
Die Ambalessage und die Heraklessage 155
Das Goldstabmotiv 192
Die Hamletsage und Firdosis Schahname 207
Die Chosrosage und der Hamlet Shakespeares 268
Die Hamlet - Chosrosage und die griechische Bellerophonsage . 282
Die Bellerophon - Brutussage als Quelle der Hamlet- Chosrosage;
'AfißXv5'> 328
Ergebnisse; Entwicklung der Sage im Norden 354
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Das aiigloiioriiianiiisciie Epos
von Boeve de Haiiitoiie.
Der Boeve de Hamtone, d. i. Southampton, eine chanson
de yeste von ca. 3850 Versen, wird uns in 9 Handschriften
überliefert, welche der Mehrzahl nach verschiedene, teil-
weise differierende Fassungen des Gedichtes bieten; es
existieren aufserdem eine englische^), welsche-), altnor-
dische*), italienische und russische Bearbeitung. Von den
9 französischen Handschriften sind zwei in anglonorman-
nischem Dialekt abgefafst, und diese anglonor mannische
Version stellt, wie A. Stimming in seiner Abliandlung Das
gegenseitige Verhältnis der französischen gereimten Versionen
der Sage von Beuve de Hamtone^) und in seiner trefflichen
Ausgabe des Gedichtes gezeigt hat, einen von den übrigen,
festländischen Fassungen verschiedenen Typus dar, der die
Quelle jener anderen Fassungen gewesen ist; die anglo-
normannische Version ist unter den erhaltenen
') Hgg. von E. Kölbing, The Romance of Sir Beues of Hamtoun,
cditcd from six manuscripts and tlie old printed copy, I — III, London
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') Hgg. von R. Williams, Selections of the Hetigtcrt Mss., vol. II,
London 1892, S. 119—88 (Text) und 518—65 (Übersetzung).
'') Hgg. von G. Cederschiöld , Fonisögur SuPrlanda, utgifna af
<i. C, Lund 1884, S. 209 — 67. Ich konnte nur die ausführliche deutsche
Inhaltsangabe benutzen, die Cederschiöld selbst veröffentlicht hat in
den Acta Vniversitatis Lundensis (Lunds Universitets Ars-Skrift)
B. XIX, Lund 1882—83, F(yms. Sußrl. S. CCXVII-CCXXXVI.
*) Abhandlungen, Herrn Prof. Dr. Adolf Tobler dargebracht, Halle
1895, S. 1-44.
Zenker, Boeve- Amlethus. 1
französischen Versionen die älteste, sie entstand in
der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, vermutlich im Süden
Englands, die jüngeren Bearbeitungen beruhen „aus-
schliefslich auf der anglonormannischen, und die
dort vorkommenden Abweichungen von dieser sind durch
selbständige und willkürliche Änderungen der Bearbeiter
veranlafst"^).
Anders liegt die Sache bei den fremdländischen Be-
arbeitungen. Von diesen gehen die italienische und die
russische auf die jüngeren festländischen Fassungen zurück,
dagegen beruhen die englische, welsche und altnordische
Bearbeitung auf Versionen des Epos, die älter sind als die
uns überlieferte anglonormannische Fassung. Stimming ver-
anschaulicht ihr Verhältnis zu der letzteren durch folgen-
des Schema:
I normannisch j
Nordisch ^J^^^
Die punktierte Linie besagt, dafs die anglonormannische
Version bis V. 900 n, noch nicht z, zur Vorlage gehabt hat.
Danach steht das Zeugnis der englischen Bearbeitung
dem der beiden anderen Bearbeitungen und der anglonor-
mannischen Version gleichwertig gegenüber, und es mufs,
wenn die drei Bearbeitungen, oder die englische und nor-
dische Bearbeitung allein gegenüber der anglonorman-
nischen Fassung, bezw. gegenüber dieser und der welschen
Bearbeitung zusammenstimmen, der betreffende Zug in einer
älteren Fassung unseres Epos vorhanden gewesen sein.
Dafs eine solche ältere Fassung des Boeve de Hamtone
existiert hat, geht auch daraus hervor, dafs schon der Ver-
1) Stimminff, Auscy. S. CLXXXII.
fasser der noch dem 12. Jalirliundert angehörigen proven-
zalischen Chanson de geste von Dnurel und Beton den
Boeve de Hamtone benutzt hat^).
Über den Ursprung der dem Epos zugrunde liegenden
Sage handelt Stimming in einem besonderen Kapitel der
Einleitung seiner Ausgabe, S. CLXXX— CXCVI. Er unter-
zieht zunächst die diesbezüglichen Ausführungen von Pio
Rajna, / Reali di Franäa, Bologna 1872, S. 123 ff. und
Oriijini dclV Epopea Francese, Florenz 1884, S. 382, Anm. 1,
denen sich Gaston Paris, Bomania 2, 31 im wesentlichen
anschlofs, einer eingehenden Kritik. P. Bajna, und mit ihm
G. Paris, vermuteten deutschen Ursprung der Sage. Rajna
sah in Hanstane, wie der Name in französischen Hand-
schriften auch lautet, erst deutsches „Hundstein" und
wollte es dann mit „Hammerstein", einem festen Schlofs
in der Diözese Mainz, identifizieren; die Lokalisierung der
Sage in England, meinte er, sei veranlafst dadurch, dafs
man fälschlich Hanstone als Hampton = Southampton auf-
fafste. G. Paris a. a. 0. erklärte: Je suis porte ä regarder
Beute d'Hanstone, dans ses traits essentiels, comme une
forme tres-alteree, notamment dans la geographie, d'u7i poeme
germanique d'une haute antiquite; und er bemerkt noch in
seiner Litterature franf;aise au mögen äge'-, Paris 1890,
§ 27: Bovon de Hanstone a une origine allemande.
Demgegenüber zeigt nun Stimming, dafs die von
Rajna für seine Ansicht vorgebrachten Gründe fast aus-
schliefslich allein für die jüngeren Fassungen des Epos
Gültigkeit haben, die, wie wir oben sahen, sämtlich auf
die anglononnannische Fassung zurückgehen ; er zeigt, dafs
die Momente, auf die Rajna sich stützt, willkürliche Ände-
rungen der Bearbeiter darstellen, dafs die Identifikation
Hanstones mit Hundstein oder Hammerstein hinfällig ist.
1) S. P. Meyer, Daurel et Beton, Paris 1880 (S. d. a. t. fr.), p. XX ff.
1*
— 4 —
und von Rajnas Argumenten allein der Umstand übrig
bleibt, dafs Boeve einen Oheim in Köln hat, — ein Zug,
der natürlich für sich allein gar nichts zu beweisen
vermag.
Stimming weist dann nach, dafs das Epos auch in
seiner, der erhaltenen anglonormannischen vorausliegenden
ältesten Fassung auf englischem Boden entstanden
sein mufs, dafs es ein anglonormannisches Epos
ist (Boeve ist in England geboren und kehrt bei der
Rückkehr aus der Verbannung dahin zurück, Hamtone ist
in England am Meere liegend gedacht, der König des
Landes heifst Edgar, Boeves Mutter ist die Tochter des
Königs von Schottland, die ganze Dichtung trägt ein
ausgesprochen maritimes Gepräge u. a. m.). Was indes
die Herkunft der Sage betrifft, so gelangt Stimming zu
einem rein negativen Ergebnis. Ein historischer Vorgang
scheine nicht zu Grunde zu liegen; wenigstens lasse sich
in der englischen Geschichte kein Ereignis nachweisen,
das sich in dem Epos dichterisch widerspiegelte. Ver-
schiedene Einzelheiten schienen dafür zu sprechen, dafs
der Schauplatz der Sage ursprünglich auf dem Festlande
lag, doch lasse sich über ihre Heimat keine einigermafsen
begründete Ansicht aufstellen. Mit der Annahme deutscher
Herkunft scheine es nicht vereinbar, dafs dem Kaiser von
Deutschland die Rolle des Verräters zuerteilt ist, und dafs
die Deutschen auf der Seite der Feinde des Helden kämpfen,
desgleichen, dafs nach der Auffassung des anglonormanni-
schen Epos Köln an der See liege, insofern es nicht wahr-
scheinlich sei, dafs eine so auffallend falsche geographische
Vorstellung in einem deutschen Sagenstoff enthalten ge-
wesen sein sollte. Aber auch für französische Herkunft
mangele es an sicheren Anzeichen: wir bleiben, meint
Stimming, „völlig in Ungewifsheit darüber, woher der
älteste anglonormannische Bearbeiter unserer Sage seinen
Stoff erhalten hat, sowie darüber, wieviel von dem Inhalte
seines Epos er seiner Quelle verdankt" (S. CLXXXIX).
Läfst somit der Herausgeber selbst die Frage nach
dem Ursprung der Sage völlig offen, so hat dagegen H. Suchier
bezüglich dieses Punktes eine Vermutung geäufsert in einer
kurzen Notiz, die er Stimming zur Verfügung gestellt hat,
und die dieser als „Nachtrag" zu seiner Einleitung S. CXCV f.
zum Abdruck bringt.
Suchier glaubt, dem Gedicht liege eine Wikinger-
sage des 10. Jahrhunderts zu Grunde. Es wird sich
empfehlen, seine Argumentation m extenso mitzuteilen:
„Die AVikinger", sagt Suchier, „sind heidnische Kauf-
leute, die nebenbei auch Menschenhandel treiben, wie solche
gegen Anfang des Boeve auftreten. Der Name des heid-
nischen Königs Yvori stimmt zu Ivor oder Ivar, einem bei
den Wikingern mehrfach vertretenen Namen, für den auf
Steenstrups ,,Nonnannerne" verwiesen sei. Ich glaube, dafs
die in das Morgenland verlegten Begebenheiten ursprüng-
lich in der Bretagne gespielt haben. Das Land König
Hermins ist Ägypten, aber seine Hauptstadt heifst Abrefordj
in deren erstem Bestandteil das Kymrische aber, d. h.
FlufsmUndung, nicht zu verkennen ist. Der Name des
Königs ist eigentlich Völkername, wie noch zwei Stellen
zeigen (3529, 3744), an denen die Bewohner des Landes
les Heimins heifsen. Es handelt sich um das Land, das
in der nordischen, englischen, deutschen Übersetzung von
Thomas' Tristan Ermeriia, Ermonie, Parmenie genannt wird.
Den Vermutungen Loths und Lots in der Revue celtiqiie
XVIII, 315 kann ich nicht zustimmen^). Im Anfang der
Sachsenchronik wird Armenia im Sinne von „Armorica''
gesetzt, mit einer gelehrten Metapher der gleichen Art,
*) Loth a. a. 0. vermutet in Ermonie eine Verlesung für Eumonie
= die Insel Man, oder vielleicht das östliche Munster, kelt. Irmuman,
das latinisiert Ormonia oder Ennonia ergeben müsse.
— 6 —
wie wenn die Goten Oetae, die Dänen Daci genannt wur-
den. Unter Armenien ist also die französische Bretagne
zu verstehen.
Da die Namen jDoo?i und Odon öfter verwechselt wurden,
so wird unter Kaiser Doon Otto der Grofse zu verstehen
sein. Er war in der Tat ein Zeitgenosse König Adgars,
der in dem Gedicht eine Eolle spielt und von 959 bis 975
regierte".
Suchier hebt dann noch den ohne Zweifel nordischen
Ursprung der Namen Bradmund und Budefoun hervor,
deren Elemente sämtlich nordisch seien: hrdj)r „schnell,
hurtig", mund eig. „Schutz, Hand", hröj)!' „Ruhm", fiins
„begierig".
Die Identifikation Doons mit Otto I. begründet Suchier
nicht weiter, er setzt aber, indem er sie aufstellt, sicher als be-
kannt voraus, dafs Otto in der Tat, wie der Doon des Gedichts,
(in erster Ehe, 929 — 47) mit einer Engländerin verheiratet
war, nämlich mit der englischen Prinzessin Edgitha, der
Tochter König Eadweards und Schwester König Edmunds,
s. Köpke-Dümmler, Kaiser Otto der Grofse, Leipzig 1876,
S. 9. Gewifs genügt Ottos Gleichzeitigkeit mit Edgar, zu-
sammengenommen mit der eben erwähnten Tatsache seiner
Vermählung mit einer Engländerin, um Suchiers Identi-
fikation einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit zu ver-
leihen. Es dürfte aber doch nicht überflüssig sein, auch
darauf noch hinzuweisen, dafs nach einer in Ekkeharts IV.
Casus sancti Galli cap. 81 sich findenden sagenhaften Nach-
richt Otto in der Tat einmal, im Jahre 958, persönlich in
England gewesen wäre: . . . Ottone apiid Anglos cum Adal-
tage rege ipsoruyn, socero suo, aliqimmdiii agente ut junctis
viribus Chnutonem Danorurn debellaret regem . . ., s. St. Gal-
lische Geschichtsquelleii, neu hgg. durch G. Meyer von Knonau,
St. Gallen 1877 {Mitteihmgeii vaterländischer Geschichte, N.F.
5. und 6. Heft), S. 293. Der Herausgeber bezeichnet im
Kommentar diese Angabe als „historisch ganz unbrauchbar".
„Einen angelsächsischen König Adaldag gab es niemals
und es ist nirgends bezeugt, dai's Otto I. in England ge-
wesen sei . . .; dagegen war Otto durch seine 929 voll-
zogene Vermählung mit Editha Schwager des damals, in
der Zeit von Cralohs Tod [Abtes von St. Gallen 942—58],
längst verstorbenen Königs Athelstan (925 — 41) gewesen.
Ebenso gab es keinen dänischen König Knut in Ottos
Zeit . . . .«
Hiermit wäre nun erschöpft, was bisher über den Ur-
sprung und die Quellen der Sage von Boeve de Hamtone
beigebracht wurde. Es hat also, wie es scheint, keiner der
Gelehrten, die sich mit dem Gegenstande befaisten, bemerkt,
dals die Sage von Boeve de Hamtone in ihrem Kern
identisch ist mit der Hamletsage, wie sie uns von
dem dänischen Historiker Saxo Grammaticus über-
liefert wird, und dafs sie ganz unzweifelhaft mit
letzterer aus der gleichen Quelle geflossen ist.
Diese Tatsache, für die im folgenden der Beweis erbracht
werden soll, stimmt aufs schönste zu dem Ergebnis Stim-
mings, wonach die Dichtung anglonormannischen Ursprungs,
auf englischem Boden zu Hause ist, sowie auch zu der
Vermutung Suchiers, dafs ihr eine Wikingersago zu Grunde
liege. Denn wie wir sehen werden, ist Saxo die Hamlet-
sage aller Wahrscheinlichkeit nach aus England zugeführt
worden, und eben England war im 8. und 9. Jahrhundert
bekanntlich ein Haupttummelplatz der Wikinger. Dafs die
Verwandtschaft der beiden Sagen bisher nicht erkannt
wurde, dürfte einerseits daher rühren, dafs ein für die
Hamletsage besonders charakteristischer Zug, der ver-
stellte Wahnsinn des Helden, in unserem Epos völlig ge-
tilgt ist, andrerseits darin seinen Grund haben, dafs in
dem Gedicht die Handlung mit einem ungeheuren bunt-
scheckigen Wust von Episoden überladen ist, der leicht
— 8 —
den Blick von den einfachen Grundzügen der Sage ablenkt.
Entscheidend für die Identität der beiden Sagen fallen
m. E. ins Gewicht — ich will das gleich vorausschicken
— zwei in beiden sich findende eminent spezielle Motive:
das Motiv des Uriasbriefes — das mich zuerst auf
die Hamletsage hinwies — und das Motiv der Doppel-
heirat des Helden, welches im zweiten Teile der Saxo-
schen Hamletsage begegnet.
Es wird nun also auf Grund eines inhaltlichen Ver-
gleiches der beiden Sagen der Beweis für ihre behauptete
ursprüngliche Identität zu liefern sein. Dieser Vergleich
wird sich, was den Boeve v. Hamtone angeht, natürlich
auf die älteste erreichbare Fassung des Epos zu gründen
haben, welche keineswegs ausnahmslos durch das anglo-
normannische Gedicht, sondern an einigen Stellen vielmehr
durch die englische Bearbeitung repräsentiert wird. Ich
werde das Gedicht im folgenden in der Eegel mit BvH
bezeichnen.
Der Boeve von Hamtone
und die Hamletsage bei Saxo Grammaticns.
Der Boeve v. Hamtone sowohl als die Hamletsage bei
Saxo zerfallen in zwei Teile, von denen der erste (V. 1 — 2398
des BvH, Ende des III. Buches bei Saxo) mit dem Voll-
zug der Blutrache an dem Stiefvater des Helden, der zweite
(V. 2399—3850 des BvH, Anfang des IV. Buches bei Saxo)
mit dem Tode des Helden schliefst.
Ich fasse zunächst die übereinstimmenden Züge im
ersten Teile des BvH und im ersten, aus Shakespeares
Drama bekannten Teil der Hamletsage ins Auge.
— 9 —
Der Inlialt des dem anglonormanuischen Gedichte und
der englischen, wälschen und nordischen Fassung zu Grunde
liegenden Epos war im wesentlichen der folgende^):
Der schon bejahrte Graf Gui von Hamtone heiratet
die — namentlich nicht genannte — Tochter des Königs
von Schottland. Vorher hatte sich der Kaiser von Deutsch-
land, Doon, wiederholt um ihre Hand beworben, war aber
von ihrem Vater abschlägig beschieden worden, der ihr
vielmehr Gui zum Gatten bestimmte. Aus der Verbindung
geht ein Sohn, Boeve, hervor. Die Gräfin, die ein schlechtes
Herz hat, hafst ihren Gatten und beschliefst, als Boeve
10 Jahre alt ist, den Grafen umbringen zu lassen. Sie
sendet einen Boten an den Kaiser von Deutschland und
läfst ihn auffordern, am 1. Mai mit 400 Rittern in den
nahegelegenen Wald am Meere zu kommen; sie werde ihren
Gatten veranlassen, am gleichen Tage dort mit geringem
Gefolge zu jagen, er möge ihm das Haupt abschlagen und
es ihr übersenden, dann wolle sie die Seine werden. Der
Kaiser erklärt sich sofort bereit, dem Verlangen der Dame
zu entsprechen. Am 1. Mai stellt die Gräfin sich krank und
erklärt ihrem Gatten, sie glaube, der Genufs von frischem
Ebei-fleisch werde sie wieder gesund machen. Daraufhin
begibt sich der Graf in den Wald zur Jagd und wird dort
von Doon und seinen Rittern erschlagen. Der Kaiser sendet
Guis Kopf der Gräfin, die ihn nun einlädt, sofort zu ihr
zu kommen, die Hochzeit solle gleich am nächsten Tage
stattfinden. (Tir. I— XXXIT.)
Als Boeve die Ermordung seines Vaters erfährt, weint
er laut; er macht seiner Mutter heftige Vorwürfe, schilt
sie eine feile Dirne und droht, sobald er Waifen tragen
könne, den Tod des Vaters rächen zu wollen. Die Gräfin
versetzt ihm einen Schlag, dafs er zu Boden stürzt. Der
*) Eine ausführliche Analyse des Inhalts des anglonorman-
nischen Gedichts gibt Stimming S. LIX seiner Ausgabe.
~ 10 —
Ritter Sahot {Saber in der englischen Version), sein Er-
zieher, nimmt den Knaben in seine Arme und will mit ihm
entfliehen, die Gräfin aber zwingt ihn, vorher zu schwören,
dafs er Boeve noch am gleichen Tage umbringen wolle.
Sabot schlachtet nun ein Schwein, tiänkt Boeves Kleider
mit dem Blute und zeigt diese der Mutter zum Beweis,
dafs er ihren Befehl vollzogen habe^). Boeve selbst schickt
er, als Hirten verkleidet, in ärmlichem Gewand aufs Feld,
damit er 14 Tage lang die Lämmer hüte. Dann wolle er
ihn in ein fremdes Land zu einem, ihm, Sabot, befreundeten
edlen Grafen senden, bei dem er bleiben solle. Wenn er
15 oder 16 Jahre alt geworden, solle er heimkehren und mit
Sabots Hilfe an dem Kaiser Rache nehmen (XXXUI — XL).
Eines Tages vernimmt Boeve auf der Weide den Lärm
eines im Schlosse gefeierten Festes. Er eilt in die Stadt,
schlägt dem Pförtner des Schlosses, der ihn zurückweist,
mit seiner Keule den Schädel ein und dringt mit Gewalt
in den Saal; hier sagt er dem Kaiser ins Gesicht, er sei
der Mörder seines Vaters und fordert sein Erbe zurück.
Als der Kaiser ihm Schweigen gebietet, versetzt er dem-
selben mit der Keule drei Hiebe über den Kopf, so dass
Doon bewufstlos auf die Tafel niedersinkt. Seine Mutter
befiehlt, ihn zu ergreifen, aber durch den Beistand einiger
Ritter, die Mitleid mit ihm haben, entkommt er in das
Haus Sabots, dem er erzählt, er habe seinen Stiefvater
erschlagen. Sabot versteckt den Knaben in einer Kammer.
Gleich darauf erscheint die Mutter und fordert die Aus-
^) So die englische Version V. 35-3, welche, wie Stimming S. CLIII
zeigt, hier das Ursprüngliche hat. In dem französischen Gedicht und
den beiden anderen Bearbeitungen versenkt Sabot vielmehr die Kleider,
an einen Mühlstein gebunden, ins Wasser, — man sieht nicht ein, zu
welchem Zweck — und versichert dann der Mutter, er habe Boeve mit
einem Mühlstein ertränkt. Wie wir oben S. 2 sahen, ist das Zeugnis der
englischen Version dem der drei anderen Fassungen gleichwertig.
— 11 —
lieferuiig Boeves. Sabot erklärt, er habe den Knaben getütet,
die Gräfin aber bezichtigt ihn der Lüge und bedroht ihn mit
dem Tode, wenn er Boeve nicht herausgebe. Als Boeve
das vernimmt, tritt er, um seinem Erzieher das Leben zu
retten, aus seinem Versteck hervor. Die Gräfin befiehlt
nun zwei Rittern, Boeve ans Meer zum Hafen zu führen
und ihn, falls sie Kaufleute fänden, die ihn nehmen woll-
ten, diesen zu verkaufen, andernfalls aber ihn zu er-
tränken. Die Kitter tun, wie ihnen geheifsen, und ver-
kaufen Boeve an sarazenische Handelsleute, die sie im
Hafen finden. Diese bringen Boeve zu Schiff nach ,. Ar-
menien"^), d. i. Armorica, und verkaufen ihn dort an den
gi^eisen König Hermin (XL — LX).
Hermin findet an dem Knaben groises Gefallen und
ernennt ihn zu seinem Mundschenk, was den Neid einiger
Höflinge rege macht. Als Boeve das Alter von 15 Jahren
erreicht hat, ist er schon so stark, dafs kein Ritter des
Hofes mehr mit ihm zu turnieren wagt. Er erlegt einen
Eber*), dem sonst niemand gewachsen ist, und kämpft auf
der Heimkehr siegreich mit 10 Förstern, die ihm den Tod
geschworen haben: 6 von ihnen tötet er, die übrigen er-
greifen die Flucht.
*) So die enghsche Version: Arniony, Emiony, Ermonie. Das
anglonorinannische Gedicht und die welsche und nordische Bearbeitung
haben dafür Ägypten. Dals E hier das Ursprüngliche hat und „Aegyp-
ten" eine in y vorgenommene Änderung darstellt (s, das Schema S. 2),
ergibt sich daraus, dals später in dem Gedichte die Bewohner des Landes
zweimal, V. 3529 und 3744, les Hcrmivs, „die Armenier", genannt werden :
der Bearbeiter hat versehentlich hier den ursprünglichen Namen stehen
lassen. Die englische Version bestätigt aufs schönste die oben mit-
geteilte Argumentation Suchiers, der, wie es scheint, ohne davon Kennt-
nis zu haben, das E tatsächlich Armenien nennt, allein aus dem Orts-
namen Abreford, dem Namen des Königs und der Bewohner folgert, es
müsse der Name des Landes ursprünglich Armenia gelautet haben.
2) Nach E einen Bären.
— 12 —
Hermin hat eine Tochter Josiane, die sich in Boeve
verliebt. König Bradmo7id von Damascus will sich Josianes
mit Gewalt bemächtigen und fällt mit einem grofsen Heere
in das Land ein. Auf Josianens Eat schlägt Hermin den
Boeve zum Eitter und ernennt ihn zum Oberbefehlshaber
seines Heeres, Josiane schenkt ihm bei dieser Gelegenheit
ein vorzüglich schnelles Rofs^ Arondel. Boeve besiegt
Bradmond, nimmt ihn gefangen und zwingt ihn, sich als
Lehnsmann Hermins zu bekennen, worauf jener in seine
Heimat zurückkehrt (LX— LXXXII).
Josiane erklärt Boeve ihre Liebe, die dieser nach an-
fänglicher Weigerung — er meint, er sei zu gering für sie —
erwidert. Zwei Ritter — sie heifsen Gocelyn und Fia-e'^),
wie wir später V. 3089 erfahren — verleumden Boeve
beim König, indem sie behaupten, er sei der Buhle Josianes,
während Boeve das Mädchen doch nur geküfst hatte. Der
König erklärt, er habe Boeve so lieb gewonnen, dafs er
es nicht übers Herz bringen würde, ihn zu töten. Da rät
ihm der eine von den Rittern, Boeve an Bradmond zu
schicken mit einem versiegelten Briefe, der den Auftrag
enthalte, den Überbringer zu töten ^); Boeve solle er
schwören lassen, den Brief sonst niemandem zu zeigen.
^) Oistilinn und Für es in der nordischen Version Cap. XXIX.
2) Dafs dies der Inhalt des Briefes sein sollte, wird in drei von
den sechs Handschriften der englischen Version ausdrücklich gesagt.,
s. Kölbings Ausgabe S. 58, 2. Sp. Dafs es tatsächlich der Inhalt des
Briefes war, bemerken später übereinstimmend sämthche Versionen,
s. A V. 910, W Cap. XV, N Cap. XI (nach diesen 3 Versionen befiehlt
Hermin dem Bradmond, Boeve hängen zu lassen), E V. 1391 (Brad-
mond soll den Boeve töten). Wenn deshalb an der vorliegenden
Stelle nach der anglonormannischen, welschen und nordischen Version
der Brief nur den Auftrag enthalten soll, Boeve einzukerkern, so
ist darin eine spätere Änderung zu erblicken, die dadurch herbeigeführt
wurde, dafs Bradmond tatsächlich Boeve nicht tötet, sondern nur
einkerkert.
— 13 —
Der König befolgt den Rat und Boeve reitet mit dem
Briefe davon. Am vierten Tage trifft er unter einem
Baume einen Pilger, der ihm erzählt, er sei aus Hamtone
und ein Sohn Sabots; er befinde sich im Auftrage seines
Vaters auf der Suche nach einem Knaben Namens Boeve,
der an die Heiden verkauft worden sei. Boeve erwidert
ihm, der Knabe, von dem er spreche, sei gehängt worden,
worauf der Pilger in laute Klagen ausbricht. Als er Boeves
Brief erblickt, bittet er, ihm denselben zu zeigen, und als
Boeve dies ablehnt, weil er den Brief niemanden lesen
lassen dürfe, meint der Pilger, er handle unklug, der Brief
könne ihm möglicherweise den Tod bringen.
In Damaskus angekommen, überreicht Boeve sein
Schreiben. Nachdem Bradmond es gelesen, läfst er Boeve
sofort ergreifen und in einen scheufslichen, mit Schlangen
und Ungeziefer angefüllten Kerker werfen. Erst nach
7-jähriger Gefangenschaft wird Boeve durch ein Wunder
befreit, indem auf sein Gebot die Fesseln durch Gottes
Kraft zerbrechen.
Auf die nun folgenden Abenteuer Boeves braucht
hier nicht genauer eingegangen zu werden. Er wird von
Bradmond verfolgt, der sich aber an einem reifsenden Strom,
den Boeve glücklich überschwommen hat, zur Umkehr ge-
nötigt sieht. Er findet Josiane wieder, kämpft mit zwei
Löwen, die er tötet, und gelangt schliefslich nach mancherlei
Zwischenfällen mit Josiane und dem getreuen Eiesen
Escopart, den Josiane vom Tode errettet hat, zu Schiff
nach Köln. Nachdem hier Josiane und Escopart durch
Boeves Oheim, den Bischof von Köln, die Taufe empfangen
haben, segelt Boeve allein weiter zu Sabot, der von einer
festen Burg aus Krieg gegen Doon führt. Sabot ist hoch-
erfreut über Boeves Heimkehr. Es folgt eine uns nicht
interessierende Episode, welche Boeve wieder nach Köln
führt, wo er Josiane vom Feuertode eiTettet. Er kehrt
— u —
dann wieder zu Sabot zurück und läfst durch einen Boten
dem Kaiser nach Hamtone sagen, er habe tapfere Ritter
in grofser Zalil bei sich und werde ihn nächstens hängen
lassen. Doon, erschreckt, zieht Hilfstruppen aus Deutsch-
land und von seinem Schwiegervater aus Schottland heran.
Dann rückt er mit Heeresmacht Sabot und Boeve ent-
gegen; den einen Teil des Heeres führt der König von
Schottland, den andern er selbst.
In der nun folgenden greisen Schlacht tötet Sabot
den König von Schottland, Boeve sticht Doon vom Rofs.
der aber von seinen Leuten befreit wird; endlich bricht
sich der Eiese Escopart mit seinem Hebebaum zu Doon
Bahn, ergreift ihn, trägt ihn zum Schlofse und läfst ihn
binden, worauf sich das deutsche Heer ergibt. Doon bittet
Boeve, er möge ihn, da er auf Begnadigung doch nicht
hoffen könne, wenigstens mit einem Schlage töten; Boeve
aber lehnt dies ab, er läfst eine Grube mit flüssigem Blei
füllen und Doon hineinwerfen. Als dessen Gattin die
Nachricht überbracht wird, ersticht sie den Boten und
stürzt sich dann von der Höhe des Turmes herab, so dafs
sie den Hals bricht. Nun ergreift Boeve Besitz von Ham-
tone und die Hochzeit mit Josiane wird gefeiert.
Dies der Inhalt des ersten Teiles des Boeve von
Hamtone, soweit er vorläufig für unseren Zweck in Be-
tracht kommt.
Ich lasse nun eine Analyse des entsprechenden ersten
Teiles der Hamletsage folgen, wie sie sich im 3. Buche
von Saxos Historia Banica findet^), und zwar beschränke
^) Saxo Grammaticus , Die ersten neun Bücher der dänischen
Oeschichte, übers, und erläut. von Hermann Jantzen, Berlin 1900,
S. 140 ff. P. Herrmann, Erläutertmgen xu den ersten neun Büchern der
dänischen Oeschichte des Saxo Grammaticus, I. Teil: Übersetxung,
Leipzig 1901, S. 113 ff. Eine Übersetzung des betreffenden Abschnittes
geben auch K. Simrock, Quellen des Shakespeare", Bonn 1870, I, 103 ff.;
ich mich auch hier, soweit es möglich ist, anf diejenigen
Punkte, welche für die vorliegende Untersuchung von Be-
deutung sind.
Saxo hat seine Historia begonnen nach 1179 und ver-
mutlich nicht allzulange nach 1208 vollendet^). Die ersten
neun Bücher behandeln bekanntlich die Urgeschichte der
Dänen bis zum Tode Gorms des Alten im Jahre 93(3; sie
sind im wesentlichen durchaus sagenhaft gehalten. Die
Geschichte Hamlets spielt zur Zeit des sagenhaften Königs
Rorik von Dänemark, der lange vor Christi Geburt gelebt
haben soll.
Saxo berichtet folgendes:
Die Brüder Horvendül') und Fengo herrschen als
Nachfolger ihres Vaters gemeinsam über Jütland. Horven-
dill gewinnt die Freundschaft des Königs Roricus und
erhält dessen Tochter Gerutha (= Gertrud) zur Frau; aus
der Ehe geht ein Sohn, Ämleth, hervor. Fengo beneidet
den Bruder um sein Glück und trachtet ihm nach dem
Leben: er ermordet Horvendill und vermählt sich mit
dessen Gattin, indem er zur Beschönigung seiner grausen
Tat erklärt, Gerutha habe von Horvendill den grimmigsten
Hafs erfahren, nur um sie zu retten, habe er den Bruder
getötet.
Amleth, der Sohn des Ermordeten, stellt sich blöd-
sinnig, um nicht den Verdacht des Oheims zu erwecken.
Er trägt die gröfste Unsauberkeit zur Schau, alles was
er spricht, alles was er tut, macht den Eindruck tierischen
Stumpfsinns. Oft sitzt er am Herde, wühlt mit den Hän-
den in der Asche und schnitzt hölzerne Pfeile, deren
R. Prölfs, Shakespeares Hainlet, erläutert, Leipzig 1878, S. 68 ff., sowie
Gericke-Moltke , Shakespeares IJanilet- Quellen, Leipzig 1881, S. IX ff.
Ich eitlere nach Jantzen.
») S. Jantzen a. a. 0. S. Xlllf.
*) Der Riese Auricandill der Edda, s. Jantzen, a. a. 0. S. 137, A. 2.
— 16 —
Spitzen er im Feuer härtet. Auf die Fra^e, was er beginne^
antwortet er zur Belustigung der Anwesenden, er verfertige
scharfe Pfeile zur Eache seines Vaters. Aber eben diese
Kunstfertigkeit erweckt bei einigen den Verdacht, „er ver-
berge nur seine Klugheit unter dem Schleier der Einfältig-
keit." Man macht deshalb einen Versuch ihn zu entlarven,
indem man ihm im AValde ein schönes Mädchen in den
Weg führt; man meint: „seine Erregung werde zu heftig
sein, als dafs er sie durch List beherrschen könnte, und
wenn er seinen Stumpfsinn nur erheuchele, werde er diese
Gelegenheit benutzen und auf der Stelle dem Trieb der
Wollust gehorchen." Aber der Anschlag — auf dessen
Einzelheiten hier nicht eingegangen zu werden braucht —
mifslingt, da Amleth rechtzeitig von einem ihm wohlwol-
lenden „Milchbruder" gew^arnt wird. Er befriedigt zwar
seine Lust, aber an einer verborgenen Stelle des Waldes
und das Mädchen, das „die frühere Gemeinschaft ihrer
Erziehung" in innigster Vertrautheit mit ihm verbindet,
gelobt ihm auf seine Bitte Stillschweigen.
Bei dieser Gelegenheit tut Amleth verschiedentlich
Aussprüche, die abstrus erscheinen und belacht werden,
aber einen tieferen, von den Hörern nicht begriffenen Sinn
enthalten; wie Saxo sagt: „er vermischte List und Offen-
herzigkeit so, dafs es seinen Worten nicht an Wahrheit
fehlte, dafs aber auch der Sinn seines Witzes nicht durch
offene Angabe der Wahrheit verraten wurde", d. h. er sagt
die Wahrheit, ohne dafs sie ein Unbefangener als solche
zu erkennen vermag.
Auf den Rat eines von Fengos Freunden wird ein
zweiter Versuch gemacht, ihm auf die Spur zu kommen.
Man verschafft ihm Gelegenheit zu einer Unterredung mit
seiner Mutter unter vier Augen, in der Erwartung, er
werde, „wenn er nur ein bifschen Verstand besitze, kein
Bedenken tragen, sich vor den Ohren der Mutter auszu-
— 17 —
sprechen", ihr seine wahren Gedanken zu enthüllen; der
Urheber der List selbst versteckt sich als Lauscher unter
dem Bettstroh des Zimmers. Aber Amleth hat Verdacht
geschöpft. Er kräht wie ein Hahn und ficht mit den
Armen hin und her, als ob er mit den Flügeln schlüge;
dann springt er auf das Stroh und als er merkt, dafs
jemand darunter liegt, sticht er mit dem Schwert an der
Stelle hinein und durchbohrt den Horcher; darauf zieht
er den Leichnam hervor, hackt ihn in Stücke, kocht diese
in siedendem Wasser und wirft sie durch die Öffnung einer
Kloake den Schweinen zum Frafse vor. In das Zimmer
zurückgekehrt, macht er seiner Mutter die bittersten Vor-
würfe, dafs sie es über sich gebracht habe, sich dem Mörder
ihres ersten Gatten zu vermählen; er nennt sie die ver-
worfenste unter den Weibern, eine lüsterne Dirne und er-
klärt ihr dann offen, seine Verrücktheit sei nur Verstel-
lung, im Herzen hege er das glühendste Verlangen, den
Vater zu rächen, er wolle nur den günstigen Moment ab-
warten. Er befiehlt ihr dann, über die Unterredung zu
schweigen, was Gerutha auch tut.
Durch diese Strafrede, heifst es, habe er seine Mutter
veranlafst, wieder den Pfad der Tugend zu betreten und ihre
frühere Liebe den augenblicklichen Lockungen vorzuziehen.
Trotz des Mifslingens auch des zweiten Anschlages
zweifelt Fengo nicht an der Tücke seines Stiefsohns. Er
will ihn beseitigen, wagt aber nicht, die Tat selbst zu
vollbringen, da er dadurch sowohl bei Amleths Grofsvater
Rorik als auch bei seiner eigenen Gattin anzustofsen fürchtet.
Er beschliefst deshalb, ihn durch den König von Britannien
töten zu lassen, „um so Unschuld heucheln zu können,
wenn ein anderer für ihn die Tat vollbringe." Amleth
wird also nach Britannien gesandt, zwei Trabanten {satel-
lites^) Fengos werden ihm mitgegeben, die ein in Holz ge-
*) Rosenkranz und Güldenstem bei Shakespeare.
Zenker, Boeve-Amlethus. 2
— 18 —
ritztes Schreiben bei sich führen, durch welches der König
der Britannier ersucht wird, Amleth umzubringen. Beim
Abschied bittet Amleth seine Mutter, nach Ablauf eines
Jahres zum Scheine eine Totenfeier für ihn zu veranstalten,
eben dann werde er zurückkehren.
Als während der Reise die Trabanten einmal der
Ruhe pflegen, durchsucht Amleth ihr Gepäck und findet
den Brief. Er liest den Auftrag, schabt ihn fort und setzt
neue Schriftzüge an die Stelle, durch die der König von
Britannien gebeten wird, die beiden Begleiter zu töten,
ihm selbst aber seine Tochter zur Frau zu geben.
Am Hofe von Britannien angekommen, übergeben die
Gesandten ihren Brief. Der König läfst sich nichts merken
und nimmt sie gastlich auf. Beim Mahle legt Amleth
Proben seines erstaunlichen Scharfblickes ab. Der König,
von Bewunderung für seinen Gast durchdrungen, vermählt
ihm seine Tochter und läfst, in Erfüllung des erhaltenen
Auftrags, die beiden Begleiter aufhängen. Amleth heuchelt
Unwillen hierüber und erhält deshalb vom König als Sühne-
geld Gold, das er heimlich im Feuer schmelzen und in
ausgehöhlte Stöcke giefsen läfst.
Nachdem er ein Jahr beim König verweilt, kehrt er
nach Jütland zurück und nimmt hier alsbald wieder die
Maske des Blödsinnes vor. Man ist eben dabei, die Leichen-
feier für ihn zu begehen. Als er deshalb plötzlich, mit
Schmutz bedeckt, den Speisesaal betritt, sind alle aufs
höchste überrascht; bald aber weicht die Bestürzung der
Heiterkeit über die seltsame Situation. Als man ihn nach
seinen Begleitern fragt, weist er auf die mit Gold ge-
füllten Stöcke und sagt: das ist der eine und das ist der
andere. Um die Trunkenheit zu steigern, ist er dann den
Schenken fleifsig beim Eingiefsen behülflich. Mehrmals
zückt er absichtlich sein Schwert, wobei er sich an
der Spitze die Finger verwundet; die Nächststehenden
— 19 —
schlagen deshalb einen eisernen Nagel durch Schwert und
Scheide.
Als die Edlen, vom Weine berauscht, schlafend am
Boden liegen, läfst Amleth von der Decke ein Netz auf
sie herab, mit dessen Anbringung er vor seiner Abreise
seine Mutter beauftragt hatte, und befestigt das Netz mit
seinen spitzen Holzpflöcken, so dafs keiner der Liegenden
im Stande ist, sich zu erheben. Dann steckt er die Halle
in Brand und sämtliche Anwesende kommen im Feuer um.
Nun begibt er sich in das Schlafgemach Fengos, der
schon vorher von seinen Gefährten dahin gebracht ist; er
nimmt Fengos am Bette befestigtes Schwert an sich und
ersetzt es durch sein eigenes; dann weckt er den König,
erklärt ihm, er sei da, um die schuldige Rache für seines
Vaters Tod zu üben und erschlägt ihn mit dem Schwerte,
indes Fengo sich vergeblich bemüht, das seinige zu zücken.
Damit schliefst das dritte Buch. Im Anfang des vierten
wii-d dann erzählt, wie das Ereignis am nächsten Morgen
von der Bevölkerung mit geteilten Gefühlen aufgenommen
wird, Amleth aber durch eine längere Rede, in der er
seine Tat rechtfertigt, das Volk für sich gewinnt und
unter allgemeiner Zustimmung zum Nachfolger Fengos ge-
wählt wird.
Die nahe Verwandtschaft der Hamletsage, wie sie
hier geboten wird, mit der Sage von Boeve von Hamtone
ist unverkennbar. Scheiden wir alle differierenden Züge aus,
so erhalten wir folgenden, beiden Sagen geraeinsamen Typus:
Der König eines nordischen Reiches (Schottland —
Dänemark) vermählt seine Tochter mit einem am Meere
wohnenden Grofsen, auf den er grofse Stücke hält; aus
der Ehe geht ein Sohn hervor. Der Grofse wird ruch-
loserweise ermordet von einem anderen Grofsen, der die
Witwe heiratet. Der Sohn entrinnt dem Verderben und
2*
20
plant Rache für den Tod des Vaters. In einer Unter-
redung mit seiner Mutter macht er dieser die bittersten
Vorwürfe, er schilt sie eine feile Dirne und erklärt ihr,
er werde, wenn die Zeit gekommen sei, den Tod des Vaters
rächen. Er wird dann übers Meer an den Hof eines
fremden Königs gebracht, bezw. gesandt; der König ge-
winnt ihn lieb, und der Held heiratet die Tochter dieses
Königs. Inzwischen läfst er in seiner Heimat die Nachricht
von seinem Tode verbreiten. Er kehrt unerwartet zurück
und rächt den Vater, indem er den Mörder, den Stiefvater,
tütet. Dann übernimmt er selbst die Eegierung des Landes.
Beiden Sagen ist ferner gemein das Motiv des
Uriasbriefes, das sich der verschiedenen Fassung wegen,
in der es erscheint, eben in den Zusammenhang der Hand-
lung nicht einreihen liefs:
Ein König (der fremde König — der Stiefvater selbst)
will den Helden aus dem Wege räumen, bringt es aber
nicht übers Herz oder wagt es nicht, ihm selbst etwas
anzutun; er schickt ihn# deshalb an einen befreundeten
oder ihm ergebenen Fürsten mit einem Briefe, der den
Auftrag enthält, den Überbringer zu töten. Die böse Ab-
sicht wird vereitelt, der Held wird gerettet (doch in sehr
verschiedener Weise : im einen Falle gelingt der Anschlag
zunächst, doch wird der Held nicht getötet, sondern nur
in den Kerker geworfen, aus dem er dann entkommt; im
anderen Falle vereitelt er durch seine Schlauheit den
Anschlag von vornherein).
Ich meine nun, die Übereinstimmung der beiden Sagen
ist hiernach schon in ihrem ersten Teile eine so grofse,
dafs ihre ursprüngliche Identität als sehr wahrscheinlich
bezeichnet werden darf. Die zahlreichen Abweichungen
erklären sich einerseits durch die möglicherweise über
hunderte von Jahren sich erstreckende mündliche Tradition,
welche die Grundlinien und eine Reihe markanter Motive
— 21 —
festhielt, andere Züge hingegen verwischte, modifizierte
oder umstellte; andererseits mögen die Diskrepanzen ihren
Grund haben in dem Einflul's des Abenteuerromanes auf
den Boeve von Harn tone, welcher zu Tage tritt in der
breiten, teilweise läppischen Ausspinnung des Liebesver-
hältnisses zwischen Boeve und Josiane, in der zweimaligen
erzwungenen Vermählung der letzteren, in der sie beide-
male ihre Jungfräulichkeit, bezw. die Gattentreue bewahrt,
in Boeves Kerkerhaft, in dem zauberkräftigen Karfunkel-
stein u. s. w., — alles Momente, die für die Haupthandlung
gänzlich überflüssig sind und deshalb, soweit nicht etwa
durch die mündliche Tradition korrumpierte organische
Motive einer älteren Fassung in ihnen vorliegen, jüngere
Zutaten eines fabulierenden, mit dem Mqtivenschatz der
Abenteuerdichtung wohl vertrauten Überarbeiters darstellen
werden.
Die Wahrscheinlichkeit der Identität der beiden Sagen
wird nun aber, dünkt mich, ziemlich zur Gewifsheit er-
hoben durch die Tatsache, dafs beide auch in ihrem zweiten
Teile bezüglich eines eminent charakteristischen, keines-
wegs etwa einen Gemeinplatz mittelalterlicher Erzählungs-
technik darstellenden Motives übereinstimmen: beide ent-
halten in ihrem zweiten Teile das Motiv der Doppel-
ehe des Helden, und zwar in sehr ähnlicher Fassung.
Der Inhalt des zweiten Teiles unseres Epos ist in
den Hauptumrissen der folgende:
Nachdem Boeve die Herrschaft angetreten und ein
halbes Jahr lang in Hamtone geweilt hat, reitet er mit
seinen Mannen nach London und wird vom König als
Nachfolger seines Stiefvaters bestätigt. Es ist gerade
Pfingstfest, anläfslich dessen ein Wettrennen stattfindet,
bei dem Boeve mit Arondel den Sieg davonträgt. Der
Sohn des Königs will Arondel stehlen, wird aber von dem
— 22 —
Tiere, als er sich ihm nähert, durch einen Hufschlag ge-
tötet. Boeve wird daraufhin zur Eechenschaft gezogen
und soll gehängt werden; indessen begnügt sich der
König schliefslich damit, ihn in die Verbannung zu schicken.
Boeve läfst den Sabot als Verwalter seines Landes zurück
und fährt mit Josiane übers Meer in ein fremdes Land.
Josiane wird, nachdem sie zwei Söhne geboren, von Sara-
zenen geraubt, aber von Sabot, der, durch einen Traum
veranlafst, Boeve nachgereist ist, wieder befreit. Sabot
erkrankt und wird von Josiane über 7 Jahre gepflegt,
indem sie selbst in Männerkleidung durch den Vortrag
von Liedern über Boeve Geld verdient.
Inzwischen gelangt Boeve auf der Suche nach seiner
Gattin nach einer grofsen Stadt, die in der anglonorman-
nischen und nordischen Version Civile (= Sevilla) genannt
wird — welches also auch der Name schon in y gewesen
sein mufs, vgl. S. 2 — , während in der englischen
Fassung nur der Name des Landes, Äumbeforce, erwähnt
wird. Hier findet eben ein grofses Turnier statt: es ist
verkündigt worden, dafs demjenigen Ritter, der sich bei
dem Turnier am meisten auszeichnet, die Hand der Königs-
tochter und damit das Königreich zufallen soll. Boeve und
Thierry entschliefsen sich, teilzunehmen, und Boeve besteht
siegreich alle Gegner. Die Königstochter, deren Name
nicht genannt wird — nur in einer der englischen Hand-
schriften heifst sie Eleonore (Helyanoiir) — sieht von
einem Turme aus zu und verliebt sich in Boeve. Nachdem
das Turnier beendigt und Boeve der Preis zuerkannt ist,
läfst sie ihn zu sich entbieten, aber Boeve weigert sich,
zu erscheinen. Nun begibt sie sich selbst zu ihm und
macht ihm Vorwürfe, dafs er ihrer Einladung nicht Folge
gegeben habe. Boeve erwidert, er sei deshalb nicht ge-
kommen, weil er andere Gedanken hege: er sei auf der
Suche nach seiner Frau, die er in einem Walde verloren
— 23 —
habe. „Das ist eine sonderbare Rede", entgegnet die
Königstochter, „so nehmt doch mich zur Frau." Aber
Boeve lehnt das Anerbieten ab. Da gerät die Jungfrau
in Zorn und erklärt, sie werde ihm für den Fall, dafs er
auf seiner Weigerung bestehe, das Haupt abschlagen
lassen^). Nun macht Boeve einen Vorschlag zur Güte:
er wolle sie heiraten unter der Bedingung, dafs er 7 Jahre
lang nur dem Namen nach ihr Gatte sei und erst, wenn
nach Ablauf dieser Frist Josiane nicht zurückgekehrt sei,
die Ehe wirklich vollzogen werde. Die Fürstin willigt
ein, sie gesteht ihm sogar noch vier weitere Jahre zu und
bittet ihn, wenn er seine Gattin inzwischen wiederfinde,
ihr seinen Begleiter Thierry zum Mann zu geben, was
Boeve zusagt. Nun wird das Paar gleich am nächsten
Tage durch den Bischof getraut^). Boeve bleibt 7 Jahre
*) Obige Darstelking ist aus der Fassung der englischen und der
der übrigen Versionen kombiniert. Die letzteren wissen von einem
Turnier nichts, vielmehr wird in ihnen die Stadt eben von einem feind-
lichen Heere bestürmt, gegen das Boeve die Königstochter siegreich ver-
teidigt. Waiiim hier die englische Version, nach der es sich um ein
Turnier handelt, den Vorzug verdient, wird später zu erörtern sein. Ich
wiederhole, dals das Zeugnis der einen englischen Version die gleiche
Autorität hat wie das der drei übrigen Fassungen zusammengenommen.
Dagegen folge ich bezüglich der Unterhandlung zwischen Boeve und
der Fürstin vielmehr der Darstellung dieser andern Versionen, speziell
des Epos, die hier ihrerseits sicher das Ursprünglichere hat gegenüber
der offenbar stark kürzenden englischen Bearbeitung.
*) Mit Unrecht hält Stimming S. CLII den V. 2895, in dem der
Vollzug der Trauung berichtet wird (Ore ad Boves la dame esposej, für
eine Interpolation. Er meint, der Vers stehe „mit dem sonstigen Inhalt
der Erzählung in schroffem Gegensätze" ; es sei ja zwischen Boeve und
der Dame verabredet worden, dais er sich mit ihr nur in dem Falle ver-
mählen wolle, dafs er innerhalb 7 Jahren seine rechtmäfsige Gattin
nicht gefunden haben sollte. Die Messe und das Festmahl am folgenden
Tage wären nach Stimming nur als Versöhnungsfeier zu fassen. — Aber
die Sache ist eben die, dafs es sich zunächst nur um eine Scheinehe,
eine , asketische" Ehe handelt, die erst nach 7 Jahren zu einer wirk-
— 24 —
in der Stadt, ohne seine neue Gattin zu berühren. Da
erscheint endlich eines Tages Sabot, der inzwischen von
seiner Krankheit genesen ist, in Begleitung Josianes.
Boeve, hocherfreut, stellt sie der Königin vor, die ihn
nun, der Verabredung gemäfs, ohne weiteres frei gibt, sich
aber Thierry als Ersatz ausbittet. Die Hochzeit Thienys
mit der Königin wird festlich begangen.
Das Folgende berührt uns im allgemeinen nicht mehr
und kann kurz erledigt werden.
Boeve kommt wieder zu seinem Schwiegervater Hermin
nach Abreford, der auf Boeves Verlangen die beiden Ver-
räter Gocelj^n und Füre, von denen der Anschlag mit dem
üriasbrief ausging, hinrichten läfst. Kurz vor Hermins
Tode wird Boeves Sohn Gui zu seinem Nachfolger gekrönt.
Boeve selbst erobert das heidnische Reich Monbrant und
wird durch den Papst zum König gekrönt. Sein zweiter
Sohn Mile heiratet die Tochter des Königs Edgar von
liehen Ehe werden soll, — eine Möglichkeit, die St. gar nicht in Rech-
nung gezogen zu haben scheint. Die Ursprünglichkeit der vorliegenden
Version, wonach die Trauung wirklich stattfand, und die Echtheit von
V. 2895 ergibt sich mit Bestimmtheit aus der damit übereinstimmenden
Darstellung der englischen und der welschen Version, die, wie Stimming
selbst zeigt, beide von der erhaltenen anglonormannischen Dichtung
unabhängig sind. St. meint allerdings, in der englischen Version sei
die Sache „nicht völlig klar. Die Dame sagt zu Beues: „Du sollst die
kommenden 7 Jahre hindurch mein Herr (lord) sein, und wenn Deine
Frau wiederkommt, so soll Dein Knappe Terry mein Herr sein"; Beues
willigt ein. Den Ausdruck jlord' könnte man wohl als , Gatte' auffassen,
doch würde das nach den obigen Darlegungen als eine selbständige
Änderung von E. zu erklären sein." Ich meine aber nicht, dafs hier
eine Unklarheit besteht. Wenn die Dame zu Beues sagt: „Du sollst die
kommenden 7 Jahre hindurch mein Herr in reiner Weise sein:
poiü schelt al pis seuen yere
Be me lord in clcne manere,
so kann hier lord nicht nur, sondern es mufs im Sinne von „ Gatte ^
gefafst werden, einmal, weil es kurz vorher unzweifelhaft diese Be-
deutung hat:
— 25 —
Kngland und wird nach dem Tode seines Schwiegervaters
dessen Nachfolger. Josiane wird krank und stirbt, Boeve
folgt ihr bald nach; sein Sohn, der nun die Regierung über-
nimmt, läfst beide Eltern in der Laurenz iuskirche in einem
marmornen Sarge beisetzen.
Der entsi)rechende zweite Teil der Hamletsage, wie
er sich bei Saxo im 4. Buche findet, berichtet folgendes:
Amleth kehrt, nachdem er zum König von Jütland
ue wählt ist, mit auserlesener Mannschaft nach Britannien
zurück, um seinen Schwiegervater und seine Gemahlin zu
besuchen. Er hat sich einen Prachtschild anfertigen lassen,
auf dem die ganze Reihe seiner Taten dargestellt ist. Er
V. 3828 pe maide hit in J)e tour say.
Hire hertte gan to him acorde,
ßat she wolde haue him to lorde,
Oßer tviß loue oßer wiß strif
und ebenso unmittelbar nachher:
V. 3837 And gif pe wif coniep pe agen,
Terry, pe swein, me lord schel befi,
und dann, weü der Zusatz ,in reiner Weise" sonst gänzlich unverständ-
lich wäre. Dal's nun nicht die von Stimming für den Fall, es bedeute
ford wirklich , Gatte", angenommene unwahrscheinliche Möglichkeit zu
statuieren ist, es hätten hier die anglonormannische und die englische
Version beide unabhängig von einander die gleiche Änderung vorge-
nommen (indem sie die Trauung wirklich vollziehen liel'sen), das ergibt
sich mit Sicherheit daraus, dafs die nämliche Angabe sich auch in der
welschen Fassung findet, wo es cap. XV ausdrücklich heifst, der Erz-
bischof habe die Trauung vollzogen: and the archbtshop of Gris sang
the niass, a?id perforined the marriage. Denn nach dem oben S. 2
dargelegten Filiationsverhältnis der 4 Versionen ist es klar, dafs, was
in E, A und W steht, auch im Original gestanden haben mufs, und dafs
die nordische Fassung, welche die Trauung nicht erwähnt, selbständig
geändert hat.
Die Feststellung der scheinbar unwichtigen Tatsache, dafs Boeve
die Herrin von Civile tatsächlich geheiratet hat, ist, wie sich später
zeigen wird, für die ganze Untersuchung von einschneidender Bedeutung.
— 26 —
teilt nun seinem Schwiegervater mit, dafs er an Fengo
Blutrache geübt hat. Darüber erschrickt dieser heftig,
denn er und Fengo haben sich einst durch Vertrag ver-
pflichtet, einer des anderen Tod zu rächen: er sagt sich,
dafs er nun Fengos Ermordung an Amleth rächen müsse.
Da aber die Verletzung der Gastfreundschaft als ein Ver-
brechen gilt, beschliefst er, die Rache durch die Hand eines
anderen vollziehen zu lassen. Er weifs, das in Schottland
eine Frau herrscht, die aus Keuschheit ehelos bleiben will
und deren Freier bisher sämtlich ihre Werbung mit dem
Kopfe haben büfsen müssen. Da seine Gattin kurz vorher
gestorben ist, erteilt er Amleth den gefährlichen Auftrag,
für ihn um die Hand dieser Frau zu werben. Amleth
macht sich ohne Widerrede in Begleitung seiner Diener auf
den Weg nach Schottland; in der Nähe des königlichen
Schlosses angekommen, rastet er mit seinen Pferden auf
einer Wiese. Als der Königin die Ankunft der Fremdlinge
gemeldet wird, sendet sie zehn Jünglinge aus, damit sie
näheres erkunden. Einer derselben schleicht sich an den
schlummernden Amleth heran und zieht ihm den Schild,
den er unter den Kopf geschoben hat, sachte weg, ohne
dafs der Schläfer erwacht; auch den Amleth anvertrauten
Brief zieht er ihm aus der Tasche; beides überbringt er
der Königin. Diese ersieht nun aus dem Schilde, „dafs der
kommen würde, der im Vertrauen auf seine gründliche List
und Klugheit an seinem Oheim die Rache für die Er-
mordung seines Vaters vollzogen hatte." Auch den Brief
mit der Werbung liest sie, und da sie die Verbindung mit
dem greisen König von Britannien verabscheut, w^ohl aber
nach der Umarmung des jugendlichen Amleth begehrt, so
tilgt sie die Schrift und ersetzt sie durch eine andere, in
der der König ihr mitteilt, der Überbringer begehre sie
zur Frau. Dann läfst sie Schild und Brief wieder an ihren
Ort zurückbringen. Indes, Amleth ist inzwischen erwacht
— 27 —
und hat das Fehlen des Schildes bemerkt; er stellt sich
schlafend, und als der Spion heranschleicht, springt er auf,
ergreift ihn und läfst ihn in Fesseln legen. Dann begibt
er sich mit seinen Begleitern in den Palast der Königin
und überreicht den Brief. Die Königin — Hermutkruda
ist ihr Name — liest den Brief, lobt Amleth wegen des
Vollzugs der Rache an Fengo und preist seinen unbegreiflich
findigen Scharfsinn: um so mehr müsse sie sich wundern,
dafs er eine seiner unwürdige Ehe geschlossen habe, denn
seine Gemahlin stamme ja von Sklaveneltern (der König
von Britannien ist, wie wir aus der im obigen Resume nicht
näher analysierten Episode von Amleths Scharfsinnsproben
erfahren, der Sohn eines Knechtes, mit dem seine Mutter,
die Königin, die Ehe gebrochen hat). Bei der Wahl einer
Gattin müsse aber ein kluger Mann nicht den Glanz körper-
licher Schönheit, sondern den des Geschlechtes berück-
sichtigen. Er könne eine ihm an Adel ebenbürtige Frau
gewinnen, das sei sie selbst. Sie sei eine Königin und
vergebe mit ihrer Hand zugleich ein Königreich. Es sei
keine kleine Gunst, wenn sie ihm ihre Umarmung anbiete,
sie, die alle anderen Freier mit dem Schwerte zurück-
zuweisen pflege. Mit diesen Worten eilt sie auf ihn zu
und umarmt ihn innig. Amleth, hoch erfreut, erwidert ihre
Küsse, schliefst sie in die Arme und erklärt, ihr Wunsch
sei auch der seinige. Die Edlen werden versammelt und
die Hochzeit wird mit festlichem Gepränge vollzogen.
Amleth kehrt nun mit Hermuthruda nach Britannien
zurück. Noch auf dem Wege kommt ihm seine erste Gattin
entgegen. Sie macht ihm Vorwürfe, dafs er sie durch An-
nahme eines Kebsweibes beleidigt habe, erklärt aber, sie
werde sich dadurch in ihrer Gattentreue nicht irre machen
lassen; ihr Sohn zwar werde die Rivalin seiner Mutter
hassen — es ist also aus der Ehe bereits ein Sohn hervor-
gegangen, was vorher nicht erwähnt wurde — , sie selbst
— 28 —
aber wolle sie lieben. Sie warnt ihn dann vor ihrem Vater,
der Übles gegen ihn im Schilde führe, nachdem Amleth
ja die ganze Frucht seiner Reise für sich selbst eingeheimst
habe. „Mit diesen Worten bewies sie, heifst es, dafs sie
mehr Liebe zum Gatten als zum Vater besafs." Der König
von Britannien erscheint nun selbst, umarmt mit heuch-
lerischer Freundlichkeit seinen Eidam und lädt ihn zu
einem Gelage ein. Amleth, mifstrauisch, legt vorher unter
dem Gewände einen Panzer an. Als er herantritt, schleu-
dert der König gerade unter dem Schutzdache des Tores
seinen Speer nach ihm, der aber vom Panzerhemde ab-
prallt; Amleth wendet sich mit seinen Leuten zur Flucht,
der König verfolgt ihn und beraubt ihn des gröfsten Teiles
seiner Truppen. Trotzdem gelingt es Amleth, am nächsten
Tage durch eine List die Königlichen in die Flucht zu
schlagen. Er richtet die Leichen seiner Gefährten auf und
stützt sie teils gegen Pfähle, teils lehnt er sie an Steine oder
setzt sie aufs Pferd und stellt sie so in Schlachtordnung
auf, wie Lebende. Die Britannier, erschreckt durch die
grofse Zahl ihrer Gegner, ergreifen die Flucht, der König
selbst wird erschlagen. Amleth macht gewaltige Beute und
kehrt mit seinen beiden Frauen in sein Vaterland zurück.
Inzwischen ist Rorik gestorben, Viglet folgt ihm in
der Regierung. Dieser äufsert seine Mifsbilligung über
Amleths Usurpation, weswegen letzterer ihn angreift und
besiegt. Viglet aber verstärkt sich durch Streitkräfte aus
Schonen und Seeland und fordert Amleth durch Gesandte
von neuem zum Kampfe heraus. Amleth nimmt die Heraus-
forderung an, obgleich er seinen Tod vor Augen sieht.
„Er war aber von solcher Liebe zu Hermuthruda erfüllt,
dafs er weit gröfsere Besorgnis über ihre zukünftige
Witwenschaft empfand als über seinen nahen Tod und
dafs er sich eifrig umsah, wie er ihr noch vor Beginn des
Krieges eine zweite Ehe sichern könne. Hermuthruda
— 29 —
allerdings bewies eine männliche Zuversicht und gelobte
sie wolle ihn auch im Kampfe nicht verlassen, ja sie
sagte, die Frau müsse verflucht sein, die davor zurück-
schrecke, sich im Tode zu ihrem Gemahl zu gesellen.
Aber dieses unerhörte Versprechen hielt sie nur allzuwenig.
Denn als Amleth von Viglet im Kampfe erschlagen wurde,
begab sie sich freiwillig in die Gefangenschaft und in die
Arme des Siegers Das war Amleths Ende. Wenn
er vom Glücke die gleiche Gunst wie von der Natur er-
fahren hätte, wäre er mit seinem Euhm den Himmlischen
gleich gekommen, hätte er durch seine Heldentaten die
Arbeiten des Herkules übertroffen. Es gibt ein Gefilde
in Jütlaud, berühmt durch sein Grab und seinen Namen').
Viglet verbrachte in Euhe die lange Zeit seiner Herr-
schaft, bis ihn eine Krankheit hinraffte."
Damit schliefst die Hamletsage bei Saxo.
Vergleichen wir nun diesen zw^eiten Teil mit dem
vorhin analysierten zweiten Teil des Boeve von Hamtone,
so springt, denke ich, die nahe Übereinstimmung der
Hermuthruda- Episode bei Saxo mit der Episode von der
Königin von Aumbeforce oder — alias — Herzogin von
Civile im Boeve v. Hamtone in die Augen. Schälen wir
auch hier den den beiden Erzählungen gemeinsamen Kern
aus der verschiedenartigen Umhüllung heraus, so bleiben
folgende identische Motive:
Ein jugendlicher Held, der sich durch seine Taten
schon hohen Ruhm erworben hat und mit der Tochter
eines Königs verheiratet ist, kommt vor das Schlofs einer
jungfräulichen Fürstin, die vom Schlosse aus seiner an-
sichtig wird und Liebe zu ihm fafst. Sie trägt sich ihm
als Gattin an, der Held willigt ein und die Trauung wird
^) Das jetzige Dorf Ammeihede südlich von Randersfjord an der
Ostküste des nördlichen Jütland.
— 30 —
sofort vollzogen, so dafs also der Held nunmehr in Bigamie
lebt (in dem einen Falle, im BvH, freilich nur der Form
nach). Es wird darauf Bedacht genommen, dafs der
Fürstin für den Fall der Lösung der Ehe eine zweite
Ehe gesichert sei. Die Ehe wird in der Tat gelöst (im
einen Falle durch den Tod des Gatten, im andern infolge
der Eückkehr der ersten Gattin) und die Fürstin geht
nun sofort eine neue Ehe ein.
Das bei Saxo vorhandene Motiv der Freierfeindlich-
keit der jungfräulichen Königin, die jedem Freier den
Kopf abschlagen läfst, findet sich im BvH nicht. Sollte
aber nicht eine undeutliche Erinnerung eben an dieses
Motiv vorliegen in dem Zuge, dafs die Herzogin von
Civile dem Boeve für den Fall, dafs er ihre Liebe zurück-
weise, droht, sie werde ihm das Haupt abschlagen lassen?
Ohne Frage mutet dieses Mittel, einem Manne das Jawort
abzugewinnen, bei einer liebenden Jungfrau recht seltsam
an. Der Zug würde sich sehr einfach erklären, wenn wir
annehmen, er stelle eine unbewufste Umbildung des bei
Saxo vorhandenen Motives dar, dessen barbarischer Cha-
rakter so zwar nicht völlig abgestreift, aber doch stark
gemildert wurde. Jedenfalls bleibt der Version des BvH
und der Saxos gemein die Gestalt der Jungfrau, die nicht
davor zurückscheut, einen Mann, durch den sie sich be-
leidigt fühlt, um einen Kopf kürzer machen zu lassen,
und die Gestalt des Helden, dem diese Strafe droht.
Der Gedanke, Boeve vermittelst des Uriasbriefes aus
der Welt zu schaffen, wird im BvH dem Könige ein-
gegeben von zwei Eittern, Gocelyn und Füre, die Boeve
wegen seiner Liebschaft mit Josiane verleumden, vgl.
V^ 791 ff. Später werden die beiden Verräter dem Boeve
von Hermin ausgeliefert und hingerichtet V. 3084 ff.^)
^) „Sire", dist Boves, „merei en eyex;
mes jeo ne serray james acordex,
— 31 —
Die Vermutung scheint mir nahe genug zu liegen, es
mochten diese beiden „Verräter" identisch sein mit jenen
beiden Trabanten, die bei Saxo dem Amleth als f^ber-
bringer des Uriasbriefes auf seiner Reise nach Britannien
mitgegeben werden, dann aber, infolge der Änderung, die
Amleth mit dem Briefe vornimmt (also auf Amleths Ver-
anlassung), vom Könige von Britannien (= Hermin im
BvH) gehenkt werden.
Dafs diese beiden Trabanten es sind, welche, wie im
BvH die beiden Ritter, dem Könige den Anschlag ein-
gegeben haben, wird allerdings von Saxo nicht gesagt. Es
könnte dieser Zug aber trotzdem sehr wohl in Saxos Quelle
vorhanden gewesen und nur von ihm unterdrückt worden
sein. Auch bei dem früheren Anschlag — Behorchen
der Unterredung mit der Mutter — ist derjenige, der die
Ausführung übernimmt, zugleich der Urheber der List.
Die Hinrichtung der beiden Trabanten erscheint bei Saxo
als eine ungerechte. Denn diese sind, als Überbringer
des verschlossenen Briefes, doch nur die unschuldigen
Werkzeuge in der Hand des Königs. Ihre Hinrichtung
würde aber sofort eine gerechte werden, wenn sie nicht
nur die Vollbringer, sondern zugleich die Urheber des
Anschlages waren. Gesetzt aber, sie seien das auch in
Saxos Quelle nicht gewesen, so konnte doch aus der
Version Saxos offenbar leicht die des Epos werden, indem
die Überlieferung dahin modificiert wurde, von den Über-
bringern selbst sei der Gedanke des Uriasbriefes aus-
gegangen. Gemeinsam ist beiden Versionen jedenfalls, dafs
avant ke sey de cels vcngex,
ke moi jugerent a fort e a peehex."
„Par deu/"^ dist li roi, „e vos les averex."
II fet vener Oocelyn e Furex,
e Boves les prent si les ad detrenchex.
In N c. XXIX werden beide lebendig geschunden.
-- 32 —
die beiden Höflinge es sind, von denen die dem Helden
drohende Gefahr ausgeht: das eine Mal sind sie die Ur-
heber, das andere Mal die Werkzeuge des Anschlages.
Hier wie dort werden sie auf Veranlassung des Helden
hingerichtet.
Weiter: Im BvH trachtet der spätere Schwiegervater
des Helden diesem nach dem Leben, indem er ihn mit
der ÜberbriDgung eines Briefes betraut, der die Ursache
seines Todes sein wird. Ebenso im zweiten Teil der
Hamletsage: Amleths Schwiegervater, der König von Bri-
tannien, beauftragt Amleth mit der Bestellung eines Briefes,
der ihm den Tod bringen soll. Gemeinsam ist beiden
Versionen auch, dafs der Schwiegervater sich nur wider-
willig zu dem Schritt entschliefst: hier wie dort liebt er
im Grunde seinen Schwiegersohn, aber im BvH glaubt
er nicht anders handeln zu können, weil man ihm gesagt
hat, Boeve habe seine Tochter verführt, bei Saxo ist er
gebunden durch das Fengo gegebene Versprechen, seinen
Tod rächen zu wollen. Der Parallelismus der Motive
scheint mir evident. Die veränderte Fassung des Motives
ist kein Grund gegen die ursprüngliche Identität des Mo-
tives selbst, sowenig wie der Umstand, dafs im einen Falle
in dem Briefe direkt die Tötung des Überbringers ver-
langt wird, im anderen Falle nur von dem Absender die
bestimmte Erwartung gehegt wird, dafs der Inhalt
des Briefes die Tötung des Überbringers zur Folge
haben werde.
Nach alledem dürfen wir es, glaube ich, nunmehr als
eine feststehende Tatsache betrachten, dafs im BvH und
in der Saxoschen Hamletsage die nämliche Sage
in verschiedener Einkleidung und einer durch
mündliche Tradition differenzierten Form vorliegt.
Es erhebt sich dann sofort die Frage: Wie haben wir
uns das Verhältnis der beiden Fassungen zu denken?
— 33 —
Offenbar ist eine Benutzung des BvH durch Saxo,
von allem anderen abgesehen, schon deshalb ohne weiteres
ausgeschlossen, weil das Gedicht in seiner vorliegenden Fas-
sung erst aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts stammt,
Saxo aber sein Geschichtswerk, wie wir sahen, bereits
nicht lange nach 1208 abgeschlossen hat. Ebensowenig ist,
in Anbetracht des letzteren Datums, an eine Benutzung
Saxos oder einer aus ihm abgeleiteten Quelle durch den
Verfasser des BvH zu denken, da letzterer in einer älteren
Gestalt ja schon im 12. Jahrhundert dem Verfasser einer pro-
venzalischen Chanson vorgelegen hat, s. o. S. 3. Es bleibt
also nur die dritte Möglichkeit: der BvH und der Be-
richt Saxos gehen auf die gleiche Quelle zurück,
die gleiche alte Sage, welche bereits alle die-
jenigen Elemente enthielt, bezüglich deren beide
übereinstimmen.
Es entsteht damit die weitere Frage: Welcher Art
war diese gemeinsame Quelle und wo haben wir sie zu
suchen?
Ehe wir indes diese wichtige Frage in Angriff nehmen,
empfiehlt es sich zunächst, auch die Abweichungen der
beiden Versionen etwas genauer ins Auge zu fassen.
Die Diskrepanzen sind, wie aus der oben mitgeteilten
Inhaltsangabe hervorgeht, sehr zahlreich. Sie lassen sich
aber alle durch die Annahme längerer mündlicher Tradition
der beiden Sagen oder durch den Einflufs anders gearteter
Kulturverhältnisse oder auch durch die Einwirkung fremder
literarischer Vorbilder zur Genüge erklären. •
Zum Teil sind die Abweichungen mehr äul'serlicher
Art: Die Namen der auftretenden Personen sind ver-
schieden — soweit wir die Namen überhaupt erfahren — ,
desgleichen die Schauplätze: im BvH England und die
Bretagne (so in der älteren Fassung des BvH, wie
Suchier gezeigt hat, vgl. S. 5; die jüngere Version hat
Zenker, Boeve-Amletbus. 3
— 34 —
dafür Ägypten und den Orient eingeführt), bei Saxo Däne-
mark und Britannien (d. i. England und Schottland). Mög-
licherweise könnte es sich freilich, wenn der Bretagne dort
hier England entspricht, nur um ein Mifsverständnis der
einen oder anderen Version handeln; denn Bretagne, Bri-
tannia bezeichnete im Mittelalter bekanntlich sowohl Grofs-
britaunien, Britannia major, als auch die französische Bre-
tagne, Armorica, Britannia minor. In beiden Sagen spielt
dann Schottland eine Eolle, doch in verschiedener Bezieh-
ung: im Epos ist die Mutter des Helden eine Tochter
des Königs von Schottland, bei Saxo seine zweite Frau,
Hermuthruda, — vielleicht liegt hier oder dort eine Ver-
wechselung vor.
Mannigfache andere Abweichungen betreffen den Gang
der Handlung; sie sind aber zum Teil von der Art, dafs
es nicht ausgeschlossen scheint, sie seien in der unmittel-
baren Quelle Saxos gar nicht vorhanden gewesen.
Im Epos ist die Mutter des Helden die intellektuelle
Urheberin der Ermordung ihres Gatten, bei Saxo erscheint
sie an dem Morde nicht beteiligt: das Motiv kann entweder
dort eingefügt oder hier unterdrückt worden sein.
Im Epos ist der Usurpator ein Kaiser von Deutsch-
land, der die Gräfin liebt und schon früher um ihre Hand
angehalten hat, bei Saxo ist es der eigene Bruder des
Gatten, der diesen um sein Glück beneidet: die Motive
können durch die Tradition verändert worden oder sie
können teilweise in der gemeinsamen Quelle vereinigt vor-
handen gewesen sein.
Im Epos entgeht der Held den Nachstellungen durch
die List seines Erziehers, der die Mutter glauben macht,
er habe den Knaben getötet, und der ihn dann als Hirten
verkleidet; bei Saxo rettet Amleth sich durch eigene List,
indem er sich blödsinnig stellt. Das Fehlen des Motives
vom verstellten Wahnsinn des Helden im Epos bedeutet
— 35 -
wohl den wesentlichsten Unterschied des letzteren von
der Haraletsage. Es raufs vorläufig dahingestellt bleiben,
ob das Motiv in der geraeinsamen Quelle noch fehlte, oder
ob es vom Dichter beseitigt wurde.
Im Epos gelangt der Held zu dem Könige jenseits
des Meeres, dessen Tochter er dann heiratet, in der Weise,
dafs er auf Befehl seiner Mutter als Sklave ins Ausland
verkauft wird. Bei Saxo unternimmt er die Reise viel-
mehr im Auftrage seines Stiefvaters als Überbringer des
Uriasbriefes, der den Auftrag enthält, ihn aus dem Woge
zu räumen. Das Motiv des Uriasbriefes begegnet, wie wir
sahen, im zweiten Teile der Hamletsage noch einmal: hier
ist es der eigene Schwiegervater des Helden, der König
von Britannien, der ihn beseitigen will; der verhängnis-
volle Brief enthält hier aber nicht, wie im ersten Teile,
die Aufforderung an den Adressaten, den Überbringer zu
töten — das Motiv in dieser identischen Fassung konnte
nicht wohl zum zweiten Male verwertet werden — , viel-
mehr hat der Brief zum Gegenstand eine Werbung des
Königs um die Hand einer Königin, von der bekannt ist,
dafs sie alle Bewerber hinrichten läfst: dor Absender er-
wartet, es werde dem Überbringer der Werbung dieses
Schicksal nicht erspart bleiben. Das gleiche Motiv be-
gegnet, wie schon dargelegt, auch im BvH, aber in ab-
weichender Fassung, und zwar entspricht die Fassung,
in der es erscheint, teils der Fassung im ersten,
teils der im zweiten Teile der Hamletsage: mit
jener stimmt es darin überein, dafs der Brief, wie der des
Stiefvaters bei Saxo, direkt die Tötung des Helden fordert,
mit der zweiten Fassung hat es gemein, dafs der Anschlag
vom Schwiegervater des Helden (bezw. seinem späteren
Schwiegervater) ausgeht. Verschieden von beiden Saxo-
schen Fassungen ist im Epos der Grund des Anschlages:
dort will das erste Mal der Stiefvater den Helden aus
— 3(5 —
dem Wege räumen, weil er seine Rache fürchtet, das
zweite Mal der Schwiegervater, weil er den Tod des
durch Blutsbrüderschaft mit ihm verbundenen Fengo rächen
mufs; im Epos hingegen will Hermin den Boeve beseitigen,
weil Verleumder den letzteren angeklagt haben, er habe
Josiane verführt.
Bei Saxo wird der Anschlag vereitelt, indem Amleth
den Inhalt des Briefes heimlich ändert; im Epos über-
gibt Boeve den Brief un eröffnet, der in ihm enthaltene
Auftrag wird aber nicht ausgeführt, vielmehr wird der
Überbringer nur in den Kerker geworfen, aus dem er
dann später entrinnt.
Saxo erwähnt nur ganz kurz, dafs der König von
Britannien Amleth „seine Tochter zur Ehe gab"; wir er-
fahren nicht einmal den Namen der Tochter. Im Epos
hingegen wird die Liebesgeschichte Boeves und Josianens,
entsprechend der Gepflogenheit der französischen Abenteuer-
romane, breit ausgesponnen; erst nach mannigfachen Wech-
selfällen werden beide ein Paar. Die jahrelangen Irr-
fahrten und kriegerischen Abenteuer des Helden im Epos
haben bei Saxo gar nichts entsprechendes. Ob dies auf
Kürzung seitens Saxos oder seiner Quelle beruht oder ob
sie im Epos samt und sonders einen späteren Einschub dar-
stellen, mufs wiederum unentschieden bleiben. Dafs sie zu
einem grofsen Teile jüngeren Ursprungs sind und in der
gemeinsamen Quelle noch fehlten, kann nach ihrem ganzen
Charakter nicht zweifelhaft sein. In einem organischen
Zusammenhang mit der Haupthandlung stehen sie sämtlich
nicht, vielmehr scheint ihr wesentlicher Zweck der zu sein,
die Geschichte in die Länge zu ziehen. Allerdings scheint
die zu postulierende gemeinsame Quelle eine streng or-
ganische Entwicklung der Handlung auch nicht besessen
zu haben; wenigstens fällt Amleths Verheiratung mit der
britannischen Königstochter auch aufserhalb des ßahmens
— 37 —
einer solchen, sie ist füi* die Vollbringung der Vaterrache
gänzlich überflüssig.
Bei Saxo wie im Epos läfst der Held sich in seiner
Heimat tot sagen, und zwar ist der Zweck, den er damit
verfolgt, hier wie dort offenbar kein anderer als der, seine
Feinde zu täuschen, sie in Sicherheit einzuwiegen und von
seiner Verfolgung abzuhalten. Die Einkleidung des Motives
ist aber auch hier in beiden Sagen eine durchaus ver-
schiedene. Im Epos trifft Boeve auf der Reise zu Bradmund
Sabots Sohn Thierri, der, als Pilger verkleidet, eben nach
ihm auf der Suche ist; Boeve erzählt dem Thierri, der, den
er suche, sei gehängt worden. Bei Saxo beauftragt Am-
leth vor seiner Abreise seine Mutter, „nach einem Jahre
zum Schein eine Totenfeier für ihn zu veranstalten"; die
Feier findet statt und wir hören, dafs „ein Gerücht fälsch-
lich seinen Tod verbreitet hatte". Die Sache ist doch wohl
so zu denken, dai's, in Befolgung seines Auftrags, Amleths
Mutter selbst ihn tot gesagt hat.
Boeves Aufenthalt in Köln und die Gestalt seines
Oheims, des Bischofs von Köln, hat bei Saxo nichts ent-
sprechendes. Da der Bischof wohl nur eingeführt ist, um
Josiane und den Riesen Escopart zu taufen, die erstere
aber ursprünglich eben keine Sarazenin, sondern eine Bre-
tagnerin war, so darf die Episode als ein jüngerer Einschub
im BvH betrachtet werden.
Der Schlufs des ersten Teiles beider Sagen hat nur
das gemein, dafs hier wie dort der Held die Rache an dem
Stiefvater vollzieht. Die Umstände sind auch hier ganz
verschieden. Im Epos wird Doon in offener Feldschlacht,
nachdem er sich mit Boeve in einem unentschieden ge-
bliebenen Kampfe gemessen hat, von Escopart gefangen
genommen und dann in eine mit flüssigem Blei gefüllte
Grube geworfen. Bei Saxo überrascht Amleth, nachdem
er die Halle mit den trunkenen Mannen in Brand gesteckt,
— 38 —
seinen Stiefvater im Bette und tötet den Wehrlosen mit
dem Schwerte.
Im zweiten Teile des BvH kommt, wie wir sahen,
für uns wesentlich nur die Episode von der Herzogin von
Civile in Betracht. Hier wie bei Saxo geht der Held,
obschon bereits verheiratet, eine zweite Ehe ein. Aber die
Einzelheiten differieren wieder vollständig. Im Epos kommt
Boeve zu der Stadt der Fürstin zufällig, auf der Suche
nach seiner Frau, von der er getrennt worden ist. Bei
Saxo wird er dahin gesandt von seinem Schwiegervater,
der darauf rechnet, dafs die Botschaft Amleth den Tod
bringen werde. Hier wie dort sind es die Taten des Helden,
die in dem Herzen der Fürstin die Liebe zu ihm wecken,
aber im Epos die Taten, die er vor ihren Augen im Tui-nier
vollbringt, bei Saxo die Taten, von denen ihr sein mit
Bildern geschmückter Schild meldet. Hier wie dort trägt
die Fürstin ihm ihre Liebe an, aber im Epos stöfst sie
zunächst auf Widerstand, Amleth hingegen geht sofort
freudig auf das Anerbieten ein. In beiden Fällen wird die
Trauung sofort vollzogen, jedoch im Epos handelt es sich
zunächst um eine blofse Scheinehe, indem Boeve zur Be-
dingung gemacht hat, dals er 7 Jahre lang keine Gemein-
schaft mit der Herzogin haben und erst, wenn nach Ablauf
dieses Zeitraums seine Gattin nicht zurückgekehrt ist,
faktisch ihr Mann werden will; bei Saxo hingegen ist von
einer solchen Beschränkung nicht die Rede.
Hier wie dort wird weiter Vorsorge getroffen, dafs bei
Lösung der Ehe der Fürstin ein neuer Gatte gesichert sei,
und nachdem die Lösung tatsächlich erfolgt ist, geht sie
in der Tat sofort eine neue Ehe ein. Aber im Epos ist
es die Herzogin selbst, die für den Fall, dafs Josiane sich
wiederfinde und ihre Ehe mit Boeve zu keiner wirklichen
Ehe werde, sich dessen Genossen Thierry zum Gemahl
ausbittet, und als jener Fall nun wirklich eintritt, da
— 89 —
wird die Vermählung mit Thierry sofort vollzogen. Bei
Saxo ist es vielmehr der Gatte Amleth, der, bevor er
zum zweiten Kriege gegen Viglet auszieht, für den Fall
seines Todes seiner Gattin eine zweite Ehe sichern will.
Herrauthruda lehnt ab, indes als Amleth wirklich fällt, da
geht sie trotzdem sofort einen neuen Ehebund ein, und zwar
mit dem Sieger, mit Viglet, der eben erst ihren Gatten
erschlagen hat.
Dafs die Version dieser Episode, soweit die Doppelehe
des Helden in Betracht kommt, bei Saxo ursprünglicher
ist, und dafs die Darstellung im BvH auf einer späteren
Modifikation beruht, kann keinem Zweifel unterliegen. Die
Saxosche Sage nimmt an der Doppelehe offenbar nicht den
mindesten Anstofs, die zweite Vermählung wird tatsächlich
vollzogen, und die erste Gattin fühlt sich zwar durch die
Annahme des Kebsweibes beleidigt, findet sich aber trotz-
dem wohl oder übel mit der Tatsache ab und erklärt sogar,
die Liebe zum Gatten sei so stark in ihr, dafs sie dieselbe
auf die Nebenbuhlerin übertragen werde. Off'enbar haben
wir hier bei Saxo noch die Denk- und Empfindungsweise
der heidnischen Zeit. Wenn wir demgegenüber im BvH
hören, es habe sich bei der zweiten Ehe nur um eine
Scheinehe gehandelt, die durch die Rückkehr der ersten
Gattin gelöst werden sollte, so erklärt sich dieser Unter-
schied off'enbar sehr einfach dadurch, dafs der Dichter an
der Doppelehe des Helden, welche ihm die heidnische Sage
bot, Anstofs nahm: er glaubte seinem Publikum etwas der-
artiges nicht bieten zu können. Deshalb modifizierte er
die Überlieferung in der Weise, dafs er aus der wirklichen
Ehe eine lösbare Scheinehe machte: durch diese seltsame
Erfindung blieb er der ihm vorliegenden Sage, welche von
einer doppelten Ehe des Helden berichtete, getreu, und er
verletzte andrerseits doch nicht das moralische Empfinden
seiner Zuhörer, wie er getan haben würde, wenn er seinen
— 40 —
ritterlichen Helden in sündhafter Bigamie hätte leben lassen.
Durch die Annahme, es habe sich ursprünglich in der Tat
um eine wirkliche Doppelehe gehandelt, wird die ganze
Episode im BvH überhaupt erst verständlich, denn man
sieht sonst absolut nicht ein, was der Dichter mit der
sonderbaren Erfindung einer langjährigen Scheinehe Boeves
bezweckt haben sollte.
Bekanntlich findet sich das Motiv der Doppelehe, das
Motiv des „Mannes mit den zwei Frauen", in der mittel-
alterlichen Literatur wiederholt: es wurde in lichtvoller
und anziehender Weise behandelt von Gaston Paris in
der Abhandlung: La legende du mari aux deux femmes^
zuerst gedruckt in den Comptes rendus de VAcademie
des inscriptions et helles - lettres 1888, 571 — 86 {Ser. IV,
B. 15), jetzt bequem zugänglich in La poesie du moyen
äge, IF Serie, Paris 1895, 109 — 30; dann, aber nur neben-
bei, von Alfred Nutt, The Lai of Eliduc and the Mär-
chen of Little Snow -White, Folh-Lore, Vol. III, 1892,
26 — 48. G. Paris will den Gegenstand nicht erschöpfen;
er kündigt S. 109, Anm., eine ausführlichere Arbeit über
den Gegenstand an, die aber m. W. noch nicht er-
schienen ist. Nutt bespricht das Motiv nur im Zusam-
menhang mit dem Schneewittchen -Märchen, indem er
auf einige von G. Paris nicht erwähnte ältere Versionen
hinweist.
Das Motiv ist am bekanntesten aus der Erzählung
vom Grafen von Gleichen, die zuerst 1539, damals aber
schon als allgemein verbreitet, auftritt; ihr Held ist der
1227 verstorbene Graf Lambert II. von Gleichen, der in
der Tat zwei Frauen hatte, aber — nach einander! In
seiner offenbar ursprünglichsten Form findet sich das Motiv
eben in der Hamletsage bei Saxo — den G. Paris nicht
erwähnt, wohl aber Nutt — und in der erst in neuester
JZeit aufgezeichneten schottischen Erzählung von Gold-tree
— 41 —
und Süver-tree^), auf die Nutt aufmerksam macht; in beiden
Versionen ei*scheint die Doppelehe des Helden als etwas
durchaus Natürliches, das Bestreben, sie zu entschuldigen
oder zu beseitigen, macht sich nicht geltend. Dagegen
sehen wii* nun in den drei von G. Paris analysierten Ver-
sionen und in dem Roman des Walter von Arras, Ille und
Galeron-), der unmittelbar auf dem Lai von Eliduc beruht,
die Sage bemüht, den Helden von dem der Bigamie nach
christlichen Anschauungen anhaftenden Odium zu befreien.
Noch ziemlicli intakt findet sich das Motiv im Eliduc,
dessen Version G. Paris eben aus diesem Grunde für die
ursprünglichste hält (a. a. 0. S. 125). Hier hat die Hand-
lungsweise des Helden keine andere Entschuldigung als
die Liebe. Aber auch hier tritt das Bestreben, das An-
stöfsige der Doppelehe zu mildern, insofern hervor, als die
Dichterin die erste Gattin freiwillig ins Kloster gehen läfst,
sobald sie von der Liebe des Gatten zu ihrer Rivalin
Kenntnis erhält: „denn es ziemt sich nicht, dafs ein Mann
zwei Frauen habe, und das Gesetz kann es nicht gestatten."
In Ille und Oaleron wird die Vermählung Illes mit
Galeron durch das Erscheinen seiner ersten Gattin Ganor
verhindert. Später, in Kindesnöten, tut Ganor das Gelübde,
ins Kloster treten zu wollen, wenn sie mit dem Leben
davon komme. Sie führt ihr Gelübde aus, so ist Ille frei
und kann Galeron heiraten.
In der Erzählung von Oilles von Trasignies geht dieser
die zweite Ehe nur deshalb ein, weil er glaubt, seine erste
*) Gedruckt von MacBain, Celtic Magazine XIII, 213 ff. und da-
nach in den Celtic Fairy Tales. Ich will hier darauf hinweisen, dafs
in dem Lai von Havelok, der, wie wir sehen werden, mit der Hamletsage
nahe verwandt ist, in der englischen Version (Ende 13. Jahrhunderts)
die Heldin, die Gattin Haveloks, Goldborough, in den französischen
Fassungen Argentille heifst.
') Hgg. von W. Förster, Walter von Arras sämtliche Werke, I,
Halle 1891.
— 42 —
Gattin sei tot, und als er, in die Heimat zurückgekehrt,
seines Irrtums inne wird und durch ihn nun seine beiden
Frauen über die Situation Aufklärung erhalten, da treten
beide, und ebenso er selbst, ins Kloster, so dafs also eine
wissentliche Doppelehe hier überhaupt nicht stattfindet.
In der Geschichte vom Grafen von Gleichen endlich
wird die Handlungsweise des Grafen damit entschuldigt,
dafs die Tochter des Sultans, seine zweite Frau, zur Be-
dingung der Befreiung des Grafen aus der Gefangenschaft
gemacht hat, dafs er sie zur Frau nehme. Der Held geht
die zweite Ehe also nur gezwungen ein; aufserdem gibt
der Papst selbst ihr seinen Segen, da durch sie zugleich
eine Heidin dem christlichen Glauben gewonnen worden ist.
Wir sehen also in allen vier Fällen die gleiche Ten-
denz wirksam, durch die wir oben die Diskrepanz zwischen
der Episode von der Herzogin von Civile im BvH und
der Hermuthrudepisode bei Saxo erklärten, und wir
dürfen in dieser Tatsache die Bestätigung der dort ge-
gebenen Erklärung sehen. Die Annahme, es sei in der
Quelle des französischen Dichters das Motiv der Bigamie
in ungemilderter Fassung vorhanden gewesen, gibt uns
nun zugleich den Schlüssel zur Erklärung eines in dieser
Episode in der englischen Version vorhandenen auffälligen
Widerspruches, der seinerseits die Abweichung der übrigen
Versionen gegenüber der englischen hinsichtlich eines Zuges
dieser Episode erklärt. Wir hören nämlich in der eng-
lischen Version, es sei in Aumbeforce ein Turnier angesagt
worden, als dessen Preis die Hand der Königstochter
ausgesetzt ist; Boeve nimmt an diesem Turnier teil, er
bleibt Sieger, als ihm nun aber die Fürstin ihre Hand
anbietet, — da schlägt er sie aus, weil er schon ver-
heiratet sei: V. 3832:
And euer a seide, he haß a ivif,
(& seide, she ivas stolen hirn fro.
\
— 43 —
Man fragt sich doch: Welchen Grund hatte er, über-
haupt an dem Turnier teilzunehmen, wenn es ihm gar nicht
um die Hand der Königstochter zu tun war? Der Wider-
spruch schwindet offenbar sofort, wenn wir annehmen, die
Quelle habe von einer solchen Weigerung seinerseits nichts
gewulst und die Vermählung sei, wie bei Saxo, ohne
weitere Klauseln vollzogen worden. Wenn wir nun in
den drei anderen Versionen statt des Turniers den Angriff
eines feindlichen Heeres haben, bei dessen Zurückweisung
Boeve behilflich ist, ohne dafs von einer in Aussicht ge-
stellten Belohnung des Siegers durch die Hand der Königs-
tochter die Rede wäre, wenn also jener Widerspruch hier
nicht vorhanden ist, so liegt offenbar die Vermutung nahe,
bereits der Verfasser der gemeinsamen Quelle der drei Ver-
sionen habe den in seiner Vorlage vorhandenen Wider-
spruch bemerkt und ihn beseitigt, indem er das Turnier
durch den Angriff eines feindlichen Heeres ersetzte, —
wohingegen für die umgekehrte Änderung durchaus kein
Grund abzusehen wäre. Die Filiation der Motive wäre
dann die folgende gewesen: Turnier: Doppelehe —
Turnier: erzwungene Scheinehe (Quelle von E, A, W, N,
ebenso dann E) — Krieg: erzwungene Scheinehe (Quelle
von A, W, N).
Soviel über die Differenzen zwischen unserem Epos und
der Erzählung Saxos; ein Bedenken gegen die ursprüng-
liche Identität der beiden Sagen läfst sich danach aus
den vorhandenen Diskrepanzen in keiner Weise ableiten,
ja in dem letztbesprochenen Falle können wir sogar noch
deutlich erkennen, welches vermutlich der Grund der im
BvH vollzogenen Änderung gewesen ist.
Ich kehre nun zurück zu der oben aufgeworfenen
Frage: Wo haben wir die gemeinsame Quelle der beiden
Sagen zu suchen und von welcher Art war dieselbe?
Die Antwort auf die erstere Frage kann nicht zweifei-
— 44 —
haft sein: die geraeinsame Quelle ist in England
zu suchen.
Das ergibt sich mit nahezu absoluter Gewifsheit aus
den neueren Forschungen über die Quellen Saxos über-
haupt und über die Quellen seiner Hamletsage im be-
sonderen, über die im folgenden Kapitel zu handeln ist.
Die Herkunft der Saxoschen Amlethsage.
Saxos Quellen sind neuerdings in vorzüglicher Weise
untersucht worden von dem dänischen Gelehrten Axel
Olrik, Kilderne tu Sakses Oldhistorie, I: Forseg pä en
tvedeliiig af Kilderne, Kopenhagen 1892; II: Sakses Old-
historie. Norröne sagaer og danske sagn. Kopenhagen 1894.
In Band II, 158—181 bespricht Olrik eingehend die
Quellen der Saxoschen Hamletsage. Er gelangt zu
dem Ergebnis, dafs aller Wahrscheinlichkeit
nach die Hamletsage Saxo aus England zuge-
flossen ist, er rechnet sie zu den im 12. Jahrhundert in
Nordengland lebendigen anglo- dänischen Sagen: „Die
nächsten literarischen Verwandten der Hamletsage finden
sich nicht in der jütischen Heide, sondern jenseits des
Westmeeres; und sollen wir ihre Heimat allein nach dem
Kunststil bestimmen, so möchten wir sie rechnen zu
den „anglo -dänischen" Sagen Nordenglands im 12. Jahr-
hundert" ').
^) Ich glaube den Lesern einen Dienst zu erweisen, wenn ich
die Citate aus Olrik in deutscher Übersetzung gebe. Bei dem grofsen
allgemein - sagengeschichtlichen Interesse von Olriks Untersuchungen
wäre die Veranstaltung einer deutschen tibersetzung des Werkes
dringend zu wünschen.
— 45 ~
Olrik gründet diesen Schlufs wesentlich auf Motive
des zweiten Teiles der Hamletsage, den er die „Hermu-
trudnovelle" nennt. Es ist erforderlich, dafs wir uns
seine Beweisführung hier im einzelnen vergegenwärtigen.
Olrik bespricht zunächst das Motiv des „umgeschrie-
benen" Briefes. Er zeigt, dafs die Erzählung von dem
Briefe, der durch Änderung seines Inhaltes dem Über-
bringer nicht, wie es beabsichtigt war, den Tod, sondern
vielmehr die Hand der Königstochter einbringt, in der
mittelalterlichen Literatur eine grofse Eolle gespielt hat,
dafs sie uns in zwei Hauptformen, einer ost- und einer
westeuropäischen Form entgegentritt, und dafs die Dar-
stellung Saxos nächstverwandt ist mit der westeuropäischen
Form, die am reinsten vorliegt in zwei französischen
Fassungen aus dem 13. Jahrhundert: dem DU de Vempe-
reur Coustant, einer Versnovelle von 630 Achtsilbnern^
und in einer Prosanovelle, die mit dem dit inhaltlich
genau übereinstimmt-).
Der Inhalt der beiden Erzählungen ist in aller Kürze
dieser:
Ein Kaiser von Byzanz — im Dit Florian, in der
Prosa Muselin genannt — hört, dafs von einem eben ge-
borenen Sohn eines seiner Untertanen in den Sternen ge-
schrieben steht, er werde einst sein Schwiegersohn und
Nachfolger werden. Er bemächtigt sich alsbald des Knäb-
chens, um es zu töten, aber es bleibt ohne sein Wissen
am Leben und wird in einem Kloster als Findelkind unter
dem Namen Coustant erzogen. Als Coustant herangewachsen
ist, sieht und erkennt ihn der Kaiser und schickt ihn
nach einem Schlofse mit einem Briefe an den Schlofs-
^) ^^S- von A. Wesselofeky, Romania 6, 162flf. Vgl. dazu Rein-
hold Köhler, Zs. f. rom. Phil 2, 180.
*) Hgg. von Moland u. d'H^ricault, Xouvelles fran^mses en prose
du XUIe 8., Paris 1856, 1—32.
— 46 —
hauptmann, worin diesem befohlen ist, den Überbringer so-
fort zu töten. Coustant, am Ziele seiner Reise ange-
kommen, rastot, bevor er den Brief übergibt, in einem
Garten vor dem Schlofse und schläft ein. Hier erblickt
ihn die Königstochter, sie entbrennt in Liebe zu ihm und
vertauscht, während er noch schläft, den Brief, den sie in
seiner Gürteltasche findet, mit einem anderen, worin dem
Schlofshauptmann befohlen wird, den Überbringer sofort
mit der Prinzessin zu vermählen. Das geschieht und so
wird Coustant des Kaisers Schwiegersohn und später auch
sein Nachfolger.
Wir haben hier also eine Erzählung fatalistischen
Inhalts vor uns, die weitverbreitete Geschichte „von
dem neugeborenen Knaben, von dem in den Sternen ge-
schrieben steht oder sonst prophezeit ist, dafs er dereinst
der Schwiegersohn und Erbe eines gewissen Herrschers
oder Reichen werden soll, und der dies schliefslich auch
trotz aller Verfolgungen jenes Herrschers oder Reichen
wird." Wesselofsky, der die verschiedenen Versionen der
Erzählung a. a. 0. S. 171 ff. analysiert, hat davon abgesehen,
ihr Filiationsverhältnis genau zu untersuchen. Nur auf Grund
einer oberflächlichen Vergleichung — ,,une comparaison
sommaire^^ — gelangt er S. 197 zu dem Ergebnis, dafs die
Geschichte in ihrer ursprünglichsten Fassung vorliege in
den beiden oben analysierten französischen Versionen, in
einer mehrfach überlieferten Erzählung von Kaiser Konrad ^)
und in einer ossetischen Erzählung-), insofern nämlich in
diesen Fassungen die Geschichte nur enthält: Prophezeih-
ung + Uriasbrief, während in den orientalischen Ver-
1) U. a. bei Gottfried von Viterbo, Pertz, 5'Ä XXH, 243, und in
den Gesta Romanorum ed. Oesterley no. 20.
^) Gedr. in Collection de renseignements sur les habitants du Cau-
ease, v. II: Djantemir Schanajef, Contcs populaires ossetes S. 6 — 7: Le
prophete aimant Dieu.
I
— 47 ~
sionen, die ossetische auRgenommen , ebenso in der polni-
schen, serbischen und albanesischen damit noch verbunden
erscheint das Fridolinsmotiv.
Zunächst ist hier von den orientalischen Versionen
möglicherweise auch gerade die älteste orientalische Fas-
sung auszunehmen, deren Inhalt bis jetzt nur unvollständig
bekannt ist, nämlich die buddhistische Legende, die sich in
&ex Atthakathä, einem zu Anfang des 5. Jahrhunderts
verfafsten Text findet und über die A. Weber, Über eine
Episode im Jaimini-Bhärata^) berichtet: hier wendet ein
Kaufmann unter verschiedenen Versuchen, einen ihm ver-
balsten natürlichen Sohn aus dem Wege zu räumen, auch
das Mittel an, „ihn an seinen Aufseher über 100 gräma
mit einem Brief zu senden, des Inhalts, dafs derselbe
ihn töten und in eine Grube werfen solle. Der junge
Mensch aber rastet unterwegs, und die Tochter seiner
Wirtsleute zerstört den Brief, den sie aus Neugier ge-
öffnet hat, und schreibt einen anderen, über dessen Inhalt
nichts angegeben wird." Der Schlufs der Erzählung ist
nicht bekannt, wir wissen also nicht, ob auch hier das
Fridolinsmotiv schon angeknüpft war. Sodann ist, zuge-
geben, dafs die Versionen, welche die genannten drei
Motive verbinden, gegenüber den anderen, die nur die
ersten zwei enthalten, eine jüngere Stufe darstellen, damit
selbstverständlich nicht auch bewiesen, dafs sie das zweite
Motiv, um das es sich hier für uns handelt, das Motiv
des Uriasbriefes, in einer jüngeren Fassung enthalten,
vielmehr könnten dieselben umgekehrt dieses Motiv in
ursprünglicherer Form gewahrt haben. Nun findet, wie
wir eben sahen, in der der Zeit nach ältesten Fassung der
Geschichte, in der buddhistischen Legende, die Tochter
des Adressaten selbst den Brief und ersetzt ihn durch
*) Motiatsber. d. kön. preufs. Akademie d. Wissensch. x. Berlin 1869
(Druckjahr 1870), S. 42.
— 48 —
einen solchen anderen Inhalts. Den gleichen Zug enthält
die jüngere indische Version im Jcmnini- Bhärata, das sich
zeitlich nicht genau fixieren läfst, aber, wie es scheint,
aus dem 13. Jahrhundert stammt, s. Weber a. a. 0. S. 34 ff.
Der Inhalt der Erzählung ist nach Webers Analyse hier
dieser:
Vishayä, die Tochter des Ministers, der den Helden
mit der verhängnisvollen Botschaft betraut hat, findet den
letzteren schlafend unter einem Mangobaum; sie verliebt
sich in ihn, nimmt den Brief, der aus seiner Tasche her-
vorsieht, an sich, liest ihn und setzt an Stelle der Worte :
„Gib ihm Gift" — „Gib ihm Vishayä". Dann steckt sie
den Brief wieder an seinen Ort: die Hochzeit findet statt.
Die gleiche Version begegnet in der arabischen Er-
zählung Cruaute de Mohallek bei Galland ^) (nur findet
hier die Tochter den Brief nicht, sondern er wird ihr
direkt übergeben), in der ossetischen, wie auch in den
beiden französischen Fassungen, nicht dagegen in der Ge-
schichte vom Kaiser Konrad noch in irgend einer der
anderen Fassungen. Da diese Version nun die bei weitem
am ältesten überlieferte ist, so spricht alle Wahrscheinlich-
kdt dafür, dafs sie auch die ursprüngliche ist. Wenn so-
mix auch die orientalischen Versionen, insofern sie noch
das Fridolinsmotiv anfügen, eine jüngere Entwickelungs-
stufe der Sage darstellen mögen gegenüber denjenigen
Fassungen, die es nicht enthalten, — aber gerade bei der
ältesten Version ist es, wie wir sahen, durchaus zweifel-
haft, ob das Motiv in ihr vorhanden war — , so bieten
sie doch das Motiv des Uriasbriefes in ursprünglicherer
Form und auf der gleichen älteren Stufe stehen also die
ossetische und die beiden französischen Fassungen. Das
Motiv ist demnach orientalischer Herkunft, wie denn auch
^) Nouvelle suite des mille et une nuits, contes arabes II, Paris 1798,
S. 172—183.
— 49 —
der fatalistische Charakter der ganzen Erzählung auf den
Orient als Quelle hinweist, und da die Geschichte in den
französischen und verschiedenen anderen Fassungen an
den Kaiser Constantin geknüpft erscheint, so ist, wie
Wesselofsky mit Recht bemerkt, anzunehmen, dafs sie
ihren Weg nach Westeuropa über Byzanz genommen hat.
Die enge Verwandtschaft der Hermuthrudnovelle Saxos
mit dem Dit de Vempereur Coicstant springt nun in die
Augen. Auch dort rastet der Held vor dem Schlosse
(auf einer Wiese, wie Coustant in einem Garten) und ent-
schlummei-t, die Jungfrau wird seiner ansichtig, verliebt
sich in ihn, läfst ihm den Brief abnehmen und ersetzt ihn
durch einen neuen. Sogar die Unterschiede der beiden
Fassungen beweisen, wie Olrik a. a. 0. S. 173 zeigt, ihre
ursprüngliche Identität, und zwar würde sich aus ihnen nach
Olrik zugleich ergeben, dafs die Erzählung Saxos gegenüber
dem Dit eine jüngere Version darstellt. Bei Saxo reist
der Held nicht, wie im Dit, allein, sondern in Begleitung,
ferner verliebt sich die Jungfrau bei ihm nicht, wie dort,
auf den blofsen Anblick hin, sondern erst, nachdem sie
durch seinen kunstvollen Schild eine Anschauung seiner
ruhmvollen Taten gewonnen hat: „Für einen Helden, wie
Hamlet, bemerkt dazu Olrik, König in Dänemark und
Schwiegersohn des Königs von England, hätte es sich
nicht geziemt, allein zu reisen, wie der Held der franzö-
sischen Novelle tut; er hat deswegen Begleiter bekommen^
aber trotzdem kann der Spion der Königin sich an den
Wachen nicht weniger als dreimal vorbeischleichen. Der
Grund, weswegen Hermuthrud sich in Hamleth verliebt,
ist der, dafs sie von seinen Taten Kenntnis erhält. Hierin
erkennen wir eine Umbildung, die sich im Einklang be-
findet mit dänischen Vorstellungen von der Liebe, die sich
für eine Königin geziemt: es ging nicht an, dafs man sie
sich in einen schlafenden Jüngling verlieben liefs [Olrik
Zenker, Boeve-Amletbus. 4
— 50 —
verweist hier auf seine Ausführungen über die Auffassung
der Liebe bei Saxo in B I, 49-51]. Aber diese Änderung
ist der Ökonomie der Sage teuer zu stehen gekommen.
Hamleth hat sich den mit Bildern geschmückten Schild
verfertigen lassen, der doch ganz ohne seine eigene Ab-
sicht dann dazu kommt, in der Sage eine Rolle zu spielen;
und nun mufs er so tief und so lange schlafen, dafs man
den Schild unter seinem Haupte und den Brief aus seiner
Hand stehlen und beide zurückbringen kann. Indessen
stellt er sich das letzte Mal nur so^ als ob er schliefe
und fängt so den Boten — gewifs nicht zum Vorteil der
Handlung, denn diese entwickelt sich ganz so, als ob der
Bote nicht gefangen worden wäre. Dieser ganze grofse
Apparat wird also in Bewegung gesetzt, damit der Inhalt
des Briefes geändert werde; unleugbar nimmt die ganze
Intrigue sich besser aus in der schnell vorwärtsschreiten-
den Handlung der Abenteuererzählung [d. i. der Erzählung
von Bige Per Kraemmer, die Olrik kurz vorher mitgeteilt
hat] oder in dem galanten [französischen] Gedicht, wo der
Eindruck des schlafenden Jünglings auf die Königstochter
in seiner ganzen erotischen Frische zur Geltung kommen
kann. Aber das ist eben das Unglück: der Dichter der
Hamlethsage hat in falschem Streben nach Korrektheit
die poetische Seele der Erzählung zerstört und hat nur
die tote Puppe der Intrigue zurückbehalten, wie eine
schwerfällige Maschinerie, die man vergebens in Ordnung
zu halten sucht."
Da, wie wir sahen, der Zug, dafs die Heldin selbst
den Schlummernden erblickt und ihm den Brief entwendet
— dafs sie ihn bei Saxo durch einen ihrer Diener ent-
wenden läfst, ist irrelevant — sich aufser in den vier
orientalischen Versionen nur in den beiden französischen
findet, und da eben dieser Zug ursprünglich ist, so scheint
es ausgeschlossen, dafs Saxos Erzählung auf eine der be-
— 51 —
kannten Fassungen des Brief-Motives zurückgeht, und da
direkte Entlehnung aus dem Indischen nicht möglich ist,
solche aus dem Arabischen aber wenigstens nicht ohne
besonderen Grund angenommen Averden dürfte, so werden
wir zu dem Schlüsse gedrängt, dafs Saxos Erzählung aus
der gleichen Quelle wie die französische Novelle geflossen
ist, und zwar stellt letztere die ältere Version dar, welche
bei Saxo aus deutlich erkennbaren Gründen in wenig
glücklicher Weise abgeändert worden ist. Danach spräche
also alle Wahrscheinlichkeit dafür, dafs zunächst dieses
Motiv, das Motiv von dem „umgeschriebenen" Brief, Saxo
aus Westeuropa zugeflossen ist: aus Frankreich oder dem
französisch sprechenden England.
Ein zweites Motiv der Herrn uthrudnovelle bildet das
von einem anderen Gesichtspunkt aus schon oben kurz
besprochene Motiv der Doppelehe des Helden. Wie
oben gezeigt, erweist sich die Form, in der es bei Saxo
auftritt, gegenüber jüngeren Fassungen als ursprünglicher,
und in ebenso ursprünglicher Gestalt erscheint es in dem
schottischen Märchen von Gokl-tree, verhältnismäfsig
ursprünglich auch noch im Eliduc der Marie de France,
die bekanntlich in England dichtete und als ihre Quelle
hier ausdrücklich einen sehr alten bretonischen Lai be-
zeichnet:
Uun mult aneien lai Bretun
le cunte e tute la raisuii
VHS dirai, si cum ieo etitent
la verite mun escient.
Nutt a. a. 0. vertritt die Ansicht, in Gold-tree liege
die Grundform des Schneewittchenmärchens vor, und die
Doppelehe stelle eine Zutat dar, die geschöpft sei aus
einer keltischen Sage von dem Aufenthalte eines Mannes
im Elfenreich; er weist darauf hin, dafs in dieser Form
sich das Motiv in der ältesten irischen Heldensage an die
4*
— 52 —
Person des Cuchullin geknüpft finde. Die Sage von
Cuchullin enthält ähnliclie Elemente wie Eliduc und
Gold-tree, nur in abweichender Kombination. Sie findet
sich im Leabhar na h'Uidhre und will hier aus einei-
älteren Handschrift, dem Yelloiv Book of Slmie, entnommen
sein. Der vorliegende Text stammt aus dem Anfang des
11. Jahrhunderts, doch hält Nutt es für wahrscheinlich,
dafs die einzelnen Elemente der Erzählung nicht später
als im 7. Jahrhundert kombiniert wurden. Der Sage zufolge
wird Cuchullin geliebt von einer Feenkönigin Fand. Sie
kommt in Vogelgestalt zur Erde herab und wird durch
den Helden verwundet. Daraufhin versetzt sie ihn in
magischen Schlaf, besucht ihn, und er liegt nun ein Jahr
lang im magischen Schlaf, fern vom Hof und allen seinen
Freunden. Durch Zauberei geheilt, unternimmt er eine
Fahrt in die jenseitige Welt und bringt Fand mit sich
zurück. Dadurch erregt er die Eifersucht seines irdischen
Weibes Emer, die ihm heftige Vorwürfe macht. Fand
kehrt in die jenseitige Welt zurück, und Cuchullin und
Emer, der ein Vergessenheitstrank gereicht wdrd, leben
seitdem friedlich mit einander.
Im Hinblick auf diese Sage nimmt Nutt an, das Motiv
von dem „Mann mit den zwei Frauen" stamme in der
Hermuthrudnovelle nicht aus französischer, sondern aus
keltiscli-brittischer Quelle.
Olrik stimmt hier Nutt insoweit bei, als er es gleich-
falls für wahrscheinlich erklärt, dafs das Motiv Saxo von
den brittischen Inseln aus übermittelt worden sei: „Hamlets
Doppelheirat ist sicher ein eingewandertes mittelalterliches
Abenteuermotiv, und alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür,
dafs es unmittelbar von den brittischen Inseln zu uns ge-
kommen ist. Auf diesen fremden Motiven, dem ro-
manischen (ursprünglich griechischen), von der
plötzlichen Liebe der Königstochter und dem um-
— 53 —
geschriebenen Brief, sowie dem keltischen von der
Doppelheirat ist die Novelle von Hamlet und Her-
mutrud aufgebaut."
Ob Nutts Vermutung von der keltischen Herkunft des
Motivs der Doppelheirat zutrifft, lasse ich dahingestellt;
dafs es in letzter Linie vermutlich antiken Ursprungs
ist, werden wir später sehen. Da es aber in nächstver-
wandter Fassung in der alten irischen Heldensage, in einem
in England entstandenen, aus bretonischer Quelle geschöpf-
ten Lai und in einem schottischen Märchen begegnet, so
scheint auch mir die Annahme einer brittischen Quelle
Saxos alles für sich zu haben.
Ein drittes Motiv der Herrauthrudnovelle bildet die
„Freierfeindlichkeit" der Heldin; jeder, der um
ihre Hand wirbt, bezahlt seine Kühnheit mit dem Leben:
„Er (der König von Britannien) wufste nämlich, dafs diese
nicht nur aus Keuschheit ehe los war, sondern dafs sie auch
in trotziger Anmafsung ihre Freier immer hafste und für
ihre Liebhaber die härtesten Strafen bestimmte, so dafs es
von den vielen nicht einen einzigen gab, der nicht für
seine Werbung mit seinem Kopfe gebüfst hätte." ^) Olrik
hebt hervor, dafs dieses Motiv seit alter Zeit in deutscher
und nordischer Dichtung vorhanden sei (Brimhild in den
Nibelungen; „Die gefährliche Jungfrau," DgF 184) und
somit auf den verschiedensten Wegen der Hamletsage habe
zugeführt werden können. Er erklärt seine Einführung
damit, dafs die in der zu Grunde liegenden Erzählung —
Constantinsnovelle — hier gebotene Version, wonach der
Tod des Überbringers in dem Briefe direkt gefordert wird,
aus dem Grunde nicht wohl verwendbar war, weil eben
dieses Motiv schon einmal, bei Hamleths Reise nach Eng-
land, benutzt worden war.
») Jantzen S. 162.
— 54 —
Olrik sieht also davon ab, auch dieses Motiv aus
britischer Quelle abzuleiten. Trotzdem läfst sich auch
hier solche Herkunft wahrscheinlich machen.
Hermann Suchier in der interessanten Abhandlung
Über die Sage von Offa und Thrydo, Paul u. Braunes
Beiträge IV (Festschrift für Friedrich Zarncke 1877),
500—21 hat hingewiesen auf die augenscheinliche Identität
der Saxoschen Sage von der freierfeindlichen Hermuthrud
mit der im angelsächsischen Beowulfslied überlieferten,
vermutlich aber einen späteren Einschub darstellenden \,
Sage von der grausamen, freierfeindlichen }ryäo, der
Gemahlin Offas I., Beowulf V. 1931—62. Die letzte Ke-
daktion des Beowulf hat vermutlich nicht später als etwa
um 787 stattgefunden. Die prydo-Sage ist neuerdings
ausführlich besprochen worden von A. B. Gough, The Con-
stance Saga, Berlin 1902 {Palaestra XXIII).
Die betreffende Stelle lautet nach der Suchierschen
Übersetzung, a. a. 0. S. 502, folgendermafsen :
„prydo^), die gewaltige Volkskönigin, hatte ein über-
aus grausames Gemüt. Keiner wagte, mutig sich das heraus-
zunehmen, der trauten Gefährten aufser ihrem Gatten, ihr
Auge in Auge ins Antlitz zu blicken, sondern er wufste
sich Todbande bereit, handgewundene. Bald darauf war
nach der Verhaftung das Schwert in Bereitschaft, damit
die Klinge offenbaren möchte, es sei entschieden, das Tod-
übel verkünden. Nicht ist solches weibliche Art, von einer
Frau zu üben, auch nicht wenn sie schön ist, dafs die
Friedensweberin wegen angeblicher Kränkung das Leben
f ordre von einem lieben Mann. Doch legte ihr das Hem-
^) So auch Ten Brink, Beowulf^ Strafsburg 1888 (Quellen und
i^orscÄzm^m H. 62), 113ff.; V. 1914— 2199 bilden nach ihm ^den jüngsten
Teil des ganzen Epos".
2) Der Name bedeutet ,, Kraft, Stärke", s. K. Müllenhoff, Beotvulf,
Berlin 1889, S. 74.
— 55 —
nings VerwaDdter. Biertrinkende erzählten andres: sie
habe der Volksübel weniger vollführt, der Feindschaften,
sobald sie goldgeschmückt dem jungen Kämpfer die hoch-
f^eborene gegeben wurde, als sie Offas Halle über die falbe
Flut aufsuchte nach des Vaters Weisung. Da genofs sie
dann auf dem Herrscherstuhl, durch Spenden beliebt, der
Lebensgeschicke ihr Leben lang, hielt Hochliebe zu dem
Herrscher der Helden, nach meinen Erkundigungen dem
trefflichsten aus aller Menschheit zwischen den Meeren,
Denn Offa war durch Gaben und Kämpfe, der gerkühne
Mann, weithin gefeiert. Mit Weisheit regierte er sein
Stammland. Von ihm erwachte Eomor den Helden zur
Hülfe, Hemings Verwandter, der Enkel Gärmunds, in
Feindschaften tüchtig."
„Ein hochgestellter Mann — so interpretiert Suchier
den Inhalt des Berichtes — (ob ein König, wird nicht
gesagt) hat eine wunderschöne, aber unnahbare Tochter.
Gern weilt auf ihrem Antlitz der Männer Blick. Aber so
schön die Jungfrau ist, so grausam ist sie. Wer es wagt,
sie festen Blickes anzuschauen, mufs der Verhaftung und
baldigen Hinrichtung gewärtig sein. Mancher kennt das
Los, das ihm bevorsteht, und läfst dennoch seinen Blick
auf ihr ruhen. Auf des Vaters Weisung besteigt sie ein
Schiff im Goldschmuck der Braut und fährt über See in
das Land König Offas. Dort wird sie Offas Gattin. Nun
gehen die Berichte auseinander. Die einen behaupten, sie
habe ihr wildes Wesen auch dann noch fortgesetzt, nur
nicht gegen ihren Gatten, dem es schliefslich gelang, ihre
Wildheit zu zügeln. Andere sagen, sobald sie Offas Haus
betreten, sei sie milde geworden*). Sie safs auf Offas
^) Diese zweite Version ist nach Müllenhoff S. 133, 159, Ten Brink
S. 229, 230, Suchier S. 507 die richtige, der alten Sage entsprechende ;
die andere erkläre sich einfach dadurch, dafs die Charakteränderung
der Frau vergessen wurde.
— 5G —
Throne ihr Leben lang. Offa war der beste Mann auf der
Welt, freigebig, tapfer und weise. Sein Vater war (lär-
mmid, sein Sohn Eömor. Offii heifst einmal Hemnings,
Eomor einmal Hemings Verwandter."
Der hier genannte OfFa war ein König der Angeln,
der noch vor der Wanderung dieses Volksstammes nach
Britannien, im 4. Jahrhundert n. Chr., in Schleswig regierte.
Die Sage von ihm wurde dann durch die Angeln in ihrer
neuen Heimat lokalisiert. Der Urenkel von Oifas Enkel
Eomser, Crida, war der erste König von Mercia (585—93).
Wir finden die Sage von prydo nun später, im
12. Jahrhundert, freilich in stark modifizierter Form, an
den Namen der historischen Gemahlin Off'as II. (regierte
757 — 96), Cyneä7'y(t (d. i. virago regia, s. MüUenhoff' a. a. 0.
S. 76), geknüpft in der sagenhaften Vita Offae secundi, die
vermutlich im 12. Jahrhundert, jedenfalls vor ca. 1200 ent-
standen ist; der Verfasser ist unbekannt.
Es wird hier folgendes erzählt^):
Zur Zeit Karls des Grofsen lebte im Lande der
Franken ein Mädchen, schön, aber grausam, eine Verwandte
Karls. Wegen eines schmachvollen Verbrechens (pro qiio-
dam qnod patraverat crimine flagitiosissimo) wird sie in
einem Schiff" ohne Steuer und Segel mit wenig Lebens-
mitteln dem Meere preisgegeben. Bleich und erschöpft
landet sie nach langer Fahrt in Offas Reich; sie wird
zum König geführt und erzählt ihm in ihrer Muttersprache
die Ursache ihrer Verbannung. Sie heifse Drida\ von
Niedriggeborenen sei sie um ihre Hand ersucht worden,
habe aber, um nicht den Adel ihres Geschlechts zu ent-
ehren, dieselben verschmäht. Den Nachstellungen der ab-
gewiesenen Freier sei es gelungen, ihre Aussetzung zu
^) Vitae duorum Offariim S. 9, in Matthaei Parisiensis Opera ed.
W. Wats, Paris 1644.
— 57 —
erwirken (per tyrannidem quonnidam ignobiUum, quorum
nuptias ne degenerai'ct sprevit, tali fuisse discrimini adjii-
dicatam). Oifa vermählte sich nun mit ihr in heimlicher Ehe,
sie heilst nach der Vermählung Quendrida (Entstellung
aus Cyneäryä) d. i. Regina Drida^ und ist nach wie vor
hochfahrend und herrschsüchtig (Mulier avara et subdola,
siiperhiens, eo quod ex stirpe Caroli originem duxerat) ^).
Dieser ganze Bericht scheint sagenhaft. Über Cyne-
dryds Herkunft und die näheren Umstände ihrer Vermäh-
lung mit Oifa ist historisch nichts bekannt-^).
Dafs nun die l>mla der Vita Offae IL keine andere
ist als die ß?^ydo des Beowulfliedes und beide wieder, wie
Suchier und Müllenhoif — bezüglich prydos nach dem
Vorgange Bugges und Grundtvigs — annehmen, identisch
sind mit Saxos Hermuthrud (= an. Eormenßryd), das dürfte
einleuchten. Den beiden ersteren ist gemein: .
1. der Name;
2. die Grausamkeit gegen die Freier;
3. die Vermählung mit Offa (= Offa IL in der Vita
Offae IL; = Offa I. im Beowulfsliede);
4. die auch nach der Vermählung andauernde Wild-
heit ihres Charakters (gemäfs der im Beowulfsliede zuerst
erwähnten Version).
prydo - Drida einerseits und Hermuthrud anderer-
seits aber stimmen überein gleichfalls bezüglich Punkt 1
und 2, denn der Name Hermuthruda „ist schliefslich nichts
anderes als eine Erweiterung des Namens ßrydo: Her-
muthruda w^äre altn. Jormunßrudr , ags. EormenßrycV %
aufserdem haben sie gemein, dafs beide, prydo im Beo-
») A. a. 0. S. 15.
") Die historischen Daten über Ofta II. und Cynedryd stellt zu-
sammen Gough, o. c. S. 59 — 73.
«) Müllenhoflf, a. a. 0. S. 82.
58
wulfsliede und Hermuthrud bei Saxo, als die Stammutter
der englischen Könige erscheinen^).
Die Übertragung der alten prydo-Sage des Beowulf
auf die historische Cynedryd, wie wir sie in der Vüa
Offae IL vollzogen finden, erklärt sich einesteils durch
die Verwechselung Offas I. mit Offa IL, andernteils da-
durch, dafs auch Cynedryd in der Geschichte und ge-
schichtlichen Legende als eigenwillig und herrschsüchtig
erscheint; die Vita Offae IL berichtet in ihrem späteren,
mehr historischen Teil, Quendrida habe die Verheiratung
ihrer Töchter mit ihren einheimischen königlichen Freiern
zu hintertreiben gesucht und sie an Ausländer vermählen
wollen, sie gibt ihr ferner die Schuld, dafs sie König
Äeäelberht von Ostanglien, der gekommen war, sich mit
Offas Tochter Aeäeläryä zu vermählen, treulos habe ent-
haupten Jessen ^). „Die spätere Zeit, bemerkt Müllen-
hoff S. 76, verquickte, veranlafst durch die zweifache
Namensgleichheit oder doch Ähnlichkeit und die anderen
Übereinstimmungen, die Vorstellung von dem mercischen
Offa derartig mit der von dem alten Offa, dafs sich die
alten Sagen schliefslich mehr und mehr auf die histori-
schen Personen des achten Jahrhunderts übertrugen."^)
Olrik freilich, S. 178, verhält sich gegen die Identi-
fizierung prydos mit Hermuthrud ablehnend. Er wendet ein :
1) S. Suchier, a. a. 0. S. 510.
2) S. Gough S. 62, 64. Nach Florence von Worcester und Richard
von Cirencester hätte sie wenigstens Offa zu dem Morde überredet.
^) In seltsamer Weise hat Müllenhoff den lateinischen Text der
Vita mifsverstanden, wenn er S. 78 aus ihr herausliest, Cynedryd habe
sich aus Angst vor dem Zorne ihres Gemahls (wegen Aedelberhts Er-
mordung) und um einer schimpflichen Strafe, nämlich der Ertränkung
im Moore, zu entgehen, in einen Brunnen gestürzt. Vielmehr berichtet
die Vita, Cynedryd sei von ihrem Gemahl in eine Einsiedelei verbannt
worden, hier nach einigen Jahren von Räubern überfallen, ihrer Schätze
beraubt und in einen Brunnen srestürzt worden. S. Vita S. 9.
— 59 —
1. Die Form des Namens weise hin auf Entlehnung
nicht aus dem Englischen, sondern aus dem Deutschen;
das Vorkommen dieses deutschen Namens in einer Dich-
tung des 12. Jahrhunderts sei nicht auffälliger als das
Vorkommen des gleichen oder eines ähnlichen Namens in
nordischen Folkevisern.
2. prydos Grausamkeit werde nur im Beowulfsliede
um 700 geschildert. In der mit Saxo gleichzeitigen Vita
Offne pnmi sei davon keine Rede, vielmehr erscheine Olfas
Gattin hier als die „groJsmütig und unschuldig leidende
Heldin des Mittelalters", und der jüngeren Sage von der
grausamen Königin Cynedryd sei gleichfalls die „freier-
feindliche Jungfrau" völlig fremd, sie kenne nur die „grau-
same Gattin".
Immerhin bezeichnet Olrik es als nicht ausgeschlossen
dafs Suchiers Ansicht doch zutreiFend sei: „Besonders wenn
wir einmal ein Zeugnis finden, dafs Thrydos Freierfeind-
lichkeit noch im späteren Mittelalter bekannt war, wird
diese Sage mit ebenso gutem Rechte wie manche andere
den Ansprucli erheben dürfen, das Vorbild für einen Zug
in der Ermutrud-Novelle abgegeben zu haben."
Nun sind aber Olriks Bedenken gegen die in Rede
stehende Identifikation durchaus ungerechtfertigt. Wenn
Hermuthrud die deutsche Form des Namens ist, so wäre
es doch möglich, dafs die Erzählung Saxo durch eine
deutsche Zwischenstufe zugegangen wäre und dafs diese
die englische Namensform durch die entsprechende deutsche
ersetzt hätte. Was dann Punkt 2 betriff't, so beweist der
Umstand, dafs die Vita Offae I. nichts entsprechendes be-
richtet, natürlich nichts gegen die Identität prydos mit
Hermuthrud und gegen das Fortleben der prydo-Sage im
späteren Mittelalter, da die Sage eben von Offa I. auf
Ofia IL übertragen wurde; in der Vita Off*as I. wird ja
Cynedryd überhaupt nicht erwähnt. Olriks Behauptung
— 60 —
aber, auch die Vita Otfas IL kenne die „freierfeindliche
Jungfrau" nicht, beruht auf einem Versehen; denn, wie
sich aus den obigen Ausfülirungen ergibt, kennt die Vita
das fragliche Motiv ganz unzweifelhaft: wir hören ja doch
ausdrücklich, „sie sei von Niedriggeborenen um ihre Hand
ersucht worden und habe, um keine Mesalliance einzu-
gehen, dieselben verschmäht". Wenn es dann weiter heilst,
sie sei „wegen eines schmachvollen Verbrechens" auf Ver-
anlassung ihrer Bewerber ausgesetzt worden, so kann mit
jener Untat doch kaum etwas anderes gemeint sein als
die Tötung eines oder mehrerer der Freier. Somit ist
das von Olrik geforderte Zeugnis, „dafs prydos Freier-
feindlichkeit noch im späteren Mittelalter bekannt war"
in der Tat vorhanden, und es steht auch von dieser Seite
der Identifikation prydos und Hermuthruds nichts im Wege.
Demnach weist uns auch dieses dritte Motiv der Her-
muthrudnovelle nach England. Aus der Übereinstimmung
des Beowulfsliedes mit Saxo zu schliefsen — wie Suchier tut
— dafs wir es „mit einer uralt germanischen Sage zu tun
haben, welche den Angeln schon vor der Eroberung Bri-
tanniens bekannt war", d. h. aus ihr zu folgern, dafs das
Beowulfslied. und Saxo unabhängig von einander aus
dem gleichen Quell der urgermanischen Sage geschöpft
haben, besteht offenbar gar kein Grund. Nachdem wir
vielmehr schon zwei andere Motive der gleichen Novelle
in eng verwandten Fassungen in Westeuropa oder in Bri-
tannien gefunden haben, liegt es offenbar viel näher, auch
dieses dritte Motiv direkt auf die im Beowulfsliede über-
lieferte englische Sage zurückzuführen. So tut denn auch
Müllenhoif, der a. a. 0. S. 83 es als ausgemacht betrachtet,
„dafs Hermuthrada kein Gebilde der dänischen Sage, son-
dern aus der angelsächsischen Sage entlehnt und erst
nachträglich in die jütische Amlethsage aufgenommen ist".
— wo nur gegen die Bezeichnung der Amlethsage als
— 61 —
einer jütischen Einspruch erhoben werden miifs, insofern,
wie wir sehen werden, vermutlich nicht nur die Hermu-
tlirudsage, sondern die ganze Hamletlisage aus England
entlehnt ist.
Für die prydo-Sage selbst wird mythologische Her-
kunft angenommen. Kemble und Grimm identifizieren die
Heldin mit der nordischen prudr, die in der Edda (im
Grlmnis-mdl 36) als eine der dreizehn Walkyrien genannt
wird. Den Namen leitet man gemeiniglich ab von ags.
^ry(t „Kraft, Stärke" ^), während Grimm ihn mit ahd. trüt
„traut" gleichsetzte. Suchier, und ebenso Ten Brink und
Müllenhoff halten, wie schon bemerkt, die prydo -Episode
für eine jüngere Interpolation. Suchier vennutet, es trete
in der, nach ihm jüngeren Version, wonach prydo ihre
Wildheit auch in der Ehe nicht ablegte, schon Einwirkung
der historischen Cynedryd hervor; während also einerseits
die prydo-Sage später an den Namen Cynedryds geknüpft
wurde, habe andererseits die letztere die prydo-Sage be-
einflufst. Ten Brink a. a. 0. S. 230 lehnt aus chronologischen
Gründen diese Annahme ab (Cynedryd starb vermutlich
nach 796, die letzte Eedaktion des Beowulf aber ist nach
ihm kaum später als 787 entstanden), er verweist in gleichem
Sinne auf die historische Osjmß, die Gemahlin Aedelreds,
die 697 von dem Adel der Südhumbrier erschlagen wurde;
er meint, dieses grauenvolle Verbrechen setze auf Seiten
der Königin eine entsprechende Schuld voraus, und die
Vermutung liege am nächsten, dal's sie sich durch Härte
und Grausamkeit verhafst gemacht habe: „da nun die
Königin Östryd oder genauer Öspryd hiefs, so mochte von
ihr wie von einer zweiten prydo unter den Merciern ge-
redet werden."
Gough S. 77if. bevorzugt die Vermutung Suchiers; er
») So auch Müllenhoff S. 74.
— 62 —
meint, wenn auch eine vollständige Neubearbeitung des
Gedichtes nach 787 nicht wahrscheinlich sei, so könne
doch ein so kurzer Abschnitt, wie der vorliegende, recht
wohl auch später noch interpoliert worden sein. Für wahr-
scheinlicher aber hält er es noch, dafs die Stelle bei Cyne-
dryds Lebzeiten interpoliert wurde; der Interpolator scheine
der Sprecher der unzufriedenen Mercier gewesen zu sein:
„Such hold critidsm of the royal consort, espedally if she
was a foreigner, is not to hc wondered at, considerijig the
independent temper of the old English free-men."
Ich will dies dahingestellt sein lassen, möchte mir
aber doch erlauben, eine Frage aufzuwerfen: Könnte nicht
die Walküre prudr umgekehrt einfach ein Reflex einer
der beiden historischen pryds, der Ospryd oder Cynedryd,
oder beider, die mit einander vermengt wurden, sein?
Wäre diese Annahme nicht natürlicher als die bisher
gültige, wonach eine uralte Sage von einer grausamen
Walküre prydo existiert^ dann, im 7. oder 8. Jahrhundert
eine grausame prydo wirklich gelebt hätte, und nun
einerseits die alte prydo-Sage auf die historische pryd
des 8. Jahrhunderts, auf Cynedryd, andererseits von der
letzteren oder der Ospryd des 7. Jahrhunderts, ein Zug
auf die mythologische prydo übertragen worden wäre?
Tatsächlich fehlt doch jedes Zeugnis für das Vorhandensein
einer prydo-Sage vor Lebzeiten der historischen Cynedryd.
Eine alte Sage von einer grausamen, freierfeindlichen
Jungfrau könnte sich an dem Namen einer historischen
pryd, zu deren notorischen Charakter sie pafste, Ospryd
oder Cynedryd, geheftet haben, und diese könnte dann
später zur Walküre erhoben worden sein. So weit ich
sehe, steht eine solche Annahme mit keiner bekannten
Tatsache im Widerspruch.
Ich gehe nun über zu einem vierten eigenartigen
Motiv der Hermuthrudnovelle, jener Kriegslist, die
— 03 —
Amleth gegen seinen Schwiegervater, den König von
Britannien, am zweiten Schlachttage anwendet: er richtet
die Leichen der Gefallenen auf, stellt sie reihen weis wie
Lebende in Schlachtordnung zusammen und schreckt so
die Feinde vom Angriff ab. Das Motiv begegnet bei Saxo
ein zweites Mal, im IV. Buche, wo es nach Olriks Ansicht
jünger ist. Nachdem hier erzählt ist, wie Fridlev Dublin
einnahm, indem er Schwalben brennende Schwämme an-
binden liefs und so die Stadt in Brand steckte, heifst es,
er habe später in Britannien in einem Kriege seine
Mannen verloren, und da ihm der Rückzug zum Strande
sehr schwer erschien, habe er die Leichen der Erschlagenen
emporgerichtet und sie in Schlachtreihe aufgestellt:
„dadurch erweckte er den Anschein, als ob er noch ebenso
stark wäre, und man mufste glauben, er habe trotz des
schweren Schlages keinen Verlust erlitten. So benahm
er dem Feinde nicht nur die Zuversicht, sich in eine
Schlacht einzulassen, sondern veranlafste ihn auch, die
Flucht zu ergreifen"^).
Auch dieses Motiv stammt nach Olriks Dafürhalten
von den britischen Inseln. Es findet sich sonst in der
nordischen Literatur nicht, wohl aber begegnet es noch
vor Saxo im anglonormannischen Ilavelok, und zwar in
einer Form, die der Erzählung Saxos sehr ähnelt: „Der
dänische Königssohn Havelok, der kürzlich sein väterliches
Reich dem Mörder seines Vaters entrissen hat, zieht mit
seiner Gattin, der englischen Königstochter Argentille,
nach England, um deren Reich ihrem Oheim, König Alsi,
wegzunehmen. Das erste Mal erleiden die Dänen eine
schwere Niederlage, aber Argentille rät Havelok, die
Toten am nächsten Schlachttage aufzustellen und ihnen
Waffen in die Hände zu geben; erschreckt durch die
^) Jantzen S. 1911.
— 64 —
grofse Streitmaclit zieht sich König Alsi zurück." Diese
Sage findet sich zuerst in Geoffroi Gaimars Estone des
Eiigleis, entstanden 1147 — 51; sie umfafst hier ca. 800
Verse, denen eine ältere französische Vorlage zu Grunde
liegt ^); sie findet sich dann später in dem anglo- franzö-
sischen Lai von Havelok, den G. Paris, Litt, fr.- S. 248,
um 1170 ansetzt. Olrik rechnet sie zu den Sagen, „die
sich in der Zeit nach der normannischen Eroberung unter
den Angelsachsen bildeten, wo vertriebene Königssöhne
Heldentaten vollbringen, sich Frauen in fremden Landen
suchen und schliefslich heimkehren, ihres Vaters Tod
rächen und sein Eeich zurückerobern." Er vermutet ein
normannisches Gedicht aus dem Anfange des 12. Jahr-
hunderts als gemeinsame Quelle der Chronik und des
Lais, jedenfalls sei der Ursprung der Sage bei der eng-
lischen Bevölkerung von Lincolnshire zu suchen^).
Wir werden später sehen, dafs diese Ansichten über
den Ursprung der Haveloksage der Modifikation bedürfen.
Hier handelt es sich vorläufig nur um die Herkunft jenes
Motives von den „wiederaufgerichteten Erschlagenen, die
den Sieg entscheiden." Olrik folgert aus seinem Vor-
kommen in der Havelokdichtung, dafs es aus England
stamme. Aber die Herkunft des Motives läfst sich
noch viel genauer bestimmen: es ist nämlich geschicht-
lichen Ursprungs, und zwar liegt ihm, worauf meines
Wissens zuerst Israel Gollancz, Hamlet in Iceland, London
1898, Introd. S. L. aufmerksam gemacht, ein historischer
1) Vgl. Gröber im Grundrifs II, 1, 473.
^) Anders Suchier in S. u, Birch-Hirschfeld, Geschichte d. franx.
Litt., Leipzig und Wien 1900, S. 119, wo er annimmt, der Verfasser
des Lai habe direkt aus Gaimars Chronik geschöpft, und die Sage
sei ausgebildet worden bei den Bretonen, die zahlreich in Yorkshii-e
und Lincolnshire angesiedelt waren. Zu Grunde liege ihr die Er-
zählung von den Schicksalen des norwegischen Königs Olaf Tr3"gg-
vason (995—1000).
— 65 —
Vorgang zu Grunde, der sieh abgespielt hat kurz nach
der, am Karfreitag 1014 geschlagenen, berühmten Schlacht
von Clontarf bei Dublin, welche die Herrschaft der
Wikinger in L'land so schwer erschütterte^). Wir besitzen
über diese Schlacht und die ihr unmittelbar folgenden
Ereignisse einen sehr ausführlichen, 34 Kapitel umfassen-
den Bericht in der irischen Chronik Cogadh Gaedhel Be
Gallaibh (The War of the Gaedhil tvith the Gaill)'^), cap.
LXXXVIII— CXXI»). Die Chronik ist verfafst von einem
Zeitgenossen und Parteigänger des in der genannten
Schlacht gefallenen irischen Königs Brian*). Der Ver-
fasser war entweder selbst Augenzeuge der Schlacht
oder er ist durch Augenzeugen über sie unterrichtet
worden*).
Der* Chronist berichtet, nach der siegreichen Schlacht
habe das irische Heer zunächst zwei Tage auf der Ebene
bei Dublin gerastet, am Ostermontag habe man dann die
^) Die sehr alten Annalen von Boyle berechnen die Zahl der
gefallenen Dänen auf 4000, vgl. Annais of Ireland by the Four Masters
ed. O'Donovan ad a. 1013 (= 1014), I, 777 n. a.
*) D. i. „Die Kriege der Iren mit den Normannen'*.
») Ed. J. H. Todd, London 1867 (Rer. hrit. med. aev. Script.).
*) Brian stand im 73. Lebensjahre. Die Annals of Ireland by
the Four Masters ad a. 1013 nennen ihn „den Augustus von West-
europa", die Ulster - Annalen , ib. S. 780 „den Cäsar von Nordwest-
europa".
^) Vgl. Todd, Introd. S. XXV. Die Zuverlässigkeit der Darstellung
ist sogar auf astronomischem Wege festgestellt worden. Der Chronist
bemerkt nämlich Kap. CVII, die Zeit der Flut sei am Tage der Schlacht,
dem 23. April 1014, früh mit Sonnenaufgang zusammengefallen, und
die Rückkehr der Flut am Abend habe die Niederlage der Dänen
unterstützt, indem sie es ihnen unmöglich machte, ihre Schiffe zu er-
reichen. Auf Veranlassung Todds hat nun Prof. Samuel Haughton
berechnet, dafs am genannten Tage in der Bai von Dublin die Flut
in der Tat morgens 5^ (Sonnenaufgang im April zwischen 5*® und
4^'^), abends aber 5** eingetreten ist.
Zenker, Boeve-Amlethus. 5
— 66 —
Toten beerdigt und die Verwundeten auf Bahren geladen.
Am Abend dieses Tages sei bei Rath Maisten (jetzt Mullagh-
Mast bei Atliy) Streit ausgebrochen zwischen den auf dem
Heimmarsche begriffenen irischen Stämmen derer von Des-
mond unter Cian und den Dal-Cais (spr. Dal-Cash) unter
Donnchadh, dem Sohne des gefallenen Königs Brian. Dem
Stamme der Dal-Cais, Nachkommen eines Königs von
Munster im 3. Jahrhundert, Untertanen des Königs von
Cashel, gehört der Chronist selbst an; sie überragten nach
seiner Darstellung alle übrigen Stämme, „wie ein leuchten-
der Wartturm scheint über allen Lichtern der Erde; wie
ein klarer Quell oder ein sprühendes Feuer den Glanz der
funkelndsten Brillanten übertrifft, wie die helle Sonne die
schönsten Sterne des Firmaments überstrahlt" ^). Er nennt
sie ,,the fine, intelligent, acute, fierce, valoroiis,^ migthy,
royal, gifted, renowned Champions of the Dal Cais^'^). In
der Tat nahmen sie eine bevorzugte Stellung ein: sie waren
von allen Abgaben befreit und hatten das Privilegium,
beim Auszuge zum Kampfe die Vorhut, beim Rückzuge die
Nachhut des Heeres zu bilden. Sie befanden sich denn auch
bei Clontarf im Vordertreffen, nach „einigen Historikern^)
von Munster" zusammen mit den Truppen von Desmond*).
Der Anlafs des Streites der beiden Stämme war dieser:
Nach altem Herkommen sollte die Oberherrschaft über
Munster zwischen den Leuten von Desmond und den Dal-
Cais wechseln. Der Brauch wurde aber nur sehr unregel-
mäfsig inne gehalten und hatte beständig Reibereien zur
1) Kap. XLI, S. 55; Introd. S. C\^IL
2) Kap. CII, S. 179.
^) Nicht Historiker in unserem Sinne; gemeint sind militärische
Persönlichkeiten, die, im Dienst vornehmer Familien stehend („an ofßeer
attached to great fa7nilies^^), im Stamme umher wanderten und von den
Taten der Häuptlinge erzählten, bisweilen sie auch niederschrieben,
s. Todd, Introd. S. CX, n. 5.
*) Kap. XCVl. Die Genealogie der Dal-Cais stellt Todd S. 247 auf.
— 67 —
Folge. Nach dem Tode König Brians, des damaligen Ober-
herni, eines Dal-Cais, machten die Leute von Desmond,
im Vertrauen auf die schweren Verluste, welche die Dal-
Cais in der Schlacht erlitten, energisch ihr Recht geltend.
Sie verlangten die Anerkennung ihrer Oberhoheit über
Munster und forderten von den Dal-Cais Geiseln. Letztere
aber wollten die Ansprüche ihrer Rivalen nicht anerkennen
und erklärten, ihr Anrecht auf Munster mit den Waffen
verteidigen zu wollen.
Die Chronik berichtet nun folgendes^): Kap. CXX.
„Die Leute von Desmond erhoben sich, griffen zu den
Waffen, um den Dal-Cais eine Schlacht zu liefern, und
rückten gegen sie vor. Da sprach der Sohn Brians [Donn-
chadh]: „Bringt die Verwundeten und Kranken alle nacli
Rath Maisten und lafst ein Drittel der Männer bei ihnen
als AVache; wir andern wollen diesen Leuten die Stirn
bieten." Und so geschah es. Als aber die Verwundeten
und Kranken den Befehl vernahmen, erhoben sie sich und
verstopften ihre Wunden mit Moos, ergriffen dann ihre
Schwerter und andere Waffen und verlangten, dafs der
Kampf sofort beginnen sollte. Als aber die Leute von
Desmond sahen, welche Kampflust sowohl die Nicht- Ver-
wundeten als die Verwundeten zeigten, da zögerten sie,
zum Angriff zu schreiten."
Es folgt nun ein Streit zwischen zwei Führern der
Leute von Desmond, deren einer sich weigert, mit den
Seinigen am Kampfe teilzunehmen.
„So ruhte die Fehde zwischen ihnen (denen von Des-
mond und den Dal-Cais) und sie schlugen sich nicht, bis
sie in ihre Heimat gelangten."
Kap. CXXI. „Wir kehren zu den Dal-Cais zurück;
ihre Verwundeten und Kranken wurden wieder verbunden,
Todd, S. 213; vgl. dazu Introd. S. CXCII.
— 68 —
aber Zittern und Schwäche überkam sie, als ihre Erregung^
schwand und die Schlacht nicht geschlagen wurde. Sie
nahmen ihre Verwundeten mit sich nach Ath-I (jetzt Athy)
am Berbha (Barrow), dort wurden die Kranken niedergelegt,
und sie tranken vom Wasser des Flusses und ihre Wunden
wurden gereinigt. Zu dieser Zeit standen Donnchadh Mac
Gillapatraic, König von Osraighe (j. Ossorj^) und die Laighsi
(j. Leix), der Dal-Cais harrend, zu Magh Chloinne Ceallaigh
in Kampfbereitschaft, und sie hatten Kundschafter ausge-
sandt, die sie unterrichten sollten über den Weg, den jene
nahmen, damit sie ihnen eine Schlacht liefern könnten,
denn sie waren unter sich verfeindet, da sein [des Königs
von Ossory] Vater von Brian in Fesseln gelegt und ein
Jahr lang in Gefangenschaft gehalten worden war. Nun
kamen also Brians Sohn und die Dal-Cais in fest ge-
schlossener Schlachtordnung nach Ath-I an den Berbha,
wie oben bemerkt wurde. Als die von Osraighe das sahen,
sandten sie Boten aus, um von Brians Sohn Geiseln zu
fordern, oder, falls ihrer Forderung nicht entsprochen
würde, ihn zum Kampfe herauszufordern. Die Boten kamen
zu Brians Sohne, und, nach ihrer Botschaft befragt, be-
richteten sie, weswegen sie kämen. Da erklärte der Sohn
Brians, es sei kein Wunder, dafs der Sohn Maelmuaidhs
und die Deas-Mumhain [d. i. die Leute von Desmond]
Geiseln und abwechselnde Oberherrschaft von den Dal-
Cais forderten, denn sie seien mit den Dal-Cais blutsver-
wandt; aber sie wunderten sich, dafs Mac Gillapatraic
nach einer Herrschaft strebe, auf die er kein Anrecht
habe. Als die Verwundeten dies hörten, da wuchs
ihre Kraft und ihre Wut so gewaltig, dafs jeder
von ihnen fähig war, in die Schlacht zu ziehen.
Und sie beauftragten den Sohn Brians und die Dal-
Cais, in den nächsten Wald zu gehen und Pfähle
zu holen, gegen die sie sich, in der Schlachtreihe
— 69 —
stehend, anlehnen könnten. Als Mac Gillapatraic und
die Osraighe von dem grofsen Mut der Dal-Cais hörten,
sowol derer, die heil und gesund, als derer, die verwundet
waren, da lehnten sie die Schlacht ab und wichen den
Dal-Cais aus. Und als die Osraighe auf die Schlacht ver-
zichteten, da starben 150 von den Verwundeten, indem
ihre Erregung uachliefs, als es nicht zur Schlacht kam;
sie Avurden dort beerdigt, ausgenommen diejenigen von den
Edlen, die in ihre Heimatsorte geschafft und dort ehren-
voll in den Kirchen in ihren Erbbegräbnissen beigesetzt
wurden; und so kamen sie [sc. die Dal-Cais] schliefslich
nach Cenn Coradh.
Das ist der Krieg der Gaill [Normannen] gegen die
Gaedhil [Iren] und so viel über die Schlacht von Cluain-
Tarbh [Clontarf]."
Damit schliefst die ganze Chronik.
Es springt nun wohl in die Augen, dafs die hier be-
richteten beiden historischen Vorgänge, besonders aber
der letzte, den Ausgangspunkt gebildet haben für die
Sage von den wiederaufgerichteten Toten bei Saxo B. IV
(Amleth und Fridlev) und im Havelok: Schwerverwundete
erheben sich und stehen, gegen Pfähle gelehnt, in der
Schlachtreihe, so das in einem unmittelbar vorausgegangenen
Treffen zusammengeschmolzene Häuflein der Krieger ver-
stärkend; der Feind, erschrocken über die unerwartete
Stärke des Gegners, wagt nicht, zum Angriff zu schreiten
und zieht sich zurück. Nun bricht ein grofser Teil der
Verwundeten infolge der Überanstrengung und der ge-
habten Aufregung tot zusammen').
*) Die stelle lautet vollständig bei Saxo (Jantzen S. 167): „Der
König [von Britannien] zögerte nicht, den eiligst fliehenden Amlethus
zu verfolgen, und beraubte ihn des gröfsten Teils seiner Truppen, so dafs
Amlethus am folgenden Tage, als er zu seiner Rettung einen Vertei-
digungskampfbeginnen wollte, gänzlich an seiner Fähigkeit zum Wider-
— 70 —
In der Sage sind also nur an Stelle der Schwerver-
wundeten Tote getreten, eine Modifikation, die für die
dichtende Phantasie offenbar sehr nahe lag, da ja, wie
wir eben hörten, ein grofser Teil der Verwundeten in der
Tat unmittelbar darauf als Leichen zusammenbrach; aufser-
dem ist in der Sage an Stelle der um einige Tage vor-
ausgehenden Schlacht gegen andere Feinde (die Dänen)
eine unmittelbar vorausgehende, am Tage vorher ge-
schlagene^) Schlacht gegen den gleichen Feind, gegen
den die Kriegslist sich richtet, getreten. Endlich ist die
Geschichte durch die Sage von den Iren auf ihre Gegner,
die Normannen, übertragen worden.
Ein Grund, zu bezweifeln, dals die Erzählung des Co-
gadh Gaedhel in ihrem Kern historisch ist, liegt m. E. in An-
betracht dessen, was oben über den Verfasser der Chronik
stände verzweifelte. Doch um wenigstens scheinbar die Zahl seiner
Truppen zu vermehren, stützte er die Leichen seiner CTefährten
zum Teil auf untergelegte Pfähle, zum Teil lehnte er sie an Steine
in der Nähe an, andere wieder setzte er wie lebend aufs Pferd, ohne
ihnen irgend einen Teil ihrer Rüstung abzunehmen, und stellte sie
reihenweise in vollständiger, keilförmiger Schlachtordnung auf, gleich
als ob sie wirklich kämpfen würden. Der Flügel, der aus den Toten
bestand, war nicht weniger stark als die Schar der Lebenden. Es bot
fürwahr ein schreckliches Bild, wie die Toten zum Kampf herangezogen
und die Verstorbenen zum Fechten gezwungen wurden. Diese List war
für ihren Erfinder nicht umsonst, denn gerade die Gestalten der Toten
boten den Anblick einer gewaltigen Schar, als die Strahlen der Sonne
über sie hinglitten. Denn jene nichtigen Scheinbilder der Gefallenen
füllten die frühere Zahl der Soldaten so gut aus, dafs man glauben
mufste, ihre Menge habe durch das gestrige Gemetzel gar keine Ein-
bufse erlitten. Durch diese Erscheinung erschreckt, ergriffen die
Britannier noch vor der Schlacht die Flucht, besiegt von Toten,
welche sie, als sie noch lebten, selbst überwunden hatten."
^) So aber ev. nur in der Hamletsage. Bei Fridlev wird aus Saxos
Darstellung nicht ersichtlich, ob es sich um ein unmittelbar voraus-
gegangenes, oder um ein schon einige Zeit zurückliegendes TreflFen
handelt.
— 71 —
und seine Beschreibung der Schlacht bemerkt wurde, kaum
vor. Dafs in einem Falle dringender Gefahr Schwerver-
wundete ihre letzten Kräfte zusammenraffen und in die
Schlachtreilie treten, hat an sich doch nichts Unwahr-
scheinliches. Nur der Zug, dafs sie sich gegen Pfähle
lehnen, gehört wohl bereits der Sage an, und wenn der
Vorgang mit geringen Abweichungen zweimal berichtet
wird, so könnte hier bereits epische Verdoppelung vor-
liegen. Das würde aber doch in keiner Weise dartun,
dafs der Vorgang als solcher sagenhaften Ursprungs ist
und sich nicht das eine oder andere Mal — bei dem Zu-
sammenstofs mit den Männern von Desmond oder mit
denen von Osraighe — wirklich zugetragen hat. Und
aufserdem ist es jedenfalls nicht direkt ausgeschlossen,
dafs der Vorgang sich wirklich zweimal abgespielt hat.
Somit darf als feststehend angenommen werden, dafs
dem Motiv von dem „Wiederaufrichten der Erschlagenen"
bei Saxo und im Havelok jener geschichtliche Vorgang
des Jahres 1014 zu Grunde liegt, der sich im Anschlüsse
an die Schlacht von Clontarf bei Dublin abspielte. Das
Motiv stammt demnach aus Irland und zwar in letzter
Linie aus der historisch-epischen Tradition des irischen
Stammes der Dal-Cais über die bekannte Schlacht von
Clontarf Zu diesem Ergebnis stimmt es, dafs die Ge-
schichte sich bei Saxo aufserdem an den Namen Fridlevs,
Königs von Dublin, geknüpft findet, und dafs sie in der
Dichtung zuerst begegnet im Lai von Havelok, der noch
vor 1150 auf Grund älterer Vorlage entstand — insofern
nämlich, wie später ausführlicher darzulegen sein wird,
Havelok identisch ist mit dem irischen Wikingerkönig
Anlaf oder Olaf Cuaran, der wenige Jahrzehnte vor der
Schlacht von Clontarf, 981, starb, von dessen Enkeln einer
zu den Anführern der Dänen in dieser Schlacht gehörte^)
') S. Todd, Inirod. S. CLXXIV.
— 72 —
und dessen Sohn Sitric mit seiner Gattin, einer Tochter
des gegnerischen Königs Brian, die Schlacht von den Wällen
von Dublin aus mit ansah ^).
Demnach setzt sich die Hermuthrudnovelle zusammen
aus Motiven mittelalterlicher Dichtung, die uns alle nach
den britischen Inseln oder doch nach Westeuropa — Frank-
reich oder England — weisen: Dem Motiv des gestohlenen
Briefes und der plötzlichen Liebe der Königstochter liegt
die byzantinische Constantiusnovelle zu Grunde, in der
Form, in der sie in dem französischen Dit des 13. Jahr-
hunderts erscheint. Hamlets Doppelehe begegnet in nächst-
verwandter Fassung in einem aus bretonischer Quelle ge-
schöpften Lai der in England dichtenden Marie de France
und in einem schottischen Märchen, die Gestalt der freier-
feindlichen Hermuthrud findet sich bereits Ende des 8. Jahr-
hunderts im Beowulf, und die Kriegslist Hamlets gegen
den König von Britannien beruht auf einem Ereignis der
irischen Geschichte im Jahre 1014 und wird vor Saxo
schon in dem wesentlich älteren anglonormannischen Lai
*) S. ib. S. CLXXXIIL Heyman in seiner erst während des Druckes
mir zugegangenen Dissertation Studies on the Havclok-tale, Upsala 1903,
bespricht das in Rede stehende Motiv S. 95 — 97, ohne jedoch auf seine
Herkunft einzugehen. Da er GoUancz, Hainiet in Iceland, nicht be-
nutzen konnte, so ist ihm die Erzählung des Cogadh GaedJiel unbekannt
geblieben. Er bemerkt, „das gleiche Motiv in etwas veränderter Fas-
sung" begegne auch im Ogier le Danois (Ende 12. Jahrb.), ferner im
provenzalischen Philomena (13. Jahrb.), sowie in der griechischen,
römischen, spanischen, italienischen Literatur, ja sogar bei den Ur-
einwohnern Centralamerikas ; er verweist auf Raimbert, Ogier U, p. 339
(Bartsch-Horning, p. 147), Nyrop, Heltedigtning, p. 158, 406, 173 n. 2,
Liebrecht, Volkskunde, p. 76 ff., Wolf-Hofmann, Prim. y Flor de Rom.,
11, p. 43 sqq. No. 133. Indessen handelt es sich hier vielmehr um das
ganz verschiedene Motiv, dass Angegriffene aus Holz, Haaren u. dgl.
Puppen herstellen, die von den Angreifern für lebende Gegner
gehalten werden. Es scheint mir durchaus nicht erforderlich, zwischen
diesem Motiv und dem im Havelok und bei Saxo begegnenden irgend
einen Zusammenhanof anzunehmen.
— 73 —
von Havelok erzählt. Andererseits finden sich in der
Hemmt hrudnovelle, wie Olrik hervorhebt, soweit sie in
Eno:U\nd nnd Schottland spielt, spezifisch dänische Züge
nicht. Erst mit Hamlets Rückkehr nach Dänemark treten
solche auf (Jarl Fjaller, jütische Lokalsage von Hamlets
Grab), diese aber sind unwesentlich und können nachträg-
lich eingeführt sein oder auf einer Lokalisierung der Sage
in Dänemark beruhen.
Indes nicht nur die Hermuthrudnovelle, auch die
Hamletsage als Ganzes erweist sich, wie Olrik S. 312
hervorhebt, als naliverwandt mit der zeitgenössischen
Romandichtung in England; hier wie dort begegnen wir
dem „abenteuernden Freier" und dem veracliteten Königs-
sohne, der den Vater rächt und sein Reich zurückgewinnt.
Am nächsten steht Hamlet nach Olrik der oben erwähnte
Havelok: „er ist gleichfalls ein dänischer Königssohn, der
sich nach seines Vaters Tod mit Not nach England rettet,
eine Reihe Abenteuer erlebt, eine Königstochter zur Frau
gewinnt, heimkehrt und das Reich zurückerobert, dann
wieder nach England kommt und sich das Reich seiner
Gattin sichert. Seine verspottete Stellung als Küchenjunge
erinnert uns an Hamlets Aschenbrödeltum. Die wunder-
liche Mischung von Heldentum und Glück, die ihn vor-
wärts bringt, ist gleichfalls ein eigentümlicher gemeinsamer
Zug .... Die nächsten literarischen Verwandten der
Haraletsage finden sich nicht in der jütischen Heide,
sondern jenseits des Westmeeres, und sollten wir ihre
Heimat allein nach dem Kunststil bestimmen, so würden
wir sie zu den anglodänischen Sagen Nordenglands im
12. Jahrhundert rechnen."
Es wird später darzulegen sein, dafs die Hamletsage
aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nur, wie Olrik meint,
mit der Hamletsage nahe verwandt, sondern ursprünglich
direkt mit ihr identisch ist.
— 74 —
Es sprechen aber noch andere Gründe für englischen
Ursprung der ganzen Hamletsage. Wenn, wie Olrik an-
nimmt, die Geschichte von dem Uriasbrief nicht nur im
zweiten, sondern auch im ersten Teil der Sage aus der
Constantiusdichtung geflossen ist^) — und diese Annahme
hat alle Wahrscheinlichkeit für sich — , dann mufs, da
Saxo französische Quellen direkt nicht benutzt hat, das
Motiv ihm offenbar auf dem Umwege über das französisch
sprechende England zugeflossen sein, und auch der erste
Teil der Hamletsage, in dem das Motiv eine wesentliche
Rolle spielt, mufs daher stammen.
Eben zu letzterem Schlüsse nötigt weiterhin die Tat-
sache, dafs die Grundzüge beider Teile der Sage —
Vaterrache und Doppelehe — auch in dem in England
entstandenen Boeve v. Hamtone vereinigt angetrofien w^erden,
insofern danach die beiden Teile schon in der dem BvH
und Saxo gemeinsamen Quelle verbunden \varen und somit
der erste Teil der Sage Saxo eben daher zugeführt worden
sein mufs, woher der zweite, die Hermuthrudnovelle , stammt,
d. i. aus England.
Nun erzählt Saxo einmal von einem Engländer
Lukas, der die Dänen durch seine Vorträge zum Kampfe
angefeuert habe: „Lukas, ein Schreiber des Christoforus,
von britischer Herkunft, der in Buchgelehrsamkeit nur
mäfsig unterrichtet, aber ein vorzüglicher Geschichten-
kenner war-).-' Lukas folgte dem jungen Prinzen Christoph,
^) Einen Zusammenhang zwischen dem Briefmotive im ersten
und im zweiten Teil der Hamletsage nimmt auch an Detter, Zs. f.
deutsch. Altert. 36 (N. F. 24), 4, Er meint aber, das Motiv sei im
zweiten Teil aus dem ersten entlehnt. Dafs dies ausgeschlossen ist,
ergibt sich aus den früheren Ermittelungen über die Herkunft des
Motives: es erscheint danach im zweiten Teil (Königstochter nimmt
dem schlafenden Überbringer den Brief ab) in ursprünglicherer Fas-
sung als im ersten.
2) Ed. Holder, Strafsburg 1886, Kap. XIV, S. 583: , . . Lucas,
einem natürlichen Sohne Waidemars des Grol'seu, auf einem
Heeresziige gegen die esthnischen Piraten im Jahre 1170.
Nach einem unentschiedenen Kampfe mit den Seeräubern
sitzen die Dänen am Abend niedergeschlagen da, während
die Esthen teils ihre Stellung befestigen, teils die Zeit
mit Gesang und Tanz verbringen. Da bannt Lukas, der
Schreiber, mit lauter Stimme die drückende Niederge-
schlagenheit: „Indem er die Grofstaten der Vorzeit er-
zählte, feuerte er unsere Mannen an zur Rache für die
verlorenen Genossen, mit solcher Beredtsamkeit, dafs er
ihren Mil'smut zerstreute und die Tatenlust in ihrer Brust
erweckte; es war unglaublich, welche Stärke unsern Mannen
zuströmte aus der Rede des Ausländers."
Obgleich wir nicht erfahren, dafs Lukas' Erzählungen
auf Saxos Darstellung von Einflui's gewesen seien und auch
nicht genauer angegeben wird, welches ihr Inhalt war, so
betrachtet Olrik doch ihn neben dem Isländer Arnoldus als
Saxos Hauptgewährsmann, und F. Kauffmann, Zs. f. deutsch.
Altert 41 (1897), 138, desgleichen Mogk, Zs. d. Ver. f. VolJcsk 5
(1), 11 2 haben ihm darin beigestimmt. Wie sollten auch die
Erzählungen dieses Mannes, die mit so elementarer Gewalt
die Seelen seiner dänischen Zuhörer ergriffen und sie zu
heldenhafter Tat anfeuerten, nicht Saxos eigenes höchstes
Interesse erregt haben! Auf Lukas führt Olrik alle jene
Geschichten zurück, deren Heimat die britischen Inseln
und Nordfrankreich zu sein scheinen. Er meint, wenn wir
die gegebenen Anhaltspunkte zusammen nähmen, so liefse
sich immerhin eine ziemlich klare Vorstellung von dem
Umfange seines Sagenvorrates gewinnen:
„Die Literatur des 12. Jahrhunderts bringt uns eine
Fülle von Materialien, um die Sagenwelt Englands in
diesem Zeitraum zu beurteilen, in dem die Verschmelzung
Christofori scriba, nacionis Brüannice, literis quidern tenuiter instruc-
tus, sed historiarum scieneia apprime eruditus ..."
— 76 —
der Angelsachsen und der Normannen sich anbahnte. Alle
geistigen Hauptrichtungen treten hervor und greifen um
sich mit solcher Stärke, dafs ein „c/e?-6'", der, wie unser
Lukas, mehr ein romantisches als sprachliches Interesse
hatte, und der in seiner Stellung mit weltlichen Grofsen
umgehen mufste, von keiner von ihnen unberührt bleiben
konnte. Die eine Richtung bildete die europäische Lite-
ratur: gereimte französische Romane und lateinische Prosa-
erzählungen brachten Roman- und Novellenstoff, zu dessen
Strom die byzantinische Literatur einen der stärksten
Beiträge lieferte. Die andere neue Richtung war die
wallisische Heldendichtung, phantastische Bearbeitungen
der seltsamen Überlieferungen der keltischen Stammes-
und Heldensagen. Galfrid von Monmouth mit seiner Hl-
storia Regum Bfitanniae war ihr Bahnbrecher; seine Er-
zählungen von Arthur, Merlin u. s. w. eigneten die Chro-
nisten und Dichter sich mit Eifer zu^). Schliefslich war
da die nationale englische Dichtung, sowie sie sich bildete
während der Zeit der Unterdrückung der Nation, während
sich die Sagen der Vorzeit und neue Romanmotive da-
zwischen tummelten." (S. 310 f.)
Somit hat die Annahme, eine umfangreichere englische
Sage sei Saxo bekannt gewesen, gar nichts Bedenkliches
und es spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür, dafs die
ganze Hamletsage Saxo von Lukas übermittelt wurde, dafs
sie von den britischen Inseln nach Dänemark gelangte.
Wenn Saxos unmittelbare Quelle eine solche in nordischer
Sprache gewesen sein mufs, wie Detter, Zs. f. deutsch.
Altert. 36, 22 auf Grund der bei Saxo vorkommenden, nur
im Nordischen möglichen Wortspiele zeigt, so spricht diese
Tatsache selbstverständlich nicht gegen jene Annahme, da
^) Diese Anschauung, wonach erst Galfrid mit seiner Historia
die Erzählungen von Artus populär gemacht hätte, ist bekanntlich
durch die neuere Forschung- als unhaltbar erwiesen worden.
— 77 —
Lukas sich natürlich in Dänemark der dänischen Sprache
bedienen mufste. Demnach ist die Hamletsage nicht,
wie noch Müllenhoff annahm, eine dänische,
sondern eine britische Sage, was freilich nicht aus-
schliefst, dafs sie auf den britischen Inseln unter den
Nordleuten ausgebildet wurde.
Wir haben nun, wenn Lukas der Vermittler war,
zugleich einen terminus ad quem gewonnen für das Vor-
handensein der gemeinsamen Quelle des BvH und Saxos:
die Zeit gegen 1170, da in letzterem Jahre, wie wir sahen,
Lukas bereits in Dänemark weilte.
Indessen läfst sich auf Grund des Boeve v. Hamtone
mit grofser Wahrscheinlichkeit jener terminus noch viel
weiter zurückschieben, nämlich im Hinblick auf die von
Suchier aufgestellte Identifikation des deutschen Kaisers
Doon im BvH mit dem deutschen Kaiser Otto dem
Grofsen (936 — 73) und die Edgars mit dem mit Otto gleich-
zeitigen angelsächsischen Könige dieses Namens (959 — 75),
eine Identifikation, die, wie wir sahen, einen hohen Grad
von Wahrscheinlichkeit besitzt. Als nämlich beide Fürsten
in unsere Sage eingeführt wurden, mufste olfenbar die
Erinnerung an ihre Gleichzeitigkeit noch im Volke lebendig
sein; dies aber kann, da Otto ein ausländischer Fürst
war, wohl nur für die auf ihren Tod unmittelbar folgenden
Jahrzehnte angenommen werden. Auf eben diesen Zeit-
raum weist hin die Erwägung, dafs es doch schwerlich
als ein Zufall betrachtet werden kann, dafs Ottos erste
Gemahlin tatsächlich eine Engländerin war; diese aber
starb bereits 947. Andrerseits mufste nun aber, als man
Edgar und Otto zu den rein sagenhaften Ereignissen unseres
Epos in Beziehung setzte, olfenbar seit ihrem Tode bereits
eine gewisse Zeit verstrichen sein^). Wir werden damit
*) Man könnte daran denken, den Charakter von Doons Gemahlin,
wie er im Epos erscheint, in gleichem Sinne zu verwerten. Ottos
— 78 —
etwa auf den Anfang des 11. Jahrhunderts, oder wir sagen
vielleicht besser: die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts,
geführt als die Zeit, wo die Namen der beiden Fürsten in
die Dichtung Eingang finden konnten, mochte letztere
nun bereits vorhanden sein oder sich erst bilden, und
wir dürfen ungefähr die Mitte des 11. Jahrhunderts als
spätesten ter minus ad quem für das Vorhandensein der
gemeinsamen Quelle des BvH und Saxos bezeichnen.
Es erhebt sich nun die hochinteressante Frage, deren
Beantwortung wir uns unmöglich entschlagen können:
Welches war der Inhalt jener zu postulierenden ge-
meinsamen Quelle Saxos und des BvH? Sollte es nicht
möglich sein, sie wenigstens teilweise zu rekonstruieren?
Die Stellung dieser Frage macht es erforderlich, weiter
auszuholen und zunächst die neueren Forschungen über
den Ursprung und die Entwickelung der Hamletsage über-
haupt näher ins Auge zu fassen, sowie die sonst bekannten
oder nachweisbaren Versionen der Sage zum Vergleich
heranzuziehen.
Gemahlin Edgitha nämlich genofs wegen ihres frommen Sinnes und
ihrer Wohltätigkeit die allgemeine Verehrung der Zeitgenossen, ihr
Tod wurde vom ganzen Lande tief beklagt, späteren Geschlechtern
wurde sie sogar zur Heiligen, vgl. Köpke - Dümmler , Kaiser Otto der
Grofse, Leipzig 1876, S. 146. Man könnte daraus folgern, das Bild
von Edgithas Persönlichkeit müsse bei ihren Landsleuten bereits voll-
kommen ausgelöscht gewesen sein, als die Dichtung sie zu der Furie
machte, als welche sie im BvH erscheint. Indessen wäre es möglich,
dafs der Charakter von Doons Gemahlin ursprünglich ein anderer
gewesen wäre als in der erhaltenen Version des BvH. Wir werden
später sehen, dafs in anderen Versionen der Hamletsage die Mutter
des Helden im besten Lichte erscheint.
— 79
Die Haiiilctsa^e und die römische ßrutussage.
Bekanntlich hat F. Detter, Die Hamletsage , Zs. f.
deutsch. Ältei't B. 36 (N. F. 24, 1892), S. 1—25 den Nach-
weis zu führen gesucht, dafs die Hamletsage nur eine
Umbildung der römischen Brutussage darstelle, mit der die
Geschichte der Tullia verknüpft wurde. Es ist notwendig,
seine Argumentation zunächst in Kürze darzulegen.
Die Brutussage, wie sie Livius I, 56 ff., Dionys von
Halikarnass, Antiqu. rom. IV, 67 ff., und, teilweise, Valerius
Maximus VIT, 3, 2 sowie Ovid, Fast, ü, 711 ff. überliefern,
hat folgenden Inhalt:
Brutus ist der Sohn des M. Junius und der Tarquinia,
einer Schwester des Tarquinius Superbus. Letzterer läfst
zuerst den Vater, dann auch den älteren Bruder des Brutus
hinrichten, jenen seines Keichtums wegen, diesen, damit er
nicht den Tod des Vaters räche (die Hinrichtung des
Vaters wird bei Livius und Valerius Maximus nicht er-
wähnt). Brutus nun stellt sich, um dem gleichen Schicksal
zu entgehen, blödsinnig und es gelingt ihm, den König zu
täuschen. Dieser zieht alle Güter des Brutus ein und
sorgt nur für seinen täglichen Unterhalt. Als die beiden
Söhne des Königs eine Reise nach Delphi zur Befragung
des Orakels unternehmen, wird ihnen Brutus als Spafs-
macher beigegeben (ludihriiim verlies quarn comes); er reicht
dem Gotte einen hohlen, mit Gold gefüllten Stab als Sinn-
bild seines verhüllten Geistes (per amhages effigiem in-
genü sui; bei Dion. Hai. fehlt 'diese Erklärung, nach
Valerius Maximus hätte er es nicht gewagt, dem Gotte
ein so grofses Geschenk offen zu weihen: quia timebat
ne sibi caeleste numen aperta liberalitate venerari tutum
non esset). Den Prinzen wird der Orakelspruch, derjenige
— 80 —
werde einst zu Rom herrschen, der zuerst seine Mutter
küssen werde. Brutus, in der Antwort einen tieferen Sinn
vermutend, fällt, scheinbar absichtslos, nieder und küfst
die Erde, die gemeinsame Mutter aller. Sie kehren dann
nach Rom zurück. Nachdem Brutus 25 Jahre lang die
Rolle des Blödsinnigen gespielt hat, wirft er die Maske
ab, stöfst den Tarquinius vom Thron und besiegt dessen
Partei in der Schlacht am See Regillus, in der er selbst
fällt. Tarquinius stirbt einige Jahre später.
Die Sage von Tullia, die sich bei Livius einige Kapitel
vorher, Kap. 46, 47, bei Dion. Hai. Kap. XXVIII if. findet,
berichtet folgendes: L. Tarquinius und sein Bruder Aruns
Tarquinius sind mit zwei Schwestern, Töchtern des Servius
Tullius, verheiratet. Tarquinius tötet seine Gattin, —
die Gemahlin des Aruns den Gatten, und beide reichen
sich über die Leichen die Hand zur Ehe. Die intellektuelle
Urheberin des Doppelmordes war Tullia (initium turbandi
omnia a femina ortum est).
Die Übereinstimmungen der Brutussage und der Hamlet-
sage kennzeichnet Detter nun mit folgenden Worten:
„Zunächst fällt auf, dafs in beiden Sagen ein Mensch
sich dumm stellt, um den Nachstellungen seines könig-
lichen Oheims zu entgehen, der ihm bereits den Vater
getötet hat ....
In beiden Sagen wird . . . von der Person, die sich
blödsinnig stellt, auch derselbe nicht minder eigenartige
Zug erzählt, dafs sie Gold, hier in einem, dort in zwei
hohlen Stäben mit sich führt, in beiden Sagen wird dies
mit einer Reise in Verbindung gebracht, welche der feind-
liche Oheim veranlafst, und auf welcher den Helden zwei
Begleiter, die dem Könige nahe stehen, mitgegeben werden.
In beiden Sagen gebraucht der Held den Stab oder die
Stäbe als Symbol, während die Anwesenden seine Handlung
für eine Äufserung des Blödsinns halten. In der Brutus-
— 81 —
sage ist der Stab ein Sinnbild des Brutus, bei Saxo be-
deuten die beiden Stäbe die beiden getöteten Begleiter
des Amlethus, die ja ebensoviel wert sein müssen als das
Sühngeld, das für sie bezahlt wurde."
Aus der Geschichte der TuUia ist nach Detter ent-
lehnt das Motiv, daCs ein Bruder den andern tötet, um
dessen Frau heiraten zu können:
„Da Tarquinius der Oheim des Brutus ist, so konnte
dies leicht zu der Meinung verführen, dafs der ermordete
Vater des Brutus der Bruder des Tarquinius war, nach
dessen Ermordung Tarquinius die Tullia heiratete. So
wurde der Vater des Brutus zum Bruder des Tarquinius
und Tullia zur Mutter des Brutus."
Mit anderen Worten:
Tarquinius tötet, im Einverständnis mit der Tullia
und auf deren Veranlassung, seinen Bruder, dessen Frau
er heiratet, und, aus Habsucht, seinen Schwager, den Vater
des Brutus. Eine Vermengung der beiden Untaten konnte
leicht eintreten. Indem der Bruder und der Schwager
identifiziert wurden, der Schwager durch den Bruder er-
setzt wurde, war die Darstellung der Hamletsage gegeben:
Tarquinius-Fengo tötet aus Habsucht seinen Bruder, den
Vater des Bnitus-Hamlet, und heiratet dann die Frau
des Bruders.
Wenn Detter bemerkt: „Eine solche Fülle von ge-
meinsamen und zudem so eigenartigen Zügen schliefst
jeden Zufall aus, und die einzige Möglichkeit, die hier in
Betracht kommen kann, ist die Entlehnung," so stimme
ich ihm vollkommen bei. Zu den von ihm hervorgehobenen
gemeinsamen Zügen sind überdies noch hinzuzufügen der
weitere, dafs in beiden Sagen der Held später die Rache
vollzieht, Brutus, indem er den Tyrannen vom Thron stöfst,
Amleth, indem er ihn mit eigener Hand tötet, und der
andere, dafs hier wie dort der Held dem Tyrannen in der
Zenker, Boeve-Amletbus. 6
— 82 —
Herrschaft folgt: Brutus wird zum Konsul gewählt, Amleth
zum König.
Ich vermute aufserdem, dal's zu der Brutus- und Tullia-
sage als drittes Element, das sich mit jenen beiden ver-
schmolzen hat, noch hinzugetreten ist die Erzählung von
der Ermordung des Königs Servius Tullius durch Tar-
quinius. Horwendill, Amleths Vater, erscheint bei Saxo als
ein besonders milder und gerechter Eegent, Hamlet nennt
ihn in seiner grofsen Kede B. IV „den mildesten König,
den gerechtesten Vater." Dazu vergleiche man die Charak-
teristik, die Livius I, 48 von Servius Tullius gibt: er habe
so regiert, „ut hono etiam moderatoque regi diffidlis
aemulatio esset," er nennt seine Regierung ein „tarn mite
et tarn moderatum imperium'"'' \ ebenso nennt ihn Dionys.
Halik. IV, 79 „den mildesten der Könige und gröfsten
Wohltäter des Volkes (t6v ejzieiyJoraTov tmv ßaoueov xal
TcMoTü vjuäg ev Jioifjoavm [Rede des Brutus])". Horwendill
ist, wie Tullius, 1. König, 2. ein milder gerechter Regent,
3. der Vorgänger seines Mörders in der Regierung des
Landes — alles Züge, die weder bei Brutus' Vater noch bei
dem Bruder des Tarquinius eine Entsprechung haben würden.
An eine wunderbare zufällige Übereinstimmung zwi-
schen der Hamletsage und der Brutussage, wie sie L. üh-
land^) für möglich hielt, ist nicht zu denken. K. Simrock^
^) Schriften %ur Geschichte d. Dichtung und Sage VII, Leipzig
1868 (Vorlesungen aus den Jahren 1831/32), S. 210. ü. erkennt selbst
die ^wirklich auffallende Ähnlichkeit mit der römischen Sage" an,
meint aber, ein eigentliches Entlehnen der einen Sage aus der andern
sei doch nicht wahrscheinlich: „die Frage fällt mehr jener allgemeinen,
wunderbaren Sagenverwandtschaft zwischen den verschiedensten
Völkern anheim." U. erblickt ein Anzeichen einheimischer Wurzel
der Sage in der Erwähnung von Hamlets Grab in Jütland, sowie
darin, dafs das Triebrad im Hauptteil der Sage die Vaterrache sei —
beides offenbar Argumente ohne jede Beweiskraft.
2) Quellen des Shakespeare M, Bonn 1870, S. 125: „Die Sage
— 83 —
vermutete, aber ohne eingehende Begründung, Urverwandt-
schaft, und ebensolche nimmt neuerdings an, aber nur für
gewisse Grundelemente der Sage, Oliver Elton in
Elton u. York Powell, The first nine books of Saxo Gram-
matieus, London 1894 (Folklore Sociehj B. 33), S. 409^).
Elton bestreitet keineswegs die Beeinflussung der Saxoschen
Hamletsage durch die römische Sage, aber er meint, die
klassischen Elemente, speziell das Motiv von den Gold-
stäben, seien von Saxo selbst eingefügt; er nimmt an, dafs
Saxo nicht nur, wie anerkannt, den Valerius Maximus,
sondern auch den Livius benutzt hat, und hält es sogar
für möglich, dafs ihm die Darstellung des Dion. Hai. in
irgend einer Epitome oder einem lateinischen Zitat vor-
gelegen habe. Er glaubt jedoch, die eigentliche Grundlage
Saxos habe gebildet eine alte nordische Sage, die mit der
Brutussage aus der gleichen gemeineuropäischen Wurzel
entsprungen war, und für die direkte Beeinflussung durcli
die Brutussage nicht angenommen zu werden brauche.
Die der Brutus- und der Hamletsage gemeinsamen
Züge speziflziert Elton folgendermafsen:
1. der Oheim des Helden usurpiei-t die Herrschaft;
2. er verfolgt seine Neffen;
von Amleth ist in die dänische, die von Binitus in die römische Ge-
schichte aufgenommen worden .... Irren wir nicht, so waren beide
Sagen, ehe sie in die (reschichte verflochten wurden, vollkommen gleich ;
die Verbindung mit der Urgeschichte zweier verschiedener Völker
zwang sie, sich ungleichartigen Verhältnissen zu bequemen. Dals
aber beiden CJestaltungen ein altes Volksmärchen zu Grunde lag,
darauf läfst unter anderm auch der goldgefüllte Komellenstab schliefsen,
den Brutus als ein Symbol seines eigenen Geistes und Wesens dem
Orakel darbringt."
^) Olrik S. 163 erwähnt Detters Untersuchung nur nebenbei in
einer Anmerkung, ohne zu ihr Stellung zu nehmen; er bemerkt, er
werde die Frage unter Benutzung eines umfangreicheren Materiales an
anderem Orte untersuchen.
6*
— 84 —
3. er tötet den älteren [in einer anderen, später zu
besprechenden Version der Hamletsage], während
der andere am Leben gelassen wird;
4. der (jüngere) Sohn stellt sich wahnsinnig;
5. er unternimmt eine Reise mit zwei Begleitern;
6. er sinnt auf Rache;
7. er füllt Gold in Stäbe, bzw. einen Stab;
8. er vollbringt die Rache;
9. er übernimmt selbst die Zügel der Regierung.
Keine Analogien haben nach Elton folgende Motive:
1. die Rolle, die bei Saxo die Mutter des Helden
spielt;
2. die Pläne, die geschmiedet werden, um ihn zu ent-
larven;
3. alle seine Listen, um die Anschläge zu vereiteln,
abgesehen von dem Motiv „Gold im Stabe";
4. die Rollen, die die Urbilder der Ophelia und des
Polonius spielen;
5. die Art der Rache;
6. alle seine Abenteuer in England.
Diese Züge leitet nun also Elton teilweise aus einer
Saxo übermittelten nordischen Sage ab, die ihrerseits durch
die klassische Sage noch nicht beeinflufst gewesen zu sein
brauche: ,,There is no need to assume an infiltratio7i of
the classic saga. The motive may have heen ])art of the
general European fund, of tvhich the Latin and Norse
versions 7nay he separate offshoots.'^ Es lasse sich auch
nicht bestimmen, in wie weit Saxo die dänischen und die
isländischen Elemente (der Helgisage, die Elton vorher
vergleicht, und über die später zu handeln ist) schon ver-
einigt vorfand, und wie weit er selbst sie vereinigte: „tve
can only say that a tradition^ connected first with a myth-
ical Norse name, and with Icelandic sagas early and late,
is hy Saxo attached to a prince of Jutland ^ and hears
— 85 —
traces of classical influence; and furthe)\ that Saxo liaddiffer-
rnt versions hefore htm ivhich he siffed."'
Die Vermutung, es möchte der dänische Historiker auch
den Dion. Hai. benutzt haben, gründet Elton auf die lange,
drei Kapitel umfassende Kede, durch die Saxo im Anfang
des 4. Buches Hamlet dem Volke gegenüber seine Tat recht-
fertigen und die Gründe darlegen läfst, die ihn veranlafsten,
die Maske des Blödsinnes anzunehmen; eine ähnliche, noch
längere Rede, die sieben Kapitel füllt, hält nämlich Brutus
nach dem Tode der Lucretia an das römische Volk bei
Dion. Hai. IV, c. 77 — 83, während Livius II, 59 nur in
wenigen Zeilen den Inhalt von Brutus' Eede resümiert, ohne
dabei aber seines verstellten Wahnsinnes überhaupt zu ge-
denken. Elton spricht nur von einer „entfernten Möglichkeit,"
^a possibility, qiiite remote^\ dafs der betreffende Abschnitt
dem Saxo vorgelegen habe. Ich glaube aber, man wird
wolil weiter gehen dürfen. Ob zwar anzunehmen ist, es
habe Dionys in einer lateinischen Epitome dem Saxo selbst
vorgelegen, scheint mir mehr als zweifelhaft, aber dafs
zwischen den beiden Reden irgend ein Zusammenhang be-
steht und die Rede des Helden bei Saxo, wenn nicht direkt
auf Dionys, so doch auf seine Quelle zurückgeht, das halte
ich in Anbetracht der zahlreichen sonstigen Übereinstim-
mungen der beiden Sagen für sehr wahrscheinlich.
Ich setze, um einen unmittelbaren Vergleich zu er-
möglichen, die sich entsprechenden Stellen der beiden Reden
hier in Paralleldruck neben einander:
Brutus bei Dionys IV, 77*:
Hamlet bei Saxo B. IV (Jantzen
S. 156 ff.):
,Ich war von meinem Stiefvater
zum Tode bestimmt, von meiner
„Vielleicht halten mich
einige von Euch, oder viel-
^) Ich zitiere nach der Übersetzung von Schaller in Griech.
Prosaiker in neuen Übersetxungen, hgg. von Tafel, Osiander u. Schwab,
120. Bändchen, Stuttgart 1832.
86 —
Mutter verachtet, von meinen
Freunden bespieen, kläglich ver-
brachte ich meine Jahre, meine
Tage verlebte ich im Jammer,
Zeit meines Lebens war ich un-
sicher und gehetzt von Angst und
Gefahren. Mein ganzes bisheriges
Leben überhaupt habe ich unter
der höchsten Ungunst der Ver-
hältnisse elendiglich zugebracht.
Oft bejammertet ihr mich
unter euch in stillen Klagen
als einen Unsinnigen; es
fehle der Rächer des Vaters,
der denBrudermord sühne . .
nur um meinen Eifer nach
Rache zu verbergen, um
meine Absichten zu ver-
schleiern, habe ich schein-
bar, nicht in Wahrheit, das
Wesen der Stumpfheit an-
genommen; unter dem Scheine
des Blödsinns habe ich mir eine
Hülle für meine Weisheit
gewoben, und vor meinen Augen
liegt, es nun offen da, ob sie
wirksam war, ob sie ihren End-
zweck erreicht hat. Ich bin zu-
frieden, euch als Schiedsrichter
über eine so wichtige Angelegen-
heit zu haben."
mehr die meisten — ich weifs
es wohl — für verrückt; und
ein sinnloser Mann, der von
wichtigen Dingen zu sprechen sich
erkühnt, bedarf, als ein Kranker,
der Ärzte. Wisset daher, jene
allgemeine Meinung, die Ihr
alle von mir, als von einem
Narren hattet, ist falsch und
keines Andern, sondern mein
Werk. Was mich zu leben
nötigte, nicht wie die Natur es
forderte, nicht wie es mir ziemte,
sondern wie es Tarquinius wollte,
und auch mir nützlich schien, war
die Besorgnis für mein Leben.
Tarquinius tödtete, sobald
er das Reich an sich rifs,
meinen Vater, um sein sehr
beträchtliches Vermögen einzu-
ziehen. Auch meinen älteren
Bruder, der des Vaters Tod ge-
rächt haben würde, wenn er nicht
aus dem Wege geräumt wäre, er-
würgte er heimlich und hätte
offenbar auch mich, den meiner
[sie] nächsten Verwandten be-
raubten, nicht geschont, wenn
ich nicht die verstellte Narr-
heit angenommen hätte.
Diese von dem Tyrannen für
Wahrheit gehaltene Verstellung
bewahrte mich vor jener Schick-
sal und rettete mich bis auf diesen
Augenblick. Erst jetzt — denn
die Zeit, die ich wünschte und
erwartete, ist gekommen — lege
ich die schon fünfundzwanzig
Jahre beibehaltene Maske
nieder."
87
„Wer wäre ... so unsinnigf,
Fengos Grausamkeit der Milde
des Horwendillus vorzuziehen ?
Denkt daran, wie wohlwollend
Horwendillus euch begünstigte,
wie gerecht er euch regierte, wie
menschlich er euch geliebt hat.
Denkt daran, wie euch der mil-
deste König, der gerechteste
Vater genommen ward, wie
ein Tyrann an seine Stelle, ein
Brudermörder an seinen Platz
kam, wie euch euer Recht
entrissen, wie alles entweiht,
wie das Vaterland mit Schand-
taten besudelt wurde, wie man
eurem Nacken das Joch auferlegte,
eure freie Unabhängigkeit euch
nahm
Tretet nun selbst * den Staub
des Brudermörders unter eure
Füfse, mifsehrt dessen Asche, der
die Gattin seines erschlage-
nen Bruders schändete, sie
schmählich vergewaltigte , der
seinen Herni verletzte und die
königliche Majestät verräterisch
angriff, der euch die bitterste
Gewaltherrschaft auflud und
euch die Freiheit raubte, der
den Brudermord mit Blutschande
krönte Ich habe die
Schmach des Vaterlandes abge-
waschen ... die Gewaltherrschaft
gestürzt . . Mir verdankt ihi- die
Wohltat, dafs ihr die Freiheit
wiedergewonnen habt, dafs die
Herrschaft dessen, der euch quälte,
gebrochen, das Joch des Unter-
drückers von euch genommen,
„Es ist der Tarquinius, ihr
Bürger! welcher noch vor dem
Antritte der Regierung Aruns,
seinen leiblichen Bruder, weil er
kein Bösewicht sein wollte, durch
Gift aus dem Wege räumte, das
Weib desselben, seiner Gat-
tin Schwester, mit welcher
er, der Götterfeind, nach
wie vor in Ehebruch lebt,
zur Teilhaberin an diesem Ver-
brechen nahm . . . Den Servius
Tullius, den mildesten der
Könige und Euren gröfsten
Wohltäter, schlachtete er öffent-
lich hin und gestattete dem Toten
weder Leichenzug noch gesetzliche
Bestattung.
. . . wie kam er zur Herrschaft?
Durch Waffen und Gewalt und
durch Meutereien schlechter Men-
schen, wie es der Tyrannen Brauch
ist, wider unsern Willen und zu
unserm Ärger ... in Niedrigkeit
herabgedrückt von unserer Gröfse,
in Armut und grofse Dürftigkeit
fielen wir nieder aus dem Besitze
vieler und unzähliger Güter. . . .
hat er Euch nicht Eurer Ge-
setze beraubt? ICr nötigt
Euch,gleich geldgemieteten
Sklaven, entehrende Arbeiten
zu verrichten. Steine zu brechen,
Holz zu fällen, Lasten zu tragen,
in Klüften und Abgründen Euch
abzumühen, ohne Euch auch nur
die geringste Ruhe zu gönnen.
Und wird diesen Mühseligkeiten
ein Ende werden? Wie lange
— 88 —
dafs die Gewalt des Brudermörders ! sollen wir dies dulden und tragen?
erschüttert, das Scepter der Ty- Wann werden wir die väterliche
rannei zertreten ist." Freiheit wiedererhalten?
. . Die Tyrannei ist allen Freun-
den der Freiheit verhafst . . . allen
Menschen ist die Liebe zur Frei-
heit angeboren und den Notleiden-
den jede Gelegenheit zur Änderung
willkommen."
Ich meine, die Übereinstimmungen zwischen den beiden
Eeden sind in hohem Grade auffällig. Es wird später
darauf zurückzukommen sein.
Dafs nun Saxo den Valerius Maximus benutzt hat.
scheint gewifs, da er sich, worauf schon Detter a. a. 0. auf-
merksam macht, bezüglich Hamlets des Ausdrucks ohtusi
Cordts esse bedient, den Valerius Maximus auf Brutus an-
wendet. Ebenso mag ihm Livius vorgelegen haben. Israel
Gollancz, Hamlet in Iceland^ Introd. .S. XXXIY weist
darauf hin, dafs dessen Einflufs sogar in der Kapitel-
einteilung zu Tage zu treten scheine: die Geschichte des
Brutus finde sich in den letzten Kapiteln von Buch I und
den Anfangskapiteln von Buch II; das erstere schlief se
mit des Brutus Ernennung zum Konsul, das andere beginne
mit seiner Anrede an das erregte Volk; insofern die Ge-
schichte Hamlets sich analog finde im Schlufs des III. und
im Anfang des IV. Buches (das mit seiner Eede beginnt),
scheine die Darstellung der des Livius nachgeahmt. Unter
diesen Umständen mag es gerne sein, dafs Saxo aus seinen
lateinischen Quellen auch gewisse Motive entnommen und
in die ihm vorliegende Sage eingefügt hat, wie Elton und
mit ihm Gollancz a. a. 0. annehmen, — eine Möglichkeit,
die Detter nicht in Erwägung gezogen zu haben scheint.
Dagegen läfst sich nun die Ansicht Eltons, die Verwandt-
schaft der dem Saxo vorliegenden nordischen Sage mit
der Brutussage erkläre sich durch Urverwandtschaft, nicht
— 89 —
aufrecht erhalten. Denn, wie in folgendem gezeigt werden
wird, finden ?>ich einige sehr spezielle, bei Saxo fehlende
Züge der Brutussage in anderen, von Saxo unabhängigen
Versionen der Hamletsage, für die eine spätere Einwirkung
der Brutussage nicht angenommen werden kann. Dafs
sich aber solche spezielle Züge durch einen Zeitraum von
mindestens weit über 1000 Jahren in mündlicher Tradition
erhalten haben sollten, darf nach unserer heutigen Kennt-
nis von den Schicksalen mündlich überlieferter Stoffe offen-
bar als so gut wie ausgeschlossen betrachtet werden. Viel-
mehr kann die Verwandtschaft der beiden Sagen nur da-
durch erklärt werden, dafs die Hamletsage eine Umbil-
dung der Brutussage darstellt, in letzter Linie, direkt
oder indirekt, auf diese zurückgeht, wie das Detter an-
nimmt. Geben wir nun freilich die Möglichkeit zu, dafs
Saxo bewufst die ihm vorliegende Sage der Brutussage
angeglichen habe, so geraten damit gerade die beiden
Hauptargumente Detters für seine These ins Wanken: der
verstellte Wahnsinn des Helden und das Motiv von den
Goldstäben, insofern beide Züge ja erst von Saxo aus
seinen antiken Quellen eingeführt worden sein könnten.
Mit Bestimmtheit können ja für die von Saxo reproduzierte
Hamletsage auf Grund unserer bisherigen Untersuchung
nur diejenigen Züge gefordert werden, welche seiner Dar-
stellung mit dem Boeve v. Hamtone gemein sind. Der
letztere aber kennt gerade jene beiden Motive nicht. In-
dessen begegnet wenigstens das erste derselben, der ver-
stellte Wahnsinn des Helden, in anderen, später zu be-
sprechenden, von Saxo ganz unabhängigen nordischen Ver-
sionen der Hamletsage, es kann also nicht erst von Saxo
aus Livius entlehnt sein, und was das andere Motiv, das
„Goldstabmotiv" betrifft, so spricht, wie später gezeigt
werden wird, immerhin eine gewisse Wahrscheinlichkeit
dafür, dafs ein Reflex von ihm in zwei anderen nordischen
— 90 —
Versionen unserer Sage vorhanden ist; aufserdem aber
enthalten jene Versionen noch andere, bei Saxo fehlende
Übereinstimmungen mit der Brutussage, und diese, zusammen-
genommen mit jenem ersten auch bei Saxo vorhandenen
wichtigen Motive nötigen unbedingt, schon für die gemein-
same Quelle der verschiedenen Versionen einen Zusammen-
hang mit der Brutussage anzunehmen. Detters These
bleibt also unerschüttert.
Soviel über das Verhältnis der Saxoschen Hamletsage
zu der römischen Brutussage. Unser Ergebnis ist also
folgendes: Ein Zusammenhang zwischen der Hamletsage
und der Brutussage mufs im Hinblick auf die vorhandenen
zahlreichen Übereinstimmungen notwendig angenommen
werden. Dieser Zusammenhang kann freilich in einzelnen
Punkten auf einer Benutzung der römischen Autoren durch
Saxo beruhen, der die Ähnlichkeit der Hamletsage und der
Brutussage erkannt hatte; denn es steht fest, dafs Saxo
den Valerius Maximus benutzt hat. Trotzdem mufs die
von Saxo überlieferte Sage selbst aus der Brutussage her-
vorgegangen sein, da die zu letzterer stimmenden Motive,
die nach dem Zeugnis des Boeve v. Hamtone in ihr vor-
handen waren, zusammengenommen mit den Motiven der
römischen Sage, welche sich in anderen Versionen der
Hamletsage finden, eine so enge Verwandtschaft der ge-
meinsamen Quelle dieser Versionen mit der Brutussage
dartun, dafs wir mit Notwendigkeit zu der Annahme ge-
drängt werden, es sei die jüngere Sage aus der älteren
hervorgegangen.
Nun liegt freilich, das wird die fernere Untersuchung
zeigen, die Sache nicht so — wie es Detters Meinung ist — ,
dafs die Hamletsage direkt aus der Brutussage hervor-
gegangen wäre, vielmehr ist eine ihrerseits auf der Brutus-
sage beruhende viel jüngere, nichtrömische Sage die nächste
Quelle der nordischen Sage gewesen, und da in dieser
— 91 —
Zwischenstufe die Namen bereits geändert waren, so kann
auch von einer Vermischung der TuUiasage mit der Brutus-
sage, welche Detter vermutet, — und ebensowenig von
einer Vermischung der Serviussage mit ihi' — nicht eigent-
lich gesprochen werden, insofern die Vermengung in der
Zwischenstufe noch nicht vollzogen war. Indessen ändert
das saclilich an den Aufstellungen Detters insofern nichts,
als darum eben doch die römische Sage die entferntere
Quelle der nordischen bleibt und insofern der Reflex der
TuUiasage wie der Servius-Tulliussage, soweit sie hier für
uns in Betracht kommt, in jener Zwischenstufe vorhanden
gewesen zu sein scheint, so dafs denn also zwar nicht eine
Vermengung der TuUiasage und der Serviussage mit der
Brutussage, wohl aber eine Vermengung des Reflexes
der TuUiasage und der Serviussage mit dem Reflex der
Brutussage stattgefunden hat. Alles Nähere mufs späterer
Erörterung vorbehalten bleiben.
Ich gehe nunmehr über zu der Betrachtung jener
schon erwähnten anderen Versionen der Hamletsage, und
zwar bespreche ich zunächst die Haveloksage, die, wie schon
bemerkt wurde, nicht nur der Hamletsage ähnelt, sondern
offenbar direkt mit ihr aus der gleichen Wurzel ent-
sprungen ist.
Die Haveloksage.
Die Haveloksage liegt bekanntlich in drei Fassungen
vor: in zwei französischen Fassungen, deren eine sich
findet in Geörei Gaimars Estorie des Engles (verf 1147-51)^),
V. 41-818, und deren andere repräsentirt wird durch den
*) Hgg. von Hardy und Martin, London 1888 (Rer. brit. med.
aev. Script.).
— 92 —
französischen Lai cVHavelok le Dariois^), sowie den eng-
lischen Laif of Havelok the Dane (entst. etwa 1280-90)-).
Die englische Fassung ist von den beiden französischen
Versionen unabhängig. Bezüglich des Verhältnisses der
letzteren sind die Ansichten geteilt. Nach Kupferschmidt,
Die Haveloksage hei Gaimar und ihr Verhältnis xum Lai
d' Havelok, Böhmers Rom. Stud. 4 (1879-80), 411 ff,, sind die
Erzählung Gaimars und der französische Lai aus der
gleichen, danach vor 1150 vorhandenen Quelle, einer fran-
zösischen Eomanze in 8 -silbigen Reimpaaren geflossen;
G. Paris hat dem zugestimmt, ebenso Skeat, und auch mir
scheinen seine Ausführungen durchaus plausibel. Dagegen
betrachten Suchier, Gesch. d. franz. Lit. S. 119, und ebenso
Gollancz Gaimar als die Quelle des Lai^.
Der Inhalt des anglonormannischen Lais, von dem
sich die Darstellung Gaimars nur in für uns unwesent-
lichen Punkten unterscheidet, ist dieser:
Havelok ist der Sohn des Königs Gunter von Däne-
mark. Sein Vater wird von König Arthur besiegt, von
Hodulf durch Verrat getötet, und letzterer wird von Artur
zu dessen Nachfolger eingesetzt. Havelok mit seiner Mutter
lebt nun unter Obhut des getreuen Grim auf einem Schlofs
am Meere. Dem Knaben schlägt im Schlafe stets eine
Flamme aus dem Munde, solche Hitze hat er im Leibe.
Aus Furcht vor Nachstellungen flüchtet Grim mit Havelok,
dessen Mutter, seiner eigenen Frau und seinen Kindern
^) Hgg. von F. Michel, Paris 1833, und später in der, Anm. 1
genannten Ausgabe Gaimars I, S. 190 — 319.
2) Zuletzt hgg. von F. Holthausen, Havelok, London 1901 (OM
and Middle English Texts, ed. Morsbach und Holthausen, vol. I) und
von W. W. Skeat, Oxford 1902.
^) Die schon oben S. 72, Anm. 1 erwähnte Dissertation von
Harald E. Heyman, Studies on the Havelok-Tale, Upsala 1903 (154 S.),
kann ich nur noch anmerkungsweise benutzen. Auch Heyman schliefst
sich Kupferschmidt an.
— 93 —
übers Meer. Sie werden von Seeräubern überfallen, die
alle töten, nur Grira, seine Frau, seine drei Kinder und
Havelok werden verschont. Sie landen in der Gegend des
späteren Grimsby, wo Grim sich und die Seinigen durch
Fischen ernährt; Havelok wächst auf als sein Sohn. Grim
legt ihm der Sicherheit wegen einen anderen Namen bei, —
welchen, wird nicht gesagt. Nach einiger Zeit schickt er
ihn mit seinen beiden Söhnen, die Havelok für seine Brüder
hält, nach P^ngland, damit er am Hofe eines mächtigen
Königs Dienst suche. Sie kommen nach Lincoln, wo König
Ähi (Gaimar: Edelsi) herrscht, der von Herkunft ein Bre-
tone ist. An seinem Hofe lebt seine Nichte, die Doppel-
waise Argentüle, Tochter des Königs Ekenhight (Gaim. :
Ädelbrit^ ein Däne) von Surrey. Alsi macht Havelok zum
Küchenjungen; wegen seiner Gutmütigkeit und Freigebig-
keit halten ihn die Diener und Knappen für einen Narren,
sie machen sich über ihn lustig und nennen ihn mit breto-
nischem Namen Ciiaran d. i. quv<tron^ Küchenjunge:
V. 255 : pur la franchise qil out
entre eus le tenoient pur sot;
de lui fesoient lur deduft,
Cuaran lappelloient tuit;
car ceo tenoient li Breton
eti lur language quistron.
Havelok besitzt gewaltige Körperkräfte und zeigt sich
bei Waffenspielen allen Rittern und Knappen überlegen.
Deshalb gibt Alsi ihm Argentille zur Frau, denn er hat
ihrem Vater vor seinem Tode schwören müssen, dafs er
sie mit dem stärksten Manne in seinem Lande verheiraten
wolle; zugleich aber beabsichtigt er, sie durch diese schimpf-
liche Heirat ihres Erbes zu berauben. In der Hochzeits-
nacht hat Argentille einen ängstlichen Traum und sieht
mit Schrecken, dafs Feuer aus Haveloks Munde schlägt.
Sie befragt nun einen Eremiten, der ihr erklärt, ihr Mann
— 94 —
•
sei königlicher Abstammung, sie solle mit ihm in seine
Heimat ziehen. Beide begeben sich daraufliin nach Grimsby,
wo Havelok von der allein noch lebenden Tochter seines
Pflegevaters, KelloJc, erfährt, dafs er der Sohn des Königs
von Dänemark sei und die Dänen seine Rückkunft wünschten,
da sich der jetzige König verhafst gemacht habe; ein
Seneschall des Landes, Sigar, führe beständig gegen ihn
Krieg, zu ihm möge sich Havelok begeben. Havelok be-
folgt den Eat, Sigar erkennt ihn als den rechtmäfsigen
Erben daran, dafs ihm Feuer aus dem Munde schlägt und
dafs er im Stande ist, ein Hörn zu blasen, dem nur der
rechtmäfsige Erbe des Königreiches Töne zu entlocken
vermag. Alle huldigen ihm nun; er fordert Hodulf zum
Zweikampfe heraus, tötet ihn und besteigt den Thron.
Nach vier Jahren kehrt er mit Argentille nach Eng-
land zurück, in der Absicht, von deren väterlichem Reiche,
das ihr König Alsi widerrechtlich vorenthält, mit Gewalt
Besitz zu ergreifen. Es wird eine Schlacht geschlagen,
die unentschieden bleibt. Da Havelok viele von seinen
Leuten verloren hat, so würde er den Rückzug angetreten
haben, hätte ihm nicht seine Frau eine List eingegeben:
während der Nacht werden die Leichen der Gefallenen,
auf Pfähle gesteckt, zwischen den Lebenden aufgerichtet.
Als die Leute Alsis am nächsten Morgen der grofsen Zahl
ihrer Gegner ansichtig werden, verlieren sie den Mut und
bereden den König, Frieden zu schliefsen. Dieser über-
läfst nun Argentille ihr väterliches Erbe, und als er bald
nachher stirbt, da erbt Havelok auch Alsis Reich, Lincoln
und Lindesie. Ruhmvoll regiert er noch 20 Jahre.
Dieser Sage sind mit der Hamletsage folgende Grund-
züge gemein: Ein dänischer Königssohn, dessen Vater
durch Verrat getötet worden, und der durch den Mörder
seines Erbes beraubt ist, wächst, um den Nachstellungen
— 95 —
des Usurpators zu entgehen, in Niedrigkeit auf. Er kommt
an den Hof eines fremden Königs in England; er gilt als
NaiT und man macht sich über ihn lustig; er heiratet
die Tochter, bezw. Pflegetochter jenes Königs. Er kehrt
nach Dänemark zurück, tötet mit eigener Hand den Usur-
pator und besteigt den Thron. Er begibt sich dann wieder
nach England und schlägt, begleitet von seiner Frau —
bei Saxo seiner zweiten Frau, Hermuthruda^) — eine Schlacht
gegen den Vater seiner Frau — der ersten bei Saxo — ,
bezw. deren Pflegevater; am ersten Tage verliert er viele
von seinen Leuten, trotzdem erringt er am zweiten Tage
den Sieg durch eine Kriegslist, indem er die Leichen der
Gefallenen, auf Pfähle gestützt, in Schlachtordnung auf-
stellt: erschrocken über seine unerwartete Stärke ergreift
der Feind die Flucht.
Diese Übereinstimmungen sind in der Hauptsache,
doch nicht ganz vollständig, bereits hervorgehoben worden
von H. L. D. Ward in einer Besprechung von Eltons Über-
setzung des Saxo Grammaticus, Engl. Hist. Review X (1895),
146 f.; Ward weist andererseits auch noch darauf hin, dafs
Havelok sowohl als Hamlet aufwachsen am Hofe eines
„Oheims, der als Usurpator auftritt", nur sei im Havelok
dieser Oheim nicht sein eigener, sondern der seiner Frau.
Zu den Übereinstimmungen zwischen dem Havelok
und der Saxoschen Hamletsage kommen nun noch solche
hinzu mit dem Boeve von Hamtone, der, wie wir erkannt
haben, aus der gleichen Quelle wie jene abgeleitet werden
mufs; nämlich: dem Pflegevater Haveloks, Grim, entspricht
im BvH Boeves Erzieher Sabot, dessen Name überdies
an den seiner Pflegemutter im Havelok, Saburc, erinnert;
wie Grim den Havelok, so rettet Sabot den Boeve vom
*) Eventuell auch seiner ersten, doch geschieht nur der zweiten
noch Erwähnung.
— 96 —
Tode, wie jener, so flüclitet Sabot seinen Schützling übers
Meer. Wie Havelok, so zeichnet Boeve sich am Hofe des
überseeischen Königs, an den er gelangt, durch seine
Körperkraft vor allen aus, sodafs kein Eitter mehr mit
ihm zu turnieren wagt:
Lai d'Haveloc:
V. 265 Deumit eus liuter le fesoient
[sc. li chevaler]
as plus forz iiomes quil sauoient,
et il trestouz les ahatit.
Boeve v. Hamtone:
V. 418 En la court ne out chevaler si hardis
ke a li oseit iurner, taunt fut il fords.
Wie im Lai der Seneschall Sigar, so führt im BvH
der getreue Sabot in Abwesenheit des Jünglings von seinem
Schlosse aus gegen den Usurpator Krieg und nimmt den
Zurückgekehrten bei sich auf. Wie Havelok, so mifst sich
Boeve mit dem Usurpator im Einzelkampfe, der nur nicht,
wie im Lai, mit dem Tode des letzteren endet, sondern
unentschieden bleibt.
Bevor wir nun die Frage beantworten, wie alle diese
Übereinstimmungen der Haveloksage mit den beiden bis
jetzt besprochenen Fassungen der Hamletsage, der Dar-
stellung Saxos und dem BvH, zu erklären seien, ist es
erforderlich, darzulegen, was bisher über den Ursprung
der Haveloksage und die in ihr enthaltenen historischen
Elemente ermittelt wurde.
Der oben genannte Ward hat in einer Abhandlung
über die Haveloksage^) — ob als erster, weifs ich nicht —
hingewiesen auf die Berührungspunkte dieser Sage mit der
^) Catalogue of Eomances in the Department of Matiuscripts in
the British Museum, v. I, 1883, S. 423ff.
— 97 —
römischen Sage von Servius Tullius, die sich bei Livius I,
cap. 39 ff. und bei Dionys von Halikarnass IV, c. 1 ff. (Waid
erwähnt nur Livius) findet. Die Berührungspunkte der
beiden Sagen sind aber noch zahlreicher als Ward meint.
Die Servius -Tulliussage, soweit sie hier für uns von
Interesse ist, hat folgenden Inhalt:
Bei der Einnahme der latinischen Stadt Corniculum
durch Tnrquinius Friscus wird das Oberhaupt der Stadt,
Tullius, im Kampfe getötet, seine Gattin Ocrista (der Name
wird von Livius nicht erwähnt) wird als Sklavin nach Rom
geführt und gebiert im Hause der Königin Tanaquü einen
Sohn, den sie Servius Tullius nennt, weil er als Sklave
zur Welt gekommen ist. Der Knabe wächst in Niedrigkeit
(humili cultu) auf. Als er eines Tages um die Mittagszeit
in der Vorhalle eingeschlafen ist, sehen seine Mutter und
die Königin zu ihrem Erstaunen, dafs von seinem Haupte
eine Flamme emporschlägt {cajntt arsisse — tivq duiüaf/ipsv
im zijg xecpalrjg avrov . . . q)Xb^ öXrjv avrov xaraXd^Tiovoa Tr]v
xe(paX7]v). Die Königin schliefst aus diesem Wunder, dafs
der Knabe zu Grofsem bestimmt sei und dereinst eine
Stütze des königlichen Hauses werden solle. Man läfst
ihm nunmehr, wie einem eigenen Kinde, die beste Erziehung
angedeihen. Noch ein Jüngling, zeichnet er sich im ersten
Kriege gegen die Tyrrhenier unter den Rittern vor allen
aus und gewinnt den Preis der Tapferkeit. In einem
zweiten Kriege gegen das nämliche Volk kann ihn der
König abermals mit dem Kranze des Siegers schmücken.
Auch in allen späteren Kriegen und Schlachten tut er als
Anführer der Ritter oder des Fufsvolkes es allen andern
zuvor und wird als erster bekränzt. Aber auch an politi-
scher Einsicht und an Klugheit kann sich keiner mit ihm
messen. Der König gewinnt ihn deshalb sehr lieb, er gibt
ihm, da keiner der jungen Römer auf irgend einem Gebiete
Zenker, BoeTe-Amlethns. 7
— 98 —
ihm die Wage halten kann, seine Tochter zur Frau^) und
überläfst ihm die Regiemngsgeschäfte, soweit er ihnen
selbst nicht mehr vorkommen kann. Die Söhne des Ancus
Martins führen Klage darüber, dafs der Sohn einer Sklavin
(serva natns) in Eom regiere. Nach der Ermordung des
Tarquinius besteigt Servius den Thron.
Wir haben hier also wie im Havelok die ominöse
Flamme, die vom Haupte des Knaben ausgeht und dahin
gedeutet wird, dafs er zu Grofsem bestimmt sei; wenn sie
im Havelok ihm aus dem Munde schlägt, in der römischen
Sage aber auf dem Haupte spielt, so ist das offenbar
irrelevant (1). Wir haben den Knaben vornehmer Abkunft,
der als Knecht, in Niedrigkeit, im Hause des Königs auf-
wächst (2) und trotzdem die Tochter des Königs zur Frau
erhält (3); wir haben die Grofsen, die sich der Erhöhung
des Knechtes widersetzen: Als der König seinen Baronen
mitgeteilt hat, dafs er Argentille dem Havelok zur Frau
geben wiU, heifst es:
873 Entre eus dient en wpert,
qe ceo nert ia ;par eus suffert (4).
Dies sind die Momente, auf die schon Ward a. a. 0.
aufmerksam gemacht hat. Dazu kommen aber noch die
folgenden weiteren:
Der Vater des Servius Tullius ist, wie der Haveloks,
im Kriege getötet und der Sohn so seines Erbes beraubt
worden (5); beide wachsen in der Fremde auf (6); beide
erhalten die Königstochter deshalb zur Frau, weil sie
allen anderen überlegen sind (7).
Offenbar kann bei diesen Übereinstimmungen, unter
^) Livius I, 39: . . nee, cum quaereretur gener Tarquinio, qwis-
quam Rommiae iuventutis ulla arte conferri potuit, fUiamque ei suam
rex despondit. Von den Kriegstaten des Servius Tullius berichtet
in Dionys, dessen Darstellung überhaupt bei weitem ausführlicher ist.
— 99 —
denen die von dem Haupte des Helden ausgehende Flamme
bei weitem die markanteste ist, nicht an Zufall gedacht
werden. Vielmehr beweisen dieselben, dafs einige der
wesentlichsten Momente der Haveloksage aus der
römischen Sage von Servius Tullius stammen.
Es sind nun des weiteren die historischen Elemente
der Haveloksage ins Auge zu fassen.
Die Untersuchungen von Köster^), Storm-) und Ward^)
haben dargetan, dafs der Held des Lais, Haveloh Culiermij
bis zu einem gewissen Grade identisch ist mit dem be-
rühmten Wikingerkönig Okif oder Anlaf Guar an, der bei
Brunanburh, 937, und später bei Tara, 980, besiegt wurde.
Olaf oder Anlaf (nord. Olafr, aus älterem Anleifr), irisch
Ämlaibh*), mit dem Beinamen Ouaran, d. i. Olaf mit der
Sandale (ir. cuardn, wälsch curan, ,,ocrea, cothumns^^y s. W.
Stokes in Revue celtique 3, 189) war der Sohn des Sihtric
Gale% eines Wikingerhäuptlings aus dem Hause Ivar, der
888 nach Dublin kam, eine Zeit lang König von Dublin
war und 925 als König von Nordhumbrien starb. Sihtric
heiratete ein Jahr vor seinem Tode die Schwester König
Äthelstans von Wessex (f 940), des Enkels Alfreds des
Grofsen, Olaf war der Sohn einer anderen Gattin Sihtrics.
Äthelstan strebte danach, ganz England in seine Gewalt
zu bringen. Er vertrieb deshalb Sihtrics Bruder Godfrid,
dessen Sohn Olaf und seinen Neffen Olaf Cuaran aus Nord-
*) Sagnet ont Havelok Danske, Kopenhagen 1868.
*) Havelok the Dane and the Norse King Olaf Kuara7i in Chri-
stianm Videnskabsselskabs Forhandlinger 1879, no. 10; wieder abge-
druckt in Englische Studien 3 (1880), 533—35.
*) Caial. of Rom. a. a. 0.
**) Stokes, Bcxxenbergers Beiträge 18, S. 57 belegt folgende kel-
tische Formen des Namens: Amhlaeibh. Amlaim. Amlaiph. Amhlaigh.
Amlaihh. Amhlaim. Amldib. Alaib.
**) Die Genealogie der Familie s. bei Todd, Cogadh Gaedhel S. 278.
— 100 —
huinbrien. Der letztere flüchtete sich an den Hof König
Constantins III. von Schottland, dessen Tochter er heiratete.
933 fiel Äthelstan in Schottland ein und plünderte zu
Lande und zur See; Constantin sah sich genötigt, Frieden
zu schliefsen und seinen Sohn als Geilsel zu stellen. 937
bildete sich eine mächtige Koalition britischer und dänischer
Häuptlinge gegen Äthelstan, an deren Spitze Constantin
und Olaf standen; indessen errang Äthelstan bei Brunan-
burh im Jahre 937 oder 938 einen entscheidenden Sieg über
die Verbündeten. Olaf flüchtete vermutlich zunächst nach
Irland; 941 wurde er zum König gewählt in seinem väter-
lichen Reiche Nordhumbrien, mit dem er das nordöstliche
Mercien vereinigte: nach Simeon von Durham war Äthel-
stans Nachfolger Eadmund gezwungen, mit ihm einen Ver-
trag zu schliefsen, durch den das ganze Eeich zwischen
ihnen geteilt wurde: ihm selbst fiel der Süden, Olaf der
Norden zu. 943 empfing Olaf die Taufe, König Eadmund
stand bei ihm Pate. Aber bereits im nächsten Jahre
ergriff Eadmund Besitz von Nordhumbrien und verjagte
Olaf, der sich nun wieder nach Irland begab und hier 945
König von Dublin wurde. 948 erscheint er wieder in
Nordhumbrien, von wo er 952 wieder vertrieben wurde
und 953 nach Irland zurückkehrte. Hier ist er seitdem
in unablässige Fehden verwickelt. 980 wird er in der
Schlacht von Tara von Malachy II. geschlagen, der noch
im selben Jahre König von Irland wird. Nun zieht Olaf
sich als Mönch in das Kloster von lona zurück, wo er im
folgenden Jahre stirbt. Sein Sohn Sitric folgt ihm als
König von Dublin, seine Gattin Gormflaith aber — die mit
seiner ersten Gattin, der Tochter Constantins, nicht iden- <
tisch ist — heiratet den Sieger von Tara, Malachy IL
Gormflaith ist die Korralöd der Njalssaga, in der sie als
„die schönste der Frauen", aber von bösartigem Charakter
erscheint: „sie tat allen Übles, über die sie Gewalt hatte."
— 101 —
Sie wurde später von Malachy verstofsen und ebenso von
ihrem dritten Gemahl, Brian ^).
Die ii-ische Form von Olaf, Anlaf ist, wie schon be-
merkt, Ämlaibh, gesprochen Ätvlay, die welsche Äbloyc oder
Abloec (h hier = v) -). Der Name Äbloyc Cuaran ist also
vollkommen identisch mit IlaveloJc Cuhermiy wie denn das
alte Grimsby- Siegel, Sigillum Communitatis Grimebye,
(zweite Hälfte 13. Jahrhunderts), das Grim zwischen „Golde-
burgh" und Havelok darstellt, den Namen in der Form
„Habloc'' bietet '^). Freilich bedeutet der Beiname Cuaran
nicht, wie es im Lai heifst, im Welschen „Küchenjunge",
vielmehr ist das Wort, wie schon oben bemerkt, irisch und
heilst „Sandale"; aber es gibt, wie Skeat in seiner Aus-
gabe des englischen Lai bemerkt, im Britischen Worte
der gleichen Wurzel, welche dazu verführen konnten, dem
Worte jene Bedeutung beizulegen. Skeat, und mit ihm
Storm nehmen an, dafs eben diese falsche Übersetzung
des Namens die Entstehung der Geschichte von seinem
Leben als Küchenjunge veranlafste.
Nach dem Gesagten zeigt die Geschichte Olaf Cuarans
bemerkenswerte Analogien mit der Havelok Cuherans.
Auch Olaf ist ein dänischer Königssohn, der aus seinem
väterlichen Reiche ungerechterweise vertrieben wird, sich
an den Hof eines britischen (des schottischen) Königs
begibt und dessen Tochter heiratet, später aber in sein
väterliches Reich (Nordhumbrien) zurückkehrt und den
Thion besteigt.
') Über Olafs Schicksale handelt ausführlich Todd, Cogadh Oae-
dfiel, S. 280 ff.; s. ferner GoUancz, Hamlet in Iceland, S. XLV, Zimmer,
Kelt. Beitr. DI in Zeitschr. f. deutsch. Altert. 1891, S. 66 und Storm,
Engl. Stud. 3, 534. über Gormflaith vgl. Todd a. a. 0. S. CXLVni n. 3.
*) S. über den Namen jetzt noch Genaueres bei Heyman, a. a. 0.
S. 70 f.
') S. Ward, op. cit. S. 442, und die Abbildung des Siegels bei
Skeat, Havelok^y Frontispiz.
— 102 —
Mit diesem Olaf Ciiaran ist durch die Sage ein jüngerer
Olaf, der bekannte Olaf Tnjggvason, König von Norwegen
von 995 — 1000, verwechselt worden. Von ihm erzählt die
grofse Olafssaga ^), er habe Cuaran in Dublin besucht, was
aber ein Versehen sein mufs, da letzterer, wie wir sahen,
bereits 981 starb, Olaf Tryggvason aber seinen Zug nach
dem Westen erst um 984 antrat. Vielleicht liegt hier eine
Verwechselung vor mit Cuarans Sohne Sitric, der 994 aus
Dublin vertrieben wurde, insofern es nämlich nicht un-
wahrscheinlich ist, dafs dieser seine Wiedereinsetzung seiner
Verbindung mit Olaf Tryggvason verdankte.
Was die nordischen Sagaschreiber über Olaf Trygg-
vasons Jugendschicksale berichten, erinnert zum Teil so
sehr an die sagenhaften Schicksale Olaf Cuarans, dafs die
Annahme, es seien die letzteren teilweise auf Olaf Trygg-
vason übertragen worden, grofse Wahrscheinlichkeit für
sich hat. Danach wird, noch bevor Olaf geboren, nach
anderen, als er drei Jahre alt ist, sein Vater Tryggvi,
König von Viken in Süd-Norwegen, im Jahre 963 ermordet.
Seine Mutter flieht mit ihm unter der Führung des greisen
Thorolf von Ort zu Ort. In der Ostsee werden sie von
Piraten gefangen genommen, Thorolf und Olaf fallen einem
von ihnen, dem Klerkom, als Beute zu; dieser tötet den
Greis und verkauft den Knaben. Nach 6 Jahren trifft
Olaf seinen Oheim Sigurd, der im Dienste des Königs von
Eufsland steht. Sigurd nimmt ihn mit sich nach Holmgard,
d. i.Novgorod, hält aber seine Herkunft geheim. Auf dem
Markte trifft Olaf eines Tages den Klerkom und tötet ihn
mit der Axt. Es entsteht ein Tumult, Olaf wird von
Sigurd in das Haus der Königin geflüchtet, die ihm ihre
Mannen zur Verfügung stellt. Das Volk sucht nach Olaf
und vernimmt, dafs er bei der Königin weile. Man zieht
^) The Heimskringla or Clironiele of the Kings of Noricay, transl.
by Samuel Laing, vol. I, London 1844, 367fi'.
— 103 —
vor das Haus, doch duldet der König nicht, dafs es zum
Blutvergiefsen kommt. Olaf beginnt nun seine kriegerische
Laufbahn.
Wie Ward, Catal. of Rom. I, S. 436 hervorhebt, hat
diese Sage fünf Motive mit der Haveloksage geraein:
1. Die Ermordung von Olafs Vater; 2. Die Flucht der
Mutter und des Pflegevaters; 3. Die Trennung von der
Mutter durch Piraten; 4. Das Wiederfinden mit dem bejahr-
ten Getreuen oder Oheim; 5. Den Tumult auf dem Markte^).
Dazu komme noch die Flamme auf dem Haupte, die
allerdings hier in modifizierter Form erscheine; s. Grofse
Olafssage c. 57. Fornmanna Sögur v. I, 1825, S. 96.
Flateyjarhoh I, 1860, S. 88.^)
Nach dem Gesagten kann es also nicht zweifelhaft
sein, dafs Olaf Cuaran wenigstens für gewisse Elemente
der Sage das historische Prototyp des Havelok Cuheran
ist. Zwei Möglichkeiten bestellen nun aber: Die Havelok-
sage ist geradezu der poetische Reflex der Schicksale des
^) Die fragliche Episode des Havelok, V. 683 — 825 des Lai, wurde
oben bei der Inhaltsangabe übergangen. Danach beschliefsen sechs
von den Knappen, die an der Tafel Sigar Lestals Havelok und Argen-
tille bedienen, sich der letzteren zu bemächtigen. Als Havelok und
Argentille nach Beendigung des Mahles nach ihrer Herberge geleitet
werden, fallen jene Knappen über sie her und wollen Argentille fort-
schleppen. Havelok aber entreifst einem der Angi-eifer seine Axt
und tötet damit die anderen fünf. Es entsteht nun ein Auflauf,
Havelok flüchtet mit Argentille in eine Kirche, steigt auf den Tarm
und schleudert Steine auf die Angreifer herab, die sich zurückziehen.
Sigar, von dem Vorfall benachrichtigt, eilt selbst herbei und nimmt
Havelok mit sich aufs Schlofs.
■^) Olrik meint wohl die Stelle — ich selbst bin des Altnordischen
nicht mächtig — , welche in der Historia de reye Olavo Trygyvii ßlio,
secHndum Oddum monachum, Scripta Hist. Island. X, 201 lautet: [Die
vates prophezeien von dem 9jährigen Olaf] Cujus genii tantam esse
praestantiam praedicarunt , ut lux, quae cum superfulcjeret , per totum
regnum Oardorum et multa orientis loca diffunderetur.
— 104 —
historischen Olaf Cuaran; oder aber: es existierte eine Sage,
welche gewisse Analogieen aufwies mit der Geschichte
Olafs, und welche infolgedessen auf ihn übertragen wurde,
was dann bewirkte, dafs anderseits diese Sage durch die
Schicksale Olafs beeinflufst wurde; mit anderen Worten:
die Haveloksage kann sein das Eesultat einer Vermenguiig
einer älteren Sage mit gewissen Momenten der Geschichte
des historischen Olaf Cuaran. Offenbar ist es diese zweite
Möglichkeit, für die wir uns entscheiden müssen: in der
Haveloksage einfach einen Widerschein der Geschichte
Olafs zu erblicken, verbietet einerseits ihre nachgewiesene
Übereinstimmung mit der Servius-TuUius-Sage, andererseits
ihre Übereinstimmung mit der Haveloksage, wie sie bei
Saxo und im Boeve v. Hamtone vorliegt, insofern die letztere,
wie oben festgestellt wurde, auf die römische Brutussage
zurückgeht. Vielmehr ist also die Haveloksage entstanden
durch eine Verknüpfung der Servius-Tulliussage mit der
Brutus-Tulliasage und Übertragung dieser neuen Misch-
sage auf den historischen Olaf Cuaran. Die Haveloksage
ist in ihren Grundzügen identisch mit der Hamletsage,
welche, wie später gezeigt werden wird, entstand, indem die
Olafsage auf eine andere historische Persönlichkeit, auf
Hamlet, übertragen wurde. Die starken Verschiedenheiten
der beiden Sagen erklären sich durch ihre getrennte Weiter-
entwickeltmg, indem der eine der Bearbeiter diese, der andere
jene Motive fallen liefs oder umbildete oder neu einfügte.
Die angenommene Entstehung der Haveloksage, ihre
Verschmelzung aus den angegebenen drei Elementen, wird,
wenn wir alle allgemeinen, häufiger begegnenden Züge bei
Seite lassen, sichergestellt durch das Vorhandensein folgen-
der durchaus eigenartiger Motive, von denen es nicht zu
glauben ist, dafs sie, im Zusammenhang mit anderen all-
gemeineren übereinstimmenden Motiven, mehrmals ersonnen
worden sein sollten:
— 105 —
1. Die von dem Haupte des schlafenden Knaben aus-
gehende prophetische Flamme; diese stammt aus der rö-
mischen Sage von Servius Tullius, vgl. Livius und Dionys
V. Halikaniass.
2. Die vermeintliche Narrheit des in Niedrigkeit im
Hause des Königs aufwachsenden Knaben und sein spafs-
haftes Gebahren: „sie hielten ihn für einen Narren", heifst
es von Havelok, und: „der König ernannte ihn zu seinem
Spafsmacher (;'w^fewr/S- das Motiv stammt aus der Brutus-
sage, vgl. Livius von Brutus: Ivdihrium (Spafsmacher)
verius quam comes.
3. Haveloks Name Havelok Cuheran, der augenschein-
lich identisch ist mit dem Namen Olafs in dessen welscher
Form: Ahloyc Cuaran, sowie die Geschichte von seiner Stel-
lung als Küchenjunge, die entstanden ist durch eine falsche,
volksetymologische Deutung von Olafs Beinamen Cuaran.
Dafs die Hamletsage sich aus den gleichen Elementen
zusammensetzt, machen zum mindesten höchst wahrschein-
lich folgende in ihr vorhandene Motive, die nicht alle die
gleiche Beweiskraft besitzen wie die eben genannten, aber
in ihrer Gesamtheit ein starkes Gewicht erlangen; ich setze
als erwiesen voraus, dafs der Boeve v. Hamtone eine Ver-
sion der Hamletsage darstellt:
1. Hamlet tut sich am Hofe des Königs von Britannien
durch seine Klugheit hervor, der König wird infolge dessen
von einer wahren Verehrung für "ihn erfüllt („jedes Wort
von ihm betrachtete er wie ein Zeugnis des Himmels") und
gibt ihm seine Tochter zur Frau.
Boeve zeichnet sich am Hofe des Königs der Bretagne,
Hermins, durch seine Stärke und seine Tapferkeit aus, so
dafs niemand sich mit ihm messen kann. Der König macht
ihn zum Ritter und ernennt ihn zum Befehlshaber seines
Heeres. Boeve zieht als solcher gegen Bradmond zu Felde,
erringt den Sieg und zwingt Bradmond, sich als Lehns-
— 106 —
mann des Königs zu bekennen. Hermin gewinnt Boeve
sehr lieb, Neider aber suchen diesen zu stürzen. Die Tochter
des Königs verliebt sich in Boeve und wird später seine
Frau (der König selbst hatte sie ihm als Frau angeboten,
aber nur unter der Bedingung, dafs er Heide würde, was
Boeve ablehnte).
Alles dies erinnert lebhaft an die Schilderung, die
Livius und. besonders Dionys v. Halikarnass auf Grund
älterer römischer Autoren, vielleicht epischer Dichtungen
(Ennius), von dem Verhältnis des jungen Servius Tullius
zu Tarquinius Priscus entwerfen. Die Darstellung im
Boeve v. Hamtone nimmt sich beinahe aus wie eine
unmittelbareBearbeitung desBerichtes desDionys;
alle wesentlichen Züge der Tulliussage finden
teils bei Saxo, teils im BvH ihre Entsprechung:
Dionys erwähnt ausdrücklich die glänzende geistige
Begabung des jungen Servius (1); man hält ihn (der Flamme
auf seinem Haupte wegen) für ein vom Himmel begnadetes
Wesen (2); er wird, noch ein halber Knabe (ävrmaig jukv
cov eri), zum Ritter ernannt (iv zoig mjievoi rerayfievog) (3);
er übertrifft an Tapferkeit alle anderen Ritter (4); er wird
(mit zwanzig Jahren) zum Befehlshaber des ganzen Heeres
ernannt (oTQaT7]y6g) (b), und unterwirft als solcher dem
Könige eine feindliche Nation (die Tyrrhenier) (6); der
König bewundert ihn (fjydo&i]J (7) und hegt unbegrenztes
Vertrauen zu seiner Eingeht (8), er gibt ihm deshalb seine
Tochter zur Frau (9); Servius hat erbitterte Neider, die
ihn zu stürzen suchen (die beiden Söhne des Ancus) (10).
Wenn das Moment der kriegerischen Taten des Helden
bei Saxo fehlt und hier nui^ von seiner hervorragenden
Klugheit die Rede ist, so tritt ergänzend ein eine andere,
später zu besprechende Version der Hamletsage, die von
Saxo unabhängig ist, die isländische Ambalessaga, welche
das betreffende Moment enthält und das Verhältnis Harn-
— 107 —
lets zum König ganz älmlich schildert wie die römische
Sage das Verhältnis des Servius, der ßvH das des Boeve
zum König. „Der König sagte" [zu Hamlet], heifst es in
der Ambalessaga/): „Du bist weise, und Deines Gleichen
kenne ich nicht, darum möchte ich einen Vertrag mit Dir
scliliefsen und will forthin Deinen Worten glauben." Der
König war fröhlich und gewann Hamlet sehr lieb,
und er betraute ihn mit der Verteidigung des
Landes, und Hamlet errang stets den Sieg und erwarb
gewaltigen Reichtum. Er war weise und vorausblickend,
und viele befragten ihn um seinen Rat und gingen ihn um
sein Urteil an; er war der nächste nach dem König."
Die aufgeführten Züge der Harn Jetsage sind ja nun,
einzeln genommen, von geringem Gewicht, in ihrer Ge-
samtheit aber bilden sie m. E. eine Kette, deren Glieder
sich gegenseitig Stärke verleihen, und diese Kette von
Übereinstimmungen — es sind tatsächlich fast alle Mo-
mente von Dion. IV, cap. 3 in der Hamletsage vorhanden
— scheint mir einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen
der Servius-TuUiussage, wie sie Dionys überliefert, und
der Hamletsage in hohem Grade wahrscheinlich zu machen,
sei es nun, dafs der letzteren eine lateinische Übersetzung
der betreffenden Kapitel des Historikers zu Grunde liegt,
oder dafs sie aus der gleichen alten Quelle geflossen ist,
die er benutzt hat.
2. Dafs die Brutus-Tulliussage das Grundelement der
Hamletsage bildet, wurde oben nachgewiesen. Aus ihr
stammt vor allem das durchaus eigenartige Motiv des ver-
stellten Wahnsinns des Helden sowie die im Auftrag des
Königs unternommene überseeische Reise mit zwei Be-
gleitern.
3. Die Hamletsage weist mehrere Züge auf.
^) I. GoUancz, Hamlet in Icelund S. 143.
— 108 —
welche der Haveloksage fehlen, aber lebhaft er-
innern an Züge der oben mitgeteilten Geschichte
Olaf Cuarans. Hamlet wird, wie Olaf, durch den Oheim
seines Erbes beraubt. Wie Olaf begibt sich Hamlet (im
zweiten Teil der Sage, Saxo B. IV) nach Schottland und
heiratet die Tochter des schottischen Königs. Wie Olaf
führt er, nachdem er die schottische Königstochter ge-
heiratet hat, Krieg gegen den König von Britannien =
England (Olafs Krieg gegen Äthelstan). Die Grausam-
keit und der unbotmäfsige Charakter von Olafs zweiter Ge-
mahlin Gormflaith (s. oben S. 100) erinnern an die gleichen
Charaktereigenschaften von Hamlets zweiter Gemahlin Her-
muthruda-Thrydo, und genau wie jene den Besieger ihres
Gatten, Malachy, heiratet, wirft Hermuthrud sich Hamlets
Besieger, Wiglet, in die Arme.
Diese verschiedenen zusammenstimmenden Züge machen
es äufserst wahrscheinlich, dafs in der Hamletsage sich
ein Einschlag von Motiven findet, die aus der Geschichte
Olaf Cuarans stammen.
Dann setzt sich also die Hamletsage aus den gleichen
Elementen zusammen wie die Haveloksage, und beide Avaren
offenbar ursprünglich identisch: die Hamletsage ist die
an einen anderen Namen geheftete Olafsage. Die
Motive der Grundsage haben sich in ihren beiden Sprofs-
formen, der uns vorliegenden Fassung der Haveloksage
und der Hamletsage, zum Teil, wenn auch mit mancherlei
Modifikationen, erhalten, zum Teil sind sie geschwunden,
und zwar sind es natürlich verschiedene Züge, die im
Laufe der Zeit hier und dort getilgt wurden. In der
Hamletsage erscheinen die drei Hauptelemente gleichsam
addiert: Brutus + Servius-Tullius + Olaf Cuaran. Der
in der Heimat, im Hause des Stiefvaters verweilende, sich
blödsinnig gebärdende Hamlet, ist der im Hause des
Usurpators, des Tarquinius Superbus, aufwachsende, sich
— 109 —
blödsinnig stellende Brutus. Der an fremdem Königshofe
weilende, geistig normal erscheinende Hamlet, der sich
durch glänzende geistige Fähigkeiten und durch Tapfer-
keit hervortut und die Tochter des Königs heiratet, ist der
an dem fremden Königshofe des Tarquinius Priscus auf-
wachsende Servius Tullius, der sich durch hohe Einsicht
und glänzende kriegerische Taten auszeichnet und dafür
mit der Hand der Königstochter belohnt wird. Ich möchte
mir hier die Vermutung erlauben, dafs die beiden Tra-
banten Saxos, die beiden „Verräter", die Hamlet auf seiner
Reise begleiten und den Uriasbrief überbringen sollten,
(Rosenkrantz und Güldenstern bei Shakespeare), einen
Reflex darstellen von den beiden Söhnen des Ancus
Martins, die in der Tulliussage die Rolle der
..Verräter" spielen, indem sie gegen Servius intri-
guieren und den König ermorden lassen, und die
die Sage identifiziert haben wird mit den beiden
Söhnen des Tarquinius Superbus, die Brutus auf
seiner Reise begleiten und die, wie wir sahen, ja
offenbar das Vorbild für jene beiden Saxoschen Trabanten
abgegeben haben. Wenn die Sage Brutus und Servius
Tullius gleichsetzte, so lag offenbar die Identifikation der
beiden in der Tulliussage auftretenden, dem Helden
feindlichen Königssöhne mit den beiden Königssöhnen
der Brutussage, den Söhnen des ihm feindlichen Tar-
quinius Superbus, nahe genug.
Die Annahme nun, es sei die Hamletsage zum Teil
hervorgegangen aus einer Vereinigung der Servius-Tullius-
sage mit der Brutussage, erklärt sehr einfach die immer-
hin auffällige Tatsache, dafs Hamlet am britischen Königs-
hofe die Maske des Blödsinnes vollkommen ablegt, da er
doch wohl die Befürchtung hegen mufste, es könne die
Kunde von seiner geistigen Gesundheit Fengo zugetragen
werden und dieser dadurch veranlafst werden, neue An-
— 110 —
schlage gegen ihn zu planen. Der mit einem Schlage
ganz veränderte Hamlet am britannischen Hofe ist eben
= Servius Tullius, es liegt der Episode die Tulliussage
zu Grunde, und dieser war das Motiv des verstellten
Wahnsinns des Helden fremd.
Als drittes Element schliefst sich dann in der Hamlet-
sage an die Geschichte des Wikingerkönigs Olaf Cuaran,
die die wesentliche Grundlage des zweiten Teiles der
Sage, der ersten Kapitel von Saxos 4. Buche bildet:
Hamlet reist wie Olaf nach Schottland, führt Krieg gegen
den König von England, wird später von einem anderen
König besiegt und hat zu dieser Zeit eine Gattin von
(ursprünglich) wildem, grausamem Charakter, die sich dem
glücklichen Sieger in die Arme wirft, — alles Züge, die
ihre Entsprechung finden in der oben S. 99 f. dargelegten
Geschichte Olaf Cuarans, in welcher Hamlets zweiter Gattin
Hermuthrud teils Olafs erste Gattin, die Tochter des schotti-
schen Königs, teils seine zweite Gattin, die schöne, aber
bösartige Gormflaith entspricht.
Dafs Züge aus der Geschichte Olafs Cuarans auf Hamlet
übertragen worden seien, dafs die Sage beide identifizierte,
ist auch die Meinung Wards, Engl. Eist Revieio X (1895), 147.
Doch hält er die Sagen für ursprünglich verschieden, die
von Hamlet für einen Ausläufer der Brutussage, die von
Havelok für einen etwas entfernteren Schöfsling der Servius-
Tulliussage; beide seien an Anlaf Cuaran angeknüpft worden:
„/ am myself inclmed to helieve that various Anglo-Banish
minstrels identified hoth heroes with Anlaf Cuaran, and
modified the tales, and apx>ended the last tvild camp story^'
(die von den wiederaufgerichteten Toten).
Wir haben nun der Frage nahe zu treten: Wie kam
es, dafs in der Sage Olaf Cuaran = Havelok Cuheran er-
setzt wurde durch Hamlet, dafs die Sage sich an diesen
anderen Namen heftete? Der Versuch, die Frage zu be-
— 111 —
antworten, wird uns das mutraafsliche historische Vorbild
Hamlets kennen lehren.
Der geschichtliche Aralcth-Amhlaide.
I. Gollancz, Hamlet in Iceland, S. L erklärt den Ersatz
des Namens Olaf durcli Hamlet (Amleth) durch Annahme
einer Verwechselung Olafs mit seinem Vater Sihtric Gale.
Die Sache ist diese:
Der Name Amleth — so hat Saxo — in seiner, auf
der altnordischen Grundform Amloäi beruhenden irischen
Form Amhlaide begegnet als der Name eines dänischen
Wikingers zum J. 917, d. i. 919 unserer Zeitrechnung, in
den Annais of the Kingdom of Ireland hy tlie four Masters ^)
sowie in einem alten Annalenfragment, Annais of Ireland,
Three Fragments, copied from ancient sources^)^ hier aber
zum J. 909, in einer Schilderung der am 15. Sept. erst-
genannten Jahres geschlagenen grol'sen Schlacht von Ath-
Cliath, d. i. Kilmashogue bei Rathfarnham in den Bergen
südlich von Dublin. In dieser Schlacht errangen die Dänen
unter Sihtric Gale, dem Vater Olaf Cuarans, einen glänzenden
Sieg über die Iren unter König Niall Glundubh, dem Sohne
des Aedh FinnJiath. Niall selbst fiel, mit ihm zwölf Könige
und viele Grofseu'^.
1) Ed. J. O'Donovan, vol. I, Dublin 1851, S. 597. Über die
Quellen dieser Annalen s. Bezzenbergers Beiträge 18, 57.
«) Ed. J. O'Donovan, Dublin 1860.
») Vgl. über die Schlacht Todd, Cogadh Gaedhcl, Introd. S. XCfF.;
diese Chronik enthält c. XXXI gleichfalls einen Bericht über die
Schlacht, ebenso die Ulster-Annalen z. J. 918 — 19, ed. O'Conor, Her.
Hibern. Srripf. TV.
— 112 —
Der Annalist der Four Masters zitiert mehrere Frag-
mente von Liedern, die auf diese Schlacht gedichtet wurden,
darunter auch das Fragment eines solchen, als dessen Ver-
fasser bezeichnet wird Nialls eigene Witwe, die Königin
Grormflaith ^), und eben dieses Fragment mit noch vier vor-
ausgehenden Versen, die in den Four Masters fehlen, wird
zitiert in dem genannten Annalenfragment ; in diesem
Liede helft es, König Niall sei erschlagen worden
von Amhlaide:
„Bitter für mich der Grufs der beiden Ausländer
[d. i. Wikinger],
Die erschlugen den Niall und Cearbhall;
Cearbhall wurde erschlagen von Ulf, eine gewaltige
Tat,
Niall Glundubh von Ämhlaiäe-)."
Amhlaide ist die irische Form von an. Ämloäi = A^n-
leth, Hamlet, s. Bezzenbergers Beitr, 18 (1892), S. 116. Der
Herausgeber O'Donovan hat, wie Gollancz S. LI zeigt, das
irische Amhlaiäe in seiner Übersetzung fälschlich mit
Amhlaeihh = Anlaf, Olaf, welsch Äbloyc, wiedergegeben,
und ihm sind die Historiker gefolgt, die berichten, Niall
sei von einem Olaf erschlagen worden. Dafs Amhla'ute
nicht etwa aus AmJdaihh entstellt ist, beweist das Metrum,
das einen 3-silbigen Namen fordert.
^) Sie ist nicht zu verwechseln mit Olaf Cuarans gleichnamiger
Gattin.
^) ,(Cearbhal was always vigorous;
His rule was vigorous tili death;
What retnained of his tributes impaid
He hrought by his strength to Nds.)
Ill for me the compliment of tJie two foreigners,
Who slew Niall and Cearbhall;
Cearbhall was slain by Ulf, a mighty deed;
Niall Glufidubh by Amhlaide^.
(Übersetzung von O'Donovan und von Gollancz S. LI; in den Four
Masters nur die letzten vier Verse.)
— 113 —
Wer war dieser sonst nicht genannte Amhlaide? Da
die irische Chronik Cogiulh Gaedhel c. XXXI als Anfülirer
des dänischen Heeres nennt „Sitriuc (d. i. Slgtryggr) und
die Kinder des Imar (Clanna Imar/% so ist es wahrschein-
lich, dai's Imhar in den Annals of the Four Masters ein
Irrtum ist für Clanna Imhar, „Kinder des Imar", und dafs
Sitric Gale, der Enkel des Imar, der Vater des Olaf Cuaran,
der alleinige Führer des dänischen Heeres war. Nun geben
die Angelsächsische Chronik^), Simeon von Durham-), Henry
von Huntingdon^), Gaimar*) und andere Historiker alle
an, „Sitric habe den Niel erschlagen" und Hodgson^') hat
gezeigt, dafs dieser Niel identisch ist mit Niall Glundubh,
der aber nicht König von Nordhumberland und Sitrics
Bruder war, als welchen die genannten Quellen Niel be-
zeichnen. Gollancz meint, es liege vielleicht eine Ver-
wechselung Sitrics vor mit Sitriuc, der seinen Bruder Sich-
frith erschlug, s. Ulster-Annalen a. 888: Sichfrith Mac Imain
rex Nordmannorum a fratre suo per dolum occisus est;
Sichfriths einziger bekannter Bruder war aber Sitriuc.
Da somit nach diesen jüngeren Quellen Olafs Vater
Sitric den Niall erschlagen habe, meint Gollancz, so müsse
der Name Amhlaide in. dem Liede der Gormflaith eben
ihn bezeichnen. Nun findet sich aber dieser Name für
Sitric nirgends, vielmehr begegnen nur die Beinamen
Caech, irisch, = „blind, einäugig", und Gale oder Gaile,
ein Wort, das sich aus dem Keltischen nicht erklären läfst.
Gollancz stellt deshalb die Hypothese auf, gaile sei = an.
1) Mrni. Eist. Brit. I, S. 381, ad a. 921.
«) Ibid. S. 686, ad a. 914.
3) Ibid. S. 745.
*) K(l. TTardy u. Martin V. 3501 :
Treis anx apres Sihtrix li reis,
Ki l'altre partie teneit de Merccneis,
Ocist Neel son frere, a tort.
*) Northumberland B. I.
Zenker, Boeve-Amlethns. 8
— 114 —
galiär = galinn, „bezaubert, wahnsinnig, mad'% das Part.
Perf. von gala, „bezaubern", und Ämhlaiäe sei von Gorm-
flaith vielleicht als Synonymura von ,,Gaile" gebraucht
worden, insofern Sitrics Laufbahn vielleicht an die Schick-
sale Amloäis, Hamlets, in der Sage erinnert hätte. Doch
wendet Gollancz sich selbst ein, es sei dann auffällig, dafs
Sitrics eigene nordische Landsleute ihn nie so bezeichnet
hätten. G. weist deshalb noch auf die andere Möglichkeit
hin, dafs der Name Amloäi- Ämhlaiäe, der sich aus dem
Nordischen noch nicht habe erklären lassen, möglicherweise
irischen Ursprungs sein und „Narr" bedeuten könne:
„amhlair", „amadon'-, and „amlaidhe'^ may once have beert
Synonyms in Irish speech for that most populär character
among all folJc, and more especially the Irish, to wit,
.,the fool"; the nickname „amlaidhe'' may perhaps represent
the confluence of the char acter istic Northern name „Amlaihh^''
and some such Celtic word as ,,amhaide'% sour, sulky, surly
(cp. „amaideac^'^ silly, absurd, fantastic, foolish, idiotic).
In jedem Fall, meint Gollancz, scheine Olaf Cuarans
Vater im Königreiche Dublin unter dem Namen Ämhlaiäe
bekannt gewesen zu sein. „Später wurden der Vater und
der berühmte Sohn ohne Zweifel in der volksmäfsigen
Tradition vermengt, was erleichtert wurde durch die laut-
liche Ähnlichkeit zwischen Amlaibh, der irischen Form
von Anlaf, und Ämhlaiäe, der irischen Form von Amloäi.
Vermöge lautgesetzlicher Veränderungen fielen schliefslich
beide Worte vollkommen zusammen" (G. beruft sich hier
auf Kuno Meyer, nach dem sowohl Amlaihh als Amlaidhe
englisch Auley ergeben mufsten). G. meint, die Sage von
Hamlet, wie sie bei Saxo vorliegt, sei im 11. Jahrhundert aus-
gebildet worden im keltischen Westen, speziell im skan-
dinavischen Königreich in Irland, zur gleichen Zeit, als
welsche Sänger von Strathclyde die Geschichte Haveloks
schufen. Der Isländer Snaebjörn — bei dem die Hamlet-
— 115 —
.sage zuerst auftritt — müsse die Sage auf einer früheren
Stufe der Entwicklung gekannt haben, bevor die Sagen
über das Haus Ivar eingefügt wurden, doch dürfe, falls
die Auslegung Ami aide- ÄqniY -dient für gciUnn^ wahnsinnig,
zutreffe, angenommen werden, dafs die Narrheit des Helden
das wesentliche Element in der ihm bekannten Erzählung
gebildet habe^).
Ich meine nun, Gollancz' Vermutung, Amlaiäe sei ein
Beiname Sitrics gewesen, der gleichbedeutend mit Gale,
Gaile war, entbehrt durchaus jeder sicheren Stütze. Auf
der einen Seite erscheint die Gleichsetzung von GaiJe mit
an. galiär-galinn, „mad" durchaus hypothetisch — inwie-
weit sie zulässig ist, vermag ich nicht zu beurteilen — , auf
der anderen Seite fehlt es an jedem Zeugnis dafür, dafs schon
zu Anfang des 10. Jahrhunderts eine allgemein bekannte
Amlodisage existiert habe, in der der Held als wahnsinnig
erschien; denn der Skalde Snaebjörn läfst sich nur ganz all-
gemein ins 10. oder 11. Jahrhundert datieren, und überdies
läfst sich aus seinen Worten mit Sicherheit nichts anderes
schlielsen, als dafs er eine Geschichte von einem Amlodi
kennt, der das Meer mit einer Mühle verglichen hatte.
Gollancz' Versuche aber, Amlaiäe auf ein irisches Etymon
zurückzuführen, scheinen mir äufserst gewagt. Gesetzt
jedoch, es habe eine solche Sage schon zu Anfang des
10. Jahrhunderts existiert, was ja möglich wäre, so bliebe
es doch immer unverständlich, — was ja Gollancz selbst
hervorhebt — dafs dieser Beiname für Sitric sonst gar
nirgends begegnet, und eben diese Tatsache ist geeignet,
äufserst mifstrauisch zu machen gegen die Vermutung,
Gale sei identisch mit galinn, und gegen den Gedanken,
es möchte vielleicht amlaicTe im Irischen einmal die gleiche
Bedeutung gehabt haben.
') S. LVI.
— 116 —
Die Sache dürfte sich wohl anders verhalten.
Was wir wissen, ist doch einfach dieses: Nach dem
al)solnt authentischen Zeugnis des Liedes der Gormflaith
wurde in der Schlacht von Kilmashogue der irische König
Niall erschlagen von einem Dänen Namens Amhlaide.
Jüngere historische Quellen bezeichnen den Anführer
des dänischen Heeres, Sitric, Olaf Cuarans Vater, selbst
als den Überwinder Mails, welch letzteren sie aber fälsch-
lich als König von Nordhumbrien und als Sitrics Bruder
bezeichnen, vielleicht infolge von Verwechslung Sitrics
mit einem gewissen Sitriuc, der seinen Bruder Sichfrith
erschlug. Da nun Amhlaide als Beiname Sitrics sonst nie
und nirgends begegnet, so ist die nächstliegende Erklärung
für diese Diskrepanz zwischen dem Liede der Gormflaith
und den jüngeren Quellen doch wohl die, dafs jüngere
Tradition an die Stelle Amhlaides den Anführer
des dänischen Heeres, König Sitric selbst gesetzt
hat, dafs sie die Ehre der Tötung des feindlichen
Königs auf ihn übertragen hat. Das „Transfert" der
Taten und Schicksale w^eniger bekannter Persönlichkeiten
auf bekanntere, volkstümlichere ist ja ein Vorgang, dem
wir in der Sagengeschichte auf Schritt und Tritt begegnen,
und da eben jene jüngeren Quellen sich bezüglich Mails
einen Irrtum, vielleicht infolge von Verwechselung, zu
Schulden kommen lassen, so verdienen sie offenbar auch
bezüglich seines dänischen Gegners kein absolutes Zu-
trauen, und die Vermutung hat keinerlei Bedenken, die
älteste der Quellen, aus der dann die übrigen schöpften,
oder die zu Grunde liegende Überlieferung habe die Tat
von Amlaide auf den König selbst, auf Sitric übertragen.
Wie verhält sich nun dieser Amlaide, über den wir,
wie gesagt, sonst gar nichts wissen, zu dem Hamlet der
Sage? Ich stehe nicht an, mit Gollancz beide zu identi-
fizieren, indem ich folgendermafsen argumentiere:
— 117 —
Ein Vergleich zwisclien der Haveloksage und der
Hamletsage und die Untersuchung der Elemente, aus denen
sie sich zusammensetzen, hat gezeigt, dafs beide in ihren
Grundlagen identisch sind, aus der gleichen Quelle ent-
sprungen sein müssen. Nun ist das historische Vorbild
Haveloks anorkanntermafsen Olaf Cuaran, dessen Name in
seiner welschen Form Amlaibh lautet. Eben dieser ist
folglich auch, wir dürfen nicht sagen: das, aber ein
historisches Prototyp für Hamlet, wie wir denn im zweiten
Teile der Hamletsage einer ganzen Reihe von Zügen be-
gegneten, die offenbar aus der Geschichte Olafs stammen.
Nun finden wir in der Geschichte zum Jahre 919 zum ersten
und einzigen Mal einen AmJilaiäe = an. Amloäi = Hamlet;
wir hören, dafs dieser in einer für die Dänen siegreichen
Schlacht, die in zahlreichen Liedern besungen wurde, unter
Anführung von Olaf Cuarans Vater Sitric eine glänzende
Waffentat vollbrachte, indem er den feindlichen König er-
schlug. Somit haben wir auf der einen Seite folgende Tat-
sachen: Der einzige, bis jetzt historisch nachgewiesene Am-
leth ist ein Zeitgenosse Olaf Cuarans, er tritt in dem Heere
von dessen Vater Sitric auf und wird in einem zeitgenössischen
Liede als Vollbringer einer hervorragenden Waffentat ge-
nannt; sein Name in seiner irischen Form, Ämlaid^e, ist
lautlich nahezu identisch mit Olafs Namen in irischer
Gestalt: Ämlaihh. Auf der anderen Seite steht die Tat-
sache, dafs spätere Sage von einem Amleth-Amlodi zum
Teil genau das Gleiche erzählt wie von Olaf Cuaran.
Sollte zwischen jenen erstgenannten Tatsachen und dieser
letzteren gar kein Zusammenhang bestehen? Das dünkt
mich in hohem Grade unwahrscheinlich. Erwägen wir
vielmehr, dafs doch sicher Amlaides, des Besiegers des
feindlichen Königs, nicht nur in jenem Liede der Gorm-
flaith Erwähnung geschah, sondern dafs er gewifs auch in
den Liedern seiner eigenen Stammesgenossen gefeiert
— 118 —
worden ist und also durchaus geeignet war, ein Held der
Sage zu werden; erwägen wir ferner, dafs bei der Klang-
ähnlichkeit der beiden Namen Amlaiäe- Amlaihh und der
Gleichzeitigkeit ihrer Träger eine Verwechselung sehr
leicht eintreten konnte, so werden wir es als sehr wahr-
scheinlich bezeichnen dürfen, dafs Amlaide durch die
Tradition tatsächlich mit Amlaibh verwechselt wurde,
dafs man die Taten und Schicksale des letzteren auf ihn
übertrug, und dafs also der Wiking er Amlodi-Amlaide,
der König Niall erschlug, das historische Prototyp
Hamlets ist. Die Verwechselung der beiden mufs sich
dann in keltischem Milieu vollzogen haben, da ja nur in
ihrer keltischen Form die beiden Namen sich wirklich
nahe stehen. Natürlich ist die Möglichkeit gegeben, dafs bei
der vorausgesetzten Vermengung der beiden Persönlich-
keiten auch umgekehrt Züge von dem, was die Tradition
über Amlaide meldete, auf Amlaibh übertragen wurden.
Es wäre sehr wohl denkbar, dafs dieses oder jenes von
dem, was die Sage später von Hamlet-Havelok erzählt,
soweit es nicht einen augenscheinlichen Eeflex von den
Schicksalen Olafs darstellt, ursprünglich von Amlaide be-
richtet wurde, dafs wesentliche Motive der Hamletsage
von vornherein an Amlaides Namen geknüpft waren und
erst von ihm auf Amlaibh übertragen wurden. In-
dessen bleibt dies freilich eine reine Möglichkeit, da wir
eben weder von Amlaides sonstigen Schicksalen irgend
welche Kenntnis haben, noch auch in der Lage sind, fest-
zustellen, ob jene römischen Sagen, welche nach unseren
früheren Ermittelungen die Grrundlage der Hamlet-Havelok-
sage bilden, ursprünglich an den Namen Amlaides oder an
den Olafs geknüpft waren.
Die gegenseitige Beeinflussung irischer und nordischer
Sage auf Irlands Boden, die schon oben die Voraussetzung
bildet für unsere Annahme der Entstehung des Motives
— 119 —
von den wiederaufgerichteten Toten aus irischer Geschiclits-
oder Sagenüberlieferung, ist eine anerkannte Tatsache.
Ich verweise hier auf die interessanten Ausführungen von
H. Zimmer, Keltische Beiträge, Zs. f. deutsches Altert. 32
(N. F. 20, 1888), S. 88 ff. Zimmer hebt hervor, dafs die
Nordländer durch Waffenbündnisse mit irischen Häupt-
lingen wie auch durch Heiraten mit den Iren in vielfach
dauernde Verbindung kamen und in diesem Verkehr mit
irischer Geschichte und Sage bekannt wurden. „An zahl-
reichen Punkten Irlands an der Küste und im Innern
vom Norden bis Süden müssen wir uns unter der irischen
Bevölkerung Wikingerkolonien, wenn ich so sagen darf,
sefshaft denken, die aufser dem Christentum durch Hei-
rat der Männer mit irischen Frauen im 10. Jahrhundert
auch schon irische Sprache meistens angenommen hatten"
(32, 88). Z. erwähnt, dafs ein irischer Text sich am Hofe des
Königs von Meath, der in der zweiten Hälfte des 10. Jahr-
hunderts lebte, einen nordischen Skalden denkt, und dafs
andrerseits in einem anderen irischen Text ein irischer
Barde am Hofe der Wikinger ein grofses Gedicht auf Be-
stellung macht, diese also schon irisch gesprochen oder
verstanden haben müssen^).
^) Ward, der von dem zuerst durch Gollancz im Jahre 1898 nach-
gewiesenen Amhlaide noch keine Kenntnis hatte, weist Catal.of Manuscr,
S. 268 auf einen gewissen Amlaudd der keltischen Sage als mögliches
Vorbild Hamlets hin. Dieser erscheint als der Vater der Eigr, der Mutter
Arthurs, und ist verheiratet mit Gwen, einer Tochter Cuneddas, vgl.
Charl. Guest, Mnbinogion II, 319, ist also ein Schwiegersohn
Cuneddas. Ward weist darauf hin, dafs der Aballach oder Abloyc
der keltischen Sage, dessen Namen, wie er annimmt, auf Anlaf über-
tragen wurde, s. a. a. 0. S. 428 ein Sohn Cuneddas war. Dies stelle
zwischen Amlaudd und Anlaf eine Verbindung her: „We think it quite
possible that hoth names were used for Anlaf hij diffcrent romancers,
and that whilst one became Havelok, the other became Hamlet''. Gollancz
wpndet gegen diese Vermutuug indessen ein, die Ähnlichkeit zwischen
Amlaudd und Amlodi sei vermutlich rein zufällig; nach Kuno Meyer
— 120 —
Zu der Annahme der Identität Hamlets mit dem zum
J. 919 genannten Amhlaide stimmt nun offenbar sehr gut
die Tatsache, dais das erste Zeugnis für die Existenz einer
Hamletsage aus dem 10. oder 11. Jahrhundert stammt. Es
ist dies jener schon oben erwähnte Vers des Skalden Snae-
björn, der von Snorri in seiner Prosa-Edda, verfafst um 1230,
aufbewahrt ist, Edda I, 328, wo das Meer „Amlodis Mühle"
genannt wird, eine Anspielung auf einen bei Saxo erwähnten
witzigen Ausspruch Amleths: seine Gefährten machen ihn
aufmerksam auf den dem Mehle ähnelnden Dünensand, worauf
Amleth erwidert, er sei von den weifslichen Meeresstürmen
gemahlen. Inwieweit im übrigen die Snaebjörn bekannte
Sage mit der uns überlieferten Hamletsage bereits über-
einstimmte, bleibt offenbar im Dunkel d. Zu der Identifi-
kation Hamlets mit Amhlaide pafst auch, dafs wir als
terminiis a quo für die Existenz der Sage von Boeve von
Hamtone in einer mit der erhaltenen Fassung inhaltlich
übereinstimmenden Form oben (vergl. S. 78) ungefähi' die
Mitte des 11. Jahrhunderts ermitteln konnten^).
So hat uns also die Untersuchung der Haveloksage
sei die ältere Form Anblaud gegen die Theorie. Ich meine, es wäre
doch wohl zunächst erforderlich, festzustellen, wann Amlaudd zuerst
erscheint und ob derselbe nicht bereits mit Amlaide zusammenhängen
kann. Vgl. GoUancz, a. a. 0. S, LV, Anm.
1) A. Olrik in einem Aufsatze, in dem er den gegenwärtigen
Stand der Forschung über die Vorgeschichte der Hamletsage resumirt,
Amledsagnet pa Island, Arkiv för Nordisk Filologi XV (1899), 376, er-
kennt zwar an, dafs Gollancz' Aufstellungen recht sinnreich seien,
äufsert aber doch Bedenken gegen ihre Richtigkeit. Er meint, kein
einziges Glied in des Verfassers langer Schlufskette sei wirklich über-
zeugend. Bezüglich mancher Punkte stimme ich Olrik ja bei, besonders
hinsichtlich GoUancz' Identifizierung Amlaides mit Olaf Cuarans Vater
Sitric und seiner Gleichsetzung von Gaile mit Amloät-Amlaiäe, dagegen
scheint mir Gollancz' Identifikation Hamlets mit dem historischen
Amlaide alle Wahrscheinlichkeit für sich zu haben; sie ist von jenen
andern Thesen völlig unabhängig.
— 121 —
zugleich das mutmafsliclie historische Vorbild Hamlets
kennen gelehrt.
Ich gehe nun über zur Betrachtung der anderen nor-
dischen Vei^ionen der Hamletsage, welche uns weitere
Aufschlüsse über die Herkunft dieser Sage und zugleich
neue Stützen für die schon gewonnenen Ergebnisse liefern
werden.
Ich bespreche zunächst die beiden vorhandenen Fassun-
gen der Hrolfssaga Kraka.
Die Hrolfssaga Kraka.
Diese Sage liegt vor in den Fornaldar Sögur Norär-
Janda I, 3 — 16, und in abweichender Fassung bei Saxo
selbst, Buch VII, Jantzen S. 341 ff.
Den Inhalt der ersteren Version gebe ich, soweit er für
uns in Betracht kommt, auf Grund der Analyse Detters^):
Helgi und Hroar sind Söhne des Königs Halfdan. Half-
dan wird von seinem Bruder Frodij der ihm seine Macht
mifsgönnt, überfallen und getötet. Frodi stellt dann auch
seinen Neffen nach, diese aber werden von ihrem Pflege-
vater Eegin auf eine Insel gebracht und einem armen,
jedoch zauberkundigen Fischer Vlfil anvertraut. Frodi
kündet durch Zauberer den Aufenthalt der Knaben aus
und schickt seine Leute nach der Insel. Vifil aber, durch
einen Traum gewarnt, weifs sie rechtzeitig zu bergen. Nun
sucht der König selbst die Insel auf. Vifil hat nicht wieder
Zeit, die Knaben zu entfernen und befiehlt ihnen, sobald
er ihnen „Hopp und Ho", zwei Hundenamen, zurufe, sollten
sie eiligst in den Wald laufen. Als der König kommt,
») Zs. f. deidsch. Alt. 36, N. F. 24, 7.
— 122 —
ruft Vifil: „Hopp und Ho, gebt auf mein Vieh acht, denn
ich kann es jetzt nicht beschützen." Die Knaben entfliehen,
und als der König fragt, was er gerufen habe, antwortet
Vifil, er habe seinen Hunden gerufen. So mufs der König
unverrichteter Sache abziehen. Vifil glaubt nun, dafs die
Knaben bei ihm nicht mehr sicher seien und schickt sie
zu ihrem Schwager, dem Jarl Saevü. Hier leben sie
lange, ohne von ihrer Herkunft zu wissen; sie nennen sich
Ham und Hra7i% „einige Leute meinen, bemerkt der Sage-
schreiber, dafs sie mit Ziegen aufgewachsen seien." Sie
tragen beständig Kapuzen, die ihr Gesicht verhüllen.
Frodi vermutet die Knaben bei Saevil und ladet diesen
zu einem Feste ein. Die Knaben machen die Reise
trotz Saevils Verbot mit und benehmen sich dabei sehr
toll und übermütig. Ham nimmt ein wildes Pferd und
setzt sich verkehrt darauf, so dafs er den Kopf dem
Schweife des Pferdes zuwendet. Sie kommen bei Frodi
an, durch den Spruch einer Völva erfährt dieser, dafs
Helgi und Hroar als Ham und Hrani in der Halle weilen
und Frodi töten werden. Die Knaben entfliehen in den
Wald, inzwischen läfst Regln Met reichlich herumgeben,
bis alle Anwesenden betrunken einschlafen. Dann geht er
zu seinen Schützlingen und rät ihnen, die Halle in Brand
zu stecken. Saevil und seine Leute werden aufgefordert, den
Saal zu verlassen. Zwei Schmiede Frodis vernageln die
Türe. Der König will durch einen unterirdischen Gang
entkommen, wird aber von Regln zurückgetrieben und ver-
brennt in der Halle, mit ihm Sigrid, die Mutter der Brüder,
die nicht hinausgehen wollte.
Ich mufs Detters Darlegung der Übereinstimmungen
dieser Sage mit der Hamletsage in extenso anführen:
„Diese Erzählung", bemerkt Detter, „zeigt auffallende
Übereinstimmungen mit der Hamletsage, besonders nach
der Darstellung Saxos. In beiden Fällen ein Brudermord,
~ 123 —
worauf der Mörder auch seinen Neffen nachstellt. AVeiin
es ferner am Schlüsse des Berichtes der Hrolfssaga KraJca
FAS I 10 heifst, dafs Sigi'id, die Mutter der Brüder, in
der Halle verbrannte, weil sie dieselbe nicht verlassen
wollte, so kann das nicht anders aufgefafst werden, als
dafs Sigrid es mit dem Mörder ihres Gatten, mit Frodi
hielt, um so mehr, als Saevil der Aufforderung, aus der
Halle zu gehen, nachkommt. Man mufs annehmen, dafs es
eheliche Bande sind, welche Sigrid an Frodi fesseln, denn
sonst ist es kaum verständlich, dafs sie sich bei Frodi
aufhält, ja mit ihm sogar den Tod zu teilen wünscht, da
er doch ihren Mann getötet hat, ihren Söhnen naclistellt,
also ihr ganzes Geschlecht ausrotten will. Das Verhältnis
der Sigrid zu Frodi entspricht also dem der Gerutha zu
Fengo. Wie Amlethus, verstehen es die Knaben, den Nach-
stellungen des Oheims zu entgehen. Das Wahnsinnsmotiv
fehlt allerdings in der Hrolfssage. Es mufste notwendig
wegfallen, da die Knaben hier noch sehr jung gedacht
werden. Aber denselben Zug, der von Ham in der Sage
berichtet wird, dafs er sich verkehrt aufs Pferd setzte, den
Kopf dem Schweife des Pferdes zukehrt, erzählt Saxo
S. 140 von seinem Amlethus: Ham-Helgi tut das lediglich
aus kindischem Übermut, Amlethus dagegen, um seine
Widersacher in dem Glauben an seine Verrücktheit zu be-
stärken. Wie bei Saxo wird ferner die Rache an dem
Oheim dadurch vollzogen, dafs die Halle in Brand gesteckt
wird, nachdem vorher der König und sein Gefolge durch
übermäfsigen Weingenufs in tiefen Schlaf versenkt worden
sind."
Wie Detter dann im einzelnen zeigt, stimmen die
beiden Sagen auch noch in einem anderen eigenartigen
Motiv überein: die Nägel nämlich, mit denen die beiden
Schmiede die Türe der Königshalle vernageln, scheinen zu
entsprechen jenen Stiften, mit denen Amleth das Netz über
— 124 —
den Trunkenen befestigt; in beiden Fällen ist das Wort,
mit dem die Sprache das Instrument bezeichnet, doppel-
sinnig und „wird diese doppelte Bedeutung des Wortes
zu einem Wortspiel verwertet, in beiden Fällen werden
die Worte für ganz harmlos gehalten und die Drohung
wird nicht verstanden". Ich verweise wegen der genaueren
Begründung auf Detter.
Die Hrolfssage stimmt nun in drei Punkten, die bei
Saxo keine Entsprechung haben, zum BvH. In letzterem
steht dem Boeve als getreuer Eckart sein Erzieher Sabot
zur Seite; ebenso nimmt in der Hrolfssage sich der beiden
verfolgten Knaben ihr Pflegevater Regln an, der ihnen
dann auch, wie Sabot dem Boeve, bei der Vollbringung
der Eache behülflich ist. Sodann entgeht im Epos Boeve
den Nachstellungen, indem er als Hirt verkleidet die Schafe
hütet; daran erinnert es, wenn in der Hrolfssage bemerkt
wird, es bestehe eine Überlieferung, wonach Helgi und
Hrani „mit Ziegen aufgewachsen seien". Endlich wird
Boeve von seinem Beschützer übers Meer geschafft, wie
das gleiche Eegin mit den beiden Knaben tut. Derselbe
Zug findet sich in der Haveloksage, aufserdem entspricht
es ihr, wenn die Knaben im Hause eines Fischers aufwachsen,
insofern in ihr Haveloks Beschützer Grim ja als Fischer
lebt. Grim deckt sich danach teils mit Eegin, teils mit
Vifil.
Mit der Hrolfssage nahe verwandt ist die Erzählung
von Harald und Haidan, die Saxo im VII. Buche überliefert;
sie ist besonders dadurch interessant, dafs hier das Wahn-
sinnsmotiv, das in der Hrolfssage nur gestreift wird, in
ausgeprägter Form vorhanden ist:
König Frotho tötet seinen Bruder Harald. Die Ver-
anlassung zum Zwist der Brüder ist einerseits die Eivalität
ihrer Frauen, anderseits Frothos Eifersucht auf den Euhm
seines Bruders. Er trachtet dann auch den Söhnen. Harald
— 125 —
und Hai (lau nach dem Leben. Aber „ihre Beschützer"
retten die Knaben durcli eine List. Sie befestigen Wolfs-
klauen an ihren Füfsen, laufen auf dem mit Schnee be-
deckten Boden vor der Wohnung hin und her, töten dann
Kinder von Sklaven und streuen deren zerfleischte Glieder
auf dem Boden aus. So erwecken sie den Glauben, dafs
die Knaben von Wölfen zerrissen worden seien. Sie ver-
bergen dann die Knaben in einer hohlen Eiche und ernähren
sie uuter dem Vorgeben, dafs es Hunde seien, ja sie legen
ihnen sogar Hundenamen bei. Durch eine Zauberin aber
erfahrt der König, dafs die Knaben noch am Leben sind;
Regno, ihr Beschützer, entführt sie nun nach Fünen. Als
sie herangewachsen sind, geloben sie, den Tod des Vaters
■ rächen zu wollen. Frotho wird dies hinterbracht; er
sammelt sofort ein Heer und überfällt die beiden Jünglinge
unvermutet. Harald und Haidan gebärden sich, um ihr
Leben zu retten, als Verrückte; so werden sie in der Tat
verschont. In der nächsten Nacht aber stecken sie die
Königshalle in Brand, die Königin wird gesteinigt, Frotho
erstickt in einem dunklen Gange.
Aufser dem Wahnsinnsmotiv erinnert hier, wie Detter
bemerkt, an die Hamletsage auch der Zug, dafs die könig-
lichen Brüder durch ihre Frauen verhetzt werden^).
*) Elton, Saxo Qrammaticus S. 403 hält den gemeinsamen Ur-
sprung der Saxoschen Hamletsage einerseits, der Hrolfssage und der
Harald-Haldansage andrerseits nur für wahrscheinlich, als gesichert
betrachtet, er ihn nicht: „The comparwon only establishes that Saxo's
taie of Amleth is parallel in its three chief elemetits to an Icelandic
saga, which coficerns a historical hing, Ilrolf Kraki . . ." Das heifst
meines Erachtens die Vorsicht zu weit treiben. Es kommt doch nicht
nur auf die Hauptmotive (Vaterrache, Wahnsinn, Mittel der Vater-
rache), sondern auch auf die Nebenmotive an, die für sich freilich
nichts beweisen würden, aber durch ihre Verbindung mit den Haupt-
motiven Bedeutung gewinnen. Überdies treten zu jenen, den beiden
Sagen gemeinsamen Motiven nun also noch die Übereinstimmungen
— 126 —
Auch in dieser Version finden sich aber wieder Mo-
mente, welche in der Saxoschen Hamletsage kein Analogon
finden, wohl aber im BvH: zunächst die Gestalt des Be-
schützers, Regno, des Regln der Hrolfssage; sodann die
List, welche die „Beschützer" (tutores) — zu denen natürlich
auch Regno zu zählen ist — anwenden, um die Knaben
zu retten: Boeves Erzieher schlachtet ein Schwein, tränkt
die Kleider seines Schützlings mit dem Blute und zeigt
diese der Mutter zum Beweise, dafs er Boeve umgebracht
habe, vgl. oben S. 10; analog wird im vorliegenden Falle
in den Feinden der Knaben der Glaube erweckt, diese
seien getötet worden, indem ihnen blutige Überreste anderer
Kinder vor Augen gebracht werden.
Detter vergleicht ferner noch ein Eddalied, die Helya-
hviäa Hundingsbana \1, in der die Episode der Hrolfssage
vorliege, freilich in stark veränderter Gestalt. Da die
Abweichungen hier in der Tat sehr weitgehende sind und
die Verhältnisse sehr kompliziert liegen, so mufs ich davon
absehen, seine Argumentation wiederzugeben und auf seine
eigenen Ausführungen verweisen. Soweit die betrefi'ende
Version für uns von Interesse ist, wird ihrer später zu
gedenken sein.
Ich komme nun zu derjenigen nordischen Version der
Hamletsage, welche neben der Version Saxos und dem BvH
bei weitem die wichtigste ist und welche uns länger be-
schäftigen wird, zu der isländischen Ambalessage.
mit dem BvH hinzu. Die Verwandtschaft der Hamletsage und der
Hrolf- Kraka - Harald - Haldansage läfst sich danach, wie mich dünkt,
absolut nicht mehr bezweifeln.
— 127 —
Die Ambalessage.
Die Ambalessage ist erhalten in drei Papierliand-
scliriften des 17. Jahrhunderts auf der Arnamagnäanischen
Bibliothek in Kopenhagen, A M 521 a, b und c; von diesen
kummt aber a, weil nur eine Abschrift von b, nicht in Betracht;
b und c sind von einander unabhängig: bald bietet b, bald
c die bessere Version oder Lesart. Die Sage wurde auf-
gezeichnet im 17. Jahrhundert, ihr Verfasser ist unbekannt,
desgleichen ihre Quelle. Der Inhalt der Sage wurde zu-
erst kurz mitgeteilt von Ward^), dann befafste sich mit ihr
I. GoUancz"). Eine gleichfalls nur kurze, von Otto Jiriczek
ihm zur Verfügung gestellte Analyse veröffentlichte Detter
in seiner Abhandlung über die Hamletsage S. 19 f. Jiriczek
selbst publizierte dann in dem Aufsatze: Die Ämlethsage
(lief Island^) eine sehr ausführliche, übersichtlich angelegte
Inhaltsangabe, in der er die sachlichen Abweichungen der
Hds. c, die er mit y bezeichnet, von a b, bezeichnet als
a ßj genau angibt. Endlich hat Gollancz in seinem schon
oft zitierten Werke über die Hamletsage, Hamlet in Iceland,
London 1898, die Sage nach Hds. c unter Beigabe einer
englischen Übersetzung vollständig publiziert. Die Ambales-
sage ist, wie wir sehen werden, und wie das schon Detter
behauptet hat, von Saxo unabhängig und bietet vielfach
ursprünglichere Versionen als dieser.
Bei der folgenden Inhaltsangabe beschränke ich mich
zunächst wieder, soweit es irgend angeht, auf diejenigen
Züge, welche mir für die vorliegende Untersuchung von
Bedeutung scheinen. Ich schliefse mich vielfach wörtlich
*) Catal. of Romances, 1883.
*) Transactions of the New ShaJcesp. Soc. 1889.
^) Öermanistischc Abhandlungen H. XII: Beiträge xur Volkskunde,
Festschrift für K. Weinhold, Breslau 1896.
— 128 —
an Jiriczek an, dessen Analyse wegen der bei Gollancz
fehlenden Varianten ja unentbehrlich bleibt, sehe aber da-
von ab, die betreffenden Stellen jedesmal durch Anführungs-
zeichen kenntlich zu machen. Die Gruppe a ß bezeichne
ich einfach mit ß, da, wie gesagt, « mit ß identisch, nur
eine Kopie davon ist. Der Held wird in der Sage ab-
wechselnd Amhales und Amloäi genannt. Ich bediene mich,
wie Jiriczek, nur der letzteren Namensform.
Die Sage hat folgenden Inhalt:
I. Die Kindheit Amlodis. 1. Seine Abstammung
und Geburt. Ein König DonriJc herrscht über Spania,
Hispania und Cimbria (oder Cambria ß) (und Curland y)
sowie über viele andere Landschaften und Burgen bei
Spania; er ist Christ. Seine drei Söhne teilen nach seinem
Tode das Reich: Hauhr erhält Spania, Bdland Hispania,
Salman Cimbria.
Salman heiratet Amha, die Tochter eines Grafen (von
Burgund in y) in Frakkland, Germanus, und hat mit ihr
zwei Söhne: Sigvarctr — der ältere — und Amhales. Eine
zauberkundige Norne grollt, weil man sie zu Sigvardrs
Geburt nicht geladen hat. Sie prophezeit der mit einem
zweiten Kinde schwangeren Amba Unheil. Als man nun,
erschrocken darüber, sie zur Geburt des zweiten Kindes
hinzuzieht, fügt sie ihrer Prophezeiung dankbar hinzu,
der Knabe solle die Blüte des Geschlechtes werden; er solle
nach dem Namen der Mutter genannt werden, da er ihrem
Charakter ähneln werde. Der Knabe wird Amhales ge-
nannt; er ist unschön, obwohl grofs, (liegt immer am Herd
in der Asche ß) und ist störrisch; man ändert daher seinen
Namen in Amloäi [d. i. Tölpel; der Name hat in Wirklich-
keit diese Bedeutung erst gewonnen durch die Rolle, die
Amleth in der Sage spielt, s. Jiriczek S. 71, Anm].
Das Ende Salman s. Faustitms, Sohn eines heid-
nischen Königs von Skitia Namens Soldan, Bruder von
— 129 —
TamerlaKs und Malpriant, überfällt mit einem grofsen Heere
Saiman; Salman wird besieg:t, gefangen genommen nnd auf-
gehängt, die beiden Söhne müssen dabei zusehen. Siguardr
äufsert Schmerz und erklärt, den Tod des Vaters rächen zu
wollen; er wird deshalb gleichfalls getötet, Amlodi hingegen
lacht, er wird für den gröfsten Narren erklärt und am Leben
gelassen. Gamaliel, ein treuer Diener Salmans, tritt in
des Faustinus Dienst und wird von ihm zum Geheimen
Rat ernannt. Faustinus will Amba wider ihren Willen
heiraten, es gelingt ihm aber nicht, das Beilager mit ihr
zu vollziehen, wie man annimmt, in Folge zauberischer
Einwirkung der Norne. Er läfst nun von ihr ab und
heiratet Leta, die Tochter eines vom ihm im Kampfe ge-
töteten alten Jarls Namens Calitor^). Die Ehe des Faustinus
und der Leta bleibt kinderlos.
Amlodi als Narr. Sein Tun und Treiben. Am-
lodi wächst als Narr auf; er ist immer schmutzig und ver-
Avahrlost und tut aufserdem stets das Gegenteil von dem,
was er tun sollte. Spricht einer ihn freundlich an, so gibt
er böse Antwort, bezeigt ihm aber jemand seinen Hafs, so
benimmt er sich übermäfsig freundlich. Er hält sich meist
im Küchenhaus auf, wo er von allem ifst, was er findet.
Wollen die Mägde ihm das verwehren, so beschüttet er
sie mit heifsem Wasser oder mit Asche. Seine einzige
Beschäftigung ist die Verfertigung von hölzernen Stiften,
deren Spitzen er im Feuer härtet; er bewahrt sie auf in
einem ihm gehörigen Schuppen, dessen Türe er mit einem
Stein verschliefst. Niemand weifs, was er damit will.
An öröfse und Stärke übertrifft er alle anderen in der
Stadt. So wird er 12 Jahre alt; er trägt einen blauen
Kittel mit Ledergurt, wie es Sitte im Lande ist. Amba
^) Der ausführlich geschilderte Krieg Faustinus' und Malpriants
gegen Salmans Bruder Bäland, der mit dessen Unterwerfung endfgt,
kann übergangen werden.
Zenker, Boere-Amletbas. 9
— 130 —
bekümmert sich über seinen Zustand, Gamaliel sucht sie
zu trösten.
Das Fest in der Königshalle. Einmal veranstal-
tet der König ein grofses Fest, zu dem die Grofsen des
Landes geladen sind. Als das Fest im vollen Gange ist,
läfst er auch Amlodi holen. Dieser folgt dem Boten, tritt
in die Halle, ohne jemand zu grüfsen, als er aber Gama-
liels ansichtig wird, tritt er auf ihn zu und versetzt ihm
einen heftigen Schlag; den Addomolus hingegen, der den
König vor ihm warnt und diesem rät, ihn zu töten, streichelt
er zärtlich wie ein Kind seine Mutter. Dann zieht er sich
zum Gelächter der Versammlung die Hosen aus und tanzt
im Saal herum. Der König trinkt ihm zu, läfst dann ein
Gefäfs füllen, reicht es ihm und fordert ihn auf, ihm Be-
scheid zu tun. Amlodi sagt: Trinke Du, König, ich trinke
und trinke doch nicht ^); er leert das Gefäfs zur Hälfte
und gibt es dem Addomolus, der es auf Befehl des Königs
widerstrebend leert und dem Amlodi zurückgibt. Dieser
benimmt sich nun weiter in höchst cynischer Weise. Der
König greift zornig zum Schwert und schlägt nach ihm,
aber Amlodi weicht dem Hiebe aus und entreifst dem
Könige das Schwert, reicht es ihm jedoch mit dem Griffe,
die Spitze gegen sich gekehrt, zurück. Der König will
Amlodi töten lassen, aber die Höflinge widerraten das: es sei
eine Schande, einen so vollkommenen Narren zu töten, der
sich nicht gerächt habe, obwohl er es konnte. Der König
fragt ihn, wo er den meisten Schmerz empfunden habe,
als er seinen Vater sterben sah. Amlodi antwortet: am
Hintern. Alle Anwesenden, die Christen ausgenommen,
sind sehr belustigt über Amlodis närrisches Gebahren.
^) Dieser Ausspruch nur in ß. Jiriczek fragt, ob vielleicht ge-
meint sei, dafs Amlodi nur scheinbar trinke, den Trank hinter das
Gewand schütte? Schwerlich. Ich denke, es wird ein für uns nicht
mehr erkennbares Wortspiel zu Grunde liegen.
— 131 —
Scliliefslich verläfst er, ohne zu grüfsen, die Halle, begibt
sich in die Küche, wo Amba und Leta am Feuer sitzen,
und treibt nun auch hier seine Possen.
AmloJi bei den Hirten. Der König will der Be-
scliäftigungslosigkeit Amlodis steuern und befiehlt, ihn den
Hirten zu überweisen, damit er bei ihnen Dienste tue.
Die Hirten kommen, ihn abzuholen und treffen ihn bei
der Anfertigung seiner Stifte. Auf ihre Frage, wozu er
diese mache, antwortet er: „Zur Vaterrache und nicht zur
Vaterrache." Er geht nun mit ihnen ins Gebirge. Sie
haben einen Kampf mit 14 oder 18 Höhlenbewohnern zu
bestehen, von denen 12 getötet werden. Amlodi greift in
den Kampf ein und betätigt gewaltige Kräfte; mit dem
einen der Höhlenbewohner Namens Caron schliefst er
Freundschaft. Am Abend kehren sie nach Hause zurück
und die Hirten erzählen dem König alles, was sich
ereignet hat.
Amlodi und Drafnar: In der Nacht, die sehr stür-
misch ist, geht Amlodi ins Freie, um einer im Kampfe
erhaltenen Wunde wegen einen ruhigen Platz aufzusuchen.
Er begegnet dem berüchtigten Käuber Drafnar, der die
Stärke von 8 Männern hat; Amlodi ringt mit ihm, hebt
ihn auf den Kücken und trägt ihn in die Königshalle, wo
er ihn vor dem König niedersetzt; er selbst eilt dann
hinaus. Drafnar tötet mit seiner Keule zwölf von den
Anwesenden, da erscheint Hamlet wieder, ergreift ihn und
trägt ihn nach der Stelle zurück, wo sie gekämpft haben.
Er schenkt ihm die Freiheit und Drafnar schliefst nun
Freundschaft mit ihm. Viele von den Königsleuten ver-
langen Amlodis Tod, weil er sie in solche Gefahr gebracht
habe, Gamaliel aber legt mit Erfolg Fürsprache für ihn
ein. Am nächsten Abend trifft sich Amlodi gemäfs Ver-
abredung wieder mit Drafnar, sie gehen zusammen zur
Höhle Carons, der sie freundlich aufnimmt. Amlodi erhält
9*
— 132 —
beim Abschied von Drafnar dessen Gewand geschenkt,
einen grauen Mantel (der die wunderbare Eigenschaft
besitzt, dafs sein Träger weder beim Gehen noch beim
Schwimmen ermüdet, mehr Kraft als sonst hat und durch
Eisen nicht verwundbar ist ß). Nach Hause zurückgekehrt
benimmt Amlodi sich in alter Weise.
Amlodi als Sauhirt. Der König hat eine Herde
von 6000 Schweinen, die sieben Hirten unterstellt sind.
Als der Oberhirt Salla stirbt, macht der König Amlodi
auf Gamaliels Rat zu seinem Nachfolger. Amlodi versieht
sein Amt wohl. Tagsüber geht er in die Wälder und
jagt wilde Tiere, zerstückt sie, siedet das Fleisch in
Kesseln und gibt es den Schweinen zu fressen, die davon
dick werden.
Der Traum des Königs. Der König hat einmal,
als er trunken zu Bett gegangen (im Mittagsschlaf y),
einen schweren Traum, den er Garaaliel erzählt und den
ihm dieser deutet: Gott zürne ihm, es stehe ihm der Tod
bevor und die ewige Verdammnis; wolle er ihr entgehen,
so müsse er sich bekehren, dann werde Gott Erbarmen
mit ihm haben.
Der Tod des Addomolus. Addomolus warnt den
König vor Amlodi, der bei seiner Mutter nur schlafe^ um
Verrat zu spinnen. Eines Abends versteckt er sich unter
dem Bette Ambas. Amlodi geht erst in die Königshalle
und bemerkt dort, dafs Addomolus nicht anwesend ist.
Von da begibt er sich in das Zimmer seiner Mutter. Hier
ergreift er einen grofsen Speer und fährt damit schreiend
auf die Mädchen der Königin los, die kreischend davon-
laufen. Dann bedroht er zum Schein Aniba selbst, die
sich aber ganz still verhält, und stöfst nach allen Rich-
tungen in die Luft. Als er bemerkt, dafs sich unter dem
Bette etwas regt, springt er plötzlich auf dieses hinauf
und sticht mit dem Speer hindurcli. Das Geschrei des
— 133 —
ilanmter Liegenden übertönt er durch lautes Geheul,
zugleich lehnt er sich mit aller Wucht auf den Speer,
bis er glaubt, dafs es genug sei. Dann zieht er den
Speer heraus, und als er ihn blutig sieht, lacht er laut
auf, verbirgt den Speer wieder im Waifenbündel und voll-
führt einen gi-ofsen Spektakel, so dafs die Leute herbei-
kommen; mit diesen treibt er allerhand Possen, bis sie
schlafen gehen. Dann trägt er die Leiche ins Kochhaus,
zerstückelt sie und gibt sie den Schweinen zu fressen. Die
Kleidei- verbrennt er, den blutigen Fleck auf dem Boden
reinigt er mit-^Wasser und trocknet ihn mit Feuer; dann
geht er zu Bett.
Einen ganzen Monat hindurch sucht man vergeblich
nach Addomolus; die Leute meinen schliefslich, Drafnar
müsse ihn erschlagen haben und man läfst die Sache auf
sich beruhen.
Amlodi und der Zwerg Tosti. Während der König
für längere Zeit auf der Jagd ist, begibt sich Amlodi ins
Gebirge und in die Einöde. Er befreit das Kind des
Zwerges Tosti aus den Händen einer Kiesin; da er ihr
das Leben schenkt, erhält er zum Dank von ihr einen
wunderbaren Stein, der dem Träger alle verborgenen
Dinge offenbar macht, von dem Zwerge aber ein Gewand,
das dem Träger zauberhafte Schönheit verleiht. Mit
diesem Gewände angetan, geht er in Begleitung Tostis,
der ein ebensolches trägt, in die Halle, wo man sie für
zwei Götter hält. Der Zwerg verziert auf Amlodis Befehl
alle Sitze prächtig und schnitzt in jeden ein Loch. Sie
entfernen sich dann, Amlodi gibt dem Zwerge das Gewand
zurück und lebt wieder wie ehedem. Dem König wird
bei seiner Rückkunft das Vorgegangene erzählt, alle
glauben, ihr Gott selbst sei dagewesen und es werden
Dankopfer veranstaltet.
Abermaliger Traum des Königs; Amlodis Sen-
— 134 —
düng: Von einer Julfestfeier bei seinem Bruder zurück-
gekehrt (dies nur in y) hat der König wieder einen üblen
Traum, den er nach dem Erwachen seiner Umgebung (und
herbeigeholten weisen Männern y) erzählt: „Ich war in
dieser Halle zusammen mit meinem Bruder Malpriant und
seinen beiden Söhnen, wir waren fröhlich und guter Dinge,
da kam ein Geist herein durch die Tür der Halle, unsicht-
bar für das Auge, der trug einen grofsen Sack auf seinem
Eücken und aus den beiden Seiten des Sackes kamen
Rauch und Feuerfunken, so dafs die Menschen blind und
taub dadurch wurden, und wen die Funken trafen, der
verlor die Sprache und wurde wie tot: Gamaliel und die
Königin entkamen mit einigen anderen Leuten; mich und
den König von Spanien aber erreichte der böse Geist
ebenfalls." Der König meint, Amlodi sei der böse Geist,
er wolle ihn nun töten; die Königin aber wendet ein, er
würde ja darum seinem Schicksal doch nicht entgehen.
Auch Gamaliel rät ihm ab: er möge Amlodi zu seinem
Bruder Malpriant senden und ihn dort beobachten lassen;
sei er dort ebenso närrisch, so solle Malpriant ihn zu seiner
eigenen und seiner Leute Belustigung am Leben lassen,
zeige er aber gesunden Verstand, so möge er ihn töten.
Der König fällt dem Ratschlage bei.
Eines Morgens nach dem Aufstehen erblickt der
König in der Halle drei Männer, von denen ein mächtiger
Glanz ausgeht und die er für Götter hält. Der gröfste
unter ihnen sagt ihm, er brauche sich nicht vor Amlodi
zu fürchten, er möge denselben zu seinem Bruder Tamer-
laus senden, der vor kurzem viele Männer im Kriege
(gegen die Sarazenen y) verloren habe. Er gibt ihm zur
Bekräftigung seiner Worte ein prächtiges Szepter und ver-
schwindet mit den beiden anderen Männern. (Es waren
Amlodi, Tosti und dessen Sohn ß.)
Der König beschliefst dem Befehle Folge zu leisten;
— 135 --
er beauftiagt Cimbal und Carvel, Amlodi auf der Reise zu
begleiten, sie sollten König Tamerlaus mit dem Heere
dienen, das er ihm zusenden werde.
Amlodi besteht wieder einen Kampf mit einem Riesen,
den er mit Hülfe seiner Freundin, der Riesin, tötet. Sie
tragen den Hort des Riesen in die Höhle der Riesin. Am-
lodi bittet Tosti, der hinzu gekommen ist, ihm nacli
Skythien nachzukommen und ein Rofs (und eine Rüstung 7),
das er von der Riesin erbittet, mitzubi'ingen. (Er bittet
Tosti um eine Nachahmung des königlichen Siegels ß,
Tosti gibt ihm einen Siegelring, der dem des Königs
gleicht 7). Amlodi nimmt das Zaubergewand Tostis mit.
Amlodi bei König Tamerlaus. Amlodi tritt auf
einem prächtigen Drachenschiff mit Cimbal und Carvel die
Reise an. Letztere führen einen Brief des Königs bei sich,
worin er Tamerlaus Glück und Hell wünscht und seinen
Willen in Bezug auf Amlodi, Gamaliels Ratschlage ent-
sprechend, mitteilt. Sie landen in Skythien und wandern
durch Gebirge und Einöde zur Burg. Der Tag ist heifs,
so rasten sie an einem Strome, nehmen ihr Mittagsmahl
ein und legen sich dann zum Schlafen nieder. Amlodi
stellt sich, indem er laut schnarcht, als ob er schliefe; als
dann die anderen alle eingeschlafen sind, erhebt er sich,
verstärkt ihren Schlaf durch Naturlisten (mit einem Schlaf-
dorn y)j nimmt Cimbal den Brief weg und wirft ihn, an
einen Stein gebunden, ins Wasser; dann legt er einen
anderen, den er schreibt und mit dem Siegel des Königs
versieht, an seine Stelle.
Auf der Burg des Königs angekommen, übergeben die
beiden den Brief, in dem Amlodi jenem als Pflegesohn em-
pfohlen wird: dieser sei ein gewaltiger Krieger, reich an
Weisheit, und manche verborgenen Dinge seien ihm offen-
bar. Cimbal und Carvel sind sehr erstaunt, als sie den
Inhalt des Briefes vernehmen, der ihren Reden widerspricht.
— 13G —
Amlodi wird nun herbeigeführt, er ist strahlend schön, —
er hat offenbar den Mantel Tostis angelegt — , der König
begrüfst ihn huldvoll und weist ihm einen Platz neben
sich an. Amlodi erzählt ihm von der Ermordung seines
Vaters, die noch ungerächt sei. Auf des Königs Frage,
ob er die Rache vollbringen wolle, erwidert er, das stehe
im Willen Gottes; auf die weitere, was mit den beiden
Begleitern geschehen solle, die ihn verleumdeten: das
Leben solle ihnen geschenkt sein, wenn sie ihm, Amlodi,
Treue schwören wollten. Cimbal und Carvel tun dies.
Es findet nun ein grofses Mal statt, bei dem Amlodi
nicht ifst und mit dem König nicht anstofsen will. Nachts
belauscht, gibt er seinen zwei Genossen als Gründe seines
Verhaltens an: Die Äcker, von denen das Brot stamme,
lägen über Leichen, die „Leckerbissen" seien den Götzen
geweiht gewesen, der König sei ein uneheliches Kind.
Bei der Nachprüfung erweisen sich diese Behauptungen
als wahr. Tamerlaus ist über Amlodis Scharfsinn höchlich
erstaunt und meint, er kenne keinen Mann seinesgleichen.
Der König betraut ihn mit der Verteidigung des Landes,
Amlodi ist stets siegreich und wird der nächste nach dem
Könige. Im Gegensatz zu früher ist er gegen alle freund-
lich und zuvorkommend; in Gesellschaft ist er der fröh-
lichste, sonst aber immer in Nachdenken versunken.
Tosti bringt Amlodi die Geschenke seiner riesischen
Freundin: ein ausgezeichnetes Rofs und kostbare Waffen,
darunter eine Lanze, die jedesmal singend erklingt, wenn
ihr Träger siegen soll.
Es wird nun ein Feldzug nach Griechenland unter-
nommen gegen die Konstantinopel belagernden Sarazenen
unter Bastiniis (Bajasetes oder Bastianus y), die Sarazenen
werden geschlagen. Ein Riese Bcncohar, der von jedem Finger
einen Pfeil abschiefst, fügt den Christen grofsen Schaden
zu. Tosti schiefst ihm zwei Pfeile in die Augen, der
— 137 —
Riese wird rasend, sein Elefant geht mit ihm durch und
stürzt in einen Teich, wo Bencobar ertrinkt,
Amlodi besiegt dann noch zwei Häuptlinge aus Blaland,
Tarchus und Cambis, die in Skythien eingefallen sind.
Tamerlaus' Tochter Mesia (Semricandis y) fafst Liebe
zu Amlodi, dieser hält um sie an, und die Hochzeit wird
gefeiert. Tosti kehrt mit den erworbenen Reichtümern
nach Hause zurück. Der König fährt mit Amlodi vier
Monate lang auf Gastereien bei den Häuptlingen im Lande
umher; Bastinus wird dabei mitgenommen und mancherlei
Foltern unterworfen; da er keine Reue zeigt, wird er nach
der Rückkehr gehängt.
Nachdem Amlodi drei Jahre lang bei Tamerlaus ge-
weilt hat, kehrt er nach Cimbria zurück, um sein Erbe
zurückzugewinnen. Faustinus hat anläfslich des Julfestes
eben Besuch von seinem Bruder Malpriant. Amlodi landet
am achten Jultag (am Abend vor dem achten Jultag y).
Er trägt seine gewöhnliche Kleidung (das Gewand Drafnars
und eine Maske, wie die Narren sie zu tragen pflegen y).
Amlodi holt zunächst aus dem Schuppen seine Stifte und
tut sie in einen ledernen Sack, den er hinter sich herzieht.
Als er die Festhalle betritt, erweist sich der Sack als zu
breit für die schmale Tür; er bindet nun den Strick um
den Leib und zieht mit aller Kraft: der Sack zwängt
sich durch, er aber stürzt infolge des plötzlichen Ruckes
— absichtlich — der Länge nach in die Halle, was bei
der Gesellschaft grofse Heiterkeit erregt; er tut, als ob
es ihm nicht gelingen wolle, wieder auf die Beine zu
kommen, kriecht mit seinem Sack zum Tisch des Königs
und schiebt ihn darunter, ohne dafs jemand etwas dabei
findet. Dann gebärdet er sich wie ein Aife und treibt
allerhand Narrenspossen, zur Belustigung der Gäste, die
ihm reichlich zu essen und zu trinken geben. Zuletzt
legt er sich, als ob er müde w^äre, unter eine der Bänke.
~ 138 —
Hier zieht er nun die Kleider der Zechenden durch die
Löcher in den Sitzen und befestigt sie mit seinen Pflöcken
auf der Innenseite, ohne dafs jemand etwas merkt. Dann
kommt er wieder hervor und treibt seine alten Späfse.
Zur vorgerückten Nachtstunde, als alle vor Trunkenheit
und ausgelassener Lustigkeit ganz von Sinnen sind, wirft
er seiner Mutter ein Päckchen in den Schofs. Diese wirft
es Gamaliel zu (sie wirft es weg, es fällt Gamaliel vor
die Füfse ß\ der es öffnet und einen Brief darin findet,
den er der Königin leise vorliest. Als diese hört, was
bevorsteht, bekommt sie einen Weinanfall und verläfst mit
Leta die Halle, alle Christen aufser Gamaliel folgen ihi\
Amlodi setzt inzwischen seine Possen fort, so dafs niemand
ihr Weggehen beachtet. Plötzlich springt er auf Gamaliel
zu, ergreift ihn und trägt ihn hinaus (Gamaliel eilt davon /).
Als er über die Schwelle schreitet, sprüht Feuer aus dem
Sacke unter dem Tische (da Amlodi mit Naturlisten die
Stifte leicht feuerfangend gemacht hatte) ^), sofort steht
die ganze Halle in Flammen, und alle Anwesenden, die
von ihren Sitzen nicht los können, verbrennen unter
Jammer und Schreien. Beide Könige, zwei Söhne Mal-
priants und etwa 2000 Menschen kommen in der Halle
um (das geschah zehn Jahre nach Salmans Tod y).
Amlodi läfst nun durch Tosti eine neue Halle erbauen,
prächtiger als die alte. Dann beruft er eine Volks-
versammlung, die seine Eechte anerkennt und ihn zum
König wählt.
^) So Jiriczek. Gollancz übersetzt vielmehr: ^als er über die
Schwelle sprang, schlugen Flammen aus einem Bündel, welches
dort lag". Danach würde es sich um ein anderes Bündel handeln,
welches auf der Schwelle lag, und die Sache wäre vielleicht so zu
denken, dafs er in dem Bündel enthaltenes Holz dadurch, dafs er
darauf trat, zur Reibung und so zum Brennen brachte. Es ist zu
bedenken, dafs jene Stifte doch bereits Verwendung gefunden hatten;
— 139 —
Amlodis letzte Schicksale. Nachdem zwei Winter
vergangen, unternimmt Amlocti eine F'ahrt nach Skythien;
die Regentschaft überträgt er inzwischen an Gamaliel.
Bei Cypeni besiegt er einen Piraten Hephaestos, mit dem
er dann aber Freundschaft schliefst. In Skythien verweilt
er bei Tamerlaus, der ihn sehr lieb gewinnt, weil er
Hephaestos, seinem — Tamerlaus' — Stiefbruder, das
Leben geschenkt hat. Amlodi erzählt ihm den Tod seines
Bruders Faustinus. Nach Ablauf eines Jahres segelt
Amlodi mit seiner Gattin zurück nach Cimbria.
Durch den Zwerg Tosti wird Amlodi an das Sterbe-
lager seiner riesischen Freundin gerufen. Sie ist schon
der Rede kaum mehr mächtig, doch versteht er von ihren
Worten noch so viel, dafs sie ihre Schätze ihrer Zieh-
tochter Harbra vermacht. Aus ihren Blicken erkennt
man, wie sie Amlodi von ganzem Herzen liebt. Er ver-
weilt bei ihr, bis das Ende eingetreten ist, dann läfst er
sie in einem Talgrunde bestatten und einen Grabhügel
über ihr aufwerfen. Harbra wird die Frau des Hephaestos,
der mit ihr nach Hause reist. (In ß folgt diese Episode
erst auf die Erzählung von Tellus' Verheiratung.)
Nachdem Amlodi zwei Jahre lang regiert hat, erklärt
Baland, von seiner Gattin angetrieben, ihm den Krieg.
In der Schlacht wird Baland gefangen genommen, später
versöhnt sich Amlodi jedoch mit ihm und läfst ihm sein
Königreich.
König Goäfreyr von Vallajid, der nur eine blinde
Tochter hat, vermacht Amlodi für ihm geleistete Waffen-
liilfe sein Reich; Amlodi übergibt das Land Tellus^ einem
alten Vasallen seines Vaters, der seit dessen Tode im
Gebirge gelebt hat, und verheiratet Leta mit ihm. Zehn
Jahre später stirbt Gamaliel. Amlodi hat drei Söhne,
Seaman, Goctfreyr und Gamaliel^ und eine Tochter (zwei y).
.jDanach herrschte König Amlodi über sein Reich bis zu
— 140 -
seinem Tode und sein Sohn Godfreyr übernahm nach ihm
die Ke^ierung."
Damit schliefst die Ambalessaga.
Zunächst eine allgemeine Bemerkung. Die Sage ent-
hält ohne Zweifel eine Reihe Elemente und Episoden,
welche jüngeren Ursprunges scheinen. Aber daneben stehen
gröfsere Partien von merkwürdig altertümlichem Gepräge.
Ich meine hier vornehmlich jene Abschnitte, welche
Amlodis Narrheit schildern und somit gerade den Kern der
ganzen Erzählung bilden. Als ich diese Scenen mit ihrem
grotesken Detail zum ersten Male las, da sagte ich mir:
Das mutet nicht an wie Erfindungen eines späten fabu-
lierenden Romanskribenten, das sieht alles merkwürdig
primitiv aus. Ich glaubte einen Anhauch frühester, barba-
rischer Kulturzustände zu verspüren und zugleich das
Walten eines urwüchsig -kraftvollen dichterischen Genius.
Ich verweise besonders auf den Höhepunkt der Handlung,
die Schilderung der Katastrophe: welch ein erschütternder
Kontrast, dieser als Affe sich gebärdende Narr in be-
rauschter Festversammlung, die er zu wildester Lustigkeit
anstachelt, und im Hintergrunde, gleichsam schon gegen-
wärtig, das grause, unentrinnbare Verhängnis: das Flammen-
meer, das der Orgie ein jähes und fürchterliches Ende
bereiten wird: ein Possenreifser unter Trunkenen, die mit
einem Fufse schon im Grabe stehen. Saxos Darstellung
reicht an die ergreifende Tragik dieser Scene nicht heran,
sie erscheint ihr gegenüber abgeschwächt, gemildert.
Die nachfolgenden Untersuchungen über die Quellen
der Ambalessage werden diesem ersten Eindruck von der
Altertümlichkeit gewisser Parti een der Sage zur Bestäti-
gung dienen.
Die Verschiedenheiten der Sage gegenüber der Er-
zählung Saxos hat schon Jiriczek a. a. 0. S. 99 — 103 im
— 141 —
einzelnen nachgewiesen. Er gelangt dui'ch den Vergleich
S. 107 zu dem Ergebnis, dafs wahrscheinlich die ganze
Sage durch das Medium der mündlichen Tradition auf Saxo
zurückgehe; die Zeit jedoch und die näheren Umstände
ihrer Abzweigung aus Saxo, bezw. aus einer daraus abge-
leiteten Quelle, entzögen sich unserer Kenntnis. Indessen
hat Jiriczek später, Zs. d. Vereins f. Volkskunde 10 (1900),
361, diese Ansicht zurückgenommen und der abweichenden
Anschauung Axel Olriks^) zugestimmt, wonach der Ver-
fasser der Sagen vielmehr einem volkstümlichen Hamlet-
märchen vom Typus des Brjammärchens gefolgt wäre, so-
weit es reichte, und die durch dieses gegebenen Umrisse
auf Grund der Darstellung Saxos ausgefüllt, auch eine
Menge selbsterfundener Abenteuer eingefügt hätte. Somit
braucht auf die von Jiriczek für jene andere Auffassung
beigebrachten Gründe nicht mehr eingegangen zu werden,
(llrik seineiseits macht sich nun aber mit seinem Urteil,
was Jiriczek nicht erwähnt, einfach die von Gollancz-)
aufgestellte Ansicht zu eigen.
Gollancz argumentiert folgend ermafsen: er meint, der
in der Sage neben Ambales für den Helden begegnende
Name Amlodi, den Saxo nicht kennt, sei der deutlichste
Beweis, dafs eine von Saxo unabhängige Hamlet-
sage einstmals im Volksmuude gelebt hat; er weist
darauf hin, dafs das, nach mündlicher Überlieferung 1707
niedergeschriebene isländische Märchen von Brjmn, in dem
die Geschichte Hamlets mit dem Märchen vom „Klugen
Hans" vereinigt scheint, mit der Ambalessage eben da zu-
sammentrifft, wo sie von Saxo abweicht. Daraus folge,
dafs entweder das Märchen aus der Saga geschöpft habe,
oder die letztere umgekehrt für ilire Bearbeitung Saxos —
^) Arkiv for Xordisk Filolorji XV (N. F. 11, 1899), 369 ff.
«) Hamlet in Ircland, Introd. S. LXVIII.
— 142 —
— als eine solche betrachtet GoUancz im wesentlichen
die Ambalessage — das Märchen benutzt habe. Gollancz
meint, es seien zwar sichere Kriterien, um eine Entscheidung
zu treffen, nicht vorhanden, aber der Eindruck der Ambales-
sage und die allgemeine Berücksichtigung literarischer
Methoden schienen für die Annahme zu sprechen, dafs die
alte heroische Erzählung von Amlodi noch vor dem Ent-
stehen der Sage zu einer Volkserzählung abgekürzt worden
war, die uns eben in dem Märchen von Brjam erhalten
sei. Den Ersatz des Namens Amlodi durch Brjam erklärt
er damit, dafs jener zum Appellati vum geworden war, dafs
man den Namen infolgedessen auch in der Sage als solches
auffafste und deshalb die Geschichte nun von einem
„amlode'', Tölpel, erzählte, dem man den Namen Brjam
beilegte. Andererseits weist er hin auf die merkwürdige
Tatsache — „a stränge chance, if not more^' — , dafs der
Name Brjam identisch ist mit dem Namen des Helden der
Schlacht von Clontarf im Jahre 1014, eben der Schlacht, an
die, wie oben S. 65 ff. dargelegt wurde, sich unmittelbar jene
Vorgänge anschlössen, auf welche die letzte Episode der
Saxoschen Hamletsage und des Havelok, die Geschichte
von den „wiederaufgerichteten Toten" zurückgeht. Gollancz
erinnert hier daran, dafs die Dänen in engsten Beziehungen
zu ihren irischen Feinden standen: so war die Gattin
Sitrics, des Sohnes Olaf Cuarans, Brians Tochter — , Sitrics
Mutter Gormflaith wurde später Brians Gattin, und Sitrics
Schwester war die Gattin des irischen Königs Malachy U.^);
mündliche Überlieferung konnte leicht die Helden beider
Parteien vermengen, wie sie sie denn in dem eben ge-
nannten Falle, der Geschichte von den „wiederaufgerichteten
Toten", tatsächlich vermengt hat. Denn der Held jener,
an die Schlacht von Clontarf sich anschliefsenden Episode
1) S. Todd, Coga^Ih Gaedhel S. 288, n. 16.
— 143 —
ist in der Geschichte Donnchadh, der Sohn Brians, der
Anführer* des irischen Stammes der Dalcais bei Clontarf;
dui'ch die Sage aber wurde die Geschichte geknüpft an
den Namen Olaf Cuarans (d. i. Haveloks, der dann iden-
tifiziert wurde mit Hamlet), dessen Sohn Sitric während
jener Schlacht Dublin besetzt hielt und sie von den Wällen
der Stadt aus ansah, und dessen Urenkel in der Schlacht
selbst mitkämpfte.
Sehen wii* nun, welche Bewandtnis es mit dem Brjam-
märchen hat, und ob Gollancz, Olrik und Jiriczek im Rechte
sind, wenn sie dasselbe neben Saxo als eine Quelle der
Ambalessage betrachten.
Das Märchen von Brjam wurde aufgezeichnet im Jahre
1707 nach der Erzählung einer alten Frau, Hild Anigrims-
datter, die es doch wohl in ihrer Jugend gehört haben
wird, s. Olrik, a. a. 0. S. 365^).
Der Inhalt des Brjammärchens ist im wesentlichen die-
ser: Ein armer Mann hat eine sehr schöne Kuh, die die
ganze Familie ernährt. Dem König gefällt die Kuh und er
will sie gegen eine andere eintauschen. Aber der Bauer
erklärt, er gebe sie nicht her. Da töten die Abgesandten
des Königs den Mann. An die anwesenden drei jungen Söhne
des Ermordeten richten sie die Frage, wo sie den meisten
Schmerz fühlten: zwei schlagen sich an die Brust, der
jüngste, Brjam, aufs Gesäfs, indem er dazu grinst. Nun
erschlagen die Königsleute die beiden ersteren, Brjam
lassen sie am Leben, weil er ein Narr sei. Sie treiben
^) Es wurde gedruckt von Jon Amason, Islenxkar ßjudsögur II,
Leipzig 1864, S. 505 — 8; ins Englische übersetzt von G. E. J. Powell
u. Eirikr Magnussen, Icdaridic Legends, 2. Serie, London 1866,
S. 596—602, u. von Gollancz, a. a. 0. S. LXXIff.; analysiert von
K. Maurer, Island. Volkssagen d. Gegenwart, Leipzig 1860, 287 — 90 und
von Detter a. a. 0. S. 21.
— 144 —
dann die Kuh fort. Brjam geht zu seiner Mutter und er-
zählt ihr das Geschehene. Es folgt nun eine Reihe törichter
Streiche, bezw. Antworten des Knaben, der allgemein für
blöde gilt. Die Antworten sind zunächst von dem Typus
derer in dem Märchen vom „Klugen Hans". Nur zwei
der Antworten sind Rätselantworten und diese sind iden-
tisch mit den Antworten Amlodis in der Ambalessage ; da-
von betrifft die zweite die Stifte: Er kommt eines Tages
in die Halle des Königs, setzt sich dort in eine Ecke und
schnitzt Stifte mit seinem Messer. Als man ihn fragt,
was er tue, sagt er: „Den Vater rächen, nicht den Vater
rächen." Als die Anwesenden alle betrunken sind, nagelt
ihnen Brjam mit seinen Holzstiftchen die Kleider an die
Bänke fest. Als sie schliefslich aufstehen wollen, bemerken
sie es und geben sich gegenseitig die Schuld; dadurch
entsteht Streit, es kommt zu Tätlichkeiten, und die Leute
erschlagen sich gegenseitig im Kampfe. Brjam aber hei-
ratet später die Tochter des Königs und besteigt den Thron.
Olrik stimmt Gollancz, wie gesagt, hinsichtlich seiner
Beurteilung dieses Märchens in seinem Verhältnis zur Sage
bei; er führt dessen Ansicht näher aus, indem er die der
Sage und dem Märchen gegenüber gemeinsame Züge nach-
weist. Daraus gehe hervor, meint er, dafs wir ziemlich
alle Auftritte des Brjammärchens in der Ambalessage
wiederfinden, ausgenommen die „klugen" Antworten, die
aus jenem obengenannten anderen Märchen stammen. Jene
Züge, meint Olrik, bildeten in sich selbst eine vollstän-
dige Hamleterzählung von echt volksmäfsigem Charakter.
Die Äufserungen von Hamlets Torheit, die der Sage mit
^) So Gollancz. Detter: „Den Vater rächen, den Vater rächen."
Die andere Lesart stimmt aber zur Ambalessage und ist gewifs die
ursprüngliche. Die Wiederholung der nämlichen Worte wäre offenbar
zwecklos.
— 145 —
dem Märchen gemein sind, trügen ein Gepräge urwüchsiger
Kraft, „die weder erreicht wird, wenn die Erzählung mit
Saxo stimmt, noch wenn der Verfasser auf eigenen Füfsen
steht". Seine andere Quelle, Saxo, werde der Verfasser der
Sago nicht unmittelbar vor sich gehabt, sondern auf Grund
früherer Lektüre oder Wiedererzählung benutzt haben.
Ich kann mich der Ansicht von Gollancz und Olrik
nicht anscjiliefsen, glaube vielmehr, dal's Detter im Rechte
ist, wenn er die Ambalessage trotz ihrer späten Überliefe-
rung als von Saxo unabhängig betrachtet. Denn sie enthält
einmal eine Reihe von Zügen, welche sich weder bei Saxo
noch im Brjammärchen finden, wohl aber in der römischen
Brutussage, der Hauptquelle der Hamletsage, sowie in Ver-
sionen der letzteren, die von Saxo und jenem Märchen un-
abhängig sind; sodann aber läfst sich auf einem ganz
anderen Wege wahrscheinlich machen, dafs wesentliche Mo-
tive der Ambalessage, die bei Saxo gar nichts entsprechen-
des haben, in Saxos Vorlage gleichfalls vorhanden gewesen
sind. Was das Verhältnis der Ambalessage zu dem Brjam-
märchen betrifft, so läfst sich hier eine sichere Entschei-
dung nicht treffen. Der Grund, durch den Detter beider
Herkunft aus der gleichen Quelle erweisen will: dafs näm-
lich in der Sage die Antwort des Helden fehle, er ver-
fertige seine Stifte, um den Vater zu rächen, dieser Grund
ist hinfällig, da jene Antwort nur in der Detter allein
zur Verfügung stehenden ersten Analyse Jiriczeks fehlte,
in der Sage selbst sich aber findet, wie wir sahen. Dem
Inhalte nach kann das Märchen ebensowohl aus der gleichen
Quelle mit der Sage stammen, als auch aus der letzteren
erst abgeleitet sein. Das erstere wäre natürlich anzunehmen,
wenn der Name des Helden wirklich auf den in der Schlacht
von Clontarf getöteten irischen König Brian zurückginge,
eine Möglichkeit, auf die, wie wir sahen, Gollancz hinweist
— , insofern eine Verwechselung des irischen Königs mit
Zenker, Boeve-Amletbas. 10
— 146 —
dem dänischen König in Irland, Olaf Cuaran, wie sie dann
vorliegen mülbte, doch nur zu einer Zeit stattfinden konnte,
wo die Erinnerung an beide noch im Volke lebendig war.
Es soll nun gezeigt werden, dafs die Ambalessage
von der Saxoschen Darstellung unabhängig ist. Ich werde
jene der Bequemlichkeit halber einfach die „Saga" nennen.
Ich fasse zunächst das Verhältnis der Ambalessage
zur Brutussage ins Auge. Zwei Züge der Brutussage,
welche bei ihr fehlen, hingegen in der Sage vorhanden sind,
wurden schon von Detter hervorgehoben:
1. Amleth erscheint bei Saxo als das einzige Kind
seiner Eltern. Brutus dagegen hat einen Bruder, der von
Tarquinius getötet wird, während man ihn selbst, weil er
sich verrückt stellt, am Leben läfst. Genau die gleiche
Version bietet die Saga, s. oben S. 129. Brjam hat zwei
Brüder, die beide getötet werden. Einen Bruder hat
der Held auch in der Hrolfssage sowie in der Harald-
Halfdansage, doch bleiben sie hier beide am Leben. Es
ist klar, dafs die letztere Version recht wohl aus jener
anderen, wonach der ältere Bruder getötet wurde, hervor-
gehen konnte.
2.^) Cicero, De divinatione I, 22 citiert ein Fragment
aus dem verlorenen Drama Brutus des berühmten römi-
schen Tragikers Accius (geb. 170, f um 94 v. Chr.), in
dem Tarquinius sich einen bösen Traum, den er gehabt
hat, von Traum deutern auslegen läfst; sein Traum war
dieser: Ein Hirt trieb auf ihn eine Herde zu, und er
wählte sich aus ihr zwei Widder aus, die von der gleichen
Mutter stammten; während er den schöneren der beiden
opferte, stiefs ihn der andere mit den Hörnern zu Boden.
^) Dieses Motiv wird von Detter nur ganz im allgemeinen er-
wähnt: „Auch der Traum des Königs und die Auslegung desselben
durch Addomolus, dafs von Ambales Gefahr drohe, erinnert an die
Träume des Tarquinius, vgl.Livius I, 56 und das Fragment des Accius".
— 147 —
Wie er nun. schwer verwundet, auf dem Rücken lag und
zum Himmel autl)lickte, bot sich ihm ein schrecklicher An-
blick: die strahlende Sonnenscheibe trat nach rechts aus
ihrer Bahn und zerschmolz^). Die Traumdeuter erklären
dem König den Traum folgendermafsen: derjenige, den er
für so dumm halte wie ein Schaf (quem tu esse hehetem
deputes aeque äc pecus) , der aber das weiseste Herz in
der Brust trage, werde ihn vom Throne stofsen; der Vor-
gang mit der Sonne kündige dem römischen Volke eine
nahe bevorstehende Revolution an, und dafs die Sonne
ihren Weg nach rechts genommen, deute hin auf die
künftige Gröfse Roms.
Natürlich ist mit dem geopferten Widder der getötete
Bruder des Brutus gemeint.
Livius I, 56 berichtet von einem Traume des Tar-
quinius nicht, wohl aber von einem portentum, das den
König mit Sorge erfüllt: eine Schlange kommt aus einer
hölzernen Säule hervor und verbreitet Schrecken in der
Königsburg. Eben dies veranlafst den Tarquinius, durch
seine Söhne das Orakel in Delphi befragen zu lassen.
^) S. 0. Ribbeck, Scaenicae Romanorum poesis fragmenta I, Leip-
zig 1871, S. 283f.:
Visum est in somnis pästorem ad me adpellere
Pecüs lanigerum eximia pulchritiidine,
Duos C(msanguineos drietes inde eligi
Praecldriorem dlterum immoldre me.
Deinde eius germanum cnr^iibus conitier,
In me drietare, eoque ictu me ad casum dari:
Exim prostraium terra, grauiter saücium,
Resupinum in caelo, contueri mdximum
Mirißcum facinus: dextrorsum orhem fldmmeum
Radidtum solis liquier cursü nouo.
«) Ed. Du Fresne I, Paris 1686, S. 332: „vultures ex hortis ejus
pullos aquHarum eocpulerunt: et anguis ingens e conclavi, in quo cum
amicis convivahatur, et ipsum et convivcLS fugavit.
10*
— 148 —
Das gleiche Prodigiurn berichtet in seinen Ännales VII,
c. 11 der, Mitte des 12. Jahrhunderts schreibende^) by-
zantinische Historiker Zonaras, der aus Dio Cassius
(2. Jahrh. n. Chr.) schöpft und uns dessen, nur fragmen-
tarisch erhaltene Darstellung der Brutussage ersetzt.
Zonaras überliefert aufserdem noch ein zweites Prodigium:
Geier hätten aus des Königs Gärten junge Adler ver-
trieben.
Nun weifs Saxo von irgend welchen unheilverkün-
denden Träumen des Königs oder von Wunderzeichen, die
ihm zu Teil geworden wären, absolut nichts, wohl aber
hat die Ambalessaga eine jenem Fragment des Accius
genau entsprechende Scene: der König hat einen
schweren Traum, den er sich deuten läfst, und
in dem, genau wie bei Accius, eine mit der Sonne
sich vollziehende merkwürdige Veränderung eine
Eolle spielt: er steht draufsen, fern von anderen
Menschen, und blickt zum Himmel; da sieht er die
Sonne rot wie Blut, dann verschwindet sie, und an
ihre Stelle tritt ein Schwert (Gollancz S. 105).
Die Übereinstimmung ist hier, deucht mich, eine so
spezielle, dafs an Zufall nicht gedacht werden kann. Das
Motiv begegnet in keiner anderen der bisher besprochenen
Versionen der Hamletsage.
Jiriczek wendet gegen die beiden Züge ein — die
spezielle Übereinstimmung der Sage mit Zonaras bezüglich
des zweiten war aber, wohlgemerkt, von Detter noch nicht
hervorgehoben worden, s.S. 146 Anm. 1 — : „ihre Beweis-
kraftstehe und falle mit Detters Hypothese von dem fremden
Ursprung der ganzen Amlethsage, die ihm unerweisbar
erscheine"; aber diese Hypothese darf, wie wir sahen und
^) Die Annales wurden spätestens vollendet ca. 1143 — 63, s. K.
Krumbacher, Gesehichte d. byxantin. Litt.^, München 1897, S. 372.
— 149 —
wie aus den weiteren Ausführungen noch deutlicher er-
hellen wird, in der Tat als erwiesen gelten. Auch hält
Jiriczek in einer neueren, später genauer zu besprechenden
Abhandlung^) selbst einen Zusammenhang zwischen beiden
Sagen für nicht ganz unwahrscheinlich.
Es dürfte aber noch ein drittes, von Detter und
Jiriczek nicht beachtetes Motiv der Sage, das bei Saxo
fehlt, aber in den beiden Versionen der Hrolfssaga seine
Entsprechung hat, einen Nachklang eines in der römischen
Sage vorhandenen Motives darstellen:
3. Zouaras (= Dio Cassius) erzählt a. a. 0., Apollo
habe durch das delphische Orakel dem Tarquinius ant-
worten lassen, „er werde dann die Herrschaft verlieren,
wenn ein Hund menschliche Stimme bekommen
werde {cum canis humana voce loqneretur^^'^). Tarquinius
ist dadurch beruhigt, denn er meint, das werde ja nie
geschehen. ;ftit dem Hund ist Brutus gemeint.
Offenbar hat diese Bezeichnung zur Voraussetzung, dafs
die römische Sage den Brutus sich in seinem verstellten
Wahnsinn nach Hundeart geberden liefs. Denn hätte
das Orakel nur seinen Blödsinn im allgemeinen, seine
Vernunftlosigkeit gemeint, so hätte der Spruch offenbar
lauten müssen: wenn ein Tier menschliche Stimme be-
kommen werde.
Nun bezeichnet in der Saga der König den
Amlodi einmal direkt als „Hund", s. Gollancz S. 97:
V) Zs. d. Vereins f. Volksk. X, 364.
-) Bei Livius I, 56 wird die Antwort, welche das Orakel den
Söhnen des Tarquinius erteilt, nicht erwähnt; es heifst nur, sie hätten
„den Auftrag ihres Vaters erfüllt: perfeetis patris mandatis." Auch
Dion. Hai. IV, 69 überliefert eine Antwort nicht. Es mufs aber natür-
lich eine solche in ihren Quellen vorhanden gewesen sein, und gewifs
spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür, dafs es die Antwort war, die
Zonaras überliefert.
— 150 —
Nachdem Amlodi in der Halle den Drafnar bezwungen
hat, sagt der König: es ist schimpflich für uns, dafs wir
diesen Hund es uns zuvortun liefsen {we must needs
deem it our shame that we suffered this dog to vanquish
us; damit kann nur Amlodi, nicht etwa Drafnar gemeint
sein, denn die Worte des Königs stehen ganz parallel
den unmittelbar vorausgehenden Gamaliels : ive must needs
deem it our shame that . . . this fool ... saved us'^).
Und in der Tat trägt in der Saga Amlodis ganze Auf-
führung das Gepräge hündischen Wesens: es liegt offen-
bar in der Intention des Dichters, Amlodi sich
in seinem angenommenen Blödsinn als Hund ge-
berden zu lassen: Er liegt meist in der Küche herum
und frifst gierig von allem, was er dort findet (Gollancz
S. 73); er hat seines Gleichen nicht an Gefräfsigkeit (ib.
S. 77); die Küchenmägde liegen mit ihm im Streit, weil
er ihnen aus ihren Schüsseln ifst (ib. S. 'f?); bei einem
Feste des Königs verrichtet er in hündischer Weise in
der Halle vor aller Augen seine Notdurft (Jiriczek S. 78;
in Gollancz' Übersetzung an der entsprechenden Stelle
S. 81 findet sich der Zug nicht — G. hat ihn wohl unter-
drückt); der Schuppen, in dem er seine Stifte verwahrt,
dürfte vielleicht als Hundehütte zu denken sein.
Dem entspricht es nun, wenn in der Hrolfssaga Kraka
der Fischer Vifil seine beiden Schützlinge Helgi und Hroar
(= Hamlet) dem ihnen nachstellenden König gegenüber als
Hunde bezeichnet: er trägt den Knaben auf, „sobald er laut
„Hopp und Ho", zwei Hundenamen, rufe, mögen sie eiligst
ins Gehölz laufen. Da kommt der König. Der Karl ruft
laut: Hopp und Ho, gebt auf mein Vieh acht, denn ich
kann es jetzt nicht beschützen. Da entfliehen die Knaben.
Als der König fragt, was er gerufen habe, antwortet der
Karl, er habe seinen Hunden gerufen" (Detter S. 8).
Das gleiche Motiv begegnet in der anderen Version dieser
— 151 —
Sage, welche Saxo Kap. VII überliefert: Harald und Haidan
„wurden gleich darauf von ihren Pflegern in eine hohle
Eiche eingeschlossen, und damit durch kein Anzeichen ihr
Dasein verraten werde, wurden sie lange unter dem
Vorgeben, dafs sie Hunde seien, ernährt; ja
man gab ihnen sogar Hundenamen, damit um so
weniger die Kunde von ihrer Verborgenheit ruchbar würde"
(Jantzen S. 339).
Ich meine, die Vermutung liegt aufserordentlich nahe,
wir möchten es hier in den verschiedenen nordischen
Fassungen mit einer Erinnerung an jenes, aus Zonaras zu
erschliefsende Motiv der römischen Sage zu tun haben,
welche den Brutus hündische Art zur Schau tragen liefs.
Ist dem so, dann würde daraus also folgen, dais die Am-
balessaga wie die Hrolfssaga von Saxo unabhängig ist, da
letzterer das Motiv nicht kennt ; es würde aber weiterhin
zugleich daraus zu erschliefsen sein, dais die Hamletsage
wenigstens in ihrer Totalität, soweit sie mit der
Brutussage übereinstimmt, auf keine der erhal-
tenen literarischen Fassungen der Brutussage
zurückgeht, da aufser Zonaras keine derselben den in
Rede stehenden Zug bietet, bei Zonaras aber die Be-
zeichnung des Brutus als „Hund" nicht erklärt wird, und
es so gut wie ausgeschlossen scheint, dafs ein mittelalter-
licher Leser des Zonaras — der auch, wie schon bemerkt,
erst um die Mitte des 12. Jahrhunderts schrieb — aus
dem delphischen Orakelspruch das in der römischen Sage
zu vermutende Motiv des hündischen Gebahrens des Brutus
herausinterpretiert haben sollte.
Diese drei Punkte machen also zunächst jedenfalls
so viel wahrscheinlich, dafs die Saga entweder gänzlich
unabhängig von Saxo ist, oder dafs sie doch neben ihm
noch eine andere Quelle benutzt hat, welche in allen drei
Punkten von dem Brjammärchen abwich.
— 152 —
Jiiiczek selbst macht darauf aufmerksam, dafs für
die Unabhängigkeit der Sage von Saxo das Fehlen zweier
bei letzterem vorhandener Motive angeführt werden
könnte: nämlich das Fehlen der Episode von den zwei
hohlen Stöcken, und der Zug, dafs in der Sage der Usur-
pator nicht, wie bei Saxo, der Oheim des Helden, sondern
ein fremder König sei. Man könnte, meint er, dies er-
klären wollen durch die Annahme, die Saga biete eine
ältere Fassung der Überlieferung, welche jene Motive
noch nicht enthielt, und letztere seien erst eingeführt
durch Saxo, der die ihm vorliegende alte Sage nach der
Brutussage umformte. Indessen wendet J. selbst gegen
diese Argumentation ein, „es liege in den Tendenzen des
Sagaschreibers, Amiodis Edelmut beständig hervorzuheben,
und diese Tendenz erkläre zur Genüge die Abweisung",
d. h., er meint, der Sagaschreiber habe die bei Saxo auf
Amleths Veranlassung vollzogene Hinrichtung der beiden
Gesandten, die Voraussetzung des Motives von den beiden
goldgefüUten Stäben, absichtlich unterdrückt, um Hamlet
in besserem Lichte erscheinen zu lassen; und was den
zweiten Zug, das Verwandtschafts Verhältnis des Usurpators
zu x4mbales betreife, so werde dieses, meint J., durch die
Parallele in der Hrolfssaga Kraka — die also J. mit
Detter als eine von Saxo unabhängige Version der Sage
betrachtet — zur Genüge als altes Sagenelement erwiesen.
Bezüglich des zweiten Punktes wird man Jiriczek
Recht geben müssen. Was dagegen das „Goldstabmotiv"
anbelangt, so ist es sehr fraglich, ob nicht ein Überrest
davon in der Ambalessaga tatsächlich vorhanden ist, in
welchem Falle also das Fehlen dieses Motives in der Saga
als ein eventuelles Argument für ihre Unabhängigkeit von
Saxo überhaupt zu streichen wäre. Ich mufs indes die
Erörterung dieses Punktes auf später verschieben, s. das
Kapitel: Das GoldstabmoUv.
— 153 --
Ich hätte nun des weiteren zu handeln über das Ver-
hältnis der Ainbalessaga zu dem von Saxo nachgewiesener-
mafsen unabhängigen Boeve v. Haratone, welcher gleicli-
t'alls mit jener eine Anzahl Motive gemein hat, die bei
Saxo fehlen. Indessen sind diese Motive, ein einziges
ausgenommen, alle dem BvH mit der später eingehend
zu besprechenden persischen Version der Sage gemein;
ich werde deshalb, um Wiederholungen zu vermeiden, die
betreffenden, zum Teil sehr speziellen Parallelen erst bei
Behandlung der persischen Sage zur Sprache bringen.
Jenes eben erwähnte eine Motiv, welches sich allein
in der Saga und im BvH findet, ist dieses:
Die Saga berichtet, Gollancz S. 76, der König habe,
nicht lange, nachdem er die Eegierung an sich gerissen,
ein grofses Fest veranstaltet; als es in vollem Gange ist,
wird auch Amlodi herbeigeholt. Amlodi versetzt dem Ga-
maliel einen heftigen Schlag und treibt dann allerhand
Tollheiten. Er sagt dem König ins Gesicht: „Der König
kann froh sein, dafs ich nicht die Macht habe, mit
ihm so zu verfahren, wie ich wünschte, und wie er es
verdient; wer die Mittel nicht in Händen hat, der kann
nicht vollbringen, was er möchte." Darüber gerät der
König in Zorn und schlägt mit dem Schwerte nach ihm,
aber das Schwert entfährt seiner Hand, und nun nimmt Am-
lodi es an sich; er holt aus, als wolle er nach dem König
schlagen, dieser ruft um Hilfe, da gibt ihm Amlodi das
Schwert zurück. Der König denkt daran, Amlodi töten
zu lassen, aber die Höflinge legen Fürsprache für ihn ein.
Es dürfte kaum zweifelhaft sein, dafs mit dieser
Scene in ihrem Ursprünge identisch ist jene Scene im
BvH, V. 256 If, wo Boeve bei dem Feste Doons auftaucht.
Bald — wie es scheint, wenige Tage — , nachdem er
von Sabot als Hirte eingekleidet worden ist, vernimmt
Boeve auf der Weide den Lärm eines Festes, das man im
— 154 —
Palaste feiert. Er dringt mit Gewalt in den Saal, stellt
den Kaiser zur Rede und versetzt ihm mit seiner Keule
drei Hiebe auf den Kopf, so dafs jener in Ohnmacht fällt.
Die Kaiserin will Boeve ergreifen lassen, aber einige Ritter
nehmen sich seiner an und flüchten ihn ins Freie.
Dieser Sage sind folgende Züge mit der Ambalessage
gemein: Ein grofses Fest, das der Ursurpator kurz nach
seiner Vermälilung mit der Mutter des Knaben veranstaltet ;
Erscheinen des Knaben in der Festhalle; tätliche Bedrohung
des letzteren (Saga), bezw. tätlicher Angriif auf ihn (BvH);
Absicht (des Fürsten — seiner Gattin) an dem Knaben Rache
zu nehmen; Rettung desselben durch einige Hofleute.
Die ursprüngliche Identität der beiden Episoden scheint
mir in Anbetracht dieser Übereinstimmungen und in An-
betracht der sonstigen, dem BvH und der Ambalessage ge-
meinsamen Motive und Episoden, die später zu besprechen
sind, kaum einem Zweifel unterliegen zu können. —
Von den der Ambalessage mit dem Havelok gemein-
samen Motiven gilt das gleiche wie von den übrigen,
unten zu besprechenden des BvH: sie finden sich ebenso
in der persischen Sage. Sie werden deshalb gleichfalls
erst später zusammengestellt werden.
Die hier aufgezeigten und die später noch anzufahrenden
Parallelen stellen nun ebensoviele, auch dem Brjammärchen
fehlende und trotzdem für die Quelle der Ambalessage zu
postulierende Motive dar. Unter diesen Umständen ist
mit der Heranziehung eines Märchens, das dem Brjammärchen
nahe verwandt gewesen wäre, den gleichen Typus darge-
stellt hätte, behufs Erklärung der Diskrepanzen der Ambales-
sage gegenüber der Saxoschen Darstellung offenbar wenig
gedient. Denn wenn jenes Märchen alle bei Saxo fehlenden,
für die Quelle der Sage aber vorauszusetzenden Motive
enthalten haben soll, dann war es eben von dem Brjam-
märchen sehr verschieden, dann war es bedeutend ausführ-
— 155 —
lieber gelialteu und kann nicht mehr als zum gleichen Typus
gehörig betrachtet werden. Wenn wir aber eine breiter
ausgeführte Vorlage für die Saga neben der Benutzung Saxos
noch anzunehmen genötigt sind, dann brauchen wir den
letzteren offenbar überhaupt nicht mehr; denn es ist die
Möglichkeit gegeben, dafs alles, was unserer Saga mit Saxo
gemein ist, auch in jener andern Version vorhanden war.
Die Annahme einer einheitlichen Vorlage ist gewifs zu-
nächst natürlicher; eine doppelte Vorlage wird man doch
nur da ansetzen, wo man ohne eine solche nicht aus-
kommt. Es läfst sich aber durchaus kein Grund dafür
anführen, wanim alle die Episoden und Momente, die sich
zugleich bei Saxo und in der Saga finden, nicht schon in
ihrer gemeinsamen Quelle gestanden haben können.
Zu dem gleichen Ergebnis, dafs die Saga eine von Saxo
verschiedene umfangreichere Vorlage benutzt hat, gelangen
wir aber nun auch noch auf einem ganz anderen Wege;
diesen Wog, der uns in das scheinbar so entlegene Reich
hellenischer Helden- und Göttersage führen wird, wollen
wir im nächsten Abschnitt betreten.
Die Ambalessage und die Heraklessage.
Saxo beschliefst seine Erzählung von Hamlet mit den
Worten: „Das war Amlethus' Ende. Wenn er vom Glücke
die gleiche Gunst wie von der Natur erfahren hätte, wäre
er mit seinem Ruhme den Himmlischen gleich gekommen,
hätte er durch seine Heldentaten die Arbeiten des
Herkules übertroffen." (Jantzen, S. 170.)
Dieser Vergleich Hamlets mit Herkules überrascht.
Denn das spezifisch Charakteristische für den griechischen
Sagenhelden sind doch seine gewaltige Körperkraft und
— 15G —
deren Betätigung in schweren Arbeiten, besonders in
Kämpfen mit allerhand Riesen und Ungetümen. Saxo be-
richtet aber von seinem Helden irgend etwas Entsprechen-
des nicht. Was Amlethus auszeichnet, das ist nicht phy-
sische Stärke — von ihr ist gar nirgends die Rede — ,
sondern vielmehr allein seine bewunderungswürdige Klug-
heit, ja Verschlagenheit, sein erstaunlicher Scharfblick, der
unergründliche Tiefsinn seines Geistes. Alle seine Erfolge
verdankt er eben diesen Eigenschaften. „Seid klug wie
die Schlangen!" könnte man als Motto über seine Geschichte
setzen. Durch berechnende List entgeht er den gegen ihn
gerichteten Anschlägen; nur durch seine Klugheit gewinnt
er die Bewunderung des Königs von Britannien und die
Hand von dessen Tochter: „Der König verehrte seinen
Scharfsinn wie eine Art göttliche Gabe und gab ihm seine
Tochter zur Ehe" ; die Rache vollbringt er durch die List
mit dem Netze, und indem er sein, in der Scheide festge-
nageltes Schwert mit dem des Königs austauscht, so dafs
dieser ihm gegenüber wehrlos ist; den Sieg über den König
von Britannien erringt er durch die Kriegslist mit den in
Schlachtordnung aufgestellen Leichen. Unter diesen Um-
ständen mufs man doch die Frage auf werfen: Wie kommt
unser Autor dazu, seinen Helden gerade mit Herkules, dem
Typus der Körperkraft, zu vergleichen? Ich glaube in der
Lage zu sein, diese Frage zu beantworten: Der Vergleich
wird sofort verständlich, wenn wir annehmen,
Saxo habe aus einer Quelle geschöpft, welche in
wesentlichen Partien übereinstimmte mit der Am-
balessage, und er habe, in der Absicht, in seinem
Helden einen Typus berechnender Klugheit zu
schildern und alles Licht auf diese Seite seines
Wesens zu konzentrieren, eine Anzahl Züge und
Episoden seiner Quelle unterdrückt. Denn nicht
nur spielt in der Arabalessage Amlodis gewaltige Körper-
— 157 —
kraft und ihre Betätigung in allerlei Kämpfen und kriege-
rischen Unternehmungen eine hervorstechende Rolle, mehr
als das: es kann meines Erachtens kaum einem Zweifel
unterliegen, dafs in der Sage direkt eine ganze Reihe
Motive der antiken Heraklessage auf Ambales-
Amlodi übertragen sind; dafs es in der Absicht des
Dichters, der die fraglichen Züge einführte, gelegen hat,
in seinem Helden einen Heraklestypus zu schildern.
Deshalb ist es sehr natürlich, dafs der mit antiker Literatur
vertraute Saxo, wenn ihm eine ähnliche Darstellung vor-
lag, sich durch sie an die ihm bekannte Heraklessage ge-
mahnt fühlte.
Es soll nun im folgenden für die behauptete Beein-
flussung der Ambalessage durch die Heraklessage der Be-
weis erbracht werden.
Zunächst sei im allgemeinen daran erinnert, dafs Am-
lodi wie Herakles schon in früher Jugend Riesenkräfte
zeigt: noch nicht zwölfjährig, übertrifft er an Körperkraft
schon alle Einwohner der Stadt (Gollancz, S. 75); nach
dem Kampfe mit den Höhlenbewohnern erzählen die Hirten
dem Könige, „welche Hilfe ihnen Ambales im Kampfe ge-
leistet habe durch seine gewaltige Stärke", (ib. S. 91), u. s. ö.
Was dann die speziellen Motive anlangt, so gehe ich
aus von den beiden Episoden der Saga, welche Amlodis
Aufenthalt bei den Hirten und seinen Kampf mit Drafnar
schildern. Diesen Episoden scheinen dunkle, ver-
wirrte Erinnerungen an einige der bekanntesten
Taten des Herakles zu Grunde zu liegen, nämlich an
seinen Aufenthalt bei den Hirten auf dem Kithairon, an
die Wegführung der Rinder des Geryones, an den Kampf
mit Kakos, an die Kämpfe mit den Kentauren anläfslich
der Jagd nach dem erymanthischen Eber, an die Herauf-
holung des Kerberos und an den Kampf mit Antaios.
— 158 —
Die Ambalessaga berichtet Kap. 14, Gollaiicz S. 85 ff.,
Folgendes — ich gebe den Bericht in wörtlicher Über-
setzung, da es hier auf alle Einzelheiten ankommt und die
Darstellung sehr unklar gehalten ist:
Auf Wunsch des Königs haben sechs Hirten Amlodi ^j
abgeholt und wandern mit ihm dem Gebirge zu: „Als sie
ins Gebirge kamen, begannen sie die Schafe zusammenzu-
treiben, und sie fanden, dafs einige davon sich hier, die
andern dort gesammelt hatten. Da rannte Amlodi achtlos
umher mit unheimlichem Geschrei und verzerrten Blicken,
und er trieb die Schafe in allen Eichtungen aus ihren
Lagerstätten, so dafs die Hirten sie nicht zusammenbringen
konnten, denn Amlodi rannte schneller als sie; so verloren
sie ihn und die Schafe aus dem Gesicht; da wurden sie
ärgerlich, da sie weit suchen mufsten, viel weiter als sie
sonst nötig hatten, und doch sahen sie weder die Schafe
noch ihren Genossen. Endlich fanden sie die Tiere weit in
nördlicher Richtung, vollzählig, aber von ihrem Genossen
Amlodi sahen sie nichts. Über diese Berghänge hinaus
noch weiter nach Norden waren steile Felsen, und sie ent-
deckten dort eine Höhle von ziemlichem Umfange. Sie
hörten dort sprechen und laut streiten, wollten aber nicht
länger verweilen und trieben, ihre Herden schleunigst heim-
wärts. Plötzlich sahen sie einen Mann, der das Gebirge
entlang ging; er war von grofser Gestalt und hielt ein ge-
waltiges Messer in der Hand; sie erkannten ihren Genossen,
und er ging an ihrer Spitze heimwärts. Bald danach sahen
sie 18 Männer, die in derselben Richtung liefen, alle von
hoher Gestalt, doch zwei darunter waren die gröfsten. Sie
kamen gerade auf die Hirten zu, es waren die Höhlenbe-
wohner. Einer von ihnen fragte die Hirten in barscher
^) Gollancz hat überall die Form Ambales, ich bleibe aber bei
der anderen, bisher ausschliefslich verwandten.
— 159 —
Weise: Wo ist der. der mein Schwert gestohlen hat? Sie
sagten ihm, sie würden noch weiter gehen müssen, wenn
sie ihn finden wollten. Ihr sollt aber alle für ihn büfsen,
sagte der Höhlenmann. Die Höhlenbewohner hatten alle
zwei Arten von Waffen, aber nur wenige von den Hirten
hatten Schwerter bei sich, sie führten nur ihre Handbögen.
Ihr Anführer hiefs Batellus; er war der beste Bogenschütze
auf der Welt, und jetzt war seine Kunst ihm von Nutzen;
er schofs nach den Höhlenbewohnern gut und lange, und
sie taten alle ihr Bestes, bis zwölf von den Räubern ge-
tötet waren, und die übrigen waren in grofser Gefahr.
Im selben Augenblick kam der, der das Schwert gestohlen
hatte, zu ihnen, und er gab das Schwert dem Käuber, dann
schwang dieser es nach Amlodi, der auswich und auf den
Räuber zusprang, und er fafste ihn und trug ihn über das
Feld dahin und liebkoste und streichelte ihn, und lief in
gröfster Eile mit ihm herum; dabei umklammerte er ihn
so fest, dafs jener sich nicht losmachen konnte, und als er
mit ihm eine Zeit lang gelaufen war, trug er ihn zurück
nach der Höhle. Als die anderen Höhlenbewohner dies
sahen, erschraken sie, Furcht ergriff ihre Herzen, und sie
liefen vor den Hirten davon, die so gerettet wurden, und diese
zogen mit der Herde schleunigst ihres Weges. Als Amlodi vor
die Öffnung der Höhle kam, legte er seine Last nieder; der
Bursche, den er trug, hiefs Caran ; er war der Führer der Höhlen-
bewohner, die am Leben geblieben waren. Caron sagte
zu Amlodi: Dir fehlt es weder an Stärke noch an Mut,
mich dünkt. Deinesgleichen lebt nicht; darum wäre es
schimpflich für mich, Dich zu töten. Du hast mein Leben
dreimal in Deiner Gewalt gehabt, und ich gestehe zu, dafs
Du mir das Leben geschenkt hast. In diesem Augenblick
kamen Actamond und seine Genossen zu ihnen, er sprang
auf Amlodi los mit einem blofsen Schwert und gab
ihm einen Hieb über den Rücken, so dafs Amlodi eine
- 10 0 —
grofse Wunde empfing; der geriet in grolsen Zorn und
fafste jenen mit aller Kraft und warf ihn in die Luft, so
hoch er konnte, so dafs er mit dem Rücken auf die Felsen
fiel und alle seine Knochen gebrochen wurden, und ebenso
erging es seinen Genossen. Dann stürzte Amlodi auf Caron
zu und fafste ihn in gleicher Weise, in der Absicht, ihn
zu töten; aber Caron bat um sein Leben, und Amlodi liefs
ihn los und schenkte ihm das Leben. Caron bat ihn, bei
ihm Wohnung zu nehmen, und erklärte sich ihm lehns-
pflichtig mit allem, was er hatte, indes Amlodi nahm das
Anerbieten nicht an, setzte aber hinzu, er wolle ihn später
zum Zeichen ihrer Aussöhnung besuchen. Amlodi machte
sich nun auf den Heimweg und erreichte bald die Hirten;
die Herde war schwer zu treiben, denn der Männer waren
wenige. Amlodi lieh ihnen seine Hilfe und diente ihnen
nach besten Kräften, bis die Herde von den Hügeln her-
unter war. Dann aber hinderte er sie am Weitertreiben
und verrammelte den Bergpfad, den sie einschlagen mufsten.
Die Hirten meinten, er benehme sich jetzt sehr ungehörig,
inzwischen wurde es dunkel, der Himmel bedeckte sich, und
ein Unwetter brach los. Ströme rannen weithin mit grofsem
Getöse und in mächtigen Fällen die Berge herab, und Am-
lodi sprang von da, wo die Herde stand, einem der gröfsten
Sturzbäche entgegen und lachte laut auf bei dem Rauschen
des Wassers. Die Hirten mufsten dort dicht vorbeikommen,
und Amlodi sagte zu ihnen : Heute Nacht werden die Fälle
alle hinaufrennen und keiner hinab. So sagte er dreimal
mit einer Pause. Nun trieben die Hirten die Herden in
ihre Gehege und gingen dann nach Hause." Sie erzählen
dem Könige, was sich ereignet hat und rühmen Amlodis
gewaltige Stärke.
Ich schliefse daran gleich die im nächsten Kapitel
folgende Schilderung von Amlodis Kampf mit dem Riesen
Drafnar, Gollancz S. 91 fiP.
— 161 -
„Nach dem Abendessen ging Amlodi hinaus aus der
Küche und suchte nach einem ruhigen Orte fiir die Nacht,
da er verwundet war; es war inzwischen dunkel geworden
und stürmte heftig draufsen und regnete. Als er ein Stück
Weges gegangen war, begegnete er einem Manne von hoher
Gestalt; der trug in seiner Hand ein ausnehmend grofses
Schwert von trefflicher Arbeit, das im Dunkeln leuchtete,
vielleicht wegen der kostbaren Steine und des daran an-
gebrachten Goldes. Er trug aufserdem eine mächtige Keule
in seiner Hand und war angetan mit einer zottigen Kutte;
er hatte die Stärke von 8 Männern und war sehr gefürchtet
bei den Leuten wegen seiner Eäubereien und Mordtaten;
er erschlug die Leute bei Nacht und war meistens anzu-
treffen, wenn Unwetter herrschte. Die Könige hatten eine
Prämie auf seinen Kopf gesetzt, denn er war schon lange
bekannt wegen seiner Untaten; dieser Mann hiefs Drafnar.
Als er nun Amlodis ansichtig wurde, da beschleunigte er
seinen Schritt und gedachte, nach ihm zu schlagen. Er hob
seine Keule, aber Amlodi merkte seine Absicht und sprang
auf ihn zu und fafste ihn beim linken Arm, mit dem er
das Schwert hielt; er umklammerte ihn sehr fest und
schüttelte ihn, dafs er beinahe gefallen wäre, und in Folge
des Griffes verlor Drafnar sein Schwert. Dieser fafste
nun seinerseits Amlodi, und es begann ein heftiges Ringen.
Sie rangen lange mit einander, und jeder war nahe daran,
zu fallen. Da Amlodi fühlte, dafs ein sachtes Anfassen
des Feindes nichts helfen würde, so ging er mit Ungestüm
auf ihn los, packte ihn um den Rücken und trug ihn zu
der Tür der Halle; der Boden zitterte von ihrem Ringen,
und der Lärm war so grofs, dafs die Leute erschraken
und die Wächter der Halle entsetzt flohen. Drafnar er-
achtete es als eine geringe Ehre, dafs er nun die Königs-
halle betreten durfte. Amlodi trug ihn hinein und liefs
ihn frei vor dem Tische des Königs; die Leute waren eben
Zenker, Boeve-Analethus. 11
— 162 —
beim Mahle. Amlodi verliefs nun selmell die Halle und
schlofs die Türen; da befiel grofser Schrecken den König
und seine Leute. Der König rief seine Leute und forderte
sie auf, den Gast zu fassen, denn er war in grofser Angst.
Die Männer gingen auf ihn los mit ihren Waffen, und Drafnar
sah, dal's sein Leben in grofser Gefahr war und dafs er sich
gehörig seiner Haut wehren müfste: er schwang seine Keule
und schlug damit im Nu zwölf Männer. Da ergriff das Volk
die Flucht, denn sie waren in grofser Furcht. Aber in diesem
Augenblick öffneten sich die Türen und Amlodi kam herein,
hob Drafnar empor und trug ihn wieder dahin, wo er ihn
getroffen hatte; dort liefs er ihn los, hob Drafnars Schwert
auf, das dort lag, und gab es ihm zurück."
Drafnar bietet ihm nun seine Freundschaft und alle
seine Reichtümer an, aber Amlodi lehnt die letzteren ab
und verlangt nur, dafs Drafnar in der nächsten Nacht sich
an der gleichen Stelle einfinden solle. Drafnar sagt das
zu, worauf beide in gutem Einvernehmen scheiden. Am
nächsten Abend treffen sie sich wieder; Drafnar zieht sein
Schwert „Siegglanz (SigurUöma)'' aus der Scheide, das
ihnen leuchtet, wie sie über die Heide dahinschreiten. Sie
wandern bis zur Höhle Carons, der sie freundlich aufnimmt
und Amlodis Wunden mit kostbarer Salbe bestreicht, so
dafs sie aufhören zu schmerzen. Amlodi rät beiden vom
Räuberleben ab; beim Abschied läfst er sich von Drafnar
dessen mit Zauberkraft begabten Mantel schenken (vergl.
oben S. 132). Das Weitere interessiert uns hier nicht mehr.
In diesen Episoden glaube ich einen Widerschein von
Motiven der Heraklessage zu erkennen . Züge, welche die antike
Sage von gewissen Taten des Herakles berichtet, scheinen
hier in Folge undeutlicher, verschwommener Erinnerung
durcheinander geworfen, kombiniert, umgebildet und ent-
stellt. Der Hirtenepisode scheinen mir zu Grunde zu liegen:
— 103 —
Die Sage von Herakles' Aufentlialt bei den Hirten auf dem
Kithairon, von den Kindern des Geryones, dem Kampf mit
Kakos, dem Kentaurenkampfe und der Heraufholung des
Kerberos; der Drafnarepisode: die Erzählung von dem
Ringkampf des Herakles mit dem Riesen Antaios, der
Einbringung des erymanthischen Ebers und abermals die
Kerberossage.
Ich fasse zunächst die Hirtenepisode ins Auge; sie ist
sehr unklar gehalten und bietet oifenbar entstellte Über-
lieferung. Zuerst hören wir, Amlodi habe das Vieh durch
sein Schreien und Lärmen davongejagt. Dann wird be-
richtet von einem Kampf mit den Höhlenbewohnern (Hellirs-
büana) oder Räubern (SUgamanyii) , der damit motiviert
wird, dafs ein Genosse der Hirten dem Anführer der Höhlen-
bewohner sein Schwert weggenommen habe. Jener Genosse
der Hirten kann kein anderer sein als Amlodi, der ihnen
ja vorausgelaufen ist; wie letzterer auf dem Hinwege, so
schreitet jener auf dem Rückwege an ihrer Spitze. Das
Schwert kann er dem Räuber doch wohl nur im Kampfe
entrissen haben. Aber welcher Anlafs kann zu einem
solchen Kampfe vorgelegen haben? Unverständlich bleibt
auch, warum Amlodi den Caron in seine Höhle zurück-
trägt.
Es scheint mir kaum zweifelhaft, dafs in der ursprüng-
lichen Version, welche der Saga zu Grunde liegt und in
ihr entstellt ist, die Höhlenbewohner das durch Amlodi
verjagte Vieh geraubt hatten, es vielleicht in ihre Höhle
getrieben hatten; denn die Hirten hören, als sie an die
Höhle kommen, darin „laut streiten", was sich nur auf
einen Streit des vorausgeeilten Amlodi mit Caron, dem
Führer der Höhlenbewohner, beziehen kann; Amlodi trägt
ja nachher Caron „in die Höhle zurück", er ist also schon
drinnen gewesen. Der weitere Verlauf wird dann in der
ursprünglichen Sage dieser gewesen sein: Amlodi jagte
11*
— 164 —
den Eäubern das Vieh wieder ab und entrifs dabei im
Kampfe dem Caron das Schwert. Caron eilte ihm mit seinen
Genossen nach, um das Schwert, vielleicht auch die Herde,
wieder zu gewinnen, und nun kam es zum Kampfe, in dem
die Räuber unterlagen. So ist die ganze Episode verständ-
lich. Wie sich die Zurückschaffang des Caron in die Höhle
erklärt, werden wir unten sehen.
Im folgenden ist es dann wieder unklar, was Amlodi
damit bezweckt, dafs er den engen Gebirgspfad, auf dem
die Hirten ihre Herde dahin treiben, verbarrikadiert; der
Erzähler scheint darin nur einen neuen Narrenstreich Am-
lodis zu erblicken. Es sei als eine für das Folgende nicht
unwichtige Tatsache angemerkt, dafs sich unmittelbar neben
dem Pfade, also mit ihm zwischen die Felsen eingezwängt,
ein angeschwollener Gebirgsbach befindet; denn Amlodi
springt von da, wo die Herden stehen, in den Bach hinein,
s. Gollancz S. 89. Die Erklärung dieser Episode wird
gleichfalls das Folgende geben.
Die antike Sage berichtet aus Herakles' Leben und
von einigen seiner bekanntesten Taten unter anderem nach-
stehendes :
1. Nachdem der junge Herakles seinen Erzieher Lines
erschlagen hatte, schickte ihn sein Pflegevater Amphitryon
aus Furcht vor seinem unbändigen Wesen zu den Hirten
ins Gebirge Kithairon; hier lebte er bis zu seinem acht-
zehnten Jahre als Hirt und Jäger und wurde gröfser und
stärker als alle anderen^).
2. Herakles erhielt von dem König Eurystheus, in dessen
Dienstbarkeit er durch den Hafs der Hera geraten w^ar.
unter anderem den Auftrag, die Einder des Geryones zu
^) Vgl. A. Paulj, Eealencyelopädie d. klciss. Altertum stciss. III,
Stuttgart 1844, S. 1159; L. Preller, Grieeh. Mythol. II, Leipzig 1854,
S. 123.
— 165 —
holen. Geryones wohnte im fernen Westen auf der Insel
Erjtheia, seine Rinder wurden gehütet von dem Riesen
Eurytion und dem zweiköpfigen Hunde Orthros. Herakles
ei*schlug beide und trieb die Herde fort. Geryones holte
ihn ein, wurde aber nach heftigem Kampfe von ihm ge-
tötet. Auf dem Rückwege zog Herakles über die Alpen
und kam an die Stätte des nachmaligen Rom, wo er Halt
machte und die Rinder weiden liefs, während er selbst sich
zum Schlummer niederlegte. In jener Gegend hauste in
einer unzugänglichen, von Spuren des Mordes erfüllten
Höhle Kakos, ein riesenhafter, räuberischer Hirt, der Schrecken
der Gegend. Dieser raubte von den Rindern einige und
zog sie, um durch die Fufsspuren nicht entdeckt zu werden,
an den Schwänzen rücklings in die Höhle. Herakles, er-
wacht, bemerkte anfangs den Diebstahl nicht und wollte mit
der Herde abziehen, da verrieten die eingesperrten Rinder
durch Gebrüll ihren Aufenthalt, Herakles eilte dem Berge
zu, Kakos floh vor ihm in die Höhle und verrammelte sie,
Herakles aber drang mit Gewalt ein, erschlug den Kakos,
der vergebens den Beistand der anderen Hirten anrief,
und schleppte ihn heraus^). Die Hirten der Gegend kamen
herbei, errichteten einen Altar und opferten dem Herakles,
weil er sie von dem lästigen Räuber befreit hatte.
Auf der weiteren Reise kam er nach Epirus. Hier
schickte ihm Hera eine Bremse unter die Rinder, so dafs
sie auseinander liefen und sich in den thrakischen Bergen
zerstreuten. Herakles eilte ihnen nach, fing sie teilweise
wieder ein und trieb sie weiter nach dem Hellespont. Hier
I
») So Vergil, ^e«. VIII, 184 ft". Als Besieger des Kakos führte
Hercules bei den Römern den Beinamen „Victor"; es ist dies sein
Beiname schon auf den ältesten römischen Herculesaltären, denen des
foTurn boarium, vgl. Röscher, Ausführl. Lexikon d. griech. u. röm.
Mythol. r-, Leipzig 1886, Sp. 2923 f.
— 166 —
bereitete ihm der Flufs Strymon Hindernisse, deshalb füllte
er sein Bett mit grofsen Steinblöcken und machte ihn so
unfahrbar. Schliefslich gelangte er mit den Rindern zu
Eurystheus ^).
Das Geryonesabenteuer war sehr bekannt, es hat „die
Volkssage, die Poesie und Kunst, auch die geographische
und ethnographische Tradition und Forschung viel be-
schäftigt." (Preller.)
3. Der Kentaurenkampf. Auf der Jagd nach dem ery-
manthischen Eber kam Herakles in das hohe und rauhe,
ehedem mit Wald bedeckte Grenzgebirge gegen Elis. Er
kehrte hier bei dem Kentauren Pholos, d. i. Höhlenmann,
ein. Pholos gab seinem Gaste zu trinken aus einem Fasse
köstlichen Weines, das er von Dionysos erhalten hatte.
Durch den Durst angelockt, kamen die übrigen Kentauren
herbei, die nun die Gäste mit Felsblöcken und Fichten-
stämmen bestürmten. Herakles verjagte sie und vertilgte
sie zum Teil mit seinen Pfeilen, jedoch erst nach grofser
Anstrengung, denn ihre Mutter, die Wolke, kam den
Kentauren mit gewaltigen Regengüssen zu Hülfe,
so dafs sich Herakles kaum auf den Beinen halten konnte,
während die Kentauren mit ihren vier Beinen in dem Wasser-
schwall wie zu Hause waren. Die Kentauren flüchteten zu
dem wegen seiner Kenntnisse in der Heilkunst berühmten
Chiron (XeiQcova xov em nj larQixf] &av/biaC6juevov), einem
alten Freunde des Herakles, dem dieser aber wider seinen
Willen durch einen Pfeil eine unheilbare Wunde beibrachte,
worauf Chiron sich in seine Höhle zurückzog. Herakles
kehrte zur Höhle des Pholos zurück, den er mit vielen
anderen tot fand. Nachdem er den erymanthischen Eber
gefangen, nahm er ihn auf die Schultern und trug ihn auf
1) Pauly S. 1166f. ii. 1175f. ; Preller S. Ulff.: W. H. Röscher,
Sp. 2270 ff.
— 167 -
den Hot des Königs, der darüber derinalsen erschrak, dal's
er sich in ein ehernes Fafs vorkroch').
4. Heraufholung des Kerberos. Herakles stieg beim
Vorgebirge Taenariim in Lakonien in den Hades hinab.
Um die Schatten mit Blut zu erquicken, schlachtete er eine
von den hier weidenden Kühen des Hades; er hatte deshalb
mit dem Hirten Menoites zu kämpfen, dem er beim Ringen
die Rippen zerbrach. Von Hades erhielt er die Erlaub-
nis, den Kerberos mitzunehmen, wenn er ihn ohne Waffen
bezwingen könnte. Er würgte nun das Untier, bis es sich
ergab, brachte es gefesselt auf die Oberwelt, zeigte es dem
Eurystheus und trug es dann in den Hades zurück.
Diese Tat galt als die schwerste unter den Arbeiten
des Herakles, sie allein wird von allen zwölfen ausdrücklich
schon von Homer genannt'-).
5. Der Kampf mit Antaios. Antaios, Beherrscher von
Libyen, ein Sohn Poseidons und der Erde, war ein ge-
waltiger Riese, der alle Fremden zwang, mit ihm zu ringen
und dann die Besiegten tötete. Herakles nahm den Kampf
mit ihm auf, und als er merkte, dafs Antaios, sobald er die
Erde, seine Mutter, berührte, immer neue Kraft bekomme,
hob er ihn in die Luft und erwürgte ihn mit seinen Armen*).
Nach Diodor IV, 17 fand dieser Ringkampf statt, als Hera-
kles ausgezogen war, die Rinder des Geryones zu holen.
Der Kampf „gehörte zu den beliebtesten Scenen der grie-
chischen Heraklesdichtung", „die bildenden Künstler, auch
die Maler, stellten ihn liäufig dar" (Preller).
Diesen fünf Episoden scheinen mir also im wesent-
lichen entnommen zu sein die Züge, aus denen sich die
1) Diodor, Bibl. hist. IV, 13, ed. L. Dindorf, Leipzig 1866, I,
S. 851 ff. Apollodor, Bibl. II, 5, 4. Pauly, S. 1164. Preller S. 134fF.
«) Pauly S. 1168; Preller S. 153fF.
•^J Pauly S. 1169; Preller S. 150f.
— 168 —
Hirten- und Drafnar- Episode der Ambalessaga zusammen-
setzen. Ich finde zunächst in der Hirtenepisode folgende
Züge der antiken Sage wieder:
1. Ein junger Held von gewaltiger Köri)erkraft wird
von seinem Pflegevater, der ihm Beschäftigung geben will,
zu den Hirten ins Gebirge entsandt.
2. Eine Viehherde wird auseinandergejagt und zer-
streut sich im Gebirge, wird aber wieder eingebracht und
nach Hause getrieben; auf dem Wege tritt ein Flufs über
seine Ufer, der Held füllt dessen Bett mit Steinblöcken
und dämmt ihn so zurück.
3. Vieh wird von einem räuberischen Höhlenbewohner
gestohlen, aber der Eäuber wird in seiner Höhle besiegt
und das Vieh wird ihm wieder abgenommen.
4. Der Held kämpft im Gebirge gegen einen Trupp
roher Gegner und besiegt diese. Nachdem der Kampf
einige Zeit gedauert hat, oder nachdem er beendigt ist,
bricht ein gewaltiges Unwetter aus, welches die Gebirgs-
bäche anschwellen läfst; der Held steht mitten in einem
Sturzbach.
5. Ein feindliches Wesen (Mensch oder Tier), das der
Held mit seinen Armen bezwungen hat, wird von ihm
in die Höhle, die dem Besiegten als Behausung dient, oder
an den Ort, wo der Kampf stattgefunden hat, zurückge-
tragen und dort freigelassen.
6. Freundschaft des Helden mit einem Höhlenbewohner.
7. Ein Held ringt mit einem gefürchteten Eiesen, der
schon viele Mordtaten vollbracht hat; er bezwingt denselben,
indem er ihn um den Leib fafst und von der Erde emporhebt.
8. Er trägt ein bezwungenes Ungetüm (Mensch oder
Tier) lebendig auf den Hof des Königs, der dadurch in
Angst und Schrecken versetzt wird (Erymanthischer Eber).
9. Er trägt ein bezwungenes Ungetüm lebendig auf
den Hof des Königs (Kerberos).
— 169 —
10. Ein dem Helden befreundeter, in der Heilkunst
erfahrener Höhlenbewohner.
Diese Motive der antiken Sage wurden in Folge von
Berührungspunkten, die sie darboten, miteinander vermengt,
und zwar waren die attrahierenden Momente die folgenden:
Eine Herde, die ihrem Hirten davongegangen ist, von
ihm aber zurückgeholt wird — 2:3.
Ein über seine Ufer getretener Flufs, in dessen Strömung
der Held zu stehen kommt — 2:4.
Ein Wesen, das in einer Höhle haust und in ihr be-
zwungen wird — 3:5.
Kampf mit einem starken Gegner — 3:4:5:7.
Höhlenbewohner — 3 : 5 : 6 : 10.
Ringkampf mit einem tierischen oder menschlichen
Ungetüm — 5:7.
Kampf mit einem Riesen, der der Schrecken der Gegend
ist — 3 : 7.
Ein Untier, das lebendig auf den Königshof getragen
wird — 8:9.
Ein dem Helden befreundeter Höhlenbewohner — 6:10.
Aufserdem könnte stattgefunden haben eine Verwech-
selung des Kerberos, des Hadeshundes, mit Charon, dem
Fährmann des Hades, insofern beide als Wächter der Unter-
welt gefafst werden konnten.
Es würden sich demnach die einzelnen Motive der
beiden Episoden folgendermafsen zusammensetzen:
a) Hirtenepisode:
Amlodi als Hirt und Jäger bei den Hirten im Gebirge
= Herakles als Hirt und Jäger bei den Hirten auf dem
Kithairon.
Verschwinden der Herde und Wiedergewinnung der-
selben durch Amlodi nach einem Kampfe mit Caron =
Zerstreuung der Rinder des Geryones durch die von Hera
gesandte Bremse und Wiedergewinnung derselben durch
— 170 —
Herakles = Gewinnimg der Rinder des Geryones + Raub
eines Teiles der Rinder durch Kakos und Wiedererlangung
derselben durch Herakles nach Besiegung des Kakos.
Kampf Amlodis und der Hirten mit den Höhlenbe-
wohnern und darauffolgende Regengüsse = Kampf des
Herakles mit den Kentauren, den gewaltige Regengüsse
begleiten.
Kampf Amlodis mit dem räuberischen Caron und Zu-
rücktragen des letzteren in seine Höhle = Kampf des
Herakles mit Geryones + Kampf mit dem räuberischen
Kakos -h Kampf mit Kerberos und Zurücktragen desselben
in die Höhle des Hades.
Der übergetretene Bergstrom, in den Amiod! hinein-
springt, die Yerrammlung des Engpasses, durch den der
Weg und der Strom gehen = Sturzbach, in den Herakles
im Kentaurenkampf zu stehen kommt + dem über seine
Ufer getretenen Strom, der den Weg überschwemmt, auf
dem Herakles die Rinder des Geryones dahin treibt, und
dessen Bett er, erzürnt über das Hindernis, mit Steinblöcken
verrammelt.
b) Ringkampf mit Drafnar:
Ringkampf mit dem grausamen Riesen Drafnar und
Besiegung desselben durch Emporheben = Ringkampf des
Herakles mit dem grausamen Riesen Antaios und Be-
zwingung desselben durch Emporheben + Ringkampf mit
Kerberos (-}- eventl. Kampf mit dem gefürchteten Riesen
Kakos).
Drafnar von Amlodi in die Königszelle getragen =
Kerberos, vor den König Eurystheus getragen + eryman-
thischer Eber, vor Eurystheus getragen.
Klägliche Furcht des Königs und seiner Leute vor
dem in die Halle getragenen Drafnar = Furcht des Eury-
stheus vor dem eingebrachten erymanthischen Eber, vor
dem er sich in ein Fafs verkriecht.
— 171 —
Zuriickl ragen des Drafnar iu den Wald = Zurück-
tragen des Kerberos in den Hades.
Gastliche Aufnahme Amlodis bei dem befreundeten,
in der Heilkunst erfahrenen Höhlenbewohner Caron =
gastliche Aufnahme des Herakles bei dem befreundeten
Höhlenbewohner Pholos (unmittelbar vor dem Kentauren-
kampf) -j- Freundschaft des Herakles mit dem in der
Heilkunst erfahrenen, eine Höhle bewohnenden Kentauren
Cheiron.
Dafs eine Verwechselung der verschiedenen, in wesent-
lichen Punkten sich ähnelnden Arbeiten des Herakles,
speziell seiner Kämpfe gegen Ungetüme von allerhand Art,
sehr leicht eintreten konnte, liegt auf der Hand; sie er-
klärt sich im vorliegenden Falle hinreichend durch die
oben ausgelösten identischen Momente der einzelnen Epi-
soden, welche attrahierend wirken mufsten. Solche Ver-
wechselungen begegnen schon bei den Alten, so z. B.,
wenn der Kentaur Nessos, den Herakles im Flusse tötet,
vermengt wurde mit dem Flufsgotte Acheloos^). Eine Ver-
wechselung mufste besonders nahe liegen bei der Geryones-
Kakossage und der Kerberossage, der Geryones-Kakossage
und der Antaiossage, der Kerberossage und der Sage vom
erymanthischen Eber. Denn „mit dem Geryonesabenteuer
steht die Hadesfahrt in einem gewissen Parallelismus. Wie auf
Erytheia den Hund Orthros, so mufs Herakles in der Unter-
welt den Kerberos bezwingen: beide Hunde entstammen
nach der Sage denselben Eltern. In beiden Sagen erzählt
man von Herakles' Kampf gegen Menoites, den Hirten des
Hades. Es scheint fast, als sei die lokrische Geryones-
sage die Nachbildung einer älteren, vielleicht euboischen
oder ostboiotischen Legende von der Herauf hol ung des
^) Vgl, Wilamowitz-Möllendoii", Euripides Herakles 1-, Berlin
1895, S. 41, Anm. 75.
— 172 —
Kerberos"^). Waren die beiden Sagen ursprünglich identisch,
so kann es gewifs nicht wundernehmen, wenn sie si)äter
wieder zusammenflössen. Eine Verschmelzung der Geryones-
Kakossage sodann mit der Antaiossage mufste dadurch
leicht herbeigeführt werden, dafs die letztere mit jener
in unmittelbaren Konnex gesetzt war und in beiden der
Held mit einem grausamen, berüchtigten Riesen kämpft,
den er tötet. Der Kerberossage und der vom erymanthi-
schen Eber endlich ist gemein der wichtige Zug, dafs in
beiden das eingefangene Ungetüm lebend vor den König
getragen wird.
Es würde also in der nordischen Sage dem
Verhältnis Amlodis zu Faustinus das des Hera-
kles zu Eurystheus in der griechischen Sage ent-
sprechen. ■
Die Wahrscheinlichkeit nun, dafs wir es bei den in
Rede stehenden Punkten nicht mit zufälligen Überein-
stimmungen zu tun haben, wird vermehrt durch eine Reihe
weiterer merkwürdiger Parallelen, welche die Ambales-
sage und die antike Heraklessage aufweisen.
Zunächst scheint die Erzählung von Ambales' Geburt
zu beruhen auf der griechischen Sage von der Geburt des
Herakles.
Bei xA^mbales' Geburt spielt, wie wir sahen, eine ihm
feindlich gesinnte Xorne oder Völva") (Wahrsagerin) eine
^) S. Gruppe in I. v. Müllers Handb. d. klass. Alfertiimsiviss.Y,
2. Abt., S. 469. Ebenso Wilamowitz-Möllendorf a. a. 0. I, 45, Anm. 74,
der in Geryones Halkyoneus (der die Rinder des Sonnengottes weg-
treibt) Kakos „Differenzierungen der gleichen Urform" vermutet. Ge-
ryones ist nach ihm „ursprünglich der Herr des Totenreiches gewesen,
und Züge, die nur unter dieser Voraussetzung verstänlich sind, haben
sich bis in die späte mythographische Vulgata erhalten".
-) Beide Ausdrücke werden in allen Handschriften jiromiscue
gebraucht, s, Jiriczek S. 70.
— 173 —
Rolle. Sie wird geschildert als „weise Frau (visinda konaj
von vornehmer Abkunft; sie war nicht von elfischer Art,
aber so bösartig, dafs die Leute in Furcht vor. ihr lebten;
auch war sie wohl erfahren in der Schwarzkunst und alter
Weisheit. Sie stammte aus dem Osten, aus Gardarthi,
durchzog die nordischen Länder und wurde in Ehren ge-
halten von den Königen und vornehmen Häuptlingen, denn
man wandte sich an sie, wenn Königinnen und
Frauen ihrer Entbindung entgegensahen, damit sie
das Schicksal der Kinder bespräche; denn die Leute glaub-
ten, dieses richte sich in der Regel nach ihren Zauber-
sprüchen. Dadurch wurde sie reich und sehr mächtig"
fGollancz S. 5 f.). Die Norne zürnt, weil sie zu der Geburt
von Ambas erstem Sohn Sigurd nicht beigezogen worden ist.
Sie prophezeit deshalb der Königin, als diese mit Ambales
schwanger geht. Übles. Binnen kurzem soll sie alles, aufser
dem nackten Leben, verlieren. Ihr Gatte werde im Kriege
erschlagen werden, ihr erster Sohn solle einen schmäh-
lichen Tod finden, der aber, den sie jetzt gebären
werde, solle ihr wenig Freude machen, denn alle
Menschen sollten ihn für einen ISarren halten. Die
Königin, erschrocken hierüber, bemüht sich, die Völva zu
besänftigen; sie bittet sie um Entschuldigung wegen des
begangenen Versehens und lädt sie ein, der Geburt ihres
zweiten Sohnes beizuwohnen. Die Völva läfst sich be-
gütigen, sie erscheint, als die Zeit gekommen ist, und er-
füllt in der freundlichsten und sorgsamsten Weise Heb-
ammendienste bei der Königin. Sie bedauert ihre schlimme
Prophezeiung, die sie nicht ändern kann — denn das Schick-
sal regiert oben, gelenkt von dem, der mächtiger ist als
die Menschen — , aber sie fügt eine Prophezeiung hinzu:
Ambas Sohn solle der Ruhm seines Geschlechtes werden.
Dann verabschiedet sie sich.
Nun spielt eine an das ursprüngliche Auftreten der
— 171 —
Norne erinnernde EoUe bei der Geburt des Herakles die
Göttermutter Hera, die erbitterte Feindin des Helden, des
Sohnes ihrer verbalsten Eivalin Alkmene. An dem Tage,
an dem Alkmene den Herakles gebären soll, schwört Zeus,
dafs der, der an diesem Tage zur Welt kommen werde,
alle Umwohnenden beherrschen solle. Da hemmt und er-
schwert Hera durch allerhand bösen Zauber die Geburt
des Herakles und richtet es so ein, dafs an diesem Tage
vielmehr das Siebenmonatskind Eurystheus geboren wird,
in dessen Dienstbarkeit nun, infolge des Schwures des
Zeus, später Herakles gerät. Sie verfolgt den Herakles
zeitlebens mit ihrem Hasse, insbesondere ist sie es, die
ihn mit Wahnsinn schlägt^). Hera- Juno war aber bekannt-
lich nicht nur die Ehe-, sondern — als römische Ijucina —
auch die Geburtsgöttin: „sie ist eine kräftige Hülfe in
den Nöten und Ängsten der Entbindung, wobei der Ein-
flufs der Mondgöttin Hera, der Juno-Lucina, wie die Eömer
sie nannten, . . . mit im Spiele ist"-). Auf alten Bildern
führt sie als d/Äq)a?^f]T6juog die Schere in der Hand.
Ich erblicke also in der als Hebamme fungie-
renden, von Königen und Fürsten verehrten Norne
oder Völva hoher Abkunft, w^elche, auf des Helden
Mutter erzürnt, Amlodi Wahnsinn prophezeit und
damit herbeiführt, einen Eeflex der Geburtsgöttin
Hera, welche der Mutter des Helden zürnt und
Herakles selbst später mit Wahnsinn schlägt. In
der zweiten Prophezeiung der Völva aber, Ambales solle
der Euhm seines Geschlechts werden, darf vermutet
werden eine Erinnerung einerseits an jene erste Prophe-
zeiung des Zeus und Bemühung der Hera, dieselbe zum
Bösen zu wenden, andererseits an eine zweite Prophe-
1) Pauly S. 1157; Preller II, 121.
2) Preller I, 118.
— 175 —
zeinng, vermöge deren Zeus bestimmte, Herakles solle
in dem Dienst des Eurystheus 12 Arbeiten voll-
bringen und dadurch die Unsterblichkeit erlangen;
vgl. Diodor IV, 9: „Wie erzählt wird, wollte Zeus, von
Hera überlistet, seine Verheifsung befestigen und doch für
den Ruhm des Herakles Sorge tragen. Deshalb bestimmte
er die Hera, ihre Zustimmung dazu zu geben, dafs gemäfs
seiner eigenen Prophezeiung Eurystheus König werde,
andererseits aber setzte er fest, dafs Herakles unter P^ur}'-
stheus 12 Arbeiten vollbringen solle, die dieser ihm aufzu-
erlegen habe, und dafs er nach Vollbringung der Arbeiten
der Unsterblichkeit teilhaftig werden solle." Wenn die
Saga die Völva Amlodis künftige Gröfse prophezeien läfst
und sie damit zugleich zu deren Urheberin macht, — denn
was die Völva prophezeit, wird wahr — , so stimmt sie im
Grunde oifenbar vollkommen zur griechischen Sage, inso-
fern Hera eben dadurch, dafs sie Herakles in die Dienst-
barkeit des Eurystheus bringt, wider ihren Willen zur
Urheberin seines unsterblichen Ruhmes wird, wie denn
nach griechischer Sage der Name Herakles dem Helden,
der früher Alkides oder Alkaios hiefs, von der Pythia
deshalb gegeben wurde, weil er durch die Hera, d. i.
durch den Hafs der Hera, Ruhm erlangen werde:
i^ "Hgag xXeog^).
Ein weiteres Motiv, das möglicherweise auf einem
Einflufs der griechischen Sage beruhen könnte, ist die
Gefräfsigkeit Amlodis, die eine grofse Rolle in der
Sage spielt und immer wieder erwähnt wird (vgl. oben
S. 150)^). Dies erinnert daran, dafs auch Herakles in der
griechischen Sage als ein gewaltiger Esser erscheint, ein
Motiv, das besonders von den Komikern in Satyrspielen
») Pauly S. 1160.
2) Das Motiv fehlt bei Saxo vollständig.
— 176 —
und Komödien, ausgebeutet wurde. Aber auch schon früher,
in den travestierenden Dichtungen der jonischen Griechen,
wurde er gefeiert als „ein Musterbild des arglos heiteren,
aber gewaltsam zufassenden Lebensgenusses und der Über-
ladung mit Speise und Trank, denn dieses blieb immer
ein wesentlicher Zug des eigentümlichen Charakterbildes".
So verzehrt er einmal einen ganzen Stier, dafs nicht ein-
mal die Knochen übrig bleiben (Preller S. 175); er bleibt
sogar im Olymp unersättlich (ibid. S. 178). Athenaeus
bemerkt, fast alle Dichter und Schriftsteller täten seiner
Gefräfsigkeit Erwähnung^).
Was Amlodis unflätiges Gebahren beim Trinkgelage
des Königs betrifft, so sei hingewiesen auf die antiken
künstlerischen Darstellungeii des Herakles, die ihn uns
zeigen, wie er auf der komischen Bühne erschien. „Er
taumelt mit zurückgelehntem Oberkörper . . . und trägt
häufig den Becher; nicht selten wird er auch als mingens
gebildet"^); man vergleiche dazu die Inhaltsangabe von
Jiriczek, Germanist. Äbh. XII, 78. Herakles wird dargestellt
„in Scenen, die seine Gefräfsigkeit oder seine Verliebtheit
illustrieren . . . mit dickem Bauch, Phallos und Maske,
mit offenem breitem Munde, den Becher in der Hand"^).
Wenn Amlodi den getöteten Lauscher den Schweinen
zum Frafse vorwirft — so ja auch bei Saxo — , so darf
daran erinnert werden, dafs ähnlich Herakles den König
Diomedes, nachdem er ihn erschlagen, seinen eigenen Eossen
als Futter vorwirft*).
Wegen der Verbindung Amlodis mit dem Zwerge Tosti
könnte des Herakles Kampf mit den Pygmäen verglichen
1) X, 1, ed. Kaibel .II, Leipzig 1887, S. 396.
2) Röscher, Lexikon d. griech. u. röm. Mythol. I, 2, Sp. 2181
(Furtwängler).
3) Ib. Sp. 2191.
*) Preller II, 140.
— 177 —
werden, der einen Anhang zw dem Kampfe mit Antaios
darstellt. Herakles sammelt ihr ganzes Heer in seine
Löwenhaut^).
Indes möchte ich den beiden letzterwähnten Zügen
keinerlei Gewicht beilegen, da die Ähnlichkeit in der Tat
nur eine entfernte ist.
Endlich möge noch auf folgende Momente wenigstens
liingewiesen werden:
Es heifst von König Tamerlaus in der Sage: „Er fafste
gi'ofse Liebe zu Amlodi und betraute ihn mit der Ver-
teidigung des Landes, und Amlodi errang stets den
Sieg und gewann ungeheuren Reichtum." Sollten wir
liier etw^a vor uns haben einen Reflex davon, dafs Hercules
den Römern galt als der Schutzgeist von Haus und Hof,
vermutlich auch als Grenzgott, als der Gott des Sieges
und als der Gott des Reichtumes? In der erstgenannten
P'anktion führt er die Beinamen Tutor, Custos, Befetisor,
Konservator und Anteportamis ; in der Kaiserzeit wurde
Hercules Conservator als Schutzgott der Mitglieder des
Kaiserhauses eifrig verehrt, vgl. B.oschers Lex. I, 2, Sp. 2958;
als siegverleihender Gott, Hercules Victor oder Invictus,
wurde er neben Mars und Victoria gestellt, vgl. ib.
Sp. 2938 f, als Gott des Gewinnes, als Mehrer des Ver-
mögens, Spender von Reichtümern und Glücksgütem wurde
1 im Kultus nicht selten mit Merlir.r vereinigt, er galt
sogar als der Hüter verborgener Schätze, ib. Sp. 2959 If.
Ich meine, diese Tatsachen sind jedenfalls beachtenswert^).
») Ib. 151.
^) Hinweisen wenigstens möchte ich auch noch darauf, dafs
<lem Herakles als Opfertier das Schwein heilig war und er auf antiken
liildwerken sehr häufig mit einem zur Opferung bestimmten Schwein
dargesteUt ist, s. Röscher, Lex. T, 2, Sp. 2912ff, 2951 ff., 2965. Wie
yrir sahen, wird Amlodi von Faustinus zum Sauhirten ernannt, Gol-
lancz S. 103.
Zenker, BoeTe-Amletbns. 12
— 178 —
Mag es sich aber damit und mit allen den zuletzt
augeführten Momenten verhalten, wie ihm wolle, nach den
vorausgehenden Darlegungen scheint es mir jedenfalls kaum
zweifelhaft, dafs wesentliche Teile der i^mbalessaga
auf einer Umbildung und Kombinierung von Motiven
der antiken Heraklessage beruhen, dafs zu den Ele-
menten der Hamletsage, welche wir auf Grund der ver-
schiedenen Versionen aussondern konnten, nunmehr, auf
Grund einer Analyse der Ambalessaga als neues Ele-
ment die Heraklessage tritt. Die Attraktion der Herakles-
sage wurde, wie ich glaube, herbeigeführt durch ver-
schiedene markante Berührungspunkte, welche dieselbe mit
dem Grundelement der Hamletsage, der Brutussage, be-
safs. Es sind, soweit ich sehe, die folgenden:
Wie Brutus, hat Herakles einen Bruder, den Iphikles.
Wie Brutus, wächst Herakles auf im Hause eines
Königs, der nicht sein Vater ist und der Grund hat, ihn
zu fürchten — denn aus Furcht vor Herakles schickt, wie
wir sahen, Amphitryon ihn ins Gebirge — und wie Brutus
weilt er (später) am Hofe eines Königs, der als Usurpator
erscheint und ihm feindlich gesinnt ist.
Wie Brutus, verfällt Herakles in Wahnsinn — den
Hera ihm sendet — , wie jener befragt er, (nachdem er im
Wahnsinn seine eigenen Kinder getötet), das delphische
Orakel (das ihn nun in den Dienst des Eurystheus
schickt).
Diese durchaus eigenartigen gemeinsamen Motive ge-
nügen m. E. vollkommen, um die Association und Ver-
mengung der beiden Sagen zu erklären, ja ich meine, schon
ein einziges davon, von dem an erster Stelle erwähnten
abgesehen, würde als ausreichend zu erachten sein, um
eine solche Association zu bewerkstelligen.
Nehmen wir nun an, es seien die aufgeführten, der
Saga und der Heraklessage gemeinsamen Episoden und
— 179 —
Züge, oder doch einige davon, auch in Saxos Quelle bereits
vorhanden gewesen, so wäre es offenbar sehr natürlich,
dal's Saxo sich durch die Taten seines Helden an die des
griechischen Heros erinnert fühltä und Amlodi mit Herakles
verglich.
Hier mufs nun aber einem möglichen Einwand be-
gegnet werden. Man könnte nämlich das Vorhandensein
von Momenten der Heraklessage in unserer Saga eben durch
Saxos Hinweis auf Hercules erklären wollen, indem dieser
Hinweis einen Bearbeiter veranlassen konnte, in die Er-
zählung einzufügen, was ihm aus der Heraklessage gegen-
wärtig war, die Geschichte Hamlets der des Herakles an-
zugleichen.
Gegen eine solche Auffassung sprechen folgende Gründe:
Einmal wird eben der Vergleich Amleths mit Hercules
erst durch die Annahme verständlich, es habe Saxo eine
der Ambalessaga ähnliche Darstellung vorgelegen; denn
unter die Taten, die Saxo von Amleth berichtet, ist kaum
irgendeine, die ihn speziell an Taten des Hercules er-
innern konnte. Sodann aber spricht gegen eine erst nach
Saxo erfolgte Einbeziehung der Heraklessage der Umstand,
dafs sehr wahrscheinlich eine bei Saxo selbst vor-
handene, der Ambalessaga fehlende Episode der
Hamletsage, nämlich die von der Doppelheirat des
Helden, aus der Heraklessage stammt. Man wird nun
nicht hieraus die Hinfälligkeit des an erster Stelle angeführten
Arguments ableiten wollen, indem, wenn auch bei Saxo
die Sage irgendwie eine Ähnlichkeit mit der Heraklessage
zeige, dadurch ja sein Hinweis auf diesen Helden ver-
ständlich werde, und gesetzt, die Ähnlichkeit sei eine
blofs zufällige, dann nichts im Wege stehe, jene anderen
Elemente der Heraklessage als jünger, als erst infolge von
Saxos Erwähnung des Helden eingeführt, zu betrachten.
Denn die an die Heraklessage erinnernden und m. E. aus
12*
— 180 —
ihr stammenden Züge sind bei Saxo bereits so stark mit
anderweitig hergeholten Elementen vermischt und von
ihnen überwuchert, dafs nicht angenommen werden kann,
Saxo sei hier auf eine Ähnlichkeit aufmerksam geworden;
sodann aber gründet Saxo jenen Vergleich mit Herakles
auf Amleths Taten, und um solche handelt es sich im vor-
liegenden Falle nicht.
Die Sache ist diese:
Bei Saxo ist Amleth bekanntlich mit der Tochter
des Königs von Britannien verheiratet. Er wird dann von
seinem Schwiegervater an die Tochter des Königs von
Schottland, Hermuthruda, gesandt, die alle Freier töten
läfst. Hermuthruda verliebt sich sofort in Amleth und
bietet ihm ihre Hand an. Amleth erwidert ihre Liebe
und die Hochzeit wird gefeiert. Er kehrt dann mit seiner
neuen Gattin nach Britannien zurück, auf dem Wege kommt
ihm seine erste Gattin entgegen: sie fühlt sich gekränkt
durch die Annahme des Kebsweibes, erklärt aber, trotz-
dem in ihrer Gattenliebe nicht nachlassen zu wollen. Später,
als Amleth seinen Tod vor Augen sieht, will er Fürsorge
treffen, dafs Hermuthruda einen neuen Gatten bekomme:
„Er war aber von solcher Liebe zu Hermuthruda erfüllt,
dafs er weit gröfsere Besorgnis über ihre zukünftige Witwen-
schaft empfand als über seinen nahen Tod, und dafs er
sich eifrig umsah, wie er ihr noch vor Beginn des Krieges
eine zweite Ehe sichern könne." Amleth fällt in der
Schlacht gegen Viglet, Hermuthruda heiratet den Sieger.
Nach der griechischen Sage ist Herakles mit Deianira,
der Tochter des Aitolerkönigs Oineus verheiratet. Ehe er
diese Verbindung einging, hatte er vergeblich um loh,
die Tochter des Eurytos von Oichalia geworben. Eurytos
hatte seine Tochter demjenigen versprochen, der ihn in
der Kunst des Bogenschiefsens übertreffen werde. Herakles
nahm den Wettkampf auf, siegte und erweckte in loleus
— 181 —
Brust, die bis dahin der Aphrodite widerstrebt hatte ^),
leidenschaftliche Liebe. Die Initiative ging von lole aus —
vermutlich hatte sie ihm einen Liebestrank einge-
geben-), jedenfalls erwiderte Herakles ihre Liebe leiden-
schaftlich. Aber Eurytos wies ihn trotzdem zurück. Später
nahm Herakles, der inzwischen der Gatte der Deianira
geworden war, an Eurytos Rache, indem er Oichalia zer-
störte und lolens Vater und Brüder vor den Augen
der Tochter und mit deren Einverständnis tötete*).
Als Deianira die bevorstehende Rückkehr des Gatten in
Begleitung der Rivalin gemeldet wurde, beklagte sie
die ihr angetanti Schmach, erklärte aber, trotzdem
dem Gatten nicht zürnen zu können, s. Sophokles,
Trachinierinnen V. 525*).
. . Keine Jungfrau, mein ich mehr, ein Eheweib
Nahm ich ins Haus mir, eine Last, dem Schiffer gleich,
Die mir zur Schmach erworben mein treuliebend Herz.
Und nun zu zweien harren wir in Einem Bett,
*) Vgl. Euripides, Hippolytos V. 545 ff.:
TOLv /iisv Oixcdifi
jicölov /sc. *I6Xt]vJ, äCvya ksxrocov,
ävavÖQOv x6 TiQiv xai ävvfi(por, olxtov
^sv^ao OJi elgeoin, dgdfiada
xiv "^Aibc; woze ßdxxav,
avv ai'fiaxi, avv xajivo)
(povioig ^'v/n€vaioiaiv
'AXx/itfva? xoxcp KvjiQig e^eöioxer.
*) Vgl. über diesen wichtigen Zug Zielinski, Excurse xu den
Ttachmierinfien, Phüologus 55 (1896), 539. „Nicht als das willenlose
Opfer fremder Begier — als die schöne und arge Zauberin, die durch
einen Liebestrank den treuesten und reinsten Helden sich [sc. dem
Helden] selbst entfremdete, lebte in der Volkssage die ^av^ 'loXeia
fort . . .% ib. S. 540.
') So Hygin, Fabulae XXXV: Qui [sc. Hercules], tU a virgi/ne [sc.
lole] rogatur, parentes eius coram ea interßcere velle cepit. Uta animo
pertinctcior parentes suos ante se necari est perpessa.
^) Cbers. von Donner «II (1868), S. 189.
— 182 —
Zu ruh'n in seinen Armen! Dies gab Herakles,
Der uns der Edle, Treue stets geheifsen war,
Zum Lohne mir für seines Hauses lange Hut,
Zwar Groll zu hegen wider ihn vermag ich nicht,
Dafs dieser Krankheit süfses Weh ihn oft befällt,
Doch auch zu wohnen ihr vereint, den Einen Bund
Mit ihr zu teilen, welche Frau vermöchte das?
Damit vergleiche man die Worte von Amleths Gattin
bei Saxo, als Amletli, aus Schottland zurückkehrend, mit
Hermuthruda ihr entgegenkommt:
„Obgleich sie sich darüber beklagte, daCs sie durch
die Annahme des Kebsweibes beleidigt sei, sagte sie doch,
es sei unwürdig, den Hafs wegen des Ehebruchs höher zu
stellen als die Gattentreue. ... Sie habe ja als Unter-
pfand ihrer Ehe ihren Sohn, und schon die Rücksicht auf
ihn müsse der Mutter eheliche Liebe nahe legen. Dieser
selbst, sagte sie, wird die Nebenbuhlerin seiner Mutter hassen,
ich will sie lieben. Meine Glut für dich wird kein
Unglück ersticken, kein Hafs tilgen."
Deianira sendet nun dem Herakles in der Erwartung,
dadurch seine Liebe wieder zu gewinnen, das Nessusgewand,
das seinen Tod herbeiführt. Sterbend trägt Herakles
Sorge, der lole einen neuen Gatten zu sichern, in-
dem er dem eigenen Sohn, Hyllos, das Versprechen ab-
nimmt, nach seinem, des Vaters Tode, lole zu ehelichen^).
Ich meine, der Parallelismus der Motive ist hier ge-
radezu frappant; und er wird noch verstärkt, wenn wir
jene Version der Sage, welche der Boeve v. Hamtone bietet,
mit heranziehen. Bei Saxo wird Amleth an Hermuthruda
von seinem Schwiegervater mit einem Briefe gesandt, der
ihm den Untergang bereiten soll; wir haben hier das Motiv
des Uriasbriefes, welches, wie oben S. 45 ff. gezeigt, hier
1) Vgl. Pauly S. 1170 und 1173. Preller II, 157 und 176. So-
phokles, Trachinierinnen, passim.. Das zuletzt erwähnte Motiv hat auch
Seneca, Hercules Oetaeus V. 1488 ff.
— 183 —
aus der französischen Constantiusnovelle entlehnt, also
iiingerer Herkunft ist. Ursprünglich mufs Amleths Besuch
bei Hermutliruda in anderer Weise motiviert gewesen sein.
Eine solche andere Motivierung bietet nun in der Tat der
BvH in der entsprechenden Scene: hier ist ein Turnier
ausgeschrieben worden, dessen Preis die Hand der
Königstochter, der Erbin des Reiches sein soll.
Boeve nimmt an dem Turnier teil, bleibt Sieger und ge-
winnt die Hand der Prinzessin.
Dafs diese von der englischen Fassung des BvH ge-
botene Version, wonach ein Turnier stattfand, vermutlich
ursprünglicher ist als die andere, wonach es sich um einen
Kampf gegen ein feindliches Heer gehandelt hätte, wurde oben
S. 43 gezeigt. Offenbar stimmt nun die fragliche Version, die
in der gemeinsamen Quelle des BvH und Saxos vorhanden
gewesen sein wird, in überraschender Weise zu der griechi-
schen Sage. Wir erhalten danach folgenden, beiden Sagen,
der griechischen und der nordischen, gemeinsamen Typus:
Die Hand einer Königstochter ist als Preis eines Wett-
kampfes ausgesetzt (eines Bogenwettschiefsens mit dem
Vater — eines Turnieres). Die Königstochter ist von grau-
samem Charakter (gibt ihr Einverständnis zur Tötung ihres
Vaters und ihrer Brüder, die vor ihren Augen stattfindet
— läfst alle ihre Freier töten). Ein aus der Fremde
kommender Held nimmt den Wettkampf auf und bleibt
Sieger. Er erweckt in der Brust der Königstochter eine
heftige Neigung, sie bringt ihm ihre Liebe entgegen, die
er mit gleicher Leidenschaft erwidert. Obgleich er bereits
verheiratet und Vater eines Sohnes ist, wird die Vermählung
vollzogen. Er kehrt mit seiner neuen Gattin in die Hei-
mat zurück. Als die erste Frau von dem Treubruch ver-
nimmt, äufsert sie sich in bitteren Worten über die durch
Annahme des Kebsweibes ihr angetane Kränkung, erklärt
aber, ihm trotzdem nicht zürnen zu können und in ihrer
— 184 —
Liebe nicht wanken zu wollen. Als der Held bald darauf
seinen Tod vor Augen sieht, trägt er Sorge, seiner zweiten
Gattin, die sein ganzes Sinnen und Denken ausfüllt, einen
neuen Gemahl zu sichern.
Diese Übereinstimmungen sind m. E. so zahlreich und
zum Teil so speziell, dafs sie einen Zusammenhang zwischen
der griechischen und der nordischen Sage beinahe zweifel-
los machen.
Die Differenzen, die sich alle ungezwungen als nahe-
liegende Umbildungen der griechischen Motive erklären,
sind die folgenden:
In der griechischen Sage handelt es sich um einen
Bogenwettkampf zwischen den Freiern und dem König;
in der nordischen Sage ist au dessen Stelle getreten ein
Wettkampf, ein Turnier, zwischen den Bewerbern selbst,
offenbar eine in den Sitten der Zeit begründete, sich aus
ihnen ganz natürlich ergebende Modifikation des alten
Motives.
Sodann ist aus dem zweimaligen Erscheinen des Helden
in Oichalia ein einmaliges geworden, indem die Weigerung
des Königs, sein Versprechen zu erfüllen, und damit auch
der Eachezug des Helden, eliminiert worden sind: an die
Werbung schliefst sich die Vermählung unmittelbar an —
ohne Frage auch dies eine durchaus verständliche, in
dem Streben nach Vereinfachung der Handlung begründete
Änderung. Unter diesen Umständen mufste auch die Tötung
der Verwandten des Mädchens vor deren Augen, wovon
die griechische Sage berichtet, in Wegfall kommen. Aber
die Erinnerung an lolens wilden und grausamen Charakter,
der sich in diesem Zuge offenbart, scheint fortzuleben in
dem bei Saxo vorliegenden Motiv, wonach Hermuthruda
jeden, der es wagt, um ihre Hand anzuhalten, dem Schwerte
überantwortet, und in dem im BvH sich findenden Zug
— der wohl nur eine Umbildung des letzteren Motivs
— 185 —
darstellt — , dafs die Herzogin von Civile Boeve für den
Fall des Beharrens auf seiner Weigerung, ihr Gatte zu
werden, sehr un weiblich droht, ihn ohne weiteres einen
Kopf kürzer machen zu lassen, vgl. oben S. 23. Alles Übrige
bis zur Rückkehr des Helden zu seiner ersten Frau ist iden-
tisch. Die in der griechischen Sage nun folgende Geschichte
von dem Nessusgevvande mufste natürlich fallen, wenn die Ge-
schichte Hamlets noch weiter fortgeführt werden sollte.
Im Hinblick auf die in der Ambalessage aufge-
zeigten Übereinstimmungen mit der Heraklessage scheint
es mir kaum zweifelhaft, dafs auch bei Saxo die antike
Sage die Quelle der nordischen gewesen oder doch letztere
durch jene beeinflufst worden ist.
Wir entnahmen das zu Saxo am auffälligsten stimmende
Motiv der Heraklessage den Trachinierinnen des Sophokles.
Natürlich ist nun nicht daran zu denken, dafs die nordische
Sage dii-ekt auf jenes Drama zurückginge. Aber die griechi-
schen Tragiker schöpften selbst aus dem Epos und der
Volkssage, und die Taten des Herakles sind Gegenstand
umfangreicher griechischer Epen gewesen. „An Reichtum
und Mannigfaltigkeit übertrifft der Sagenkreis des Herakles
alle anderen: Reste alter Lieder von Herakles können
wir selbst bei Homer nachweisen", bemerkt Th. Bergk,
Griech. Literaturgesch. 11, hgg. v. Hinrichs, Berlin 1883,
73, Anm. 21. Ein Epos Herakleia schrieb im 7. Jh. v.
Ch. Peisander, dem „die alexandrinischen Kritiker im
Kanon eine Stelle unmittelbar nach Homer und He-
siod anwiesen", ib. S. 72. Später, zur Zeit des ersten
Perserkrieges, verfafste ein solches (nach Suidas in 14
Büchern mit 9000 Versen) Panyasis aus Halikarnass, ib.
S. 478f. Die Sage von lole-Deianira und dem Tode
des Herakles war Gegenstand eines selbständigen
Epos, der Ülxa^tag äXcooig, die lange Zeit dem Homer
selbst zugeschrieben wurde, also ganz besondere Popularität
— 186 —
genofs, wie sie denn zu den ältesten der cyklischen Epen
gehört. Der wahre Verfasser scheint Kreophylos von
Samos zu sein. Als Inhalt gibt Kallimachos an, dafs es
„den Eurytos und was er erlitten und die blonde loleia
beweinte." Mit dem letzteren Worte ist klar ausgesprochen,
dafs es den Tod des Herakles mit einbegriif; s. Bergk,
0. c. S. 35, 37 f. und besonders F. G. Welcker, Der epische
Cyclus P, Bonn 1865, 205—221. Der Gedanke liegt nahe,
dafs Sophokles gerade aus diesem für homerisch geltenden
Epos geschöpft habe, und ich vermute denn, dafs die Dar-
stellung Saxos durch epische Zwischenstufen, über die
später zu handeln sein wird, eben auf die OiyaXiaq äkooig
des Kreophylos zurückgeht.
Vielleicht ist noch ein anderes, bei Saxo vorhandenes,
in der Ambalessage fehlendes Motiv auf die Heraklessage
zurückzuführen. Man hat für Amleths Prachtschild,
auf dem die ganze Reihe seiner Taten von den ersten
Anfängen seiner Jugend an in prächtig gemalten Bildern
dargestellt war, verwiesen auf den Schild des Aeneas,
den Vergil, Aen. B. VIII schildert (s. Jantzen S. 160,
Anra. 2). Aber schon von dem Schilde des Herakles exi-
stierte bekanntlich eine ähnliche Beschreibung, welche den
Gegenstand eines eigenen, ca. 170 Verse umfassenden Ge-
dichtes, des pseudohesiodeischen Epyllions "AoTik 'HgayMorg
bildet^), das schon ca. 600 v. Chr. vorhanden war. Ich
bestreite nicht die Möglichkeit, dafs Saxo das Schild des
Aeneas vorschwebte. Aber nachdem uns soeben für eine
andere Episode seiner Erzählung Zusammenhang mit der
Heraklessage recht wahrscheinlich geworden ist. dürfte
wenigstens die Vermutung nicht abzuweisen sein, dafs es
vielmehr eben der Schild des Herakles sei, der sich in
^) Vgl. R. Peppmüller, Hesiodos, ins Deutsche ühertr., Halle 1896,
S. 247 ff.
— 187 —
dem des Araleth spiegelt. Natürlich müfste die Scbild-
beschreibung dann schon in Saxos Quelle vorhanden ge-
wesen sein, da für Saxo Kenntnis jenes griechischen Ge-
diclites doch kaum angenommen werden kann und alle
Wahrscheinlichkeit dafür spräche, dafs die Motive der
Heraklessage nicht einzeln, zu wiederholten Malen,
sondern geraeinsam, auf ein Mal, der Hamletsage ein-
gegliedert wurden.
Nach dem Gesagten findet also der Vergleich Am-
leths mit Herakles seine befriedigende Erklärung, wenn
wir annehmen, Saxo habe aus einer Quelle geschöpft, die
in wesentlichen Punkten mit der Darstellung der Ambales-
sage übereinstimmte. In dieser Quelle war mit der Brutus-
sage die Heraklessage infolge von mehrfachen Berührungs-
punkten, welche beide aufwiesen, vermischt: Ambales oder
Amlodi wurde in ihr geschildert als ein Mann von ge-
waltiger Körperkraft, der sich in Kämpfen mit Riesen und
in Kriegen mit feindlichen Völkerschaften auszeichnete.
Es ist deshalb sehr natürlich, dafs Saxo sich durch diese
Scenen an die Heraklessage, die in der Tat wenigstens
teilweise ihre Quelle war, erinnert fühlte. Die Erkennt-
nis von dem Vorhandensein jener antiken Elemente in der
Ambalessage hat uns nun zugleich die Augen geöfihet
für wenigstens ein solches, auch bei Saxo vorhandenes
Motiv der Heraklessage, das Motiv der Doppelehe Am-
leths mit der Tochter des Königs von Britannien, welches
eine Nachbildung darstellt der Doppelehe des Herakles mit
Deianira und lole. Das Motiv dieser Doppelehe scheint
in der Ambalessage zu fehlen. Ich möchte indessen, aber
nur mit aller Reserve, die Frage aufwerfen, ob nicht
etwa in dem Verhältnis Amlodis zu der Riesin ein
entfernter, verblafster Widerschein von Aijileths
Ehe mit Hermuthruda zu erblicken sein sollte. Herrn u-
thrud heifst ja bekanntlich „die grofse [)ru3: (virago), die
— 188 —
von keiner anderen übertroffen wird"^), und ist identisch
mit der Walküre }rüär.
Ueber das Verhältnis der Riesin (yekk, tnAlkoiKA, ker-
Ung) zu Amlodi erfahren wir nun folgendes:
Amlodi trifft einmal im Walde bei einem Stein einen
weinenden Zwerg, dem eine Riesin sein Kind gestohlen
hat. Amlodi holt die Riesin ein, fafst sie bei den Haaren,
die ihr bis zu den Hüften herabreichen, reifst sie zu Boden
und gibt dem Zwerg sein Kind zurück. Er ringt dann
lange mit der Riesin, die sich wieder erhoben hat, bis
diese ermüdet und es ihm gelingt, sie zu Boden zu werfen.
Er fafst sie bei der Kehle, um sie zu erwürgen, aber die
Besiegte bittet um ihr Leben, und Amlodi läfst sie frei.
Da blickt sie freundlich auf ihn und sagt: „Keinen kenne
ich gröfser als dich an Tapferkeit und Ruhm, und gerne
würde ich Dich recht glücklich machen: Du bist will-
kommen in meiner Wohnung, und dieses Schwert und
diesen Stein will ich Dir jetzt geben: er fördert das Glück
der Menschen und warnt sie vor Gefahren, die ihnen drohen."
Amlodi nimmt das Geschenk an und verspricht, sie ein
anderesmal zu besuchen. Später kommt die Riesin Amlodi
zu Hilfe, als er im Kampfe mit einem Riesen daran ist,
zu unterliegen; er gibt ihr nun die vierjährige Tochter
des Riesen, Harbra, zur Erziehung, bittet sie um ihre
Freundschaft und weilt mit dem Zwerge Tosti die Nacht
über als Gast in ihrer Höhle (ib. S. 127). Seitdem sendet
sie jährlich Amlodi durch Tosti Geschenke (nur in /i, Jiriczek
S. 98). Als dann Amlodi bereits König ist, erscheint eines
Tages Tosti bei ihm und meldet ihm: „Deine Freundin ist
krank und wird bald zur Hei hinabfahren, sie bittet Dich,
dafs Du sie besuchest, ehe sie stirbt." Amlodi geht mit zu
ihrer Wohnung: „sie war schon der Sprache kaum mehr
') S. Müllenhof; Bcoicidf S. 82.
— 189 —
mächtig, aber der König: konnte noch so viel von ihren
^^'o^ten verstehen, dafs sie ihren Reichtnra ihrer Pflege-
tochter Harbra vermachte, ausgenommen solche Schätze,
die sie schon dem König gegeben hatte, und solche, die
man ihr ins Grab mitgeben sollte. ^Man konnte an ihren
Blicken sehen, wie sie den König von ganzem
Kerzen liebte. Er weilte bei ihr, bis ihr Atem still
-tand, und er liefs ihre Gebeine würdig bestatten und liefs
inen Grabhügel auf werfen über ihr in dem Talgrunde
am Fufse des Berges" (GoUancz S. 179). Das Verhältnis
der beiden wird also als ein sehr inniges geschildert, eine
lierzliche, von Seiten der Riesin an Liebe grenzende Freund-
fhaft verbindet beide fürs Leben. Ich frage: Sollten wir
nicht hier vielleicht einen Nachklang von Amleths Ver-
liältnis zur Walküre prud vor uns haben? Der Zug. dafs
sie Amlodi zauberkräftige Gegenstände schenkt, erinnert
an die „Zauberin" lole. Aufserdem sei noch darauf auf-
merksam gemacht, dafs die Riesin auch im Besitze eines
Pferdes ist (Walküre?), welches sie Amlodi auf seine Bitte
.mdet (Gollancz S. 127).
Es erhebt sich nun natürlich sofort die grofse Frage,
luf welchem Wege die Heraklessage der Hamletsage zu-
geführt worden sein mag. Bevor wir indessen diesen Punkt
erörtern, ist es erforderlich, die erst ganz neuerdings nach-
jHwiesene persische Version unserer Sage zu besprechen,
welche das ganze Problem der Herkunft und der Zusammen-
<('tz\nig der Hamletsage abermals in eine völlig veränderte
Beleuchtung rückt.
Was das Verhältnis der Ambalessage zu Saxo angeht,
() hat sich also aus den obigen Nachweisen ergeben, dafs die-
selbe Züge der Brutussage enthält, welche bei Saxo fehlen,
dafs sie in wichtigen Partien mit der Heraklessage Ver^vandt-
schaft zeigt, und dafs diese, wenigstens in ähnlicher
Fassung, auch in Saxos Quelle sich befunden haben müssen.
— 190 —
Da nun weder die Züge der Brutussage noch die der
Heraklessage im Briammärchen eine Entspreciiung finden,
so mufs für die Ambalessaga eine sehr ausführliche, von
der Darstellung Saxos und dem Briammärchen verschiedene
Quelle angenommen werden, und es geht nicht an, wie
Gollancz, Olrik und Jiriczek tun, die Saga zu erklären
als das Produkt einer Verbindung von Saxos Darstellung
mit Motiven eines der Briamerzählung nahe verwandten
Märchens. Unter diesen Umständen fehlt nun offenbar jede
Nötigung, überhaupt noch auf Saxo und jenes Märchen zu
rekurrieren. Denn alles, was der Saga mit den beiden
Darstellungen gemein ist, kann ja auch in jener ausführlich
gehaltenen Quelle vorhanden gewesen sein. Somit stellt
die Ambalessaga aller Wahrscheinlichkeit nach
eine von Saxo und dem Briammärchen unabhän-
gige Version der Hamletsage dar; das letztere be-
ruht entweder direkt auf der Ambalessaga, oder aber —
und das halte ich für wahrscheinlicher — es ist, wie die
Erzählung Saxos, mit ihr aus der gleichen Wurzel ent-
sprossen. Wir werden im nächsten Kapitel sehen, dafs
auch der Vergleich mit der persischen Version für die Un-
abhängigkeit der Saga von Saxo spricht.
Zum Schlufs noch ein Wort über den Namen, den
unsere Sage, neben dem Amlodis, dem Helden beilegt: Am-
bales. Olrik ^) meint, er erinnere an Saxos Amletus oder
an den Amhlet eines Auszuges aus Saxo und stelle gewils
nur einen Versuch dar, dem Namen einen volleren, für
einen Eitterroman passenden Klang zu geben. Aber
von Ambletus zu Ambales ist doch noch ein weiter Weg,
der sich sprachlich schwer überbrücken läfst, und inwiefern
Ambales einen „ritterlicheren" Klang gehabt haben sollte
als Ambletus^ vermag ich nicht recht einzusehen. Ich ver-
mute andere Herkunft des Namens. Unzweifelhaft besteht
1 Ark.f. Nord. Fil. XV, 369.
— 191 —
zwischen dem Namen Amhales und dem Namen der Mutter
in der Saga : Amha, ein Zusammenhang. Der Saga zufolge
wäre Arabales nach seiner Mutter genannt worden: Amha:
Amhales, Natüi'lich verhält die Sache sich aber umgekehrt:
zu dem Namen Amhales bildete man den der Mutter, Amha.
Nun ist die irische Form von Anlaf, dessen Schicksale
nach dem Obigen teilweise der Hamletsage zu Grunde
liegen, wie wir sahen, Amlaibh; andererseits haben wir
die Proportion Hera: Her alles oder Hercules: die antike
Sage leitet den Namen des Helden ab von dem seiner
Stiefinutter und erbitterten Feindin, der Hera, „der durch
die Hera berühmt gewordene". In Anbetracht dieser Tat-
sachen möchte ich die Vermutung wagen, es sei Ambales
zurückzuführen direkt auf das irische Amlaihh, und dieses
sei durch Metathese vermöge Angleichung an Hercules um-
gebildet worden zu Amhal — Amiales, dazu dann wieder ana-
log Hercules — Hera: Ambales — Amba. Es würde dann
also in Ambales direkt der Name Anlaf Cuarans sich er-
halten haben, an dessen Namen die Sage, wie oben gezeigt,
vermutlich ui'sprünglich geknüpft war, während in dem
zweiten Namen des Helden, Amloäi — Amhlaiäe, schon die
Verwechselung Amlaibhs mit Amhlaiäe und die Übertragung
der Sage von jenem auf diesen zu Tage tritt. Die Be-
zeichnung des Helden mit beiden Namen würde sich er-
klären dadurch, dafs die Tradition ihn teils Ambales — Am-
laibh, teils Amloäi — Amhlaiäe nannte, was ein Bearbeiter
dahin deutete, er habe ursprünglich Ambales geheifsen und
sei später Amloäi genannt worden. Doch möchte ich den
Gedanken einer Entwickelung Amlaibh — Ambales nur mit
aller Vorsicht geäufsert haben. Dafs hingegen Ambales,
mag es nun zurückgehen auf Amlaibh oder Ambletus, seine
abweichende Form verdankt der Gleichung: Hera: Herakles
oder Hercules = Amba: Ambales, das möchte ich direkt als
wahrscheinlich bezeichnen.
— 192 —
Soviel über die Ambalessaga , in der ich also im
Gegensatz zu Gollancz, Olrik und Jiriczek eine
von Saxo vollkommen unabhängige Version der
Hamletsage erblicke.
Bevor ich nun dazu übergehe, die persische Version
unserer Sage, auf die Jiriczek zuerst hingewiesen, näher
ins Auge zu fassen, empfiehlt es sich, einem wichtigen, der
Brutussage und Saxo gemeinsamen Motiv, dem „Goldstab-
motiv", wie ich es der Kürze halber nennen will, eine ge-
sonderte Besprechung zuteil werden zu lassen.
Livius I, 56 berichtet, Brutus habe dem delphischen
Apollo einen ausgehöhlten, mit Gold gefüllten Stab aus
Cornelkirschbaumhol z geweiht, als ein Symbol seines ver-
hüllten Geistes:
Is tum ah Tarquiniis ductus Delphos, ludihrium verius
quam comes, aureum baculum inelusum corneo cavato ad id
haculo tulisse donum ApoUini dicitur, per amhages effigiem
ingenii sui.
Die gleiche Tatsache berichten:
Dionys v. Halik. (f um 8 v. Chr.) IV, 68: 'Üg de Jiao-
eyevYi^Yjoav [^'ÄQQOvg xal Tlrog] em rb fjLavreiov oi veavioxoi
xal Tovg XQrjOfxovg elaßov vtieq cov eji€ju(pithjoav , ävad^}]juaoi
dcogrjodjuevoi rbv d^ebv xal rov Bqovtov noXXa xarayeMoavieg,
OTi ßaxTTjQiav ^vXivYjv ävE'&rjxe reo 'AjtoXXcovi. 6 de öiaraijoag
avri]v öXrjv mojteg avXbv XQ^^W Q^ßbov eve'&i^xev ovöevbg
ejtiörajuevov.
Cassius Dio (geb. 155 n. Chr.), Eist rom. Bd. II, fr. 10,
ed. Boissevain I, S. 31, wo aber nur ein Fragment der in
Betracht kommenden Stelle erhalten ist:
— 193 —
T(o xe Tixcp xai 'Aogovvrt djg xi ädvQjLia ovjLuiejuqy&eig
fiaxxrjoiav xivd dvdthjjua im ^eco (pegeiv fXeyev, /irjöev juiya
OK ye idtTv e/ovoav.
Das weitere fehlt, dafür bietet Ersatz Zonaras, der
unmittelbar aus Dio schöpft:
Joannes Zonaras, Ann. VIL 11, ed. Pinder II, S. 40:
'O de xai ävd^/ua cpegeiv eleye xw ^e/o' x6 ö'r/v ßdxxgov
Ti fujöev ix xov (pmvoftevoi^ e^ov /Qtjoxöv, oi^ev xai inl xovxco
ihfpXioxave yeXcoxa. xb b^^v olov etxcbv xig xrjg xax avxov
noooTxoirjoecog. xoudvag ydg avxo Xdd^qa ^(^qvgiov h'EyiEfv
n'öeixvvjLievog di' avxov cbg xai xö (pQovrjfia avxo) xw xfjg
iKogiag dxijucp acbov xai evxifiov xaxaxQVTtxerai.
Valerius Maximus (schrieb 28—32 n. Chr.), VII, c. 2:
Profectus (sc, Brutus) etiam Delphos cum Tarquinii
filiiSy quos is ad Apollinem Pythium muneribus et sacrificiis
Ifonorandum miserat, aurum deo nomine doni dam cauato
haculo inclusum tulity quia timebat ne sibi caeleste numen
aperta liberal/täte uenerari tutum non esset.
Nun findet sich eben dieses Motiv in eigenartig um-
gebildeter Fassung bekanntlich auch bei Saxo: Der König
von Britannien läfst auf den von Amleth selbst geschrie-
benen, d. h. umgeschriebenen Brief hin die Überbringer,
die beiden Trabanten Fengos, aufhängen: „Amlethus nahm
diese Gefälligkeit mit scheinbarem Unwillen als ein Un-
recht auf und erhielt vom Könige unter der Bezeichnung
eines Sühnegeldes Gold, welches er nachher heimlich im
Feuer schmelzen und in ausgehöhlte Stöcke giefsen liefs."
Als Amleth in die Heimat zurückkehrt, nimmt er von all
seinen Schätzen nichts mit sich aufser diesen mit Gold
gefüllten Stöcken. Er findet den König und die Seinen
bei dem für ihn selbst veranstalteten Leichenschmaufs: „Als
man ihn nach seinen Begleitern fragte, wies er auf seine
Stöcke, die er trug und sagte: Das ist der eine, und das
der andere. — Ob er dies mehr im Ernst oder im Scherze
Zenker, Boeve-Amlethas. 13
— 194 —
gesprochen, weifs man nicht. Denn wenngleich dieses
Wort von den meisten für unsinnig gehalten wurde, wich
es doch nicht von der Wahrheit ab, da es ja auf den
Preis hindeutete, den er für die Getöteten als Wergeid
empfangen." ^)
Während also in der römischen Sage der Stock Brutus
selbst bedeutet, bedeuten hier die beiden Stöcke vielmehr
Hamlets getötete Begleiter.
Die übrigen Versionen der Hamletsage scheinen das
Motiv nicht zu enthalten. Aber ich glaube, es scheint nur
so. Ich vermute nämlich, dafs zunächst in der Hrolfs-
saga Kraka einen Keflex von Brutus' Goldstab darstellt
jener Goldring, durch den die vom Könige be-
fragte Zauberin bestochen wird. Die Hrolfssaga be-
richtet, König Frotho (= Fengo bei Saxo) habe der Völva
(d. i. Zauberin, Seherin) Heid befohlen, ihm mitzuteilen,
was sie über die Knaben Helgi und Hroar wisse. „Sie
spricht zwei Strophen, wo sie andeutet, dafs die Knaben
sich im Saale befinden, und dafs sie auf der Vifilsey mit
den Hundenamen Hopp und Ho genannt worden seien.
Da wirft Signy (die Schwester der Brüder) der Völva
einen Goldring in den Schofs. Diese versteht die Absicht
und erklärt, was sie soeben gesagt habe, sei eine Lüge.
Der König droht ihr aber mit Martern, wenn sie nicht die
Wahrheit sagen wolle. Da erklärt sie ganz bestimmt in
einer weiteren Strophe, dafs Helgi und Hroar in der Halle
seien, und dafs sie beide Frodi töten werden" (Analyse bei
Detter S. 9).
Ziemlich genau Entsprechendes erzählt die andere Ver-
sion dieser Sage, die Saxo selbst B. VII überliefert:
Frotho, heifst es, habe mit Hilfe einer zauberkundigen
Frau den Ort des Versteckes der beiden Knaben erforschen
^) Jantzen, S. 152 f.
— 195 —
wollen: „j^ie Macht ihrer Sprüche war so grofs, dafs sie
oltenbar die Fähigkeit besafs, jede beliebige Sache, unter
so festem Verschlusse sie auch ruhen mochte, ganz allein
zu erblicken und in Greifvveite zu bringen. Sie gab an,
ein gewisser Regno habe heimlich die Pflicht der Erziehung
jener Kinder übernommen und, um sie zu verbergen, ihnen
Hundenamen beigelegt. Als diese nun sahen, dafs sie durch
die ungewöhnliche Kraft des Zaubers aus ihrem Schlupf-
winkel entführt und vor die Augen der Zauberin gebracht
wurden, warfen sie ihr, um nicht durch einen so schauer-
lichen Zwang verraten zu werden, eine Menge Gold,
welches sie von ihren Beschützern bekommen hatten, in
den Schofs. Sowie jene die Gabe empfing, liefs sie sich,
indem sie einen plötzlichen Krankheitsfall erheuchelte, wie
leblos auf den Boden sinken. Auf die Frage ihrer Diene-
rinnen nach dem Grunde ihres so unvermuteten Falles er-^
klärte sie, die Flucht der Söhne des Haraldus sei uner-
forschbar, und deren ausnehmende Kraft schränke sogar
die Macht ihrer gewaltigsten Zaubersprüche ein. So be-
gnügte sie sich mit einer kleinen Belohnung und gewann
es nicht über sich, den König um ein gröfseres Geschenk
zu bitten."^)
In dieser Zauberin, an dieFrodi ( = Tarquinius
in der römischen Sage) sich wendet, vermute ich
einen Reflex der Pythia. In der römischen Sage
wendet sich Tarquinius an das delphische Orakel, weil er
sich in Sorge befindet wegen der Zukunft: er ist bei einem
Gelage erschreckt worden durch das prodigium einer riesigen
Schlange, die aus einer hölzernen Säule hervorkam-).
1) Jantzen, S. 340 f.
*) Einen anderen Grund gibt nur Dion. Hai. an. Nach ihm hätte
Tarquinius dtis Orakel befragt wegen einer damals ausgebrochenen
Seuche, welche vielen Knaben und Mädchen das Leben kostete, be-
13*
— 19(5 —
Frodi befragt die Zauberin, weil er in Sorge s«hwebt vor
den beiden Knaben: er möchte ihren Aufenthalt erkunden.
Nach der römischen Sage reicht Brutus in Delphi dem
Apollo einen mit Gold gefüllten Stab, — natürlich, um den
Gott sich günstig zu stimmen. Wir hören dann von zAvei
Sprüchen, die das Orakel, d. i. die Pythia, dem Brutus
und seinen beiden Begleitern erteilt: Tarquinius werde
den Thron verlieren, wenn ein Hund mit menschlicher
Stimme reden werde (Zonaras = Cassius Dio); sodann: der
werde einst in Eom herrschen, der zuerst seine Mutter
küssen werde (Livius, Dion.-Halic, Zonaras, Val. Maximus).
Der erstere Spruch enthält also eine an die Adresse des
Königs gerichtete Warnung vor Brutus, der als „Hund"
bezeichnet wird; der zweite prophezeit Brutus seine künftige
Gröfse, das Cousulat; denn Brutus ist es, der den Spruch
auf sich lenkt, indem er niederfällt und die Erde küfst,
„die gemeinsame Mutter aller". Ich glaube danach, in
der römischen und in der nordischen Sage folgende ge-
meinsame Grundzüge zu erkennen:
Ein tyrannischer König, der Unheil befürchtet, befragt
eine mächtige, berühmte Seherin (die Pythia — die Völva
Heid); die Seherin warnt ihn vor einem „Hunde", bezw.
vor jemandem, der augenblicklich als Hund behandelt
wird. Der durch diesen Spruch Bedrohte spendet (bezw.
die Bedrohten spenden) der Seherin Gold (in Form eines
Stockes, eines Kinges), um sie sich günstig zu stimmen.
Die Seherin erweist sich dem Spender dankbar (indem sie
dem Spender seine künftige Gröfse prophezeit — ihren
Spruch für falsch erklärt — dem König weitere Auskunft
verweigert).
Es sei noch darauf hingewiesen, dafs das Verhalten
sonders aber viele Frauen mitsamt ihren Kindern bei der Geburt da-
hinraffte.
— 197 —
der Völva, die „wie leblos auf den Boden sinkt", an die
ekstatischen Verzückungen der delphischen Pythia erinnert,
speziell an einen Vorgang, den Plutarch überliefert.
„Dafs aber die Ekstase der Pythia, bemerkt Schoemann^),
ein höchst angreifender und mitunter auch lebensgefährlicher
Zustand gewesen sei, läfst sich namentlich aus einem von
Plutarch berichteten Beispiel schliefsen. Nachdem die
Pythia schon durch den auffallend rauhen Ton ihrer Stimme
eine über das gewöhnliche Mals hinausgehende Aufregung
verraten, stürzte sie endlich mit heftigem Geschrei vom
Tripus herunter zum Ausgange des Gemaches, sodafs nicht
blofs die in der Nähe befindlichen Befragenden, sondern
auch der Prophet und die Anwesenden schier erschreckt
davon flohen. Als sie aber nach einiger Zeit sich ermannten
und zu der Pythia hinübergingen, fanden sie sie gänz-
lich der Sinne beraubt und nach wenigen Tagen gab
sie den Geist auf."
Ist nun diese meine Auffassung, wonach die Völva-
Episode der nordischen Sage eine durch längere mündliche
Überlieferung herbeigeführte Umbildung derOrakel-(Pythia-)
Episode der römischen Sage darstellt, in der Tat zu-
treffend, dann steht offenbar die Version der Hrolfssaga in
mehi-facher Beziehung der römischen Sage näher als die
entsprechende Episode bei Saxo; Motive der Hrolfssaga,
die bei Saxo fehlen, sind: Befragung eines Orakels durch
den König; die Seherin; zwei Orakelsprüche, die in beiden
Sagen gewisse geraeinsame Züge und Elemente aufweisen;
Goldspende des Helden, oder der beiden Helden, an die
Seherin. Daraus folgt dann, dafs in diesen Punkten die
Version der Hrolfskrakasage älter sein mufs als die Saxos,
und dafs die veränderte Darstellung bei Saxo, wonach der
*) Griech. Altertümer, 4, Aufl., neu bearb. von Lipsius, 11, Berlin
1902, S. 323.
— 198 —
Stab nicht dem Orakel gereicht wird, sondern das Sühnegeld
für diebeiden Trabanten enthält, Inder gemeinsamen Quelle der
nordischen Versionen noch nicht vorhanden gewesen sein kann.
Aber vielleicht ist die Hrolf-Harald-Haldansage nicht
die einzige Version der Hamletsage, die aufser Saxo das
Motiv bewahrt hat. Vielleicht ist es, freilich in stark re-
duzierter Form, auch in der Ambalessage noch zu erkennen.
Ich möchte nämlich die Frage aufwerfen, ob nicht vielleicht
in dem prächtigen Scepter, das Amlodi vor seiner Abreise
nach Britannien dem Faustinus übergibt, ein letzter un-
deutlicher Reflex jenes Goldstabes des Brutus zu erblicken
sein sollte:
Der König, durch einen bösen Traum geschreckt,
schwebt in Angst vor Amlodi. Gamaliel rät ihm, den
Jüngling zu seinem — des Faustinus — Bruder Malpriant
zu senden und beobachten zu lassen; benehme er sich dort
ebenso närrisch, so solle er am Leben bleiben, zeige er
gesunden Verstand, so möge er getötet w^erden. Der
König ist damit einverstanden und beauftragt Amlodi, sich
zu der Reise zu rüsten. Eines Morgens nun, lieifst es.
habe der König schon in früher Morgenstunde sein Zimmer
verlassen; als er dann in dasselbe zurückgekehrt sei, „er-
blickte er drei Männer, umgeben von grofsem Glänze, mehr
Engeln denn Menschen gleichend, aber einer von ihnen
überstrahlte bei weitem die andern, sodafs der König nicht
wagte, ihn anzusehen: aber der gröfste unter den dreien
rief ihn an und forderte ihn auf, näherzutreten, und der
König legte seine Krone ab und warf sich auf die Erde,
aber der grofse hob ihn auf, nahm ihn bei den Händen
und küfste ihn"; er erklärt ihm dann, er wolle sein König-
tum stärken mit dauerndem Frieden und sein Leben solle
lang und glücklich sein; der Narr, der bei ihm wohne,
solle ihm kein Leides tun, er solle ihn an seinen Bruder
Tamerlaus schicken , der kürzlich im Kriege mit den
— 109 —
Sarazenen viel Leute verloren habe. Zur Bekräftigung
seiner Worte überreicht er dem König ein präch-
tiges Scepter. Dann verschwinden die drei glänzenden
Männer, und der König „stand allein da, unbedeckten
Hauptes, mit emporgehobenen Händen und weinte lauge
Zeit. Seine Pagen brachten ihm seine Krone wieder und
freudig bewegt begab er sich in die Halle, bestieg den
Thron und erzählte seinen Leuten die Vision, die er ge-
habt; er sagte, er habe seinen Gott getroffen, und zeigte
ihnen das Zeichen, mit denen er sein Wort bekräftigt
hatte; es war ein prachtvolles Scepter." Er ordnet nun
an, dafs Amlodi nicht zu Malpriant, sondern zu Tamerlaus
reisen soll.
Jiriczek, Amlethsage auf Island S. 101, Anra. 1 ist mit
seinem Urteil über diese Scene, wie ich glaube, allzu
rasch bei der Hand: „Dafs Amlodi*', sagt er, „in der As.
selbst der Anstifter des Planes, ihn zu Tamerlaus zu ent-
senden, ist, fällt natürlich samt der plumpen Zauberin-
trigue, die das plausibel machen soll, von vornherein unter
die willkürlichen Erfindungen des Sagenverfassers." Dafs
das ersterwähnte Motiv, wonach Amlodi selbst seine p]nt-
sendung an Tamerlaus veranlafst, auf Eechnung des Sagen-
schreibers oder doch eines jüngeren Bearbeiters zu setzen
ist, glaube ich auch. Man sieht absolut nicht ein, was
mit diesem Zuge bezweckt wird; die Reise Amlodis ist ja
bereits beschlossene Sache, alle Anstalten dazu sind be-
reits getroffen, und wenn die Absicht allein die ist, den
König zu veranlassen, Amlodi, statt an Malpriant, an Tamer-
laus zu senden, so ist nicht zu verstehen, warum der Er-
zähler nicht gleich Gamaliel die Sendung an Tamerlaus
statt derer an Malpriant hat anraten lassen. Ob aber
darum, wie Jiriczek meint, die ganze Episode in Bausch
und Bogen als eine späte willkürliche Erfindung betrachtet
werden darf, das ist eine andere Frage. Eben weil sie
— 200 —
iu der vorliegenden Fassung so absolut zwecklos ist, be-
greift man schwer, wie der Sagaschreiber dazu gekommen
sein sollte, sie zu erfinden. Viel wahrscheinlicher dünkt
es mich, dafs sie, wie die verschiedeneu auf die Herakles-
sage zurückgehenden Episoden, arg entstellte Überlieferung
bietet und ursprünglich eine andere Fassung, eine andere
Bedeutung hatte; sie könnte ja an verkehrte Stelle ge-
raten sein, wie dies bei mündlicher Tradition mit einzelnen
Episoden bekanntlich oft geschieht.
Amlodi übergibt dem König zur Bekräftigung seines
Befehles ein prächtiges Scepter; das Scepter ist der Stab
des Herrschers, und ein prächtiges Scepter kann nur ge-
dacht werden als ein goldenes oder doch als ein ver-
goldetes Scepter. Hier hätten wir also einen goldenen
Stab wie in der römischen Version und wie bei Saxo,
und ich vermute denn in der Tat, dafs in diesem Scepter
der direkte Abkömmling des mit Gold gefüllten Stabes
des Brutus zu erblicken ist. Wie, wenn in der zu Grunde
liegenden Version die Übergabe des Scepters nicht vor,
sondern nach der Eeise erfolgt wäre? Wenn die be-
treffende Scene versehentlich transponiert und infolgedessen
abgeändert worden wäre? Wir hätten dann als einen der
Ambalessaga und Saxo gemeinsamen Zug: Hamlet über-
gibt nach der Eückkehr von seiner Reise dem Könige
einen goldenen Stab, oder zwei goldene Stäbe. Dafs
Hamlet die beiden Stäbe dem Könige überreicht habe,
wird allerdings bei Saxo nicht ausdrücklich erwähnt, es
heifst nur, er habe sie vorgezeigt; aber die Meinung mufs
natürlich sein, dafs er sie überreicht habe, da ja die
Stäbe das Sühnegeld enthalten für die beiden getöteten
königlichen Trabanten und dieses doch nicht Hamlet, son-
dern dem Könige selbst zukam. Nun sahen wir oben,
dafs die Version, wonach Hamlet den Goldstab nicht, wie
Brutus, einer Seherin reicht, sondern ihn von der Reise
— 201 —
mit zurückbringt, in der gemeinsamen Quelle der nordischen
Sage vermutlich noch nicht vorhanden war, da in der
Hrolfssaga Kraka noch das römische Motiv sich erhalten
hat, nur dafs hier an die Stelle des Goldstab es ein Gold-
ring getreten ist. Die Abänderung des römischen Motives
muls also jünger sein; sie ist aber eine sehr auffällige,
denn man begreift schwer, wie aus der römischen Version,
in der der Goldstab Brutus selbst bedeutet und dem del-
phischen Orakel gereicht wird, die von ihr so ganz ver-
schiedene Saxos werden konnte, wo die Goldstäbe viel-
mehr die Begleiter Hamlets darstellen und dem König
übergeben werden; man sieht nicht ein, wodurch die Ura-
deutung des alten Motives bewirkt worden sein könnte.
Ich vermute nun, dafs die Darstellung Saxos und
eventuell also auch die der Ambalessage beruht auf einer
späteren Kreuzung der alten Sage mit der literarischen
Brutussage, und dafs sie die Folge von einem höchst selt-
samen, aber doch durchaus begreiflichen Mifsverständnis
der auf den Goldstab bezüglichen Liviusstelle ist.
Livius berichtet I, 56: ..Is tum ah Tarqulniis ductus
DelphoSf ludihrium verius quam comes, aureum haculum,
mclusum corneo cavato ad id haculo, tulisse donum
Ai)ollini dicitur, per amhages effigiem ingenii sui."' Nun
begegnet amhages, das hier heifst: „in symbolischer An-
deutung", im Mittellatein auch in der Bedeutung: „Dienst-
mann, Gesandter", s. Ducange, Glossarium med. et inf.
latin. s. V., wo citiert wird als einziges Beispiel eine Stelle
aus Thwroczius in Maria Regina Hungar. cap. 4: Et
amhages ut suasionibus regem femineum erga populum
spretum redderent, cu7ictas regni ad partes mittif^), und
amhages übersetzt wird mit „suhmissas i^^^^onas". Die
*) Scriptores rer. Hungar. ed. Schwandtner I, Wien 1766, S. 257 f.
Thurocz schrieb um 1490.
— 202 —
Stelle findet sich dann wiederholt bei A. Bartal, Glossa-
rium med. et in f. lat. regni Hungariae, Leipzig 1901, s.v.,
wo erkl ärt wird : submissae, fideles x>^rsonae quibus callida
plenaque ambagibus consilia committi possimt. Die hiei
gegebene etymologische Deutung ist nun natürlich unzu-
treffend; ambages ist ander citierten Stelle vielmehr offen-
bar die lateinische Wiedergabe eines im Lateinischen,
Keltischen, Gothischen, Althochdeutschen, Altenglischen,
Provenzalischen und Altfranzösischen nachweisbaren Wortes,
w^elches „Gesandter" bedeutet und schon von Festus als
gallisch bezeichnet wird: gall. und lat. ambactus (Ennius),
nach dem Gloss. Labb. doTdog, ^uio&omk, got. andbahts,
Diener, prov. abah, Gerichtsbeamter^ afr. ampas, Beamter;
als Grundbedeutung nimmt Thurneysen, Keltoromanisches
S. 30 an entweder „Diener" oder (wahrscheinlicher) „Bote".
Das Wort ist nach ihm partizipiale Bildung zu einem
keltischen, aus der gallischen Präposition ambi + dem
Verbum ag - {= lat. age^^e) zusammengesetzten Verbum;
vgl. auch G. Körting, Latein.-rommi. Wörterb.- s. v. ambactus.
Ich möchte nun die Vermutung wagen, der Verfasser der
Quelle, auf welche die Darstellung Saxos sowohl als der
Ambalessaga zurückgeht, habe bei Livius ambages im
Sinne von „Dienstmann" oder „Gesandter" gefafst, indem
ihm das im Lateinischen seltene Wort nur in dieser Be-
deutung geläufig war, und er habe verstanden: „er soll
einen goldenen Stab als Geschenk des Apollin
(Apollini = Gen. yon Äpollinus) gebracht, d.i. von der
Reise mit zurückgebracht haben, als ein Bild der
Gesandten (indem ingenii sui unübersetzt blieb), oder:
fi\Y{per=pro gefafst^)) die Gesandten, als ein Bild-
nis, d. i. Zeichen seines (tiefsinnigen) Geistes — in-
^) Per könnte mit Sigle geschrieben geAvesen und direkt in pro
aufgelöst worden sein.
— 203 —
dem der Übersetzer die Stelle dahin deutete, die
Gesandten, die beiden Begleiter des Brutus, seien
getötet worden und das im Stabe enthaltene Gold
sei das Sühnegold für dieselben gewesen, eine
Ideenassoziation, welche sich dem Nordländer, dem Gold
als Wergeid für Totschlag ein ganz vertrauter Begriff
war, unmittelbar darbieten mufste. Die Annahme aber,
dafs donum ÄpolliJÜ gefafst worden sei als „Geschenk des
Apollin", d. i. des heidnischen Gottes Apollin, gründe ich
auf die in Rede stehende Episode der Ambalessaga, die
dadurch ihre Erklärung finden würde.
Wie wir nämlich sahen, wird in dieser Saga Amlodi,
wenn er durch den Mantel Tostis in überirdischer Schön-
heit strahlt, für den mohammedanischen Gott ge-
halten; nachdem der König das Scepter empfangen hat,
begibt er sich in die Halle und sagt seinen Leuten: „er
habe seinen Gott getroffen*' (Gollancz S. 123), und in jener
analogen früheren Episode, wo Amlodi mit Tosti zum
ersten Male in seinem Zaubermantel erscheint und Tosti
die Sitze verziert, glauben nach dem Verschwinden beider
alle, „es seiMacomet gewesen'*, und es werden Dank-
opfer veranstaltet (s. Jiriczek, S. 85 ; in der von Gollancz
abgedruckten Hds. findet sich der Name Macomet nicht,
es heifst S. 117 nui-, die Königsleute hätten erklärt, „dies
müsse ihr Gott gewesen sein"). Nun verehrten nach mittel-
alterlich-christlicher Anschauung bekanntlich die Moham-
medaner drei Götter: Mohammed, Apollin und Ter-
vagant; „Dem Mohammed dient er und Apoll in ruft er
an"^), heifst es in V. 8^ des Rolandsliedes von Marsilies.
Unter diesen Umständen mufste es für den mittelalterlichen
Leser, dem die antike Mythologie fremd war, offenbar
naheliegen, ein donum Apollini tulisse dicitur zu übcr-
^) Mahummet sert e Apollin rcclaimet.
— 204 —
setzen, „er soll ein Geschenk des Apoll inus
gebracht haben", d. h. ein Geschenk des mohammeda-
nischen Gottes Apollin; für Apollin konnte dann leicht der
andere Gott, Mohammed, Macomet, eintreten, für den Amlodi
gehalten wird, und ebenso leicht konnte die — vermeint-
liche — Angabe, Amlodi habe ein Geschenk des Gottes
überbracht, dahin gedeutet werden, er habe geradezu die
Rolle eines göttlichen Sendboten gespielt, was dann wieder
den Anlafs gab zur Erfindung von Tostis Zaubermantel,
vermöge dessen Amlodi sich mit göttlichem Glänze um-
kleidet.
Ich verweise als auf Analoga des hier angenommenen
sonderbaren Mifsverständnisses auf die oft höchst seltsamen,
geiadezu komischen Mifsverständnisse lateinischer oder grie-
chischer Texte, aus denen gemäfs den Nachweisen Sophus
Bugges, Studien über die Entstehung der nordischen Götter-
und Heldensagen, deutsch von 0. Brenner, München 1889,
S. 20f. bisweilen diese nordischen Sagen hervorgewachsen sind.
„Der Darstellung in den nordischen Mythen- und Helden-
sagen", bemerkt Bugge, „liegt oft ein Mifs Verständnis latei-
nischer Ausdrücke, und zwar selbst der einfachsten, zu
Grunde." So sind, um ein Beispiel anzuführen, die Worte
des vatikanischen Mythographen I, 68: (Hercules) alnwn
conscendit et in msulam herithimiam pervenit, wo alnus
einen „Kahn aus Erlenholz" bedeutet, von dem nordischen
Sagendichter der Snorra-Edda I, 286 übersetzt worden:
,j:>or (= Hercules) kam an das Land und ergriff einen
Vogelbeerbusch und stieg so aus dem Flufs", indem er
alnum conscendit verstand: er itieg (um ans Land zu
kommen) hinauf auf eine Erle (die gedacht wurde als
über den Flufs hereinhängend)!
Durch das angenommene Mifsverständnis erklärt sich
nun sowohl die Darstellung Saxos als die der Ambalessaga,
die aus ihm erwachsene Auffassung mufs also in der ge-
— 205 —
ineinsamen Quelle der beiden Überlieferungen schon vor-
lianden gewesen sein, d. li. es müssen hier die Elemente,
welche beide aufweisen, vereinigt existiert haben; von den
getrennten Überlieferungen hat dann die eine diese, die
andere jene Züge getilgt.
Aus dem Mifsverständnis der Liviusstelle erwuchs
eistens die Vorstellung, der Goldstab, den Brutus von der
Reise mitbrachte — so verstand der Übersetzer ja — habe
entlialten das Wergeid für die beiden Gesandten, denen
er als Begleiter mitgegeben worden war, und die also ge-
tötet worden sein mufsten; es erwuchs zweitens daraus
die Idee, Brutus habe den Stab nach seiner Rückkehr dem
Könige als ein Geschenk des heidnischen Gottes Apollin
überreicht und habe sich für einen Abgesandten des
Apollin ausgegeben. Aus beiden Motiven setzte sich die
Darstellung der Quelle Saxos und der Ambalessaga zu-
sammen. In der Sprofsform, auf die die Überlieferung
Saxos zurückgeht, wurde dann das zweite Motiv getilgt;
Hamlet, auf den die Erzählung von Brutus übertragen
worden war, übergab den Stab nun nicht als ein Geschenk
des Gottes, sondern einfach als das ihm eingehändigte
AVergeld für die Trabanten, und da es zwei gewesen,
wurden aus dem einen Stab zweie gemacht. In der andern
Sprofsform, auf der die Ambalessaga fufst, wurde die
Tötung der beiden Trabanten beseitigt, vielleicht aus dem
Grunde, den Jiriczek vermutet: um Hamlet in humanerem
Lichte erscheinen zu lassen. So fiel die Bedeutung des
Stabes als Wergeid, und es blieb nur der Zug, dafs Hamlet
den Stab überreichte als ein angeblicher Abgesandter
des heidnischen Gottes. Denn nur als solcher will er
sich offenbar geben, wie denn auch der König ihn einmal
nur als „Engel" bezeichnet (Gollancz S. 123)^).
*) Es ist oben gezeigt worden, dafs die Ambalessaga eine ganze
— 206 —
Voraussetzung der hier vertretenen Auffassung der in
Rede stehenden Episode der Ambalessa^a ist nun freilich,
dal's ursprünglich die Erscheinung Amlodis und seiner beiden
Begleiter und die Überreichung des Scepters nicht vor,
sondern nach der Eeise zu Tamerlaus statthatte, dafs also
die Episode infolge undeutlicher Erinnerung transponiert
und infolge dieser Transposition modifiziert worden ist.
Aber eine solche Annahme hat auch durchaus nichts Un-
wahrscheinliches. Dafs die Episode in der vorliegenden
Fassung gänzlich sinnlos ist, haben wir ja oben gesehen,
und in wie weitgehendem Mafse in unserer Saga alte
Sagenelemente verzerrt und durcheinander geworfen sind,
das zeigen ja am besten diejenigen Scenen, die, wie nach-
Reihe Elemente aus der antiken Heraklessage in sich aufgenommen
hat. In Anbetracht dieses Umstandes möchte ich wenigstens darauf
hinweisen, dafs die griechische Sage auch den Herakles einmal die
Rolle eines göttlichen Sendboten spielen und ihn einen Befehl des
höchsten Gottes überbringen läfst, dem unverzüglich Folge gegeben
wird. Im Philoktet des Sophokles tritt V. 1409 Herakles auf, wie
Amlodi in göttlichem Glänze strahlend (V. 1420: dddraTor doExi]v saxov,
(bg jrdoeod' ogäv, sagt Herakles) und befiehlt ihm im Auftrage des
Zeus, dem Odysseus und Neoptolemos nach Troja zu folgen, da durch
seine Geschosse Paris getötet und Troja erobert werden solle. Phi-
loktet, der sich bis dahin gesträubt hat, erklärt ohne Widerrede,
gehorchen zu wollen. In der Ambalessaga erscheinen dem König drei
Männer: Tosti, dessen Sohn und Amlodi, der das Wort führt; auch
bei Sophokles steht Philoktet drei Männern gegenüber: dem Odysseus
und Neoptolemos, den Abgesandten der Griechen, und dem Herakles,
dem Abgesandten des Zeus, der in der Scene allein das Wort führt.
Amlodi verhelfst dem König für die Zukunft ein glückliches Leben;
ebenso Herakles dem Philoktet: xal ool, odcp ibßt, rovr öqeilFzai Tia&eTr,
'Ex xMv jTovwv T(5*'<5' Evxleä lOeoßai ßiov. Die Episode könnte be-
reits in der epischen Heraklessage, in welcher wir oben die Quelle
der in der Ambalessaga vorhandenen Züge der antiken Sage ver-
muteten, vorhanden gewesen sein. Ich will es dahin gestellt sein
lassen, ob sie auf die in Rede stehende Episode der Ambalessaga von
Einflufs gewesen ist.
— 207 —
uewiesen, auf Teile der Heraklessage zurückgehen. Trotz-
dem aber haben sich gerade in diesen Scenen eine Eeihe
uralter Motive erhalten. Das Gleiche nehme ich also für
die hier in Rede stehende Episode an. Die ursprüngliche
Sageuform könnte dann folgende gewesen sein : Amlodi wird
auf den Rat Garaal iels selbst zu Tamerlaus geschickt.
Zurückgekehrt erscheint er am Julfeste dem Könige zu-
nächst in seinem Zaubermantel und überreicht ihm, um
ihn in Sicherheit einzuwiegen, als ein Geschenk des
Gottes den goldenen Stab, das prächtige Scepter. Dann
legt er den Mantel ab, wird wieder Mensch, nimmt die
alte Maske des Blödsinns vor und begibt sich in die Halle,
wo er das Werk der Rache vollbringt.
Durch das angenommene Mifs Verständnis erklärt sich
nun offenbar die eigentümliche Umbildung, die die römische
Sage bei Saxo erfahren hat, in der ungezwungensten Weise.
Die Tatsache, dafs der den Brutus selbst bedeutende Gold-
stab der römischen Sage bei Saxo zu einem Symbol seiner
Begleiter umgedeutet ist, wäre ohnedem höchst auffällig,
wurde aber tulit haculwn per amhages übersetzt: „er
brachte den Stab an Stelle der Boten", so begreift sich
das veränderte Motiv ohne weiteres.
Ich komme nun zu der persischen Version unserer Sage.
Die Hainietsäge und Fii'dosis Schaliiiame.
In seinem interessanten Aufsatz „Hamlet in Iran^^^)
hat neuerdings 0. L. Jiriczek den überraschenden Nachweis
^) Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, hgg. von K. Weinhold
10 (1900), 353—364. Vgl. dazu das kurze Referat von Wilhelm Dibelius,
— 208 —
geliefert, dafs die Sage von Kei Chosro, dem Sohn Sija-
wusclis, und dem Taranschah Afrasiab in Firdosis iranischem
Nationalepos Schahname, d. i. „Königsbuch", eine Version
der noidischen Hamletsage darstellt.
Über den Dichter und sein Werk sei folgendes vor-
ausgeschickt:
Abul Qäsim, der den Dichternamen Firdosi oder Fir-
dausi führte, war vielleicht geboren um 935. Er dichtete
sein grofses Epos Schahname vornehmlich um 995; in einer
vorläufigen Gestalt war es abgeschlossen 999, in seiner
definitiven Fassung 1010. Das Gedicht ist in der Haupt-
sache nur eine poetische Bearbeitung eines älteren prosa-
ischen Schahname, das nach glaubwürdiger Überlieferung
957 — 58 n. Chr. auf Veranlassung eines höheren Beamten
von vier Männern, unzweifelhaft Zoroastriern, auf Grund
von Pahlavibüchern zusammengestellt wurde. Im wesent-
lichen beruhte das prosaische Werk vermutlich auf dem
Chodhäiname, d. i. „Königs- oder Herrenbuch" (khoclai',
pahlavi = König), oder einem ihm nahestehenden Buche.
Es war dies eine Chronik der persischen Könige von
Gayömarth bis Chosrau II. (590 — 628), welche unter dem
letzten Yazdegird, der 632 den Thron bestieg, durch den
Dihkan DanischAver, einen angesehenen Grofsen vom Hofe
von Madai'n, hergestellt wurde; es trug epischen Charakter
Jahrbuch d. D. Shakesp.-Gesellsch., Jg. 37 (1901), S. 282. Der Referent
meint, man werde aus den von J. nachgewiesenen Übereinstimmungen
nicht zu viel Schlüsse ziehen dürfen: ^Geschichten von Helden, die sich
durch vorgespiegelten Wahnsinn ihren Verfolgern entziehen, können
bei allen Völkern entstanden sein"; er verweist auf Davids Rettung
vor den Philistern 1. Sam, 21, und auf Odysseus, der sich verrückt
stellt, um nicht in den Krieg zu ziehen. Aber es handelt sich eben
im vorliegenden Falle nicht, wie in den beiden angeführten Beispielen,
um das Wahnsinnsmotiv allein, sondern noch um eine ganze Reihe
anderer übereinstimmender Motive, zum Teil sehr spezieller Art. Die
beiden Beispiele beweisen gar nichts.
209
und schöpfte aus der nationalen (^ herlief erung des hohen
Adels und der Geistlichkeit.
Firdosi selbst berichtet über die Entstehung des Cho-
dhainame folgendes:
„Es existierte ein Buch über die alten Zeiten, in dem
viele Geschichten standen. Alle Mobeds besaisen davon ein
Stück, und jeder kluge Mann (homme intelligent) trug ein
Fragment desselben bei sich. Nun gab es einen Pehlewan
[ursprünglich etwa „Markgraf", später oft allgemein „Held"J
aus einer Familie von Dihkans [d. i. Männern aus altadligen
Geschlechtern mit Landbesitz, welche die historischen Er-
innerungen ihrer Familie pflegten; deshalb Dihkan oft =
Geschichtskenner], tapfer und mächtig, hervorragend be-
gabt und hochangesehen, der mit Vorliebe die Geschichte
der Vergangenheit studierte und die historischeu Erzäh-
lungen sammelte. Er liefs aus jeder Provinz einen alten
Mobed kommen, einen von denen, welche Teile des Buches
gesammelt hatten, und forschte sie aus nach der Herkunft
der Könige und der berühmten Kriegshelden, und danach,
wie diese ehedem die Welt ordneten, die sie uns in einem
so traurigen Zustand hinterlassen haben. Die Grofsen er-
zählten ihm, einer nach dem anderen, die Überlieferungen
der Könige und die wechselnden Geschicke der Welt. Er
hörte ihre Reden an und machte daraus ein Buch, das allen
Rühmens wert ist: diese Erinnerung blieb von ihm unter den
Menschen und die Grofsen und Kleinen sangen sein Lob"^).
Das Chodhainame wurde bereits im 8. Jahrhundert,
von Abdallah b. al Muqaffa, einem geborenen Perser
(f um 757), ins Arabische übersetzt. Die Übersetzung ist ver-
loren, umfangreiche Fragmente aber haben sich erhalten ^).
^) J. Mohl, Le livre des rois I, p. VI.
-) Vgl, C. Brockelmann, Geschichte d. arabischen Literaturl, Weimar
1898, S. 151 f.; Th. Nökleke, Geschichte der Perser und Araber zur Zeit
Zenker. Boeve-Amlethus. 14
— 210 —
Firdosis Schaliname repräsentiert, seinen Quellen ent-
sprechend, im ganzen die kulturellen Zustände und zum
Teil auch die Anschauungen der Zeit des Sassanidisclien
Reiches, 226—636^).
Somit ist die persische Version unserer Sage nicht
nur bei weitem älter überliefert als alle nordischen Ver-
sionen, auch ihre Quellen sind für eine viel frühere Zeit
bezeugt als diese Versionen oder deren Quellen, die sich
nicht über das Ende des 10. oder den Anfang des 11. Jahr-
hunderts zurück verfolgen lassen.
Ich mufs nun wiederum zunächst eine Übersicht des
Inhalts der für uns in Betracht kommenden Partie, der
Sage von Afrasiab und Kei Chosro. geben. Die kurzen
diesbezüglichen Bemerkungen Jiriczeks genügen für unsere
Zwecke nicht.
Die Sage bildet eine Episode in den über Jahr-
hunderte sich erstreckenden erbitterten Kriegen zwischen
Iran und Turan:
In Turan herrscht als Schah Afrasicib, der bereits
schwere Blutschuld auf sich geladen hat, indem er den
kriegsgefangenen Schah Naudher und später seinen eigenen
Bruder Agrirath erschlug, den letzteren deshalb, weil er
der Sasaniden, aus der arah. Chronik des Tabari ühersetxt, London 1879,
kS. XX.
^) Vgl. Th. Nöldeke, Das iranische Nationalepos, Strafsburg 1896
(Abdruck aus dem Grundrifs der iranischen PhiloL), S. 12 ff., 23, 35 f..
41. Ich zitiere im folgenden nach der, laut Nöldekes Urteil {Lit.
Gentralbl. 1893, Sp. 1823 f.) sehr getreuen Übersetzung von Friedrich
Rückert, Firdosis Königsbuch (Schahname), aus dem Nachlafs hgg.
von E. A. Bayer, 3 Bde., Berlin 1890—95. In dieser Übersetzung ist|
die französische Prosaübertragung von Jules Mohl, Le Livre des Rois,
trad. et comfnente, in Neudruck erschienen Paris 1876 ff. , und die des
Grafen A. F. v. Schack, Heldensagc7i von Firdusi, 2. verm. Aufl.
Berlin 1865, bereits benutzt.
— 211 —
Kriegsgefangene freigegeben hatte, statt sie, dem ihm ge-
wordenen Befehle gemäl's, zu töten. (Rückert Bd. I, S. 267
u. 272). Als wieder einmal die Heere von Turan und
Iran sich kampfgerüstet gegenüber stehen, entschliefst sich
Afrasiab, durch einen Traum geschreckt, dem Führer des
iranischen Heeres, Sijawusch, dem Sohn des Iran-Schahs
Kei Ka'uSj Frieden anzubieten:
Mein Herz ward des bösen Krieges satt,
Suchen will ich den Gottespfad.
Weisheit und Huld ernenn will ich,
Statt Gram und Not mich freun will ich.
Die Welt ruh' aus durch mich eine Weil',
Eh' unversehns mich der Tod ereil'!
Sijawusch geht bereitwillig auf den Vorschlag ein
und es wird ein förmlicher Vertrag geschlossen: Afrasiab
erklärt, in Zukunft den Boden Irans nicht mehr betreten
zu wollen, und stellt Sijawusch, als dieser Garantien ver-
langt, hundert Geifseln. Aber Ka'us selbst will trotzdem
von Frieden nichts wissen, da er dem Afrasiab nicht traut.
So kehrt Sijawusch, da er nicht vertragsbrüchig werden
will, dem Vaterlande den Rücken und begibt sich in den
Schutz Afrasiabs, der den durch Eigenschaften des Körpers
und des Geistes gleich ausgezeichneten Jüngling ganz in
sein Herz schliefst und mit Geschenken und Gnadenbe-
weisen überhäuft (Rückert Bd. II, S. 35—87). Sijawusch
nimmt eret Dscherire, die Tochter Pirans, eines ihm be-
freundeten Getreuen Afrasiabs, zur Frau und bekommt
von ihr einen Sohn, Ferod; dann vermählt ihm Afrasiab
seine eigene Tochter, Ferengis, und schenkt ihm eine grofse
Provinz, über die nun Sijawusch, von allen geliebt und
verehrt, als ein wahrer Friedensfürst herrscht. Aber der
zunehmende Einflufs Sijawuschs erregt den Neid des Gersi-
lücis, des heimtückischen Bruders des Afrasiab. Er ver-
leumdet Sijawusch bei Afrasiab, dafs er mit Ka'us kon-
spiriere und auf Empörung sinne; so bringt er es schliefs-
14*
212
lieh dahin, dafs Afrasiab mit Heeresmacht gegen Sijawusch
zu Felde zieht. Dieser, im Bewufstsein seiner Unschuld,
leistet keinen Widerstand, wird gefangen genommen und
auf Anstiften des Gersiwas von Gurui umgebracht (Bd. II,
S. 87 — 145). Seine Gattin Ferengis, die im fünften Monate
schwanger ist, flüchtet der getreue Piran nach Choten und
übergibt sie der Obhut seiner Gattin Gulschehr. Sie gebiert
einen Knaben von seltener Schönheit, Kei Chosro. Piran be-
nachrichtigt den Schah, der dem Knaben das Leben schenkt,
aber befiehlt, ihn im Gebirge bei den Hirten aufzuziehen
und ihn in Unkenntnis über seine Herkunft zu erhalten.
Kei Chosro zeigt früh gewaltige Kräfte. Als er zehn
Jahre alt ist, geht er bereits auf die Löwenjagd; sein
Pflegevater, in Besorgnis um das Leben des ihm anver-
trauten Knaben, benachrichtigt davon Piran, der Chosro
nun zu sich nimmt und liebevoll pflegt. Inzwischen quält
den Schah die Angst vor dem heranwachsenden Enkel. Er
erklärt Piran, wenn der Knabe des Geschehenen eingedenk
sei und Rachegelüste zeige, so solle er sterben wie sein
Vater. Piran beruhigt ihn: er gibt vor, von den Hirten
gehört zu haben, der Knabe sei geistesschwach. Nachdem
Afrasiab geschworen, sich an Chosro nicht vergreifen zu
wollen, eilt Piran nach Hause, um den Knaben zu holen;
er befiehlt ihm, sich vor Afrasiab verrückt zu stellen:
Zu ihm er sprach: „Die Vernunft treib' aus;
Bringt er Kampf vor, antwort' ihm Schmaus!
Nah' ihm wie ein selbstvergessener
Und rede nur wie ein besessener;
Zeige nicht von Vernunft eine Spur
Und friste Dich für jetzo nur!"
Vor Afrasiab gestellt, folgt der Jüngling dem Eate
seines Beschützers. Der Schah legt ihm einige Fragen vor:
Er fragt' ihn: „0 Hirtenjüngling, sag,
Was hast Du für Kunde von Nacht und Tag?
Was hast Du bei Schafen und Geifsen erwählt?
Wie hast Du die Böcke und Widder gezählt?"
— 213 —
Er gab zur Antwort: ,Die Jagd ist steil!
Ich habe nicht Bogen, Senn' und Pfeil".
Nach seinem Leben fragt' er ihn drauf,
Nach gutem und bösem Tageslauf.
Zur Antwort gab er: „Der reifsende Leu
Macht den streitbaren Hund nicht scheu" ^).
Zum dritten befragt' er ihn sofort
Um Wetter und Wolken und Himmelsort.
Zur Antwort er gab: „Wo der Pardel haust,
Graust's einem Manne von starker Faust".
Er fragt' ihn: „Willst Du nach Iran gehn.
Willst Du den Schah der Helden sehn?"
Zur Antwort er gab: „Die Bergwüstenei
Ritt mir neulich ein Reiter vorbei".
Da lachte der Schah wie die Rose frisch,
Zu Chosro sprach er schmeichlerisch:
„Willst Du nicht lernen Wissenschaft,
Nicht üben am Feinde der Rache Schaft?"
Er sprach: „In der Milch ist kein Rahm geblieben;
Die Hirten seien vom Feld getrieben!"
Der Herrscher lachte ob seinem Wort,
Zum Pehlewan sprach er sofort:
„Der hat nicht das Herz, wie man's haben mufs;
Ich frage vom Kopf und er sagt vom Fufs.
Von ihm wird keiner nicht bös noch gut,
Ein solcher Mensch hat nicht Rachemut.
Geh, gib ihn gütlich der Mutter zurück;
Mit einem braven Manne schick
Ihn alsbald nach Sijawuschgird,
Und sorge, dafs er verführt nicht wird!"*)
(II, S. 147—156 f.)
^) Mohl, Le Livre des Rois II, 342 übersetzt hier vielmehr: „ Un
chien de caravane ne peut se rendre mattre du lion f&roce'^ .
*) Jiriczek bemerkt zu den Antworten Chosros, sie hätten offen-
bar einen verborgenen Sinn und bezögen sich auf seine Lage. „Diesen
Sinn genau zu deuten, wage ich nicht auf Grund blofser Übersetzung.
Darf man ihr wörtliches Zutrauen schenken, so scheint die Meinung
zu sein: Meine Lage ist gefährlich, und ich habe kein Mittel mich
zu wehren (Bild von Jagd ohne Pfeil) [nein, vielmehr: Derjenige, dem
ich nach dem Leben trachte, ist „hochgestellt", er ist mir vorläufig,
„ohne Bogen und Pfeil", noch unerreichbar]. Ich gebe mich zwar
nicht verloren trotz der gröfseren Macht des Schahs (Leu und Hund)
— 214 —
Piran sendet nun Chosro mit der Mutter, wie Afrasiab
befohlen, nach Sijaivuschgird (II, S. 158).
Als die Kunde von Sijawuschs Ermordung nach Iran
gelangt, erhebt sich im ganzen Lande ein Sturm der Ent-
rüstung: Rache für Sijawusch wird die allgemeine Losung,
und die Blutfehde zwischen Iran und Turan entbrennt aufs
neue mit verdoppelter Heftigkeit:
Das Heer das Schwert der Rache zog.
Laut ward das CTetön vom Ochsensterz,
Vom ehernen Rohr und dem Becken von Erz.
Die Welt ward Räch' an Afrasiab,
Als ob ein Meer empört sich hab'.
Auf Erden war für den Renner kein Raum,
Die Luft war verbaut vom Lanzenbaum.
Die Sterne zogen zuerst in die Schlacht,
Zeit und Raum war auf Unheil bedacht.
(II, S. 174.)
Diese grandiosen Verse könnten als Motto über den
nun folgenden endlosen Kampf- und Schlachtenschilderungen
und buntwechselnden Abenteuern bis zum Tode Afrasiabs
stehen, welche fast den ganzen zweiten Band und den
[besser wohl: den offenen Gegner fürchte ich nicht, auch wenn er
mir an Stärke überlegen ist], doch graust auch den Starken vor dem
gefährlichen Feind (Pardel) [das wäre wohl ein Widerspruch zu der
vorausgehenden Antwort ; besser: dagegen habe ich Grund, den schlei-
chenden, hinterlistigen Feind zu fürchten]. Der Weg nach Iran
steht dem, der fliehen will, offen (Erwähnung des Reiters, der durch
die Wüste zog) [besser wohl: ich kann mich durch Boten mit dem
Schah von Iran verständigen]. Die Frage der Rache wird vdeder bild-
lich beantwortet: man hat die Milch des Rahms beraubt, d.h. ein
Frevel ist geschehen, doch die Hirten (Feinde) sollen dafür vertrieben
werden (noch deutlicher, doch im ersten Teile abweichend, falls die
Übertragung die Nuance richtig erfafst, bei Schack: „Kein Rahm wird
übrig bleiben, ich will die Hirten von dem Feld vertreiben." [Mohl,
a. a. 0. hat: II n'y a phcs de creme dans le lait; je voudrais chasser
du desert tous les patres; die Rückertsche Übersetzung scheint also die
genauere]).
215
Anfang des dritten Bandes der Rückertschen Übersetzung
füllen. Hier ist ihrer nur insoweit Erwähnung zu tun,
als Kei Chosro selbst zu den Ereignissen in Beziehung steht.
Als Afrasiab genötigt ist, sich vor Rostem zurückzu-
ziehen, äufsert er Piran seine Befürchtung, Rostem werde
sich Chosros bemächtigen und man werde ihn in Iran auf
den Thron setzen. Piran solle Chosro deshalb zu ihm
bringen und hier im Meer von Tschin ertränken. Aber
Piran wiederrät dem Schah seinen grausamen Plan, der
ihm ewig zur Schmach gereichen würde. Chosro wird nun
mit seiner Mutter geholt und auf Afrasiabs Befehl von
Piran übers Tschinische Meer nach Matschin gebracht.
Gew, der Sohn des iranischen Grofsen Guderz^ zieht
im Auftrage seines Vaters aus, um Chosro zu suchen.
Nachdem er 7 Jahre umhergeschweift, findet er ihn im
Walde bei einer Quelle. Beide reiten nach Sijawuschgird
und machen sich zusammen mit Chosros Mutter Ferengis
auf die Flucht nach Iran. Als Piran davon erfährt, er-
schrickt er heftig, da er Afrasiabs Zorn befürchtet; nach-
dem ein Reitertrupp, den er zu ihrer Verfolgung ausge-
schickt, von Gew siegreich zurückgeschlagen ist, macht
Piran sich selbst auf den Weg, wird aber von Gew be-
siegt und geknebelt nach Hause geschickt. Nun verfolgt
Afrasiab, den man benachrichtigt hat, die Flüchtigen mit
einem Heere, er mufs aber, da es ihm nicht gelingt, sie
einzuholen, gleichfalls unverrichteter Sache wieder um-
kehren. Chosro, Ferengis und Gew treffen wohlbehalten
in Iran ein, wo Chosro in Ka'us' Residenz mit Jubel em-
pfangen wird. Einer der Grofsen, Tus, weigert sich, ihn
als Schah anzuerkennen, und verlangt, dafs Ka'us' Sohn
Ferihorz dessen Nachfolger werde. Er ruft die Entschei-
dung des Ka'us selbst an, der nun bestimmt, derjenige von
beiden solle den Thron besteigen, dem es gelinge, das
Zauberschlofs Behmens einzunehmen. Tus und Fcriborz
— 216 —
bemühen sich eine Woche lang vergebens und kehren un-
verrichteter Sache um. Chosro hingegen, der mit Guderz
auszieht, gelingt es, den Zauber zu brechen; er schreibt
einen Brief, in dem er den Zauberer im Namen Gottes zur
Unterwerfung auffordert, läfst den Brief an einer Lanze
befestigen und diese auf dem Walle des Schlosses aufpflanzen.
Die Mauer zerbricht unter Donnergetöse, Chosro hält seinen
Einzug, erbaut in der Burg einen Feuertempel und richtet
den Feuerkult ein; zurückgekehrt wird er als Erbfolger
eingesetzt und alle Grofsen huldigen ihm (II, S. 169 — 254).
Chosro ist es, der von nun ab den Rachekrieg gegen Afra-
siab führt, welcher mit der Niederlage der Turanier schliefst.
Als gegen Ende des Krieges die beiden Heere sich kampf-
gerüstet gegenüberstehen, mifst Chosro selbst sich mit
Feschang, dem Sohne Afrasiabs, im Zweikampf und er-
schlägt ihn. Afrasiab erleidet dann eine gänzliche Nieder-
lage und zieht sich mit seinem Heere über den Oxus nach
Behischü Gang zurück; die Festung wird von Chosro ge-
stürmt, Gersiwas und Afrasiabs Sohn Dschehn geraten in
die Gefangenschaft, Afrasiab selbst jedoch entkommt durch
einen unterirdischen Gang (Bd. III, S. 164—197). Er wirft
sich mit einem neuen Heer den Iraniern entgegen, wird
jedoch abermals in einer grofsen Schlacht geschlagen. Er
flüchtet nun übers Meer Zirih nach Gang Blzh ; als Chosro
ihn aber auch dahin verfolgt, flieht er in die Wüste und
wählt eine Höhle als Schlupfwinkel. Chosro kehrt unver-
richteter Sache nach Hause zurück, Afrasiab aber wird in
der Höhle von einem in ihr hausenden Einsiedler Hum
entdeckt und nach heftiger Gegenwehr gebunden; er ent-
springt jedoch wieder, als Hum ihm mitleidig die Fesseln
lockert, und stürzt sich ins Meer, in dem er untertaucht.
So nimmt Afrasiab hier plötzlich die Eigenschaften eines
Meerwesens an: er scheint als Meerdrache gedacht werden
zu müssen. Als er sich wieder an der Oberfläche zeigt,
— 217 —
wird er von einem plötzlich des Weges kommenden gött-
lichen Helfer mit der Fangschnur herausgefischt, von ira-
nischen Grolsen vor Chosro gebracht und von diesem mit
einem Schwerthieb getötet; das gleiche Schicksal trifft
seinen Bruder Gersiwas. Damit ist der Krieg bis auf
weiteres beendigt (III, S. 197 — 223). Chosro besteigt nun
nach dem Tode des Ka'us den Thron. Nach einiger
Zeit wird ihm durch einen Traum verkündigt, dafs er aus
der Welt gehen soll, er nimmt Abschied von den Iraniern,
begibt sich auf einen hohen Berg und wird von dort aus
entrückt (IE, S. 234—266).
In dieser Sage findet Jiriczek folgende, mit der
Hamletsage gemeinsame Motive:
„Ein Fürst wird von einem nahen Verwandten unver-
sehens seines Thrones und Lebens beraubt (1);
sein Sohn wächst in Niedrigkeit auf (II);
der Frevler fürchtet seine Rache und stellt seinen
Verstand auf die Probe, der Jüngling aber spielt die
Rolle eines Verrückten und erteilt scheinbar tö-
richte Antworten (III);
dadurch entgeht er dem Tode und rächt nachmals
seinen Vater an dem Urheber der Freveltat (IV)."
Jiriczek hat daraufliin das Verhältnis der persischen
Sage zur Hamletsage Saxos und zur Brutussage eingehend
untersucht, ist aber zu keinem klaren Ergebnis gelangt.
Dafs zunächst Saxo selbst die Hamletsage nach dem Mo-
dell der Brutussage erfunden haben sollte, hält er für aus-
geschlossen: „Eine so geniale Umformung, durch die aus
wenigen Grundelementen eine neue, ganz eigenartige Er-
zählung mit echt nordischem Gepräge entsteht, als be-
wufste Schöpfung eines mittelalterlichen Historikers, der
den alten Sagen euhemeristisch und rationalistisch gegenüber-
steht, ist schon psychologisch undenkbar; selbst ein Shake-
— 218 —
speare hat seinen Quellen gegenüber nie eine so souveräne
Umgestaltungskraft gezeigt." In der Tat ist ja die Er-
findung der Hamletsage durch Saxo selbst, wie wir salien,
schon durch die Übereinst immuag seiner Darstellung mit
den übrigen nordischen Versionen ohne weiteres ausge-
schlossen. Dagegen könne, meint Jiriczek, die römische
Sage Saxo auf dem Wege der Tradition überkommen sein.
Es fragt sich dann, in welchem Filiationsverhältnis die
drei Versionen, die römische — nordische — persische zu-
einander stehen. Gemeinsame Abweichungen zweier Ver-
sionen, a b, gegenüber einer dritten, c, schliefsen offenbar
eine direkte Ableitung beider aus jener dritten: c — a,
c — b, ebenso aus wie eine Mittelstellung der dritten Ver-
sion zwischen jenen beiden: a — c — b oder b — c — a.
Jiriczek zeigt nun, dafs die persische Sage einerseits mit
der römischen gegen die nordische, andererseits mit der
letzteren gegen die römische übereinstimmt. Mit der Brutus-
sage stimme sie darin überein, „dafs sie Kriege zwischen
dem Usurpator und dem Rächer kennt, dafs die Verwandt-
schaft zwischen beiden auf der Mutter des Helden beruht
u. a. m." Doch ist von den beiden Zügen der erste zu
streichen, da das Motiv sich auch in der nordischen Sage
findet, zwar nicht bei Saxo und in der Hrolfssaga. in denen
Jiriczek die einzigen Vertreter der nordischen Sage erblickt,
wohl aber im BvH und im Havelok: dort führt Boeve Krieg
gegen Doon, hier Havelok gegen Hodulf. Als mafsgebende
Übereinstimmungen mit der nordischen Sage betrachtet es
Jiriczek, dafs in beiden die Rache des Helden eine per-
sönliche und eigenhändige ist, während die Brutussage mit
der blofsen Vertreibung des Tyrannen endet, und zweitens,
dafs „im Mittelpunkt der Erzählung die ausführliche Ver-
suchung steht, welcher der Held durch rätselhafte Ant-
worten, die einen geheimen Sinn in sich schliefsen, aus-
w^eicht, offenbar ein Glanzpunkt der Sage voll dramatischer
— 219 —
Spannung." Davon findet sich in der römischen Sage
nichts. Man habe zwar auf das Verhalten des Brutus zum
delphischen Orakelspruch hingewiesen : „Aber der Zusammen-
hang ist ganz anders, Versuchungsfragen und Antworten
fehlen vollständig, und Brutus errät den Sinn einei* dunklen
Antwort, während hier der Held auf Fragen eine dunkle
Antwort erteilt, also so ziemlich das Gegenteil von dem
Motive der Brutussage." Jiriczek wirft unter diesen
Umständen die Frage auf. ob nicht vielleicht die Sage
von Eom nach dem Orient und dann wieder ans Vorder-
asien über Osteuropa nach Jütland gekommen sein könnte;
er meint, es könne freilich ebensogut „der Orient die ge-
meinsame Quelle der zwei europäischen Fassungen sein."
Gemeinsame Ableitung aus der Brutussage scheitere daran,
dafs die abgezweigten Sprofsformen unter einander näher
stimmen als mit ihrer angenommenen Grundform. Gegen
Ableitung der nordischen Sage aus der persischen und
ebenso gegen gemeinsame Ableitung der nordischen und
römischen Sage aus der persischen scheine zu sprechen,
dai's die Motive „Gold im Stabe" und „Reise mit zwei
Begleitern" sich nur in der römischen und nordischen, nicht
aber in der persischen Version fänden. Jiriczek hält es je-
doch nicht für ausgeschlossen, dafs diese Übereinstimmung
auf Zufall beruht. Wolle man diese Erklärung nicht gelten
lassen, so seien die betreifenden Motive „eben zu den anderen
Punkten zu stellen, welche eine Gruppe RN (römisch -
nordisch) konstituieren", d. h. es wäre dann eine Filiation:
römisch-persisch-nordisch und persisch -römisch, persisch-
nordisch nicht möglich. Es scheint mir ein AViderspruch
gegen diese Ausführungen zu sein, wenn Jiriczek später,
S. 364, erklärt: „Eine direkte Ableitung im Filiationsver-
hältnis habe sich als undurchführbar erwiesen", und ebenso,
wenn er nun in Anbetracht letzterer Tatsache am Schlufse
seiner Abhandlung nur zwei Möglichkeiten gelten läfst,
— 220 —
von denen er die zweite als wahrscheinlicher bezeichnet:
dafs die Übereinstimmungen der drei Versionen ganz auf
Zufall beruhen, oder dafs die Sagen seien „Erscheinungs-
formen eines Wanderstoffes, der bald hier bald dort aus
dem grofsen Unterstrom der Literaturen, der mündlichen
Überlieferung, auftaucht, ohne dafs wir seine Bahnen zu er-
kennen vermögen". Denn vorher, S. 357, bezeichnet er ja
ausdrücklich eine direkte Filiation als wohl möglich: „Es
ist nicht undenkbar, dafs die römische Sage nach Persien
drang, es ist ebenso wenig undenkbar, dafs die persische
wieder nach Nordeuropa gewandert sei"; und wenn man
es als nicht ausgeschlossen betrachtet, dafs die auffälligen
Übereinstimmungen der römischen und nordischen Sage be-
sonders bezüglich des Goldes im Stabe, auf Zufall beruhen,
wie Jiriczek das tut, dann hindert ja doch in der Tat gar
nichts, jene Filiation anzunehmen. Will man aber hier
einen Zufall nicht gelten lassen — und Jiriczek scheint
die Berechtigung dazu anzuerkennen — , ist somit die Her-
stellung eines direkten Filiations Verhältnisses undurch-
führbar, so wird man um so weniger geneigt sein, die
sämtlichen Übereinstimmungen der drei Sagen durch Zufall
zu erklären. Ich vermag mir diese Widersprüche in Jiriczeks
Ausführungen nicht aufzulösen, aber es kann sein, dafs ich
seine Meinung irgendwo nicht richtig verstanden habe.
Das Ergebnis, zu dem Jiriczek gelangt, ist also, wie
gesagt, jedenfalls dieses: es sei nicht ausgeschlossen, dafs
die Parallelen der drei Versionen auf blofsem Zufall be-
ruhen, wahrscheinlicher aber sei es vielleicht doch, dafs
sie einen „Wanderstoff" darstellen, über dessen Herkunft
und Wege sich nichts ermitteln lasse: „Die Eigenart jeder
Version zeigt .... auch hier wie bei anderen ähnlichen
Stoffen, dafs keine die direkte Kopie der anderen ist.
Sie sind Bäumen vergleichbar, die aus weithin getragenen
Samenkörnern derselben Art erwachsen sind; Avie viele
— 221 —
(jlieder zwischen ihnen und den Bäumen stehen, von denen
sie Staramen, und wo dieser seine Aste entfaltet hat, bleibt
eine verlorene Frage . . ." Jiriczek schliefst demnach mit
einem absoluten non liquet Gesetzt, es bestehe überhaupt
ein Zusammenhang zwischen den drei Versionen, was er
für wahi-scheinlich, aber gar nicht einmal für sicher hält,
so läfst sich doch über die Art dieses Zusammenhanges
nichts aussagen: ob die drei Versionen Abzweigungen des
gleichen Stammes darstellen, oder ob eine davon die
Quelle der beiden anderen gewesen ist, und wie sich dann
wieder diese beiden zueinander verhalten, ob sie parallel
stehen, oder ob eine aus der anderen hervorgegangen ist,
alles das mufs unentschieden bleiben.
Ich glaube nun meinerseits, dafs die Dinge keines-
wegs so hoffnungslos liegen, und dafs die von Jiriczek im
Eingang seiner Untersuchung vertretene Möglichkeit, wo-
nach die nordische Version aus der persischen und diese
aus der römischen entsprungen wäre, eine grofse Wahr-
scheinlichkeit für sich hat, wenn wir für persische Version :
Quelle der erhaltenen persischen Version einsetzen. Wich-
tige Handhaben zur Lösung des Problemes scheinen mir
vor allem der BvH und die Ambalessaga zu bieten, von
denen jener Jiriczek noch völlig unbekannt war, diese von
ilim noch nicht die richtige Wertung erfahren hat.
Ich mufs zunächst gegen Jiriczeks Ausführungen fol-
gendes einwenden:
1. Es darf mit aller Entschiedenheit daran festgehalten
werden, dafs die Übereinstimmung der Saxoschen Hamlet-
sage mit der Brutussage bezüglich der Motive „Gold im
Stabe = Mann" (dort = die beiden Begleiter, hier = Brutus
selbst) und „Reise des Helden übers Meer mit zwei feind-
lichen Begleitern" in Anbetracht der sonstigen Überein-
stimmung der beiden Sagen nicht wohl auf Zufall be-
— 222 —
ruhen können. Zweimalige ICrfindung so spezieller Mo-
tive mit identischen Nebenumständen, die zu jenen in
gar keinem Kausalnexus stehen, darf nahezu als ausge-
schlossen, jedenfalls als äufserst unwahrscheinlich bezeichnet
werden.
2. Bei den zahlreichen, zum Teil recht speziellen
Übereinstimmungen auch aller drei Versionen ist das Vor-
liegen eines blofsen Zufalls als unendlich unwahrschein-
lich zu bezeichnen. Die Übereinstimmungen beschränken
sich nicht auf die von Jiriczek schon hervorgehobenen,
sondern es kommen auf Grund der nachgewiesenen anderen
Versionen der nordischen Sage zu ihnen noch neue hinzu.
Zum Beweis dafür, dafs zwei Erzählungsstoffe, die von
einander ganz unabhängig sind, trotzdem in ganzen Ketten
von Einzelzügen übereinstimmen können, exemplifiziert
Jiriczek auf Firdosis Erzählung von Sijawuschs Tod, die
lebhaft an die Passion des Heilands erinnere: „Dafs christ-
liche Einflüsse nach Persien gedrungen sein können, ist
zweifellos; Zusammenhang wird gleichwohl nicht bestehen."
Offenbar liegt hier eine petitio principu vor. Denn dafs
wirklich ein Zusammenhang zwischen den beiden Über-
lieferungen nicht vorhanden ist, wäre doch erst zu be-
weisen. Wenn, wie Nöldeke bemerkt^), „Züge der Märchen-
gestalt Salomos als Weltkönigs" auf eine Gestalt der
iranischen Sage, auf Dschamschedh übertragen worden sind,
warum können dann nicht ebensogut Züge der Passions-
geschichte Christi, die sich doch noch einer ganz anderen
Verbreitung erfreute, von einem persischen Dichter für
die Ausmalung der ruchlosen Hinmordung des edlen und
weisen Friedensfürsten Sijawusch verwandt worden sein?-)
^) Iran. Nationalepos S. 11.
2) Ich verweise noch speziell auf die Worte Sijawuschs zu Afra-
siab, als dieser an der Spitze der Turanier sich seiner bemächtigen will:
— 223 —
Als Beispiel dafür, wie sich durch Zufall übereinstimmende
Züge einstellen können, weist Jiriczek ferner darauf hin,
dafs sich zwei Züge der persischen Version, die bei Saxo
fehlen: der Aufenthalt des Helden bei Hirten und die
Gestalt des bejahrten treuen Ratgebers (Piran bei Firdosi)
in der isländischen Ambalessaga, die doch nur aus Saxo
geschöpft habe, wiederfinden. Hier sei „spätere Association
durch Zufall sicher". Dieses Argument ist in Anbetracht der
Ergebnisse der vorausgehenden Kapitel offenbar gleichfalls
zu streichen. Denn die Ambalessaga beruht, wie dort ge-
zeigt wurde, nicht auf der Darstellung Saxos, wie Olrik
und mit ihm Jiriczek annehmen, sondern stellt eine von
ihm unabhängige Fassung der Hamletsage dar, es ist so-
mit für die erwähnten beiden Züge die Möglichkeit der
Entlehnung aus der persischen Sage allerdings gegeben.
Nun unterliegt es ja keinem Zweifel, dafs sich gleiche
oder ähnliche Züge in Stoffen, die von einander völlig un-
abhängig sind, durch Zufall zusammenfinden können, und
ein „absolutes Mafs für den Grad der Übereinstimmung,
O Schah, dem Gott hohe Tugend gab,
Was kommst Du mit Heeresmacht gegen mich?
Was willst Du mich töten unschuldiglich?
(Rückei-t Bd. II, S. 137);
ferner auf die Worte Afrasiabs, als man ihm zuredet, den gefangenen
Sijawusch hinrichten zu lassen:
Nichts böses an ihm mein Auge sah
(ib. S. 141);
und auf die Fürbitte von Afrasiabs Tochter für Sijawusch:
Vergiels nicht ein unschuldiges Blut!
(ib. S. 142),
zu der man vergleiche die Fürbitte von Pilatus' Gattin, Ev. Matth.
27,19: habe Du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; endlich auf
den Vergleich Sija^-uschs mit einem zur Schlachtbank gefiib-rtc:i Lamm,
ib. S. 146.
— 224 —
welcher Zusammenhang wahrscheinlich macht", gibt es
sicherlich nicht. Aber da die Zahl der möglichen Motive
wie die Zahl der möglichen Geschehnisse offenbar schlecht-
hin unendlich und auch die Zahl der häufig vorkommenden
Motive wie der entsprechenden Geschehnisse wenigstens
eine sehr grol'se ist, so darf die Wahrscheinlichkeit, dafs
sich eine ganze Eeihe teils spezieller, teils vielleicht auch
alltäglicher, aber unter sich in keinem Causalnexus ste-
hender Züge oder ein vollkommen eigenartiger, in der
Literatur sonst überhaupt nicht belegter Zug und eine
Reihe anderer, allgemeinerer Züge durch Zufall mehr-
mals zusammengefunden haben sollten, als äufserst gering
bezeichnet werden. Solche, in der Literatur, wenigstens
meines Wissens, anderweitig nicht nachgewiesene Motive
sind aber das Motiv „Gold im Stab = Mann" in der
römischen und nordischen Version und das Motiv der rätsel-
haften Antworten in der persischen und nordischen Ver-
sion, und da beide nicht isoliert, sondern in Verbindung mit
einer ganzen Kette anderer identischer oder ähnlicher
Motive auftreten, so scheint mir der methodisch allein
zulässige Schlufs der, dafs die verschiedenen Versionen
aller Wahrscheinlichkeit nach in unmittelbarem Zusammen-
hang miteinander stehen.
Einen Zufall, den Jiriczek wenigstens als möglich
bezeichnet, halte ich für nahezu ausgeschlossen.
Ich stelle nun zunächst die von Jiriczek noch nicht
herausgehobenen, allen drei Versionen gemeinsamen Züge
zusammen.
Die vorausgehenden Untersuchungen haben uns er-
kennen lassen, dafs wir vier verschiedene von Saxo unab-
hängige nordische Versionen der Hamletsage besitzen, die
mit seiner Erzählung aus der gleichen Quelle geflossen
sein müssen, nämlich:
— 225 —
1. Das anglonormannische Epos von Boeve de Ham-
toiie;
2. Den Lai von Havelok;
3. Die Hrolfssaga Kraka und die mit ihr eng ver-
wandte Harald-Haldansage;
4. Die isländische Ambalessaga.
Ob das Brjammärchen eine selbständige Version dar-
stellt, oder ob es auf der Ambalessaga beruht, mufsten
wir unentschieden lassen; ich halte allerdings das erstere
für wahrscheinlicher.
Die genannten vier, bezw. fünf Versionen stehen also
als Zeugnisse für den Inhalt der ursprünglichen nordischen
Sage der Saxoschen Überlieferung gleichwertig zur Seite;
für jeden bei Saxo fehlenden Zug, den eine derselben auf-
weist, ist die Möglichkeit gegeben, dafs er bereits in der
geraeinsamen QueUe, auf die auch Saxos Erzählung zurück-
geht, vorhanden gewesen ist.
Die nordische Sage wird für uns repräsentiert durch
Saxo und die genannten vorhandenen Versionen.
Die gemeinsamen Elemente in der römischen Sage, der
persischen und in den verschiedenen Fassungen der nordi-
schen Sage sind nun diese:
1. Ein tyrannischer Fürst (König, Schah) tötet ruch-
loserweise einen mit ihm nah verwandten Grofsen, dessen
Sohn sich, um dem gleichen Schicksal zu entgehen, ver-
rückt stellt und sich nun die Vaterrache als Lebensauf-
gabe setzt.
2. Der getötete Grofse hat noch einen zweiten älteren
8ohn, der in der römischen Sage von dem Tyrannen gleich-
falls aus dem Wege geräumt wird. In der persischen
Sage hat Kei Chosro einen Bruder Ferod, den Sohn der
ersten Gattin Sijawuschs, der Tochter Pirans; Ferod wird
als dem Chosro gleichaltrig bezeichnet, da Sijawusch aber
Pirans Tochter vor Ferengis geheiratet hat, so ist wohl
Zenker, Boeve-Amletbus. 15
— 226 —
anzunehmen , dafs Ferod etwas älter ist als Chosro, siehe
Rückert, Bd. II, S. 284. Ferod wird von Afrasiah nicht
getötet, wie der Bruder des Brutus in der römischen Sage,
fällt aber, im turanischen Heer kämpfend, jung im Kampfe
gegen Chosros eigenen Feldherrn Tus und wird von
Chosro bitter beklagt, s. ibid. S. 313 und 336. Von den
nordischen Fassungen gibt die Ambalessaga dem Amlodi
einen älteren Bruder, der, wie der Bruder des Brutus, von
dem Tyrannen getötet wird; einen Bruder, der am Leben
bleibt und mit ihm die gleichen Schicksale erduldet,
hat der Held in der Hrolfssaga und der Harald-Haldan-
sage, dagegen ist von einem Bruder nicht die Rede bei
Saxo, im Havelok und im BvH.
3. Der Fürst tötet seinen Bruder (dieser ist in der
nordischen Sage — Saxo, Hrolfssaga — mit dem Vater
des Helden identisch, in der römischen und persischen Ver-
sion von ihm verschieden).
4. Der sich blödsinnig gebärdende Knabe legt in Ant-
worten einen anderen Sinn, als sie für Unbefangene zu
haben scheinen (in dieser Formulierung ist das Motiv allen
Versionen gemein; nur handelt es sich in der persischen
und nordischen Sage um Antworten, w^elche der Held selbst
gibt, in der römischen Sage um eine Antwort des del-
phischen Orakels).
5. Der Held gebärdet sich in seinem verstellten
Wahnsinn als Hund oder fühlt sich doch als solcher oder
wird als solcher bezeichnet. Für die römische Sage ist
dieses Motiv, wie wir sahen, zu erschliefsen aus dem allein
bei Zonaras überlieferten Ausspruche des delphischen
Orakels: dann werde Tarquinius die Herrschaft verlieren,
wenn ein Hund mit menschlicher Stimme reden werde,
insofern mit dem Hunde Brutus gemeint ist. Dafs in der
Ambalessaga das „cynische" Gebahren Amlodis dahin zu
verstehen ist, dafs er den Hund spielt, wurde oben S. 150
— 227 —
ausgeführt, wie denn ja der König ilin einmal ausdrücklich
als solchen bezeichnet (Gollancz S. 97). Harald-Haldan
werden von ihren Pflegern in einer hohlen Eiche unter
dem Vorgeben, dafs sie Hunde seien, ernährt, und
man gibt ihnen sogar Hundenamen; ebenso werden
Helgi-Hroar als Hunde bezeichnet.
In der persischen Sage lautet die zweite von Chosros
Rätselantworten:
,Der reifsende Leu
Macht den streitbaren Hund nicht scheu."
(II, S. 156.)
Der Leu ist Afrasiab, der Hund ist er selber: Chosro
vergleicht sich also mit einem Jagdhunde. Diese
Antwort gibt uns den Kommentar zu dem ganzen
Motive: Brutus-Hamlet-Chosro fühlt sich als Jagd-
und Spürhund, der die Fährte eines Wildes ver-
folgt! Darum die Maske des Hundes! In der Hrolfs-
und Harald sage ist das alte Motiv, dessen Bedeutung ver-
gessen wurde, modifiziert.
6. In allen drei Versionen hat der König einen aus-
führlich geschilderten bösen Traum, den er sich von
Traumdeutern auslegen läfst und den diese auf ihm bevor-
stehendes Unheil und seine Entthronung deuten. Den
Träumen ist allen gemein, dafs der König sich im Freien
befindet, zum Himmel emporsieht und eines der beiden
grofsen Gestirne, die Sonne oder den Mond, über sich er-
blickt: mit dem Gestirne geht etwas Furchtbares vor, oder
es geht von ihm etwas Furchtbares aus; vor Entsetzen da-
rüber erwacht der König^).
Ein Unterschied besteht nun freilich zwischen der römisch-
*) Dieser Zug ist offenbar auch für die römische Version anzu-
nehmen. Denn die Erzählung des Tarquinius schliefst mit den Worten :
,ich sah, wie die Sonne ihre Bahn verliefs." Folglich ist er in diesem
Moment erwacht.
15*
228
nordischen Version einerseits und der persischen Version
andererseits darin, dafs dort der Traum nach der Er-
mordung des Vaters des Helden, hier vor dieselbe fällt.
Dort prophezeit der Traum dem König die nahende Strafe
für die Untaten, die er begangen hat, hier die Strafe,
die ihm droht für die Untat, die er begehen wird, wenn
er sich mit Sijawnsch verfeindet. Die Auslegung der
persischen Traumdeuter lautet:
^Sucht der Schah mit Sijawusch Streit,
Wird die Welt wie ein blutrotes Kleid.
Von Türken läfst er keine am Platz,
Dem Kummer des Schahs wird kein Ersatz,
Und fällt er selbst in des Schahes Hand,
So hält der Thron von Turan nicht Stand,
Das Land wird voll von Ungemach
Durch den Kampf um Sijawusch' Räch'."
(II, S. 47.)
Nun scheint es mir aber kaum zweifelhaft, dafs der
Traum des Schahs hier an falsche Stelle geraten ist, und
dafs er ursprünglich, wie in den beiden anderen Versionen,
nach die Ermordung des Vaters des Helden fiel. Firdosi
hat ja den Stoif seines Epos, wie oben dargelegt, nicht
selbst erfunden, sondern er ist ihm überkommen, und zwar
ist dieser Stoff teilweise mündlich fortgepflanzt worden.
Nun ereignen sich bei mündlicher Überlieferung längerer
Erzählungen, wie allgemein bekannt, in Folge ungenauer
Erinnerung leicht Verschiebungen von Motiven: irgend eine
Episode wird vom Nacherzähler an verkehrter Stelle ein-
gefügt. Dafs Firdosis Version die ursprüngliche sei, ist
deshalb unwahrscheinlich, weil in ihr ja der Schah mit
Strafe für eine Untat bedroht wird, die er noch gar nicht
begangen hat, was epischer Erzählungstechnik nicht ent-
spricht. Man mufs doch fragen: wenn der Himmel selbst
Afrasiab die unheilvollen Folgen einer Entzweiung mit
Sijawusch prophezeit hat, wie kann er, der doch als gottes-
— 229 —
gläubig gedacht ist, es denn wagen, der himmlischen Wei-
sung zuwider zu handeln, mit Sijawusch zu brechen, ihn
mit Krieg zu überziehen und sich an ihm zu vergreifen?
Dann ist das ja doch von ihm der reine Wahnsinn! Und
wie kann er Sijawuschs Sohn am Leben lassen, wenn ihm
prophezeit ist, dafs die Rache für Sijawusch, die ja doch
in erster Stelle dem Sohne oblag, ihn vom Throne stofsen
werde? Nein, ganz sicher stand der Traum ursprünglich
nach der Ermordung Sijawuschs, verkündete dem Schah
die drohende Strafe für begangenes Unrecht und ist nur
durch ein Versehen, sei es Firdosis selbst oder seiner Quelle,
schon vor Sijawuschs Ermordung eingereiht worden. Dafs
der Traum mit dem des Tarquinius und dem des Faustinus
ursprünglich identisch ist, kann nach den speziellen Über-
einstimmungen, die er einerseits, wie später S. 234 ff. gezeigt
werden wird, mit dem ersteren, anderseits mit dem des
Faustinus aufweist, und im Hinblick auf die merkwürdige
Ähnlichkeit, welche zwischen der auf den Traum selbst
folgenden Scene im persischen Epos und der auf die Traum-
deutung folgenden in der Ambalessaga besteht, s. unten
S. 236 f., meines Erachtens nicht wohl bezweifelt werden.
7. In allen drei Versionen macht der Held eine Reise
übers Meer, und zwar unternimmt er sie entweder auf den
Befehl des Königs, oder aber sein Beschützer flüchtet ihn
übers Meer, um ihn den Nachstellungen des Königs zu
entziehen: Brutus reist im Auftrage des Tarquinius nach
Delphi, Chosro wird auf Befehl des Königs übers Tschi-
nische Meer nach Matschin gebracht, Amleth wird -an den
Hof des Königs von Britannien gesandt, Amlodi an den
des Tamerlaus, Havelok wird von Grim nach England
gebracht, Helgi und Hroar werden von Regln nach der
Vifilsey, Harald und Haidan von Regno nach Fünen ge-
rettet.
8. In allen drei Versionen fülirt der Held, Brutus-
— 230 —
Hamlet-Chosro, später Krieg gegen den König, besiegt ihn
in einer Schlacht, stöfst ihn vom Thron und ergreift selbst
die Zügel der Regierung. Unter den nordischen Versionen
wissen von einem Kriege und einer Schlacht allerdings
nur der BvH und die Hamletsage; in allen anderen Ver-
sionen wird die Königshalle in Brand gesteckt, und zwar
wird bei Saxo der König, während die Halle brennt, von
Amleth mit dem Schwerte getötet (wie Afrasiab durch
Kei Chosro in der persischen Sage), in der Ambalessaga
verbrennt er offenbar mit in der Halle, da sonst einer anderen
Todesart keine Erwähnung geschieht, in der Hrolfssage
will er durch einen unterirdischen Gang entfliehen, wird
aber in die Halle zurückgetrieben und verbrennt mit den
anderen, vgl. oben S. 122, in der Haraldsage wird er um-
gekehrt gezwungen, „in die Enge einer längst zuvor an-
gelegten Höhle (!) und in das Versteck eines dunklen Ganges
sich zu verkriechen", und erstickt hier (Jantzen S. 341),
im Brjammärchen endlich findet er seinen Tod wie die
anderen Gäste, die sich im Streit gegenseitig erschlagen.
Wir werden später sehen, dafs auch diese Versionen, die
des Brjammärchens ausgenommen, sämtlich Reflexe von
Episoden des persischen Epos darstellen und nicht etwa
als jüngere Umbildungen des Boeve-Havelok-Motives, wo-
nach der Tyrann in einer Schlacht besiegt wird, aufgefafst
werden dürfen.
Ich denke nun, diese Übereinstimmungen der drei
Sagen genügen, zusammen mit den weiter unten heraus-
zuhebenden Übereinstimmungen der einzelnen Sagen unter
sich, vollkommen, um einen Zusammenhang zwischen ihnen
so ziemlich zur Gewifsheit zu machen.
Es fragt sich dann, in welchem Verhältnis sie zu ein-
ander stehen.
Ich glaube, dafs sich eine Filiation römische-persische-
nordische Version nicht nur wahrscheinlich machen, sondern
— 231 —
gleichfalls nahezu zur Gewifsheit erheben läfst. Die Gründe,
welche micli bewegen, eine solche Filiati on anzunehmen,
sind die folgenden:
Die persische Sage enthält eine ganze Keihe Züge,
welche der römischen Sage fehlen, wohl aber in einer oder
mehreren der nordischen Versionen begegnen. Das Vor-
handensein von zweien dieser Züge in der Ambalessaga
wurde, wie wir sahen, schon von Jiriczek angemerkt,
aber von ihm ungerechtfertigter Weise durch Zufall erklärt.
Die Züge sind die folgenden:
1. Chosro wird vor Afrasiab durch einen bejahrten
turanischen Grofsen, Piran, gerettet; ebenso Boeve vor
Doon durch Sabot, Havelok vor Hodulf durch Grim, Helgi
und Hroar vor Frodi durch Regln, Harald und Haidan
vor Frotho durch Regno.
2. Piran ist einerseits der treusorgende Beschützer
Chosros, anderseits aber der ergebene Diener Afrasiabs,
den er nach bestem Wissen berät und in dessen Dienst
er fällt (Bd. 111, S. 133). Die gleiche Zwitterstellung nimmt
in der Ambalessaga ein Gamaliel zwischen Amlodi und
Faustinus, in der Hrolfssaga Regln zwischen Helgi-Hroar
und Frodi, in der Harald-Haldansage Regno zwischen den
beiden verfolgten Knaben und Frotho.
3. Nach der Ermordung Sijawuschs nimmt der getreue
Piran dessen Gattin Ferengis, die mit Chosro im fünften
Monate schwanger ist, in seinem Hause auf, und hier wird
Chosro geboren. Im Havelok birgt nach Gunters Er-
mordung Grim dessen Gattin und Havelok auf seinem am
Meer gelegenen Schlosse, bis er mit ihnen zu Schiff ent-
flieht, V. 53 ff. In der Sage von Olaf Tryggvason, die, wie
S. 102 ff. gezeigt, mit der Haveloksage nahe verwandt scheint,
ist nach der einen Version der Held, wie in der persischen
Sage, beim Tode seines Vaters noch ungeboren, seine Mutter
flieht unter Führung des getreuen Thorolf.
232
4. Chosro wächst bis zu seinem zehnten Jahre bei den
Hirten im Gebirge auf; auch Boevc ist einige Zeit lang
Hirt, vgl. S. 212, Helgi und Hroar sind nach einer Ver-
sion mit Ziegen aufgewachsen („einige Leute meinen, dafs
sie mit Ziegen aufgewachsen seien"), Amlodi weilt bei den
Hirten im Gebirge und wird später zum Sauhirt ernannt.
5. Chosro wird zu den Hirten gebracht auf ausdrück-
lichen Befehl Afrasiabs:
Zieht ihn nicjit unter den Menschen auf,
Schickt ihn ins Gebirg zu den Hirten hinauf,
Dafs er gar nicht höre, wer ich bin,
Und warum ich ihn gab dahin.
(Rückert, B. II, S. 151.)
Ebenso wird in der Ambalessaga Amlodi Hirt auf aus-
drücklichen Befehl des Faustinus, vergl. Gollancz S. 83.
7. Chosro liegt als Hirt im Gebirge der Jagd ob:
Als zehn Jahre ward der Hochanstreber,
Jagt' er den Wolf, den Bär und den Eber ;
Dann ging er an Low' und Leopard,
Und Holz nur war seine Waffenart.
(II, S. 158).
Ebenso Amlodi als Sauhirt: „Tags über pflegte er in die
Wälder und Forste zu gehen und erschlug dort wilde Tiere
und Rosse und trug die Beute nach Hause" (Gollancz,
S. 103).
7. Chosro zeichnet sich früh durch ungewöhnliche Kör-
perkraft und tollkühnen Mut aus: der ihm als Pflegevater
bestellte Hirt kommt zu Piran und führt Klage über den
zehnjährigen:
Gegen diesen unbändig freien
Komm' ich den Pehlewan anzuschreien.
Einst hat er Jagd auf Rosse gemacht.
Nicht an Löwen und Pardel gedacht;
Doch jetzt, ob Löwenkampf es sei,
Ob Rehjagd, ist ihm einerlei.
(II, S. 153.)
— 233 —
Ebenso tut sich Boeve am Hofe Hermins durch seine ge-
waltige Stärke und seine Tapferkeit hervor: als er 15-jährig
ist, wagt schon kein Ritter mehr, mit ihm zu tur-
nieren; er erlegt einen Eber, dem sonst niemand gewachsen
ist, und verteidigt sich auf der Heimkehr von der Jagd
erfolgreich gegen zehn Förster, die ihm den Tod geschworen
haben, vgl. V. 416 — 484. Desgleichen ist Havelok der
stärkste Mann am Hofe Alsis und allen Rittern überlegen,
zwölf Männer können die Last nicht heben, die er zu tragen
vermag, vgl. Lai d'Hav. V. 261 ff.:
. . Devant eus liuter le fesoient
As plus forx honies qil savoient,
Et il trestoux les abatit
Li rois forment s' estner veilloit
De la force qen lui veoit.
Dis des plus forx de sa meson
N'eurent vers li nule fuison;
XII. homes ne poeient lever
Le fes que il poeit parier.
Eine noch viel gröfsere Rolle spielt das Motiv, wie
wir sahen, in der Ambalessaga, vgl. oben S. 157. Am-
lodis ungeheure Körperkraft wird wiederholt ausdrücklich
erwähnt und in Kämpfen mit Riesen, denen sonst niemand
gewachsen ist, mehrfach vorgeführt.
8. Afrasiab befiehlt Piran, den Chosro zu ertränken,
Piran aber bringt den Schah von seinem Vorhaben ab;
im BvH befiehlt die Königin dem Sabot (= Piran, s. Nr. 1),
Boeve umzubringen, aber Sabot führt den Befehl nicht aus.
9. Afrasiab befiehlt Piran, Chosro zu ertränken, be-
sinnt sich aber auf Pirans Vorstellungen hin eines andern
und beauftragt letzteren, den Knaben übers Meer nach
Matschin zu scliaffen:
Jenseits des tschinischen Meeres Strand
Sei er gesandt, dals die Recken hie
Finden von ihm ein Zeichen nie!
— 234 —
Schnell sendet ihn der General
Hinüber, wie der Schah befahl.
(II, S. 193.)
Im BvH erteilt die Königin den Befehl, Boeve ent-
weder zu ertränken oder im Hafen an Handelsleute zu ver-
kaufen; das letztere geschieht, und die Kaufleute führen
Boeve übers Meer nach Armenia (= Armorica), V. 346 ff.;
Havelok wird durch den getreuen Grim übers Meer nach
England geflüchtet, V. 89 ff.; Helgi und Hroar werden
durch Kegin nach der Vifilsinsel gebracht, vgl. oben S. 121;
Harald und Haidan durch Eegno nach Fünen, Regno bittet
den Frotho, er möge „die Kleinen, denen er schon den
Vater genommen, schonen und es nicht als ein Glück an-
sehen, sich mit einem doppelten Verwandtenmorde zu be-
flecken." Frotho folgt dem Eate.
10. Der Traum, der im persischen Epos den Afrasiab
vor Feindseligkeiten gegen Sijawusch warnt, zeigt eine
höchst merkwürdige Übereinstimmung mit dem ersten Traum,
der in der Ambalessaga dem Faustinus das nahende Ver-
hängnis prophezeit. Wie schon oben dargelegt, mufs dieser
Träum in Firdosis Bearbeitung der Sage an falsche Stelle
geraten, transponiert worden sein; er sollte ursprünglich
die immer erneute Angst Afrasiabs vor der Eache des
Enkels motivieren:
Afrasiab sieht im Traum eine Steppe voller Schlangen,
den Himmel voller Geier. Sein Zelt ist am Rande der
Ebene aufgeschlagen und von einem Heer Kriegern um-
geben. Da erhebt sich ein Sturmwind, der die Fahne um-
reifst, von allen Seiten wälzen sich Blutströme heran, die
Leichen von unzähligen Kriegen liegen kopflos umher. Ein
Heer aus Iran kommt angerückt, hunderttausend Iranier
stürzen auf ihn los, reifsen ihn vom Thron und schleppen
ihn gefesselt fort.
— 235 -
Es war ein Thron erhöht zum Monil,
Auf dem der Kriejifsfiirst Ka'us thront'.
Ein Jüngling mit Wangen wie der Mond
Zur Seite von Schah Ka'us thront',
Seiner Jalire kaum zweimal sieben;
Als er mich sah herbeigetrieben,
Schnaubt' er der drohenden Wolke gleich
Und zerhieb mich mit einem Streich.
Vor Schmerz rief ich ein lautes Ach,
Der Schmerz und der Angstschrei machten mich wach."
(II, S. 45 f.)
Nach der Übersetzung des Grafen von Scliack kommt
der Schwertstreich nicht zur Ausführung, da Afrasiab schon
infolge des Schreckens über den ihm drohenden Schwert-
hieb erwacht:
Als er mich vor sich schaute mit der Fessel,
Schwang er sich auf, der Donnerwolke gleich,
Mich zu zerhau'n mit einem Schwertesstreich.
Da schrie ich auf — und aus dem Traum der Nacht
Bin ich entsetzt bei diesem Schrei erwacht."
(S. 201.)
Uamit stimmt überein die Übersetzung von Mohl, II,
S. 207: „Je poussais dans ma peur de longs cris, et les cris
et la peur m*ont reveille"
Der Traum des Faustinus ist dieser: Faustinus blickt,
auf freiem Felde stehend, zum Himmel empor und sieht die
Sonne sehr nahe, sie ist blutrot. Ein Schwert fällt aus der
Sonne herab und schlägt ihm die rechte Hand ab. Dann
vei-schwindet die Sonne, an ihrer Stelle erscheint ein
grofses glühendes Schwert, das nach seinem Kopfe zielt,
und er sieht keine Möglichkeit, ilim zu entgehen — da er-
wacht er (Gollancz S. 105).
Ich meine, die Übereinstimmung des Schlusses der
beiden Träume ist geradezu überraschend: von einem „zum
Mond erhöhten Thron" (Rückert) oder einem Thron, der
,.dem Monde gleicht" (semblable ä la lune hrülcinte, Mohl),
wir dürfen also direkt sagen: vom Monde, bei Firdosi,
— 236 —
von der Sonne in der Ambalessaga, zielt ein Schwert
auf den Schah, bezw. auf den König herab, das ihn
entzwei spalten will, vor Entsetzen erwacht er.
Das Motiv ist ein so eigenartiges, die Übereinstimmung
eine so genaue, dafs hier, meine ich, die ursprüngliche
Identität mit voller Bestimmtheit behauptet werden darf.
11. Ebenso erinnert die Scene, welche die Erregung
Afrasiabs nach dem Traum schildert, aufs lebhafteste an die
Scene, die sich in der Ambalessaga nach dem Traum des
Faustinus abspielt, der letzterem die von Amlodi drohende
Gefahr ankündigt. Allerdings entspricht der Gamaliel der
Saga nicht dem Gersiwas, sondern dem Piran der persischen
Version, Gersiwas steht vielmehr gleich dem Addomolus
der Saga. Aber Gamaliel und Gersiwas ist es gemein, dafs
sie Vertraute und Berater des Fürsten sind, sie konnten
deshalb verwechselt werden, und überdies ist auch Addo-
molus bei der Scene anwesend:
Als Afrasiab von seinem Traum erwacht, stürzt er
aus seinem Bette auf den Boden, worauf erst die Diener,
dann Gersiwas herbeieilen; letzterer zieht ihn an seine
Brust und beruhigt ihn:
Er warf sich an den Boden in Staub,
Sein Herz furchtbarer Flammen Raul);
Auch die Diener rannten herbei.
Erhoben von allen Seiten Geschrei.
Als Gersiwas erfuhr dieses Leid.
Verdunkelt des Schah tums Herrlichkeit,
Eilt' er dahin zum Schah zu fliegen,
und fand ihn an dem Boden liegen.
Zog an die Brust ihn und ihn fragt :
„Was ist Dir? Es sei dem Bruder gesagt!"
Zur Antwort gab er: „Frage nicht.
Verlange jetzt nicht von mir Bericht!
Bis ich wieder mein selbst bewufst
AVerde, halte mich fest an der Brust.''
Als er nach einiger Zeit sich besann,
Sah ihn die Welt mit Weinen an.
(II, S. 44.)
— 237 -
Damit vergleiche man, was die Ambalessaga von
Faustinus erzählt, nachdem ihm die Traumdeiiter seinen
Traum ausgelegt haben:
„ . . . Er fiel in Ohnmacht, und als die Hötiinge ihn
wie tot daliegen sahen, kamen sie heran, aber sie konnten
ilim nicht helfen. Da kam Gamaliel und legte seine rechte
Hand auf die Brust des Königs, der daraufhin wieder zu
atmen begann, und er kam wieder zu sich und wunderte
sich über dieses Mifsgeschick und fafste grofse Liebe zu
Gamaliel" (Gollancz S. 107).
12. Afrasiab, in Furcht vor Chosro, beauftragt Piran,
sich nach diesem zu erkundigen: sei der Knabe der Ermor-
dung des Vaters nicht eingedenk, so möge er leben, trage
er sich hingegen mit Eachegedanken, so solle er getötet
werden. Piran beruhigt den Schah, der Knabe sei nach
dem, was er von den Hirten gehört, ,.ohne Vernunft"
(II, S. 154).
Ähnlich beauftragt in der Ambalessaga Faustinus seinen
Bruder Tamerlaus, den Amlodi zu beobachten: sei er in
Wahrheit blöden Geistes, wie er sich stelle, so möge er
am Leben bleiben, zeige er aber gesunden Verstand, so
solle er getötet werden (Gollancz S. 129).
13. Nachdem Chosro übers Tschinische Meer gesandt
ist, zieht Gew, der Sohn des getreuen Guderz, im Auftrage
seines Vaters allein in die Welt hinaus, um Chosro zu
suchen, und findet ihn in einem Walde (II, S. 203 if.).
Nachdem Boeve übers Meer verkauft ist, macht sich
Thierri, der Sohn des getreuen Sabot, im Auftrage des
Vatei^ allein auf, um Boeve zu suchen und triff't mit ihm
unter einem Baume zusammen, V. 822 ff.
14. Sijawusch besitzt ein wunderbares, kluges Eofs, dem
an Schnelligkeit kein anderes gleich kommt, den Rappen
Bihzad. Auf diesem Rosse besteht er, um vor Ka'us seine
Unschuld darzutun, die Feuerprobe, indem er durch den
— 238 -
Feuerberg hindurclireitet (II, S. 30). Als ein Traum ihm
sein bevorstehendes Ende angekündigt hat, tötet er alle
seine andern Eosse, den Bihzad aber läfst er frei und
sagt ihm, er solle dereinstmals seinen Sohn tragen:
Den Rappen Bihzad nahm er vor,
Der wohl liefe dem Winde zuvor.
An die Brust drückt er seinen Schopf,
Nahm ihm Gebifs und Kappzaum vom Kopf,
Sagt ihm ins Ohr viel Heimlichkeit:
„Sei wacker und keinem dienstbereit.
Wenn Chosro kommt, nach Rache zu jagen,
Geziemt Dir's, seine Zügel zu tragen.
Geh, sei vom Stall ganz losgezählt.
Bis er zu seinem Reittier Dich wählt.
Sein Reittier sei und stampfe die Welt,
Fege mit Hufschlag den Feind aus dem Feld!"
Die übrigen Rosse verstümmelt er,
Zerhieb mit dem Schwert sie wie Geröhr.
(LI, S. 135.)
Chosro, herangewachsen, findet das Eofs auf der Berg-
weide bei Sijawuschgird und legt ihm Sattel und Zaum
an, was Bihzad, der in ihm Sijawuschs Sohn erkennt, ruhig
geschehen läfst:
Schnell ging Chosro mit hohem Wuchs;
Wie er hinkam zum Bache, flugs
Dem Bihzad Sattel und Zaum er wies,
Ob ihm würde des Wunsches Erspriefs.
Bihzad sah den Keianen, bog
Den Hals, und schaudernd den Atem zog;
Den Sitz des Sijawusch von Pardelfell
Sah er, von Eschholz das Sattelgestell;
Er hielt an der Tränke seinen Schritt
Und tat von dannen keinen Tritt.
Wie Kei Chosro geschirrt ihn sah.
Eilt' er und bracht' ihm den Sattel nah.
Der edle Rappe stand an der Stell'
Und weint aus beiden Augen hell.
Er legt' sein Aug' an des Tieres Kopf
Und strich ihm Brust und Hals und Schopf.
— 239 —
Er legt ihm den Zaum im, den Sattel auf,
Und rief schmerzhaft zum Vater auf.
Im Sattel er safs, den Schenkel er schlofs,
Da setzt« sich in Gang der Kolofs
Und davon wie ein Lufthauch rannt'.
(II, S. 211.)
Ein ebensolches kluges, getreues, windschnelles Rofs
besitzt Boeve, Arondel. Er erhielt es beim Ritterschlag
von Josiane, der Tochter Herrains, zum Geschenk.
La pucele Li doune un destrer prise,
unkes meillour cheval de li ne fu trove,
unkes deu ne ßst beste, sachex de veriie,
ke li ateifidereit de un arpent mesure.
(V. 542 ö'.)
Arondel spielt dann in der Erzählung eine wichtige
Rolle: Er läfst sich von niemand als von Boeve und Jo-
siane anrühren. Als Yvori ihn einmal reiten will, da ver-
setzt Arondel ihm mit dem Hinterfufs einen solchen Schlag
gegen die Brust, dafs er gegen die Mauer fallt und krank
foitgetragen werden mufs (V. 1011—1034). Als Boeve in
Pilgerkleidung zu Josiane kommt, die in seiner Abwesen-
heit das Rofs bei sich behalten hat, wiehert es laut schon
bei Nennung von Boeves Namen und läfst ihn dann ruhig
aufsitzen:
Arundel vist son seynur aprocker:
tmit fu orgulus, tie se deyne muer;
tot coye estuty ne voit de iluc aler.
Boves de Hampton s'est tantost monte,
e le destrer demeyne grant feriie,
henit e gratit la tere de son pe,
ben conut son seynur, sachcx de verite,
plus orgulos devint ke home ke fu ne,
tretut galopant comence aler.
(V. 1451—59.)
Die Scene erinnert offenbar lebhaft an die im Schah-
name, wo Chosro auf der Weide von Bihzad erkannt wird.
Vgl. ferner Stimmings Inhaltsangabe S. LXHI, LXXI, LXXVI.
15. Als Chosro mit seiner Mutter Ferengis und Gew
— 240 —
nach Iran geflüchtet ist, setzt ihm erst ein Reiteitriipp.
dann Piran selbst nach, beide aber werden besiegt, und
die Flüchtigen eilen weiter; sie kommen an den reifsenden,
vom Frühjahrsregen hoch angeschwollenen Dschihun. Da
der Fährmann unerhörten Lohn fordert — er verlangt eines
von vieren: Gews Panzer, den Rappen Bihzad, Ferengis
oder Chosro selbst — so beschliefsen sie, es lieber auf
eigene Faust zu wagen. Chosro fleht in inbrünstigem Gebet
Gott um seinen Beistand an, dann setzen sie trotz ihrer
schweren Rüstungen in den Strom hinein und erreichen
auch glücklich das jenseitige Ufer. Als Afrasiab, der sich
selbst zu ihrer Verfolgung aufgemacht hat, mit den Seinen
an den Strom kommt, der Iran und Turan scheidet, da wird
ihm geraten, sich nicht in den „Löwenrachen" hinein zu
wagen, und so kehrt er ärgerlich um:
Sie kehrten mit blutendem Herzen zurück . .
(II, S. 234.)
Nachdem Boeve aus Bradmonds Gefangenschaft ent-
ronnen ist, setzt ihm Bradmond mit 3000 Rittern nach und
holt ihn ein. Boeve tötet im Kampfe Bradmond selbst
sowie dessen Neifen Grander und reitet weiter. Er kommt
an einen reifsenden Strom, der eine halbe Meile breit ist:
venu est a un ewe, dunt il est irre,
demy lue out le eive de lee.
Boefs prent la laiince si ad dedetix taste,
si ele fut parfounde e de graunt ferte;
e le eice fu si redde, sachex de verite,
ke hors de son poyn porta sun espe.
(\\ 1236—41.)
Boeve fleht im Gebet Gott aus tiefster Seele um
seinen Beistand an, dann setzt er hinein in den Strom und
erreicht glücklich das jenseitige Ufer. Als die Sarazenen
an den Flufs kommen und sehen, dafs er bereits liinüber ist,
kehren sie mifsmutig um:
- 241 —
Le Sarxins viretü ke il est oltre passex,
tut dolent sont arere tornex.
(V. 1269.)
16. Als Piraii erfährt, dafs Chosro mit seiner Mutter
und Gew aus Matschin („jenseits des Tschinischen Meeres")
nach Iran entflohen ist, gerät er aufser sich, da er dem
Schah für Chosro verantwortlich ist.
„Nun geschah
Was mir immer gesagt hat der Schah.
Was sag' ich nun dem Afrasiab,
Bei dem ich das Wasser verschüttet hab'?
Wenn er [Chosro] über das Wasser entkam,
Bringt er noch über dies Land viel Gram."
(II, S. 214.)
Er verfolgt die Flüchtlinge und benachrichtigt, selbst
von Gew besiegt, den Afrasiab, der ihnen nun mit Heeres-
macht nacheilt.
In der Harald-Haldansage verspricht Kegno, nachdem
er seine Schützlinge nach Fünen gebracht hat, dem Frotho,
„wenn jene irgend welche Umwälzungen in ihrem Vater-
lande planten, so würde er dem König Meldung machen."
Harald und Haidan begeben sich, herangewachsen, nach
Seeland und sprechen es offen aus, dafs sie nun den Tod
ihres Vaters rächen wollen. Als Eegno dies erfährt, eilt
er, seines Versprechens eingedenk, zu Frotho und benach-
richtigt ihn von dem Anschlag. Frotho „sammelte ein
Heer und beschlofs, dem Aufruhr durch seine Grausamkeit
zuvorzukommen" (Saxo, B. VII, Jantzen S. 340).
Wir haben also hier wie dort den bejahrten Freund
des verfolgten Knaben, bezw. der beiden verfolgten Knaben,
der erst seinen Schützling (seine Schützlinge) in Sicherheit
bringt, dann aber, als der Jüngling entflohen ist (beide
entflohen sind), seinen Herrn vor der ihm von jenem (den
beiden) drohenden Gefahr warnt — offenbar ein durchaus
eigenartiges Motiv.
Zenker, Boeye-Amletbos. 16
— 242 —
Nachdem Chosro mit seiner Mutter und Gew aus Mat-
schin geflüchtet ist, begibt er sich nach Iran an den Hof
seines väterlichen Grofsvaters, des Schahs Kei Ka'us, der
ihn mit offenen Armen aufnimmt und sofort ganz in sein
Herz schliefst:
„Als Ka'us das Antlitz Chosros schaut',
Die Thräne vom Aug' auf die Wang' ihm taut'.
Er kam vom Thron und ihn umschlang,
Drückt' Aug' und Wang' an seine Wang'."
Chosro soll zum Thronfolger ernannt werden, aber Tus,
der Sohn des Schah Naudher, weigert sich, ihn anzuer-
kennen und erklärt, Ka'us' eigener Sohn Feriborz habe
gröfseres Anrecht auf den Thron. Ka'us selbst bestimmt
nun, derjenige von beiden solle sein Nachfolger werden,
dem es gelinge, an der Spitze eines Heeres das Zauber-
schlofs Behmens (Bahmans bei Mohl H, S. 435) einzunehmen,
wo Ahriman jedes Jahr bekriegt werden müsse. Tus und
Feriborz bemühen sich eine Woche lang vergebens, dem
Schlosse, beizukommen, dagegen gelingt es Chosro, den Zauber
zu brechen und das Schlofs zu erobern. Durch diese Tat
erringt er die Bewunderung der ganzen Welt, Ka'us selbst
eilt dem Zurückkehrenden hocherfreut entgegen:
Als Kunde kam dem Ka'us Kei,
Sein glänzender Enkel zieh' herbei,
Eilt' er entgegen mit Freudenschwung,
Des Greisen Herz ward freudenjung.
Der Jüngling wird nun als Erbfolger auf den Thron
gesetzt und alles huldigt ihm:
Die Grol'sen kamen daher vom Reich,
Alle Gewaltigen ehrenreich;
Huldigungsgrufs ihm weihten sie.
Gold und Juwelen streuten sie.
(U, S. 237—254.)
Dieser Episode scheint bei Saxo zu entsprechen Am
leths Aufenthalt am Hofe des Königs von Britannien, dessen
A_ ™I
— 243 —
Liebe und Bewunderung er durch seinen glänzenden Scharf-
sinn gewinnt, in der Ambalessaga Amlodis Aufenthalt bei
Tamerlaus, dem Bruder des Faustinus, im Boeve v. Hamtone
Boeves Aufenthalt bei Hermin, im Havelok der Aufenthalt
des Helden bei Alsi. Den einzelnen nordischen Versionen
sind mit der pei*sischen Sage gemein folgende Motive: 1. Der
Held kommt an den Hof eines Fürsten jenseits des Meeres
und verweilt an demselben längere Zeit (denn nach Mat-
schin, von wo er sich nach Iran begibt, war Chosro übers
Meer gebracht worden); 2. ein greiser oder doch bejahrter
Fürst, der von Bewunderung für einen heldenhaften Jüng-
ling erfüllt wird und eine herzliche Liebe zu ihm fafst (Saxo,
Ambaless., BvH); 3. Sieg des Helden über einen mächti-
gen Feind des Fürsten oder über eine Mehrheit von Feinden
(Ambaless., BvH: Sieg Boeves über Bradmond); 4. Der
Held wird unter allen Rittern für den besten und würdig-
sten (Tus zu Chosro: Nicht würdigeren als dich wüfst' ich,
H, S. 252, V. 1421; Ambs., BvH) oder doch für den stärksten
(Hav.) erklärt; 5. er wird zum Bannerträger ernannt (Tus
übergibt dem Chosro das Panier mit den Worten: „ . . Das
Kawijani- Panier, Die Feldherrnwürd' und des Goldschuhs
Zier, Ich seh' im Heer keinen Mann dazu, Der Würd' des
Namens wert bist du, s. a. a. 0.; BvH V. 528. „Boefs", dist
li roi, ... . . e pus si porterez Ma banere en hataile devaunt
mon baro7inex") ; 6. er wird der Höchste nach dem König
(Thronfolge bei Firdosi, „next to the ki^ig" in der Ambales-
saga, GoUancz S. 143); 7. er hat Neider, die ihn aus der
Gunst des Fürsten zu verdrängen suchen (BvH, Hav.);
8. unmittelbar an die Episode schliefst sich an die Voll-
bringung der Vaten-ache, bezw. die Eröffnung der Feind-
seligkeiten gegen den Usurpator (Chosro beginnt den Krieg
gegen Afrasiab sofort, nachdem er als Thronfolger gekrönt
ist, s. B. n, S. 258; vgl. dazu Saxo, Ambs., Hav.).
Nun bestehen freilich anderseits gerade in dieser
16*
I
— 244 —
Episode recht wesentliche Diskrepanzen zwischen der persi-
schen Sage und den nordischen Versionen: in den letzteren
ist der fremde König weder der Grofsvater des Helden
wie bei Firdosi, noch überhaupt mit ihm verwandt, es ist
von keinem Zauberschlofs die Rede, das eingenommen
werden mufs, sondern nur von einem gewöhnlichen Feld-
zuge, sodann heiratet der Held in allen nordischen
Versionen die Tochter des Königs, was in der persischen
Version natürlich nicht möglich ist, u. a. m. Indessen
scheinen mir diese Verschiedenheiten im einzelnen gegen-
über dem identischen Gesamtgepräge der Episode nicht
eben sehr ins Gewicht zu fallen. Wie wir später sehen
werden, kann die nordische Sage keinesfalls aus dem Epos
Firdosis geflossen sein, sondern mufs vielmehr auf eine
mehrfach abweichende, vermutlich ältere Fassung der Sage
zurückgehen. Nun wurde oben der Nachweis geliefert, dafs
die in Rede stehende Episode der nordischen Sage ihren
Ursprung herleiten mufs aus der römischen Servius-Tullius-
sage, wie sie bei Livius und besonders bei Dionys v. Hali-
karnass überliefert ist. Hier erscheint Servius Tullius,
der dem Hamlet-Chosro entspricht, als der Adoptivsohn
und der Schwiegersohn des greisen Königs Tarquinius
Priscus. Nehmen wir an, es liege eben diese römische
Sage dem persischen Epos zu Grunde — und sie mufs
ihm zu Grunde liegen, wenn wir für die fragliche Episode
der nordischen Sage nicht jüngeren literarischen Einflufs
der Sage annehmen, und wenn wir die nordische Sage als
Ganzes aus der Chosro-Sage ableiten wollen — , dann fällt
es nicht schwer, die Abweichung der nordischen Sage von
der persischen bezüglich des Verwandtschaftsverhältnisses
des Helden zu dem Könige, an dessen Hofe er Aveilt, zu
erklären. Denn die Vorstellung: „greiser Adoptivvater und
Adoptivsohn" konnte olfenbar leicht in die Vorstellung:
„Grofsvater und Enkel'' übergehen; der Adoptivvater
i
— 245 —
wurde zum leiblichen Vorfahren, das Attribut des hohen
Alters dieses Vorfahren erzeugte die Vorstellung, dafs er
der Grofsvater des Helden gewesen sei. Die gemein-
same Quelle der nordischen Sage und der persischen des
Firdosi stand der römischen Version noch nahe: sie ent-
hielt die Momente, bezüglich deren die nordische Sage mit
der römischen übereinstimmt; die nordische und die persi-
sche Sage haben dann verschieden geändert. Eine Folge
der in der letzteren vollzogenen Änderung mufste es sein,
dafs in ihr die Heirat des Helden mit der Tochter des
Fürsten, die in der orientalischen Quelle der nordischen
Sage noch vorhanden gewesen sein mufs, in Wegfall kam.
Die Ersetzung des siegreichen Krieges der nordischen Ver-
sion, den auch die römische Version hat, durch die Bezwin-
gung eines Zauberschlofses in der persischen Sage erklärt
sich leicht durch die grofse Rolle, die überhaupt das Zauber-
wesen in der orientalischen Poesie spielt.
18. Nachdem Chosro von Ka'us zum Thronfolger er-
nannt ist, durchreist er mit seinen Rittern ganz Iran, indem
er von Stadt zu Stadt zieht, überall seinen Thron aufrichtet.
Feste feiert und mit vollen Händen Schätze spendet: „B
s^arretait dans chaque ville et y dressait son tröne, comme
il convient ä un roi que favorise la fortune. II faisait
ürer de son tresor des moticeaux d^argent, et son or e^n-
bellissait le monde. Ensuite il se rendait dans ime autre
ville, toitjours huvant du vin, assis sur son tröne et ceint
de sa couronne . , ." (Mohl II, S. 450; bei Rückert ist die
Stelle ausgelassen).
Ebenso durchzieht in der Ambalessaga Tamerlaus
(= Ka'us), nachdem er Amlodi seine Tochter zur Frau
gegeben, mit diesem vier Monate lang das Land, indem er
die Häuptlinge besucht und mit ihnen festliche Gelage
veranstaltet: „Bisweilen pflegte König Tamerlaus seine
Häuptlinge aufzusuchen und mit ihnen Feste zu feiern; er
— 246 —
verwendete etwa vier Monate auf diese Gelage" (Gollancz
S. 161); so tut er nun auch mit Amlocti.
Im Hinblick auf die grofse Zahl und den zum Teil
sehr speziellen Charakter der bisher aufgezählten, der
persischen und der nordischen Sage gemeinsamen Züge
darf nun vielleicht noch ein weiteres durchaus eigenartiges
Motiv der nordischen Sage, welches sich in dreien — oder,
wenn wir das Brjam- Märchen = Ambalessaga setzen, in
zweien — ihrer Versionen findet und in der Ökonomie der
Sage hier eine grofse Rolle spielt, das Motiv von den
hölzernen Stiften, die Hamlet schnitzt, zu einem
Motive der persischen Sage in Beziehung gesetzt werden.
19. Saxo erzählt von dem sich blödsinnig gebärdenden
Amleth: „Häufig safs er am Herde, wühlte mit den Händen
in der Asche, schnitzte hölzerne Pflöcke und härtete sie
im Feuer. An den Enden brachte er dann eine Art
Widerhaken an, um sie für die Befestigung um so halt-
barer zu machen. Auf die Frage, was er treibe, antwor-
tete er immer, er verfertige scharfe Pfeile zur Rache
seines Vaters" (Jantzen S. 142). Mit diesen Haken be-
festigt er dann bekanntlich später das Netz am Boden,
das ihm zur Vollbringung der Rache dient.
Ähnlich die Ambalessaga: „Seine einzige Beschäftigung
war das Anfertigen (langer y) hölzerner Stifte, deren Spitzen
er ins Feuer (und Wasser ß) hielt; niemand konnte sagen,
wozu diese Stifte bestimmt waren (Gollancz S. 75)." Als
ihn später die Hirten bei dieser Arbeit treffen und ihn
fragen, wozu er die Stifte verfertige, antwortet er: „Zur
Vaterrache und nicht zur Vaterrache (zur Vaterrache,
dann zu rächen und nicht zu rächen 7)" (Gollancz S. 83,
Jiriczek S. 79). Die Stifte dienen ihm später als Nägel,
um die Kleider der trunkenen Gäste an den Bänken zu
befestigen. Ebenso das Brjammärchen.
Nun wird von dem bei den Hirten im Gebirge weilenden
— 247 —
Kei Chosro erzählt, er habe Pfeile ohne Eisenspitze
angefertigt:
Als siebenjährig er ward, besprach
Sich Tugend mit seinem Adel gemach.
Aus Holz und Därmen macht' er Bogen
Und dann, die Senne straff gezogen,
Macht' ohne Gefieder und Eisenspitz'
Auch Pfeil' er und ward des Wildes Schütz"
(II, S. 152.)
Dazu ist zu nehmen die erste der Antworten, die er
dem ihn auf die Probe stellenden Afrasiab gibt:
„Die Jagd ist steil!
Ich habe nicht Bogen, Senn' und Pfeil",
womit er, wie oben schon bemerkt wurde, sagen will, der-
jenige, an dem er die Vaterrache zu vollbringen habe, sei
„hochgestellt" und ihm vorläufig, so lange er nicht bessere,
weittragende Waffen, Pfeile, besitze, unerreichbar: er
vergleicht sich mit einem Jäger, der das Wild vor sich
auf steilem Felsen erblickt und ihm nicht beikommen
kann, da es ihm an Bogen und Pfeilen fehlt.
Ich frage, haben wir hier und in den nordischen Ver-
sionen nicht die identischen Züge: „Anfertigung von Pfeilen
ohne Eisenspitze (deren Spitzen nur im Feuer gehärtet
werden)" und „Selbstvergleich des einem Mächtigen nach
dem Leben trachtenden Helden mit einem Jäger, der des
Bogens und der Pfeile bedarf"? Denn direkt als Pfeile
bezeichnet ja Amleth bei Saxo seine Stifte.
Liegt da die Vermutung nicht sehr nahe, das Saxosche
Motiv in seiner Totalität sei mit jenen beiden Zügen ur-
sprünglich identisch, sei entweder direkt aus ihnen oder
doch aus der gleichen Quelle entsprungen? Die Antwort
Chosros an Afrasiab gibt ja geradezu einen Kom-
mentar zu der Hamlets bei Saxo, läfst uns in letz-
terer eine Pointe erkennen, die wir aus Hamlets Worten
nicht herauslesen würden, und die wohl noch niemand aus
— 248 —
ihnen herausgelesen hat: als Pfeile bezeiclinet Amleth
seine Stifte, weil er sich als Jäger fühlt, und
weil das Wild, dem er nachstellt, der König, hoch
über ihm „auf steiler Höhe" steht, ihm nur mit
weithintragenden Geschossen erreichbar ist! Und
durch diese Erkenntnis gewinnt nun mit einem
Schlage auch das Netz, zu dessen Befestigung
Hamlet später seine Stifte verwendet, eine tiefere
Bedeutung: es ist das Netz des Jägers, in dem
dieser das Wild einfängt, um es dann zu tötenl
Haben wir es also wirklich ursprünglich mit einem
identischen Motiv zu tun, so bestehen a priori die beiden
Möglichkeiten: die ursprüngliche Form des Motives ist die
der persischen Version und die der nordischen Sage ist
erst durch eine geistreiche Umbildung aus jener ent-
standen; oder aber: die nordische Fassung des Motives
war in der Quelle der erhaltenen persischen Version der
Sage gleichfalls vorhanden,- die Form, in der es uns in letz-
terer jetzt entgegentritt, beruht auf späterer Entstellung,
der ursprüngliche Sachverhalt ist vergessen worden. Von
diesen beiden Möglichkeiten ist die zweite sofort auszu-
schliefsen; denn in der persischen Version vollbringt Chosro
die Vaterrache, indem er Afrasiab im Kriege besiegt, und
diese Version ist, wie wir sehen werden, die ältere, da sie
zur römischen Sage stimmt; in ihr ist aber oifenbar für
die List mit dem durch Stifte befestigten Netze oder für
die andere List, welche die Ambalessaga hat, kein Raum.
Folglich mufs, wenn zwischen den beiden Versionen über-
haupt ein Zusammenhang besteht, was nach dem Gesagten
gewifs als wahrscheinlich bezeichnet werden darf, die
persische Version die Quelle der nordischen gewesen sein,
was ja auch in xlnbetracht des chronologischen Verhält-
nisses der beiden von vornherein das näherliegende ist.
Nun scheint freilich auf den ersten Blick zwischen
— 249 —
dem einfachen Motiv der persischen Version: Anfertigung
von Pfeilen ausschliefslich aus Holz, ohne Eisenspitze, zum
Behuf der Jagd, und der sinnreichen Darstellung der Hamlet-
sage eine weite Kluft zu gähnen, beide scheinen zunächst
immerhin etwas toto genere Verschiedenes. Aber ich glaube,
die Kluft läfst sich überbrücken, einmal mit Hülfe der
eben erwähnten symbolischen Antwort, welche Chosro dem
Afrasiab erteilt, und dann durch die Annahme, es liege
der Darstellung von Afrasiabs Gefangennahme im persischen
Epos eine Version zu Grunde, welche von der erhaltenen
in einem wesentlichen Punkte abwich, und es sei in
jener das Netz, nur in anderer Funktion als bei
Saxo, tatsächlich bereits vorhanden gewesen.
Merkwürdigerweise verwandelt sich nämlich Afrasiab gegen
Schlufs der Erzählung, wie wir schon sahen, plötzlich
vorübergehend in eine Art Wasserdämon oder Wasser-
drachen. Seine Gefangennahme, deren in der obigen sum-
mar: sehen Analyse der Sage nur kurz Erwähnung geschah,
wird im einzelnen folgendermafsen geschildert:
Der Einsiedler Hum hat sich Afrasiabs bemächtigt
und ihn mit seinem, ihm als Gürtel dienenden Strick ge-
knebelt. Aus Mitleid aber lockert er ihm die Fessel
wieder:
Als jener sah, was der fromme Mann,
Gerührt von der Klage des Schahs, begann,
Zuckt' er und rifs sich los vom Band,
Sprang hinein ins Meer und verschwand.
So war's, als Guderz-Keschwädegan
Mit Gew und den Edlen kam heran,
Reitend mit Lust dahin zum Schah;
Als er von weitem aufs Meer hinsah,
Kam ihm zu Augen Hum mit der Stang',
Der lief bekümmert das Ufer entlang.
Die Farbe des Wassers getrübt sah er,
Das Antlitz des Beters betrübt sah er.
Er sprach im Herzen: „Der heilige Mann
Fischt wohl am Ufer dann und wann.
l
— 250 —
Ein Hai entrifs ihm das Netz vielleicht,
Darob ist er vor Schrecken erbleicht."
Er stellt nun Hum zur Rede, und dieser berichtet ihm
über das Geschehene.- Guderz holt, nachdem er im Feuer-
tempel gebetet hat, die Schahs Ka'us und Chosro herbei,
denen Hum gleichfalls den Vorgang erzählt; er rät, Afra-
siabs Bruder Gersiwas herbeizuschalfen, dessen Geschrei
jenen hervorlocken werde:
Sie holten Gersiwas, den Unheilsmann,
Durch den die Weltzerstörung begann;
Seinen Hals in der Rindshaut Haft
Brachten sie, dafs ihm verging die Kraft.
Ihm platzte die Haut und er rief Pardon,
Um Hilfe schrie er zu Gottes Thron.
Als seine Stimm' hört' Afrasiab,
Taucht er alsbald aus dem Wassergrab,
Er ruderte mit Fufs und Hand
Soweit, bis auf Grund zu stehn er fand.
Gersiwas und Afrasiab klagen sich nun gegenseitig
ihr Leid.
Die beiden Schah' überlegten sehr,
Der Gottesmann sann hin und her;
Da kam des Wegs von der Insel ein Mann,
Sah jenen von fern ein wenig, dann
Entrollt' er der Fangschnur ringelnden Schwung,
Krümmte sich wie ein Löwe zum Sprung,
Warf den gewundnen Kejanistrick,
Und im Band war des Herrschers Genick,
Stracks schleudert' er ihn aus dem Meer ans Land,
Dafs ihm die Hoifnung des Lebens schwand.
Er warf ihn dem Schah hin und ging davon;
Es war, als trüg ihn der Wind davon.
Der Weltschah kam mit dem blinkenden Erz,
Voll Rache das Haupt, voll Sturm das Herz.
So sprach der Wicht Afrasiab:
„Das ist's, wovon geti'äumt ich hab'!
Lang über mich ging der Sternechor,
Jetzt hebt er den Geheimnisflor !"
Chosro tötet dann durch einen Schwerthieb erst Afra-
siab, dann Gersiwas (in, S. 217—223).
— 251 —
Wenn iiiin Giiderz und Gew hier den Hiim mit einer
Stange am Ufer umherlaufen und das Wasser aufrühren
sehen und meinen, das Netz sei ihm entrissen worden, er
suche es mit der Stange wieder, so ist das so zu ver-
stehen, dafs sie irrtümlich diese Meinung hegen; in
A\'irklichkeit fischt Hum mit dem an der Stange be-
festigten Netee, welches sie nur nicht sehen. Darüber
läfst. wie mir scheint, keinen Zweifel die Übersetzung von
Mohl, Bd. IV, S. 160, welche hier deutlicher ist als die
Rücke rtsche: .;// [sc. GuderzJ aper^ut Houm qui tenait
.<on lacet et courait sur le hord de Veau comme un komme
lere, H Vit aussi que Veau e'tait trouhle; il observa ce
serviteur de Dieu qui avait les yeux e'gares, et dit lui-
meme: ,,Est-ce que ce saint komme peckerait dans le lac
deKhandjest? Un Crocodile aurait-il saisi Vhame^on'^) destine
a un poisson, et Vhomme serait-il confondu ä cet aspect?"
Hum fischt also mit einem Netze nach Afrasiab; als
letzterer dann emporgetaucht ist, holt ihn ein göttlicher
Helfer mit der Fangschnur ans Ufer.
Ist nun die Vermutung wohl zu kühn, es habe auch
hier ursprünglich die Stelle der Fangschnur ein Netz
vertreten, der Gottesmann habe Afrasiab mit einem
Netze aus dem Meere gefischt? Sollte dem so sein,
so würde sich die Entstehung der Saxoschen Version un-
schwer erklären lassen aus einer Kombination der drei
Motive der persischen Sage: aus Holz geschnitzte Pfeile
für Jagdzwecke — Vergleich des auf Vaterrache sinnenden
*) Rückerthat ^r hame^onhiev „Netz". Welches die zutreffendere
Cbersetzung ist, vermag ich nicht zu entscheiden; sollte es die von
Mohl sein, so könnte auch hier wohl nur so verstanden werden, dafs
sie fälschlich glauben, Hum habe mit der Angel gefischt. Denn
da Afra.siab entfliehen will, durfte Hum doch nur mit dem Netze,
nicht aber mit der Angelschnur erwarten, seiner wieder habhaft zu
werden.
9.^0
Helden mit einem Jager, dem die Pfeile fehlen — Netz
als Werkzeug der Rache. Nach der notwendigen Unter-
drückung des mythischen Motives von der Verwandlung
des verfolgten Fürsten in einen Wasserdrachen war das
Netz in seiner ursprünglichen Funktion als Fischernetz
offenbar nicht mehr zu verwenden. Es wurde zum Netz
des Jägers, und zwar zum sog. Schl-agnetz, das
plötzlich auf das Wild herabgelassen wird — eine
Umdeutung, die umso näher liegen mufste, da der Held
ja in seiner Jugend in der Tat als Jäger lebt und sich
auch in übertragenem Sinne, mit Bezug auf die geplante
Yaterrache, als Jäger bezeichnet. Dafs Hamlets Netz, das
von der Decke auf die berauschten Gäste herabfällt und
von ihm mit seinen „Pfeilen" am Boden befestigt wird,
als das Schlagnetz des Jägers zu denken ist, scheint
mir völlig klar. Die das Netz betreffende Stelle bei Saxo
lautet: „Er liefs den von seiner Mutter gefertigten Vor-
hang (cortinam), der auch die inneren Wände der Halle
bedeckte, herabfallen, nachdem er die Haltebänder durch-
schnitten. Er warf ihn über die Schnarchenden und ver-
schlang mit Hilfe seiner Hakenpflöcke alles in einem so
künstlichen Knotengewirr, dafs keiner der Darunterliegenden
einen Erfolg mit seinen Aufstehversuchen erringen konnte,
wenn er sich auch noch so kräftig abmühte" (Jantzen S. 153).
Das Schlagnetz definirt Hartig^) als „ein Netz, das
in einem mit Moos oder kleinen Ästchen bedeckten Gräb-
chen verborgen liegt, und womit vermittelst einer Zug-
leine die daneben streifenden Vögel rasch bedeckt werden
können." Ein solches Netz ruht auf hölzernen Gabeln,
Ferkeln, von denen es leicht herabgleitet. Ich meine nun,
es mufste nahe liegen, jene ganz aus Holz geschnitzten
^) Lexikon für Jäger tmd Jagdfreunde -, Berlin, 1852 s. v. Scilla w-
gain.
— 253 --
Pfeile in übertragenem Sinne zu fassen als die hölzer-
nen Forkelu, auf denen die Schlagnetze befestigt
werden und die dem Helden so als Werkzeug der
Vaterrache dienen, gleiclisam als wären es Pfeile,
mit denen das Wild erlegt wird. Gewifs stellt die
Befestigung des Netzes an der Decke mit Haltebändern,
die einzeln durchschnitten werden müssen, eine jüngere
Version dar gegenüber der ursprünglichen Befestigung mit
an der Decke angebrachten Forkeln, von denen das Netz
durch Anziehen einer Zugleine herabglitt.
Damit war also dann die Version der Saxoschen
Hamletsage gegeben: Der Held schnitzt hölzerne Stifte,
die er, indem er sich als Jäger fühlt, „Pfeile für
die Vaterrache" nennt, und mit denen er später
das Jagdnetz befestigt, in dessen Maschen er seine
Feinde fängt. Der alte Zug, wonach der Schah bezw. der
König selbst vom Helden eigenhändig durch das Schwert ge-
tötet wurde, blieb daneben bestehen. Somit bedürfen wir, um
die nordische Version der Sage ungezwungen aus der persi-
schen zu erklären, aufser den Elementen, welche uns diese
direkt an die Hand gibt, mir noch die Hypothese, es sei in ihr
an Stelle der Fangschnur, mit der der Gottesmann den
Schah aus dem Meere herausfischt, ursprünglich ein Netz
vorhanden gewesen, und die nordische Sage gehe auf diese
ursprüngliche Version zurück; da der Büfser Hum in der
Tat vorher mit einem Netze nach Afrasiab fischt, so liegt
jene Hypothese gewifs nahe genug. Sollte sie aber auch nicht
zutreffen, so konnte doch oftenbar, da es sich um den Fang
eines Wassertieres handelt, ein Bearbeiter leicht dazu
kommen, aus der Fangschnur ein Netz zu machen, das
dann mit weiterer Verschiebung in der nordischen Sage
aus dem Fischnetz zum Schlagnetz des Vogelstellers wurde.
Sind also die vorausgehenden Vermutungen zutreffend,
so ist für das in Rede stehende Motiv der nordischen
— 254 —
Sage die Chosro-Sage die direkte Quelle gewesen. Aber
freilich, wir mulsten mit Hypothesen operieren, und es
kann deshalb die Identität dieses Motivs mit den heran-
gezogenen Motiven des Schahname nur als Vermutung
ausgesprochen werden.
Das wären also diejenigen Motive und Episoden der
persischen Sage, welche der römischen Brutussage fehlen,
dagegen in der einen oder anderen Version der nordi-
schen Hamletsage ihre Entsprechung finden. Sie drängen
in ihrer Gesamtheit, ich darf wohl sagen, mit
zwingender Gewalt, zu dem Schlüsse, dafs die
Hamletsage direkt aus der Chosrosage entsprungen
ist, eine Umbildung der letzteren darstellt.
Die nachgewiesenen Übereinstimmungen sind zum Teil
sehr spezielle und können unmöglich auf Zufall beruhen;
bisweilen glaubt man beinahe eine kürzende Übersetzung
der entsprechenden Episode des persischen Epos vor sich
zu haben: ich verweise speciell auf Nr. 11 (Ambalessage)
und Nr. 15 (BvH). Auch der gröfste Skeptiker und
der abgesagteste Feind gewagter Konstruktionen wird
sich, denke ich, der Beweiskraft dieser vielfältigen, zum
Teil geradezu frappanten Übereinstimmungen nicht ver-
schliefsen können. Nun sind die in Rede stehenden Mo-
tive ohne Ausnahme solche, welche der römischen Sage,
wenigstens soweit sie uns überliefert ist, fehlen, und ge-
setzt auch, die römische „Volkssage'' von Brutus sei
reicher ausgebildet gewesen als aus der vorhandenen lite-
rarischen Überlieferung zu entnehmen ist — eine Mög-
lichkeit, auf die schon Jiriczek hingewiesen hat, wenn er
meint, „das Rätselspiel in der Versuchung", das der römi-
schen Version fehlt, könne in der römischen Volkssage
vielleicht vorhanden gewesen sein, „denn die Berichte der
Historiker zeigten doch nur die Verschmelzung der Sage
— 255 —
mit historischen öder doch für historisch gehaltenen und
so behandelten Erinnerungen an politische Ereignisse; die
Volkssage selbst könne wohl noch ähnlicher gewesen
sein", — gesetzt, sage ich, dem sei so, so ist es doch
auf den ersten Blick klar, dafs die Mehrzahl der ange-
liihrten Elemente und Episoden in der römischen Sage un-
möglich vorhanden gewesen sein können. So kann die
Gestalt des zugleich dem Helden und dem König treu er-
gebenen Grofsen, des Piran der persischen Sage, der römi-
schen Sage nicht bekannt gewesen sein, denn wäre es der
Fall gewesen, so könnte sie nicht in der gesamten lite-
rarischen Überlieferung, trotz des fragmentarischen Cha-
rakters der letzteren, vollständig geschwunden sein. Folg-
lich müssen sämtliche angeführten Motive, die auf jenen
getreuen Eckart Bezug haben, der Brutussage fremd ge-
wesen sein. Ebensowenig kann selbstverständlich die Epi-
sode am Dschihun, die im Boeve v. Hamtone wiederkehrt
— beinahe wörtlich zum Teil! — in der römischen Sage
existiert haben, da hier ja von einer Gefangenschaft des
Brutus und einer Flucht desselben nicht die Rede ist und
auch nicht die Rede gewesen sein kann. Da nun eine
Ableitung der persischen Sage aus der viel später über-
lieferten nordischen natürlich von vornherein ausgeschlossen
ist, so mufs notwendig umgekehrt die letztere auf die
persische Sage zurückgehen. Somit bleiben für das Filiations-
verhältnis der drei Versionen nur noch zwei Möglichkeiten:
entweder sind die römische und die nordische Sage unab-
hängig von einander aus der orientalischen hervorgegangen,
oder aber, die römische Version hat die orientalische und
diese wieder die nordische ins Leben gerufen. Gegen die
eretere Möglichkeit spricht sehr entschieden das chrono-
logische Verhältnis der Überlieferung der beiden Sagen:
Das Schahname stammt, wie wir sahen, aus der Wende
des 10. Jahrhunderts n. Chr., seine mutmafsliche Haupt-
— 25G —
quelle entstand auf Grund älterer Überlieferung gegen
Glitte des 6. Jahrhunderts; dagegen knüpft die Brutussage
an an Ereignisse aus dem Ende des 6. vorchristlichen
Jahrhunderts, die Vertreibung der Tarquinier, dürfte also
schwerlich sehr viel später, wenigstens nicht mehrere
Jahrhunderte später, ausgebildet worden sein, und war in
jedem Falle schon vorhanden in den Annalen desEnnius^),
der 239—168 v. Chr. lebte. Unter diesen Umständen dürfte
es denn doch woM mehr als gewagt sein, die Existenz
der persischen Sage vor die der römischen hinaufzurücken
und sie ins 5. oder 4., spätestens aber ins 3. vorchristliche
Jahrhundert zurückzudatieren. Vielmehr spricht gewils
alle Wahrscheinlichkeit dafür, dafs das Verhältnis das
umgekehrte ist und die persische Sage vielmehr einen
Eeflex der viel älter überlieferten römischen darstellt,
wie ja auch anderweitige antike Elemente im Schahname
vorhanden sind, so die ganze Sage von Alexander dem
Grofsen, der als Iskander darin auftritt. Dann ist also
die Filiation der Sage diese gewesen: römische — persi-
sche — nordische Version. Zu der Annahme nun, dafs
die persische Version älter ist als die nordische und der
römischen zeitlich näher steht als jene, stimmt es sehr
gut, dafs die persische Sage in zwei höchst be-
merkenswerten Punkten mit der römischen Sage
gegenüber der nordischen zusammentrifft:
In der nordischen Sage hat der Usurpator sich nur
eines Mordes schuldig gemacht, er hat den Vater des
Helden getötet, der bei Saxo, in der Hrolfssaga und in
der Harald- Haldansage sein eigener Bruder ist.
Dagegen lädt Tarquinius in der römischen Sage drei-
fache Blutschuld auf sich: er tötet erst seinen Bruder Ar-
runs Tarquinius, um dessen Gattin, die TuUia, heiraten zu
1) Ribbeck, Rom. Trag. S. 586.
- 257 —
köunen, dann den greisen König Servius Tullius und end-
licli seinen Schwager, den Vater des Brutus.
Ebenso macht sich in der persischen Version
Afrasiab eines dreifachen Mordes schuldig: er tötet
den kriegsgefangen en Schah Naudher (I, S. 267), dann seinen
Bruder Agrirath, im Jähzorn darüber, dafs dieser Ge-
fangene frei gelassen hat, die er ihm befahl zu töten
I, S. 273), und endlich seinen Schwiegersohn Sijawusch,
<len Vater des Kei Chosro. Alle drei Verbrechen hält ihm
liäter Chosro vor, ehe er ihn mit dem Schwerte eigen-
händig tötet:
Dir nenn' ich zuerst deines Bruders Blut,
Der nie gegen Edle trug feindlichen Mut;
Dann Naudher, den hohen Schehriar,
Der uns ein Vermächtnis von Iredsch war,
Des Nacken Du schlugst mit scharfem Erz
Und stürztest die Welt in Todesschmerz.
Drittens Sijawusch, welchem gleich
Kein Ritter ist übrig geblieben dem Reich.
(III, S. 222.)
Au früherer Stelle wird ihm neben der Ermordung
Sijaw^uschs die des Bruders als seine Hauptschuld vorge-
worfen :
Was Böses ist, das er nicht tat,
Der an Sijawusch übte Verrat?
Der Tochter gab er Leid und Schmerz,
Und dem Bruder durchstach er das Herz.
(n, S. 265 f.)
Ob die Ermordung des Naudher wirklich der des
Servius Tullius gleichzusetzen ist, will ich dahingestellt
-••in lassen. Dagegen scheint mir die ursprüngliche Iden-
iität der beiden anderen Untaten evident zu sein: der
Brudermord ist geblieben, und in dem anderen Falle ist
nur der Schwager ersetzt worden durch den Schwieger-
sohn, der Mann der Schwester durch den Mann der Tochter
— eine Verwechselung, die offenbar in mündlicher Tradition
leicht eintreten konnte.
Zenker, Boeve-Ainlethas. 17
t
— 258 —
Die abweichende nordische Version erklärt sich sehr
einfach dadurch, dafs der Bruder des Tyrannen und der
Schwiegersohn, der Vater des Helden, Agrirath und Sija-
wusch, identifiziert wurden: der Tyrann tötet den Vater
des Helden, der sein eigener Bruder ist. Diese Identi-
fikation mufste deshalb leicht eintreten können, weil Agri-
rath in der Erzählung nur eine sehr untergeordnete Rolle
spielt: Sijawusch attrahierte den Agrirath. Wenn im BvH,
in der Ambalessage, im Brjammärchen und im Havelok
das Verwandtschaftsmotiv fehlt, so erklärt sich das da-
durch, dafs entweder die gemeinsame Quelle dieser Ver-
sionen, oder, falls eine solche nicht annehmbar scheint, die
einzelnen Versionen unabhängig von einander das Motiv
vergessen haben.
2. Nur die persische Version, nicht aber die nordische,
erzählt, wie die römische, von einerFlucht des Tyrannen
nach verlorener Schlacht.
Nach der römischen Sage besiegt Brutus den Tar-
quinius an der Spitze des römischen Heeres in einer Schlacht,
Brutus und Arruns Tarquinius töten sich gegenseitig im
Zweikampfe. Tarquinius flüchtet nach Cumae zum Tyrannen
Aristodemus, bei dem er einige Jahre später stirbt. Der
zweite Sohn des Tarquinius, Lucius Tarquinius, wird zu
Gabii von alten Feinden ermordet, vergi. Livius II, 6; 111,21.
In der persischen Sage flüchtet, wie dargelegt, Afra-
siab nach verlorener Schlacht nach Gang Diz, vergl. wegen
des näheren oben S. 2 16 f.
In den beiden einzigen Fassungen der nordischen
Sage hingegen, welche überhaupt von einem Kriege des
Helden gegen den Usurpator wissen, im BvH und im Have-
lok, ist von einer Flucht des Königs keine Rede: im
BvH wird er in der Schlacht gefangen genommen und in
eine Grube mit flüssigem Blei geworfen, im Havelok wird
— 259 —
er im Zweikampf durch Havelok eigenhäiuiig mit der Streit-
axt getötet, vergl. Lai d'Hav. V. 962.
Von geringerer Bedeutung sind folgende weiteren
beiden Motive:
3. In der entscheidenden Feldschlacht messen sich,
wie schon oben erwähnt, Brutus und Arruns Tarquinius,
der Sohn des Königs, der Anführer des Heeres, mitein-
ander im Zweikampf und töten sich gegenseitig, Livius II, 6.
Im persischen ICpos stellt sich vor der Erstürmung
von Gang Diz, s. o., als beide Heere sich schlachtbereit
gegenüber stehen, Chosro dem Puschang, einem Sohn Afra-
siabs, zum Zweikampf und tötet ihn (III, S. 176)^).
4. Nach der römischen Sage, wie sie Zonaras uns
überliefert, treten in den portenta, w^elche dem Tarquinius
zu Teil werden, als unheilverkündende Tiere Geier und
eine Schlange auf-). Eben diese Tiere spielen eine Rolle
in dem Traum des Afrasiab, s. oben S. 234, während in
den entsprechenden beiden prophetischen Träumen des Fausti-
nus von ihnen keine Rede ist.
Andererseits scheint nun aber der Annahme einer
Filiation römische — persische — nordische Sage entgegen-
zustehen die Tatsache, dafs in verschiedenen Zügen die
nordische Sage vielmehr der römischen näher steht. Jiriczek
hat diese den beiden Sagen gemeinsamen Züge nicht im ein-
zelnen hervorgehoben, er bemerkt S. 356 nur: „die persi-
sche Fassung steht isoliert mit dem Zuge, dafs der Rächer
ein nachgeborenes Kind ist, ebenso in vielen anderen,"
und später bemerkt er die Übereinstimmung beider be-
^) Die betreffende Episode ist bei Rückert nicht übersetzt, sie
wird nur anmerkungsweise erwähnt.
*) Die Schlange allein erwähnen Livius I, 56 und Ovid. Fast. II, 711 :
Ecce nefas visu, rnediis altaribiis anguis
Exit, et extinctis ignibus exta rapit.
Consulitur Phoebus.
17*
— 260 —
züglich des Motives „Gold im Stabe" und „Reise mit zwei
Begleitern".
Die Motive, soweit sie einige Bedeutung haben, sind,
die eben genannten einbegriffen, die folgenden:
1. Brutus ist beim Tode des Vaters ein Knabe, der
schon die Fähigkeit selbständigen Handelns besitzt, ebenso
Amleth, Boeve, Ambales; Havelok, Helgi und Hroar, Ha-
rald und Haidan sind jedenfalls beim Tode des Vaters
bereits geboren. Dagegen ist Chosro ein nachgeborenes
Kind: Ferengis ist, als Sijawusch sich von ihr trennt, im
fünften Monate schwanger, s. Rückert B. II, S. 134.
2. Brutus wächst im Hause des Tarquinius mit dessen
Söhnen auf: ebenso Amleth am Hofe Fengos, Ambales an
dem des Faustinus, Boeve anfangs an dem des Doon,
Havelok wenigstens in der Nähe des Hofes, auf einem am
Meere gelegenen Schlosse; Harald und Haidan wachsen,
wie es scheint, nicht am Hofe selbst auf; doch ist hier
die Sache nicht ganz klar, es mag sein, dafs der hohle
Eichbaum, in dem sie als angebliche Hunde versteckt ge-
halten werden, sich in nächster Nähe der Königshalle be-
fand. Indessen weicht die andere Version dieser Sage
jedenfalls ab, Helgi und Hroar werden sofort nach der
Vifilsey gebracht.
Kei Chosro weilt von seiner Geburt bis nach seinem
zehnten Jahre bei den Hirten im Gebirge (II, S. 153),
dann bei seiner Mutter Ferengis in Sijawuschgird (ib. S. 157),
dann wird er übers tschinische Meer nach Matschin ge-
bracht (ib. S. 193, 206); von da entflieht er mit seiner
Mutter und dem getreuen Gew durch die Wüste nach
Iran an den Hof des Ka'us (ib. S. 213). Von einem Auf-
enthalt am Hofe des Afrasiab oder in unmittelbarer Nähe
desselben ist nirgends die Rede.
3. Brutus geberdet sich als wahnsinnig von dem
Tode seines Vaters an bis zur Vertreibung des Tarquinius;
— 261 —
Amleth bei Saxo bis zur Reise übers Meer nach Bri-
tannien und, wie es scheint auch nach der Reise wieder,
bei dem Feste; Amlodi dauernd, so lange er am Hofe des
Königs weilt, bis zur Vollbringung der Rache, während
seiner Reise allerdings nicht, ebenso Brjam dauernd; da-
gegen scheinen Harald und Haidan nur vorübergehend diese
Maske anzunehmen, s. Jantzen S. 341; in der Hrolfssage
und ebenso im Havelok wird das Motiv nur gestreift,
dem BvH ist es überhaupt fremd.
Dagegen scheint sich Chosro nun allein gelegentlich
seiner Vorführung vor Afrasiab blödsinnig zu stellen, vergl.
oben S. 212if.
4. Das Motiv: „Reise des Helden übers Meer im Auf-
trage des Königs mit zwei dem letzteren nahe stehenden
Begleitern" findet sich deutlich allein in der römischen
Sage, bei Saxo und in der Ambalessage, doch glaubten
wir auch im BvH in den beiden Verrätern, welche hinge-
richtet werden, eine unklare Erinnerung an das Motiv zu
erkennen.
5. Das Motiv „Gold im Stabe, symbolisch gedeutet"
begegnet allein in der römischen Sage und bei Saxo, da-
gegen ist das Motiv „Gold als Opfer einer Seherin dar-
gebracht", welches die römische Sage in der eben erwähnten
Form hat, in der Hrolfssage und in der Haraldsage vor-
handen, aber Saxo fremd. Von beiden Motiven ist in der
persischen Sage keine Spur.
Diese Diskrepanzen beweisen soviel mit Ge-
wifsheit, dafs Firdosis Epos selbst, wenigstens
in der Form, in der es bis jetzt veröffentlicht ist,
nicht die Quelle der nordischen Version gewesen
sein kann. Denn offenbar können nicht alle jene Motive
der römischen Sage sich in der nordischen durch Zufall
wieder eingestellt haben.
Dagegen lassen die Differenzen sich sehr wohl ver-
— 262 —
einigen mit der Annahme, es liege der nordischen
Sage eine ältere Fassung des persischen Epos zu
Grunde, welche sich in der Mehrzahl der ange-
führten Punkte von der überlieferten unterschied.
Dafs von den Sagen, welche Firdosi in seinem Epos be-
arbeitet hat, auch andere abweichende Versionen existierten,
ist im Hinblick auf ihre teilweise mündliche Überlieferung
a priori eigentlich selbstverständlich; es sind uns solche
diiferierende Versionen aber auch direkt bezeugt. So hat
sich aus dem 11. Jahrhundert ein umfangreiches persisches
Epos erhalten, das sich Barzouname betitelt, eine Bio-
graphie Barzous, eines Enkels des Rustem und Sohnes des
Sohrab, in der alle jene Traditionen über die Familie
Rustems verarbeitet sind, die Firdosi bei Seite gelassen
hatte. Die Darstellung weicht hier bisweilen von der
Firdosis ab. Mohl, Livre des rois I, S. LXXVI, bemerkt,
die Traditionen des Barzouname stimmten nicht immer genau
zu den Angaben im Livre des rois, so sei Zadschem, König
von Turan, der bei Firdosi als Grofsvater Afrasiabs
erscheint, hier vielmehr sein Sohn: „Mais ce sont lä des
differences auxquelles il faut s'attendre quand il s'agit
d'une tradition orale ancienne et repandue dans un pays
aussi vaste que la Perse. Le Barzounameh me parait
avoir ete compose d'apres des sources encore plus populaires
que Celles de la plupart des autres poemes epiques. La
nuanee, il est vrai, sur ce point-lä, est dif fidle ä preciser;
mais on trouve quelquefois les memes traditioyis racontees
dans deux de ces poemes, et Von en voit la difference."
Die Annahme einer bisweilen von Firdosi differierenden
Fassung der Geschichte Chosros und Afrasiabs erscheint
somit ganz unbedenklich.
Für Punkt 1 braucht nun eine andere Fassung kaum
angenommen zu werden, da hier sehr wohl das alte Motiv,
wonach der Held ein nachgeborenes Kind ist, in der nordi-
— 263 —
sehen JSaae vt'r<ressen worden sein kann, so dafs hier durch
einen naheliegenden Zufall die nordische Version mit der
römischen wieder zusammentraf.
Überdies sei darauf hingewiesen, dafs in der, wie wir
sahen, vermutlich mit dem Havel ok eng verwandten Sage
von Olaf Tryggvason der Held nach der einen Version,
genau wie in der persischen Sage, ein nachgeborenes Kind
ist. Es ergibt sich daraus die Möglichkeit, dafs in der
ältesten nordischen Fassung, welche hier die Olafssage
allein wiederspiegeln könnte, der Held gleichfalls ein nach-
geborenes Kind war und dafs dieser Zug erst später ver-
gessen wurde.
Dagegen ist für Punkt 2 eine von der erhaltenen ab-
weichende Fassung als Grundlage der nordischen Sage
allerdings zu postulieren; es scheint recht wohl denkbar,
dafs auch die persische Sage ursprünglich von einem Auf-
enthalt Chosros am Hofe Afrasiabs erzählte, dafs er, bevor
er zu den Hirten im Gebirge gebracht wurde, einige Zeit
am Hofe verweilt hatte.
Was die Keise des Helden mit zwei Begleitern übers
Meer betrifft, so mufs ich es dahingestellt sein lassen, ob
sie schon in jener zu postulierenden älteren Fassung der
persischen Sage vorhanden war oder ob auch sie auf jüngerer
literarischer Beeinflussung der nordischen Sage durch die
Brutussage beruht. Beides scheint denkbar. Was die
erste Möglichkeit betrifft, so sei darauf hingewiesen, dafs
auch die persische Sage zwei „Verräter" kennt: den Ger-
siwas, den intellektuellen Urheber der Ermordung Sija-
wuschs, und den Gurui, der die Tat vollbringt; beide wer-
den später hingerichtet. Sie könnten den beiden Trabanten
der nordischen Sage entsprochen haben und Addomolus =
Lauscher bei Saxo = Gersiwas, könnte sich erst später aus
Gersiwas vermöge epischer Spaltung losgelöst haben. Dafs
sie dem Chosro auf einer Sendung mitgegeben wurden, welche
— 204 —
seine Beseitigung bezweckte, wäre denkbar, doch fehlt es
freilich an jeder festen Grundlage für eine solche An-
nahme. Jedenfalls hindert auch dieses Motiv die Ableitung
der nordischen Sage aus der persischen nicht.
Auch das Motiv „Gold als Opfer einer Seherin dar-
gebracht", welches vielleicht — wenn wirklich Zusammen-
hang besteht, — der römischen Sage mit der Hrolfssage
und der Harald- Haldansage gemein ist, könnte möglicher-
weise schon in der Vorstufe der persischen Sage existiert
haben; denn es scheint doch nicht undenkbar, dafs eine
solche Episode erst ^on Firdosi oder einem seiner Vorgänger
ausgelassen wurde. Dann könnte ebenso das andere Motiv
„Gold im Stabe, symbolisch gedeutet", das sich allein in
der römischen Sage und bei Saxo findet, in jener Episode
vorhanden gewesen sein, freilich nicht in der Fassung, in
der es uns bei Saxo entgegentritt, sondern allein in der
römischen Fassung; denn nur aus dieser, nicht aus der
Saxos, konnte die Version der Hrolfssage und der Harald-
Haldansage entstehen. Freilich mag, das bestreite ich
nicht, die Postulierung einer solchen Episode, von der sich
bei Firdosi gar keine Spur erhalten hat, für Firdosis
Quelle — der Held befragt eine Seherin oder Zauberin
und opfert ihr Gold — etwas gewagt erscheinen. Ent-
schliefst man sich zu der Annahme nicht, so bleibt nur
die Möglichkeit, dafs das in Kede stehende Motiv in die
gemeinsame Quelle der nordischen Versionen, die es ent-
halten, aus der literarischen Brutussage eingeführt wurde.
In keinem Falle kann im Hinblick auf die zahlreichen
sonstigen Argumente für die Annahme einer Filiation rö-
mische — persische — nordische Sage aus dem Fehlen
des Motives in der persischen Sage ein Grund gegen jene
Filiation entnommen werden.
Nun scheint andererseits die angenommene Ent-
stehung der Hamletsage aus einer Vorstufe der per-
— 205 —
sischen Sage von Kei Chosro eine überraschende
Bestätigung zu finden durch einen Vergleich der
Darstellung der Katastrophe, des Vollzugs der
Vaterrache, und der ihr unmittelbar voraufgehen-
den Ereignisse bei Firdosi mit der Darstellung der
verschiedenen nordischen Fassungen der Sage. In
den letzteren finden wir nämlich die verschiedenen Elemente
der persischen Erzählung gleichsam zersprengt wieder, der-
gestalt, dafs wir alle die verschiedenen nordischen
Versionen der Katastrophe aus einer Isolierung und
Umbildung von Elementen der Erzählung Firdosis,
bezw. seiner in gewissen Punkten mutmafslich ab-
weichenden Quelle, zu erklären vermögen.
Im Boeve v. Hamtone und im Havel ok wird, wie wir
sahen, gegen den Usurpator Krieg geführt, er wird im
BvH in einer grofsen Schlacht gefangen genommen und
dann getötet, oder, im Havelok, im Zweikampfe getötet.
Dem entspricht, wie oben schon erwähnt, die Darstellung
bei Firdosi, insofern auch hier Chosro den Afrasiab mit
Krieg überzieht, in einer Schlacht besiegt, dann gefangen
nimmt und tötet. Wenn bei Firdosi Afrasiab flüchtet und
erst später unter besonderen Umständen eingefangen wird,
dagegen im BvH Doon in der Schlacht selbst gefangen
genommen wird und im Havelok Hodulf im Zweikampf mit
Havelok seinen Tod findet, so liegt hier offenbar nur eine
Vereinfachung, eine Kontraktion der persischen Version vor,
die gar nichts Auffälliges hat.
In allen anderen Versionen ist von einem Kriege
keine Rede. Bei Saxo, in der Hrolf- Haldansage und in
der Ambalessage wird die Königshalle nach einem Gelage
in Brand gesteckt und alle Anwesenden kommen in den
Flammen um. In der Hrolfssaga will der König durch
einen unterirdischen Gang entfliehen, wird aber zurück-
getrieben und verbrennt in der Halle, in der Harald-Hai dan-
— 266 -
sage wird er vielmehr gezwungen, „in die Enge einer längst
zuvor angelegten Höhle und in das Versteck eines dunklen
Ganges sich zu verkriechen", wo er im Rauche erstickt.
In diesen Versionen, denen offenbar der gleiche Typus
zu Grunde liegt, erkenne ich einen Reflex der Eroberung
von Behischti Gang durch Chosro (III, S. 177ff.):
Afrasiab hat sich bei Chosros Anrücken in sein präch-
tiges Schlofs Behischti Gang zurückgezogen, wo er sorglos
Feste feiert:
Wein und Gelag und Laut und Rebab,
Rosen und Fest und Afrasiab.
Zwei Wochen lebt' er fröhlich so;
Wer weifs heute, wer morgen ist froh?
Chosro schliefst die Festung mit seinem Heere ein,
läfst die Mauer untergraben, Balken darunter setzen und
diese in Brand stecken:
Aufs Holz und Naphtha man Feuer warf
Und schleudert' aufwärts Steine scharf.
Von Wurfgeschütz und Krach und Staub
Ward gleichsam blind die Welt und taub.
Die Naphtha setzte die Balken in Loh,
Sie brannten auf Gottes Geheifs wie Stroh.
Eine Bresche entsteht, und das Heer dringt in die
Stadt, die in Flammen aufgeht:
Die ganze Stadt ein Dampf und ein Schrei,
Ein Feuer und Sturm und Metzelei.
Afrasiab entrinnt jedoch durch einen unterirdischen
Gang:
Als er einst dort den Palast erhub,
Einen Weg unterm Boden er grub.
Und keiner von seinem Heer nahm wahr,
Dafs solch ein Weg unterm Schlosse war.
Nun rafft' er zusammen zweihundert Mann
Und durch den ungangbaren Gang entrann.
Hier haben wir also das Trinkgelage, den bren-
nenden Palast und den unterirdischen Gang der
— 267 —
nordischen Versionen. Wenn dabei der Schah selbst
nicht, wie der König in den nordischen Versionen, sofort
von seinem Schicksal ereilt wird, sondern entkommt, so
liegt hier eben in den nordischen Fassungen wieder eine
Verkürzung der Darstellung vor. Dafs die Version, wonach
der Füi-st durch den Gang wirklich entkommt, die ursprüng-
liche ist, darf a priori schon deshalb als wahrscheinlich
betrachtet werden, weil dieser Gang ja ohnedem eine ganz
müfsige Zutat darstellen würde; man sieht nicht ein, wel-
chen Zweck der Dichter damit verfolgt haben sollte, das
Motiv zu erfinden, da er Afrasiab doch ebenso gut im
Palaste selbst umkommen lassen konnte. Wenn neben dem
Gange in der Haraldsage noch eine unterirdische Höhle
genannt wird, so könnte man darin eine Konfusion mit
jener Höhle vermuten, in die Afrasiab später flüchtet und
in der er von dem Einsiedler Hum gefangen genommen
wird.
Dafs das Netzmotiv, das nur bei Saxo vorhanden ist,
sich unschwer erklären läfst aus einer Kombination von
Chosros selbst angefertigten Holzpfeilen ohne Eisenspitze
mit seiner einen Rätselantwort, in der er sich mit einem
Jäger vergleicht, und mit dem Netze, mit dem nach Afra-
siab gefischt wii'd, das wurde schon oben des näheren dar-
gelegt.
Die Version des Brjammärchens, wonach die Gäste
sich im Streite gegenseitig erschlagen, charakterisiert sich
offenbar als eine spätere törichte Entstellung.
Danach finden wir also in der Schilderung, welche die
verschiedenen nordischen Versionen von dem Schlufsakt
der Tragödie geben, die Hauptmotive des Schlufsaktes des
persischen Epos vereinzelt wieder, dergestalt, dafs wir
durch Kombination dieser Motive die DarsteHung des letz-
teren in den Hauptzügen gleichsam zu rekonstruieren ver-
möchten. Dagegen findet sich von den betreffenden Motiven
— 268 —
in der römischen Sage nur ein einziges: der Krieg gegen
den Tyrannen, sie vermag nur die Darstellung des BvH
und des Havelok zu erklären, nicht die der übrigen Ver-
sionen. In dieser Tatsache erblicke ich ein weiteres
gewichtiges Zeugnis dafür, dafs die nordische Sage
auf die persische, genauer: auf eine ältere Fassung
dererhaltenenpersischen, und nicht aufdierömische
zurückgeht.
Ehe wir nun auf die Frage eingehen, wo die ange-
nommene Vorstufe der persischen Version zu suchen sein
mag, ist es erforderlich, auch das Shakespearesche Hamlet-
drama, welches bisher unberücksichtigt blieb, zum Vergleich
heranzuziehen und den Zusammenhang der Hamletsage mit
der griechischen Beilerophonsage nachzuweisen.
Die Chosrosage und der Hamlet Shakespeares.
Die Fassung der Hamletsage, welche uns in dem Drama
Shakespeares entgegentritt, Avurde bisher gänzlich beiseite
gelassen, weil diese nach der herrschenden Anschauung
der Shakespeare -Forscher durch eine Zwischenstufe direkt
auf Saxo zurückgeht und somit für die Frage der Herkunft
der Sage nicht in Betracht kommen würde.
Man nimmt heute allgemein an, dem Drama Shakespeares
liege ein älteres Hamletdrama zu Grunde, dessen Existenz
durch verschiedene Zeugnisse gesichert ist, ein Drama, das
spätestens bereits 1589 vorhanden war und von dem wir
wissen, dafs es 1594, aber damals nicht zum ersten Male,
aufgeführt wurde; Verfasser dieses Dramas war aller Wahr-
scheinlichkeit nach Thomas Kyd (geb. 1558, f 1594) i).
^) Dafs Gregor Sarrazin, Thomas Kyd und sein Kreis, 1892,
die Autorschaft Kyds endgültig erwiesen habe, ist die Ansicht von
— 269 —
Es gilt nun als feststehend, dafs die Quelle, aus der Kyd
seinerseits schöpfte, gewesen sei die dritte Erzählung des
5. Buches von Fran^^ois de ßelleforest damals viel ge-
lesenen Histoires Tragiques, welche zuerst Paris 1570 er-
schienen waren ^); diese Erzählung ist nichts anderes als
eine weitschweifige Übertragung der Hamletsage des Saxo
Grammaticus. Somit ginge nach heutiger Anschauung
Shakespeares Hamlet durch das Medium des Kyd-
schen Dramas und der Erzählung desBelleforest un-
mittelbar auf Saxo zurück^); Zweifel hieran sind bisher,
soweit ich sehe, von niemandem geäufsert worden, obgleich
es anerkannt ist, dafs Shakespeare sich von seiner angeblichen
indirekten Quelle, der auf Saxo beruhenden Erzählung des
Belieferest, sehr weit entfernt: „Die Abweichungen des
Shakespeareschen Dramas," sagt Prölfs, Shakespeares Hamlet
S. 122, „sind so bedeutend, wie wir sie nur bei irgend einem
der anderen Shakespeareschen Dramen antreffen. Wir finden
darin nur einige der wesentlichsten Vorgänge wieder, und
selbst diese noch in veränderten Formen und bei wesentlich
anderer Motivierung. Nicht nur der Ausgang, sondern auch
die Voraussetzung derselben sind wesentlich andere."
Nun besteht aber eine höchst merkwürdige Überein-
stimmung zwischen dem Skakespeareschen Drama und der
Firdosischen Chosrosage, die wir als eine Version der
Hamletsage erkannt haben, bezüglich eines Motives, welches
E. Dowden, Ha?nlet, London 1899, S. XIII; auch J. Schick, Die Ent-
stehung des Hamlet, Jahrbuch der deutscheyi Shakespearegesellschaft 38
(Berlin 1902), S. XVI, meint, dafs wir ^fast mit apodiktischer Sicherheit"
Kyd als Verfasser bezeichnen können.
^) S. R. Gericke und M. Moltke, ShaJcespeares Hamletqu^llen,
Leipzig 1881, S. VIII; Körting, Grundrifs der Geschichte der englischen
Literatur \ Münster 1893, S. 218.
^) In diesem Sinne hat sich noch neuerdings geäufsert A. Schröer,
Neuere und neueste Haml et for schling, Jahrbuch der deutschen Shakespeare-
gesellschaft 35 (Berlin 1899), S. 140.
— 270 —
bei Saxo vollkommen fehlt, nämlich bezüglich des eigentlich
zentralen Motives des englischen Dramas, des Charakters
des Helden, und diese Übereinstimmung ist geeignet, die
stärksten Zweifel rege zu machen an der landläufigen An-
schauung, dafs das von Shakespeare benutzte Kydsche
Drama aus Saxo geschöpft sei.
Hamlet erscheint bekanntlich bei Shakespeare als ein
schwermütiger, tiefsinniger Grübler: sein Geist brütet über
den Geheimnissen des Daseins, das ganze irdische Tun und
Treiben erscheint ihm schal und leer, alle menschliche
Gröfse der Vernichtung verfallen. Das Leben ruht ihm
auf der Seele als eine schwere Last, die alle seine Tat-
kraft, alle Lust zum Handeln lähmt. So stark ist das
Gefühl der Wertlosigkeit dieses Daseins in ihm, dafs der
Gedanke an Selbstmord ihm nahe tritt, und nur das Bangen
vor dem, was in dem unbekannten Land drüben kommen
wird, die Furcht vor den Träumen, die der Todesschlaf
bringen mag, könne, meint er, den Menschen abhalten, sich
dieses sorgenvollen, von Widerwärtigkeiten aller Art ver-
düsterten Lebens freiwillig zu entäufsern.
Von dieser Auffassung des Hamletcharakters findet sich
nun bei Saxo, also auch bei Belleforest (ebenso wie in den
übrigen nordischen Versionen der Sage) nicht die leiseste
Spur. Von irgend welchen metaphysischen Träumereien und
weltschmerzlichen Anwafldlungen des Helden ist nirgends
die Eede. Der Hamlet Saxos lebt ausschlief slich in dem
Gedanken der Vaterrache; sein ganzes Sinnen und Trachten
ist unverwandt auf dieses Ziel hingerichtet, keinerlei Be-
denken machen ihn auf seinem Wege irre, und sobald er nur
den richtigen Moment gekommen meint, zieht er die Maschen
seines Netzes mit kalter, skrupelloser Energie zusammen.
Der Charakter des Shakespeareschen Hamlet,
der Charakter des melancholischen Träumers, deckt
sich dagegen in den wesentlichsten Zügen mit dem
— 271 —
Charakter Kei Chosros bei Firdosi, nicht zwar,
wie dieser von Anfang an uns entgegentritt, wohl
aber, wie er nach dem Vollzug der Vaterrache,
nach Chosros Thronbesteigung, erscheint.
Sobald Kei Chosro nach dem Tode des Kei Ka'us die
Herrschaft über Iran angetreten hat, geht mit ihm eine selt-
same Veränderung vor: es bemächtigt sich seiner die Furcht,
er könne der Überhebung verfallen und sich von Gott ab-
wenden; tief ergriffen von dem Gefühl der Vergänglichkeit
irdischer Lust und Herrlichkeit betet er eine Woche lang
zu Gott um Vergebung seiner Sünden und um Bewahrung
vor den Stricken Ahrimans. Seine Grofsen vermögen sich
die Veränderung, die mit dem Schah vorgegangen, nicht
zu erklären; sie treten vor ihn und flehen ihn an, „der
Welt zu geniefsen". Chosro aber erklärt ihnen, er trage
im Herzen nur noch ein Verlangen, und auch sie möchten
zu Gott flehen, dafs dieser Wunsch ihm erfüllt werde.
Welcher Wunsch das sei, sagt er ihnen nicht; wir er-
fahren es aber aus seinem nun folgenden Gebet: er ist
von Todessehnsucht erfüllt:
^0 du höher als hoch und hehrer,
Alles Guten und Reinen Mehrer,
Du wirst mich leiten zum Ruhpalast,
Zu entfliehen dieser Wanderrast,
Abgewandt der Verkehrtheit, um dort
Zu finden der Herz verklärten Ort'*.
ni, S. 240.
Auch in einer zweiten Audienz, die er meinen Grofsen
gewährt, verweigert er ihnen die erbetene Auskunft. Nacli-
dem er wieder fünf Wochen einsam im Gebet verbracht
hat, erscheint ihm im Traume der Engel Serosch:
In finstrer Nacht von der Müh' ruht' er nicht;
Doch als sich erhob des Mondes Licht,
Entschlief er, und sein Geist blieb wach.
Der mit der Weltvemunft sich besprach.
So sah er im Traum, dafs vom Himmelstor
Serosch kam und ihm flüstert' ins Ohr . . .
— 272 —
Serosch befiehlt ihm, seine Schätze zu verteilen, „dies
Wanderhaus" einem anderen zu übergeben und selbst sich
nach jenem seligen Ort zu schwingen, den er im Sinn habe.
DieGrofsen, in dem Glauben, Gott habe „einen Schrecken"
über ihn gesandt oder der böse Feind habe ihn verführt,
flehen ihn nun in einer abermaligen Audienz an, sich nicht
länger seinem Volke zu verschliefsen und sich seinen Herr-
scherpflichten nicht zu entziehen. Aber Chosro bleibt un-
erschütterlich: er erklärt ihnen, er fürchte, wie so mancher
andere Schah, vom rechten Weg abzukommen und flehe
deshalb seit fünf Wochen Gott an, ihn hinwegzunehmen;
jetzt habe ihm Serosch verkündigt, dafs seine Zeit um sei
und er sich zur Reise fertig machen solle. Die Grofsen
sind aufser sich über diese Worte und meinen, er habe
den Verstand verloren: „Das ist kein Witz," sagt
der greise Zal, „Vernunft hat in seinem Hirn
keinen Sitz." Aber Zals Bemühungen, ihn auf andere
Gedanken zu bringen, sind vergeblich; Chosro erklärt, er
sei der Welt müde, nicht der Böse habe seinen Sinn um-
strickt, wie sie glaubten, sondern sein Trachten stehe nach
dem Himmel. Er läfst nun im Felde draufsen ein Zelt-
lager aufschlagen und teilt, auf dem Throne sitzend, den
Iraniern seinen letzten Willen mit. Nachdem er den Lohrasp
zu seinem Nachfolger ernannt und von allen den Seinigen
Abschied genommen hat, zieht er mit acht von seinen
Pehlevanen auf einen hohen Berg und wird entrückt:
Als die Sonne vom Berg aufstand,
Der Schah aus den Augen der Fürsten schwand.
Nun ziehen Wolken und Wind herauf, und alle acht
Pehlevane werden von einem Schneesturm begraben.
Offenbar entspricht der Gemütszustand Kei Chosros,
wie er uns hier entgegentritt, in wesentlichen Punkten
dem des Shakespeareschen Hamlet; wir haben: 1. die weit-
— 273
verachtende, weltscbmerzliche Stimmung; 2. die Unlust zum
Handeln; 3. die Todessehnsucht.
Die Übereinstimmung: wird uocli klarer hervortreten aus
e i ner Nebeneinandersetzung der hauptsäcli liebsten in Betracht
kommenden Stellen des Schabname und des Hamletdramas:
Kei Chosro:
. . . diese Macht und Pracht geht
fort.
Niemand wird finden in dieser Zeit
(4rörsere Lust und Herrlichkeit.
Der Welt Geheimnis ich hört' und
schaut'
Ihr Gutes und Böses, verborgen
und laut:
Ob's Pflüger sei ob Kronen-
träger,
Am Ende bleibt der Tod der
Jäger.
III, S. 237.
Vergib mir, was ich gesündigt hab !
ib.
M- in Geist hat diese Welt
u'esehn,
K- >.'ufzt mein Herz über
ihre Wehn.
HI, S. 252.
Nun diese fünf Wochen, wo Tag
und Nacht
Ich mein Gebet habe dargebracht,
Dafs Gott der Herr mir geb' Urlaub
Von diesem Kummer und
finsterm Staub,
>att ward ich des Heers, des Throns
und der Krön . . .
HI, S. 253.
Ihr, denen Vernunft zu Gebote
steht,
Wüst alle, dafs Bös und Gut
hier vergeht!
Zenker, Boeve-Amlethus.
Hamlet:
Wir mästen alle anderen Krea-
turen, um uns zu mästen; und uns
selbst mästen wir für die Maden.
Der fette König und der
magere Bettler sind nur ver-
schiedene Gerichte; zwei
Schüsseln, aber für Eine
Tafel: das ist das Ende vom
Liede.
Akt IV, 8.
Vgl. femer die bekannten Be-
trachtungen Hamlets auf dem
Kirchhofe, V, 1.
. . Nymphe, schlief«
In do^n Gebet all meine Sünden
ein.
III, 1.
0 schmölze doch dies allzu feste
Fleisch,
Zerging, und löst in einen Tau
sich auf!
Oder hätte nicht der Ew'ge sein
Gebot
Gerichtet gegen Selbstmord ! —
0 Gott! 0 Gott!
Wie ekel, schaal und flach
und unerspriefslich
Scheint mir das ganze
Treiben dieser Welt!
Pfui! pfui darüber! 's ist ein
wüster Garten,
Der auf in Samen schiefst; ver-
worfnes Unkraut
Erfallt ihn gänzlich.
I. 2.
18
— 274 —
Kei Chosro:
Wir gehn aus der Karawanserei,
Wozu wohnt Sorg' und Müh' uns
bei?
Keiner blieb auf der Welt
so lang,
Der nicht endlich zu gehn
verlang'.
Wenn sich Rücken und Nacken
dir bog,
Der leeren Hand der Wunsch
entflog.
Schwerheit auf die zwei Ohren
fällt.
Nicht Leib noch Geist ist recht
bestellt,
Das Auge nicht sieht, der Fufs
nicht geht,
Laut rufst du: OHerr der Majestät,
Bringe mich schnell zu deiner
Statt,
Denn des dunklen Staubes bin
ich satt!
m, S. 256.
Hört und tut meinem Rate nach!
Macht euch mit dieser Welt
nicht grofs;
Denn Dunkelheit birgt sie
im Schofs.
III, S. 260.
Ich gehe nun aus dem Wanderhaus,
Ihr bleibt hier ohn' Angst und
Graus.
Nie seht ihr mich wieder an dieser
Statt,
Des treulosen Staubes bin
ich satt.
Ich geh' zu Gottes reinem Licht,
Den Weg der Rückkehr seh' ich
nicht.
III, S. 261.
Hamlet:
Ob's edler im Gemüt, die Pfeil
und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden,
oder
Sich waff'nend gegen eine See von
Plagen,
Durch Widerstand sie enden.
Sterben — schlafen —
Nichts weiter! — und zu wissen,
dafs ein Schlaf
Das Herzweh und die tausend
Stöfse endet.
Die unseres Fleisches Erbteil —
's ist ein Ziel
Aufs innigste zu wünschen.
Sterben — schlafen — . .
m, 1.
Ich habe seit kurzem — ich
weifs nicht wodurch — alle meine
Munterkeit eingebüfst, meine ge-
wohnten Übungen aufgegeben ;
und es steht in der Tat so übel
um meine Gemütslage, dafs die
Erde, dieser treffliche Bau,
mir nur ein kahles Vor-
gebirge scheint .... Welch
ein Meisterwerk ist der Mensch!
. . . Und doch, was ist mir diese
Quintessenz vom Staube!
n, 2.
1
— 275 —
Ich meine, die enge Verwandtschaft des Empfindens
ist in hohem Grade frappant. Ein tiefgreifender Unter-
schied besteht nur insofern, als Hamlets Grauen vor dem
unbekannten Lande Chosro fremd ist; der Gedanke des
Todes hat für ihn nichts Erschreckendes, denn er weifs,
dafs er einem höheren, besseren Dasein entgegengeht; ist
ihm doch durch einen Engel direkt der Befehl geworden,
diese Welt — „dies Wanderhaus" — zu verlassen. Nehmen
Avir die Gemütsverfassung, in der Chosro sich nach der
Thronbesteigung befindet, als schon vor derselben vor-
handen an, so erhalten wir den Hamlet Shakespeares, dem
l)hilosophische Reflexion die Tatkraft zur Vollbringung der
Vaterrache lähmt.
Gesetzt, der Verfasser des von Shakespeare benutzten
älteren Hamletdramas habe in seiner Vorlage einen Charakter
gefunden, der dem Chosros glich, so bedurfte es nur
geringer Modifikationen, um daraus den Charakter
Hamlets zu gestalten, wie er uns bei Shakespeare ent-
gegentritt.
Aber noch zwei andere, bei Saxo fehlende Motive
des Hamletdramas haben bei Firdosi Analoga, und zwar
begegnet das eine von diesen auch in nordischen Versionen
der Hamletsage:
1. Bei Shakespeare wird Hamlet zum Vollzuge der
Rache durch die Erscheinung des Geistes seines Vaters
gemahnt. Saxo weifs von einer solchen Geistererscheinung
nichts. Dagegen findet sich nun etwas Entsprechendes
wiedei' bei Firdosi. Zwar nicht Chosro selbst, w^ohl aber
ihm nahe stehende, befreundete Grofse werden hier
durch Traumgesichte zu Handlungen angetrieben,
deren Zweck die Rache für Sijawusch ist: Dem
Guderz erscheint im Traum der Engel Serosch und gibt
ihm Kunde von Kei Chosro; daraufhin entsendet Guderz
seinen Sohn Gew, der dann Chosro auch findet und ihn
18*
~ 270 —
nach Iran flüchtet (Rückert 11, S. 201). Später sieht Tu^
einmal gegen Morgen im Traum den Sijawusch selbst:
Ein glänzendes Licht kam aus fernem Raum,
Im Licht ein elfenbeinerner Thron,
Darauf Sijawusch mit Glanz und Krön'!
Mit lächelnden Lippen, beredtem Mund
Tat er sich ihm wie die Sonne kund.
Sijawusch mahnt den Tus, auszuharren im Kampfe
gegen Afrasiab und prophezeit ihm den Sieg. Hier also
erscheint, wie bei Shakespeare, der Geist des er-
mordeten Vaters selbst und fördert das Rachewerk.
2. Hamlet spricht I, 4 einmal von den wüsten Zech-
gelagen, die sein Stiefvater feiert:
Der König wacht die Nacht durch, zecht vollauf,
Hält Schmaus und taumelt den geräusch'gen Walzer ;
Und wie er Züge Rheinweins niedergiefst,
Verkünden schmetternd Pauken und Trompeten
Den ausgebrachten Trunk.
Bei Saxo ist von dergleichen mit keiner Silbe die
Rede. Dagegen mufs man sich bei Hamlets Worten, meine
ich, sofort erinnert fühlen an die Festgelage, die Firdosi
den Afrasiab in Gang Diz feiern läfst:
Wein und Gelag und Laut' und Rabäb,
Rosen und Fest und Afrasiab.
III, S. 177,
sowie an die Schilderung des Trinkgelages in der Ambales-
saga (Gollancz S. 7 5 ff.) und an das laute Fest auf dem
Königsschlosse im Boeve v. Hamtone, dessen Lärm Boeve
auf der Weide vernimmt.
Die Wahrscheinlichkeit, dafs es sich bei diesen Über-
einstimmungen nicht um Zufall handelt, wird erhöht durch
die Tatsache, dafs noch einige weitere Motive des Dramas,
die bei Saxo nichts Entsprechendes haben, in anderen
Versionen der Hamletsage nachzuweisen sind:
1. In Akt II, 1 schildert Ophelia den Aufzug, in dem
Hamlet bei ihr erschienen ist, mit folgenden Worten:
— 277 —
Als ich in meinem Zimmer näht', auf einmal
Prinz Hamlet — mit ganz aufgerissnem Wams,
Kein Hut auf seinem Kopf, die Strümpfe schmutzig
Und losgebunden auf den Knöcheln hängend;
Bleich -wie sein Hemde, schlotternd mit den Knie'n;
Mit einem Blick, von Jammer so erfüllt.
Als war' er aus der Hölle losgelassen.
Um Greuel kund zu tun — so tritt er vor mich.
Bei Saxo heifst es da, wo Hamlets Gebahren geschil-
dert wird, nur: „Die entstellte Farbe seines Äufseren,
sein mit Unflat besudeltes Gesicht verrieten den Wahnsinn
mit seinen lächerlichen Torheiten" (Jantzen S. 142). Da-
gegen findet sich nun der eigentümlichste Zug der obigen
Schilderung, die Entblöfsung der Beine, wieder in der
Ambalessaga, da wo Amlodis Benehmen beim Trinkgelage
in der Königshalle beschrieben wird: mit Asche und
Schmutz besudelt betritt er die Halle, später streift
er seine Hosen herunter und tanzt mit nackten
Beinen umher (and he doffed Ms hose, and harelegged
gamholled upon the floor, Gollancz S. 77). Die Übei*ein-
stimmung Shakespeares mit dieser von Saxo unabhängigen
Version der Sage in einem so eminent speziellen, seltsamen
Zuge ist gewifs sehr auffällig. Es scheint mir kaum
glaublich, dafs dieser Zug zweimal erfunden worden sein
sollte.
2. Es ist schon von W. W. Comfort, Athenaeum 1900,
II, 588 darauf aufmerksam gemacht worden, dafs das
Schauspiel im englischen Drama, wodurch Hamlet den
König zu entlarven sucht, eine merkwürdige Parallele hat
in einer Scene der provenzalischen Chanson de geste von
Daurel und Beton, deren Verfasser den Boeve v. Hamtone
kannte und ihm die Grundzüge für die Handlung seines
Epos entnahm. Dem Hamlet-Boeve entspricht hier Beton,
der Sohn des Bovo d'Autona; Bovo wird ermordet von
dem Verräter Gui, an dem Beton dann später Rache nimmt.
Der Jooflar Daurel entspricht dem getreuen Sabot des BvH.
- 278 —
Der Vorgang, um den es sich handelt, ist dieser:
Daurel und Beton, mit ihren E-üstungen angetan, aber als
Jogiars verkleidet, begeben sich zu Gui ins Schlofs. Daurel
erklärt Beton, er selbst wolle singen, Beton solle nur zu-
hören: „Ich werde etwas sagen, das ihm nicht gefallen
soll; ich denke, er wird sich an mir vergreifen wollen."
Beton meint, er werde hurtig sein, wenn es gelte, Eache
zu nehmen. „Als sie ankamen, safs Gui beim Mahle.
Gui ruft Daurel zu: Joglar, kommt und efst; Daurel ant-
wortet: Wir wollen für Eure Unterhaltung sorgen. Und
Beton begann einen schönen Lai zu spielen und der
wackere Daurel begann zu singen: „Wer ein Lied hören
will, dem werde ich, denke ich, eines singen von dem
offenkundigen Verrate des Verräters Gui, dem Jesus seinen
Beistand versagen möge." Gui hielt ein Messer, das wollte
er nach Daurel werfen, aber Beton warf seine Fiedel weg,
legte seinen Mantel ab, zog sein Schwert und schlug ihm
mit einem Hieb den rechten Arm herunter." Sie rufen
dann ihre Leute herbei, Gui wird gefafst und von einem
Rosse zu Tode geschleift.
Augenscheinlich haben wir es hier mit einem, dem
Shakespeareschen Schauspiel im Schauspiel nahe verwandten
Motiv zu tun: In dramatischer oder epischer Form wird
dem Usurpator seine eigene Schandtat vor Augen gehalten,
er gerät in heftige Erregung und bricht die Vorstellung,
bezw. den Vortrag, jäh ab. Freilich ist in der proven-
zalischen Chanson der Zweck dessen, der die Sache
inszeniert, nicht, wie bei Shakespeare, sich der Schuld des
Usurpators zu vergewissern, denn über diese besteht längst
kein Zweifel. Aber es ist klar-, dafs das Motiv leicht in
diesem Sinne umgedeutet werden konnte. Eine Möglich-
keit eines Zusammenhanges zwischen dem Motiv im Daurel
und Beton und bei Shakespeare ist dadurch gegeben,
dafs das Motiv ja auch in jener Fassung des Boeve
— 279 —
V. Hamtone, die der Verfasser des provenzali sehen Epos
benutzte, vorhanden gewesen und von ihm daraus entlehnt
worden sein könnte. Das Motiv begegnet sonst in keiner
der bekannten Fassungen der Sage.
3. Der Brief an den König von England, den der
dänische König Rosenkranz und Güldenstern mitgibt, ist
mit dem königlichen Petschaft versiegelt. Hamlet führt
auf der Reise das Petschaft seines Vaters bei sich, das
für das Petschaft des jetzigen Königs als Muster gedient
hat; den neuen Brief, den er an Stelle des erbrochenen
legt, siegelt er mit diesem, so wird „der Wechselbalg"
nicht erkannt, V, 2. Von einem solchen Siegel auf dem
Briefe und domgemäfs von einer Erneuerung des Siegels
ist nun bei Saxo und Belieferest nicht die Rede. Es heifst
einfach: „Mit ihm reisten zwei Trabanten Fengos, welche
ein in Holz geritztes Schreiben mit sich führten . .", und
dann: „Als er den Auftrag, der darin stand, gelesen,
schabte er ihn sorgfältig weg, setzte neue Schriftzüge an
seine Stelle . . .". Dagegen wird nun in der Ambalessage
ausdrücklich erwähnt, dafs Amlodi einen Siegelring
besafs, der dem des Königs genau glich; er hat ihn
bei seiner Abreise von dem Zwerge Tosti erhalten: „Zwerg
Tosti gab ihm auch einen Siegelring, der aufs genaueste
dem Siegel des Königs glich" (Gollancz S. 129). Als
Amlodi dann den Brief des Königs erbrochen hat, heifst
es : „Er schrieb dann statt dessen einen anderen Brief, und
setzte des Königs Siegel darauf"
4. Als Vorbild für die Ophelia gilt bekanntlich jenes
namentlich nicht genannte Mädchen, welches bei Saxo
Fengo dem Hamlet in den Weg führen läfst, um ihn auf
die Probe zu stellen, vgl. oben S. 16. Der Plan mifslingt:
„Aus Bedenken vor einem Anschlage nahm er . . das
Mädchen in seine Arme und schleppte sie weit fort zu
einem unzugänglichen Sumpfe, um in gröfserer Sicherheit
280
seinen Wunsch zu erfüllen. Dort vollzog er auch das
Beilager und dann beschwor er sie inständigst, sie möge
niemandem die Sache verraten. Das Schweigen wurde
ebenso eifrig erbeten als versprochen: denn da beide
dieselben Führer in ihrer Jugend gehabt hatten, verband
die frühere Gemeinschaft ihrer Erzieliung das Mädchen
in der innigsten Vertrautheit mit Amlethus" (Jantzen
S. 145).
Offenbar stimmt hier zu der Darstellung Shakespeares
so gut wie nichts. Dagegen hat mit dieser einen wesent-
lichen Zug gemein die Schilderung des Verhältnisses Boeves
zu Josiane im BvH.
Josiane, die Tochter Hermins, verliebt sich in Boeve,
als sie Zeuge seines siegreichen Kampfes gegen die zehn
Förster wird, die ihn auf der Eückkehr von der Eberjagd
überfallen. Als Boeve dann nach glücklicher Beendigung
des Feldzuges gegen Bradmond — Yg\. Hamlets Sieg über
Fortinbras! — an den Hof zurückkehrt, befiehlt Hermin
seiner Tochter, ihm die Waffen abzunehmen und ihm zu
essen zu geben. Sie tut, wie ihr geheifsen, und gesteht
Boeve dann ihre Liebe. Schon viele Tränen habe sie
seinetwegen vergossen und manche Nacht schlaflos ver-
bracht. Weise er sie zurück, so müsse sie vor Kummer
sterben. Aber Boeve will nichts von der Sache wissen:
sie möge sich diese Torheit begeben; sie könne jeden
König, Grafen und Baron haben, während er ein armer
Ritter aus fremdem Laude sei. Als Boeve auf seiner
AVeigerung beharrt, fällt sie vor Kummer in Ohnmacht.
Wieder zum Bewufstsein gekommen, schilt sie ihn mit
heftigen Worten, da erklärt Boeve, in seine Heimat zurück-
kehren zu wollen und eilt erzürnt davon. Als er fort ist,
bereut sie ihre Härte und läfst ihn durch einen Boten
zurückrufen; aber B. weigert sich, ^un entschliefst sie
sich, selbst zu ihm zu gehen, bittet ihn um Verzeihung,
— 281 —
beide küssen sich und der Friede ist hergestellt. Später
wird Josiane Boeves Frau.
Audi diese P>zälilung ist freilich von der Darstellung
Shakespeares sehr verschieden, aber sie stimmt doch mit
ihr in dem markanten Zuge überein, dafs die Liebende
von demjenigen, dem sie ihre Liebe entgegenbringt, Zurück-
weisung erfährt und sich deshalb unglücklich fühlt: Ophelia
nimmt sich das Leben, Josiane fällt in Ohnmacht. Gesetzt,
Shakespeares — indirekte — Quelle habe in der Schil-
derung des Verhältnisses der beiden im grofsen und ganzen
mit dem BvH im Einklang gestanden, so wäre es durchaus
verständlich, dafs daraus durch Unterdrückung des Motives
der nachfolgenden Aussöhnung und Heirat die Darstellung
Shakespeares entstand — wogegen zwischen der Episode
bei Saxo und der Version Shakespeares eigentlich gar kein
verknüpfendes Band sichtbar ist.
Vielleicht würden sich bei genauerem Zusehen noch
weitere bei Saxo fehlende Motive des Dramas in anderen
Versionen der Sage nachweisen lassen; es mag aber bei
diesen sein Bewenden haben. Die bei weitem bedeut-
samste Übereinstimmung zwischen dem Shakespeareschen
Drama und einer der nichtsaxoschen Versionen bleibt doch
die des Charakters des Helden bei Shakespeare und bei
Firdosi. Diese, zusammen mit den übrigen bei Saxo feh-
lenden Motiven einerseits, die tiefgehende Verschiedenheit
der Handlung des Shakespeareschen Dramas gegenüber
Saxo andrerseits scheinen mir den Verdacht äufserst nahe
zu legen, dafs die gegenwärtig herrschende Ansicht, wonach
das von Shakespeare benutzte Drama Kyds aus Belleforest-
Saxo geschöpft wäre, falsch ist, und dafs Kyd vielmehr
einer anderen, nicht erhaltenen, oder doch bisher noch
nicht nachgewiesenen Version der Hamletsage gefolgt ist,
welche in der Auffassung des Charakters des Helden sich
eng berührte mit dem persischen F.pos und welche aufserdem
— 282 —
eine Reihe Motive enthielt, die sich nicht bei Saxo,- wohl
aber teils wieder in der persischen Sage, teils in den
anderen nordischen Fassungen der Hamletsage erhalten
haben, — was nicht ausschliefsen würde, dafs Kyd auch
die Erzählung des Belieferest gekannt und ihr einzelne
Züge entlehnt hätte.
Diese Vermutung nun wird, denke ich, durch den im
folgenden Kapitel zu erbringenden Nachweis des Ursprungs
der Hamletsage aus der griechischen Beilerophonsage
einen Grad hoher Wahrscheinlichkeit erlangen.
Die Hamlet -Cliosrosage
und die griechische Beilerophonsage.
Soweit ich sehe, ist noch nirgends auf die höchst
merkwürdigen Übereinstimmungen aufmerksam gemacht
worden, welche zwischen der Hamlet-Chosrosage und der
zuerst bei Homer, Ilias VI, 152 — 206 überlieferten grie-
chischen Beilerophonsage bestehen; die Ähnlichkeit ist
eine so grofse, sie betrifft so wesentliche und so spezielle
Züge, dafs sie sich m. E. nicht durch Zufall erklären läfst,
sondern die Annahme eines zwischen diesen Sagen be-
stehenden unmittelbaren Zusammenhanges, d. h. also, in
Anbetracht des chronologischen Verhältnisses, die Annahme
des Ursprunges der Hamlet-Chosrosage aus der Bellero-
phonsage, notwendig macht.
Über die Bellerophonsage orientieren am besten
Hermann Alexander Fischer, Bellerophon, eine mythologische
Abhandlung, Leipzig 1851; L. Preller, Griech. Mythol. 11^,
Berlin 1875, S. 7 7 ff.; Eapp in Keschers Äusführl. Lexihon cl.
griech. u. röm. Mythol. I, 1, Leipzig 1884—86, Sp. 757 ff., und
Bethe bei Pauly-Wissowa, Real-Encyld. d. Mass. Altertums-
— 283 —
?m5.ni, Stuttgart 1899, S.241ff.; s. ferner v.Prittwitz-Gaflfron,
BeUerophon m der antiken Kunst, Dissert., München 1888.
Der wesentliche Inhalt der Sage ist dieser:
Bellerophon oder Bellerophontes ist der Sohn des Po-
seidon, oder, nach anderer Version (Homer), des Königs
Glaukos von Korinth, der ursprünglich mit Poseidon iden-
tisch ist {yXavxoQ bezeichnet bekanntlich eine Farbe des
Meeres). Er befindet sich in einem Abhängigkeitsverhältnis
zu Proitos, dem König von Tiryns in Argolis, — wie es
scheint, eine Nachbildung des Verhältnisses des Herakles
zu Eurystheus. Erst jüngere Sage motiviert seinen Aufent-
halt bei Proitos damit, dafs er einen Mitbürger oder Bruder
Namens Belleros beim Kampfspiel unfreiwillig erschlagen
habe und deshalb aus Korinth zu Proitos geflüchtet sei (volks-
etymologische Deutung des Namens BeUeQoq)öjv, s. S. 287).
Die Gemahlin des Proitos, Anteia oder Stheneboia (letz-
terer Name zuerst bei Euripides) wird von Liebe zu
Bellerophon ergriffen und sucht ihn zu verführen; aber
dieser weist sie zurück. Um sich zu rächen, verleumdet
nun Anteia den BeUerophon bei Proitos, er habe ihr Ge-
walt antun wollen, und verlangt seinen Tod. Proitos
wagt es nicht, sich an BeUerophon zu vergreifen, aber er
sendet ihn an seinen Schwiegervater, den Lykierkönig
Jobates (der Name wird bei Homer nicht genannt) und
gibt ihm in Gestalt einer zusammengefalteten Holztafel
ein Schreiben mit, w^orin er Jobates auffordert, den Über-
bringer zu töten. Die Tafel ist mit dem königlichen Siegel
verschlossen. Jobates bewirtet den Gast erst neun Tage
lang, dann, am zehnten, fragt er ihn nach seinem Auftrag.
BeUerophon übergibt das Schreiben mit unverletztem Siegel
(Fischer S. 14). Aber auch Jobates wagt nicht, selbst
den BeUerophon zu töten; er beauftragt ihn deshalb, die
Chimaira zu erlegen, ein Ungeheuer, vorne Löwe, in der
Mitte Ziege, hinten Drache, indem er darauf rechnet, dafs
— 2S4 —
Bellerophoii in dem Kampfe umkommen werde. Aber
Belleroplion ist in den Besitz des geflügelten Götterrosses
Pegasos gelangt. Dieser wurde nach Hesiod, Theogonie
V. 278 if., der zuerst den Pegasos mit Belleroplion in Ver-
bindung bringt — Homer kennt ihn noch nicht — , von
Poseidon mit der Medusa auf blumiger Aue erzeugt; bei
ihrer Enthauptung durch Perseus an den Quellen des
Okeanos sprang er nebst dem Chrysaor hervor:
Es stürmte der grofse Chrysaor hervor und Pegasos wiehernd.
Pegasos wurde benannt von den nahen Ozeanusquellen,
Und von dem goldenen Schwert, das die Hand ihm füllte, Chiysaor.
Jener, im Fluge auffahrend vom herdeweidenden Erdreich,
Kam zu der Götter Geschlecht und wohnt im Palaste Kronions.^)
Mit Hilfe des Pegasos gelingt es Bellerophon, das
Ungeheuer zu besiegen. Nach Apoll odor 2, 3, 2, zu dem
die bildlichen Darstellungen stimmen, schwang er sich auf
dem Eofs in die Lüfte und durchbohrte die Chimaira von
oben mit der Lanze. Dagegen nach den Mythogr. Graeci
p. 388 (Westermann) und ähnlich Eusthatius Z 200 und
Tzetzes, LyJcophron 17 brachte er ihr eine Bleikugel in
den Rachen, die am Feuer in ihrem Innern schmolz und
ihren Tod verursachte. Homer, der den Pegasos nicht
kennt, läfst ihn die Chimaira bestehen „im Vertrauen auf
göttliche Zeichen (decov regdeooi mdrjoag)'^ d. h. nach Fischer
S. 18: er hatte sich von den Göttern Zeichen erfleht, die
günstig ausgefallen waren. Nun stellt Jobates ihm neue
gefährliche Aufgaben: er hat zuerst den Stamm der Sol3^mer.
dann die Amazonen zu bekämpfen; beide Male bleibt er
Sieger. Dem zurückkehrenden legt Jobates einen Hinter-
halt der tapfersten Ijykier, aber Bellerophon erschlägt sie
alle. Nun erkennt Jobates die göttliche Abstammung
seines Gastes, er gibt ihm seine Tochter zur Frau (die
^) Übersetzung nach J, v. Negelein, Das Pferd im german. Alter-
tum, Königsberg i. Pr. 1903 (Tcutonia, Arbeiten xiir geriii. Piniol.
H. 2;, S. 88.
— 285 —
iiiitri \riM-liiedeiieii Naiiieii auftiiit: Plülonoe, Kassaiidia,
Astymedusa oder Antikleia) und schenkt ihm die Hälfte
seines Königreiches.
Nachdem Bellerophon so sein Lebenswerk vollbracht
hat, versinkt er in Schwermut. Nach Homer wird er allen
Göttern verhafst, er irrt einsam umher auf dem aleischen
Gefilde ("Ahjtov jiedior), voll finsteren Unmuts, alle Wege der
Menschen vermeidend. Ares tötet Bellerophons Sohn Isandros
im Kriege gegen die Solymer, seine Tochter Laodameia
fällt dem Zorne der Artemis zum Opfer, nur Hippolochos
bleibt ihm, der Vater des Glaukos, letzterer mit Sarpedon
der Führer der Lykier vor Troja.
Hiermit schliefst die Darstellung Homers.
„Für den Hafs der Götter gegen Bellerophon . . . gibt
Scholion B H. VI 200 (Porphyrius = Schrader) aufser der
Erklärung seines Trübsinns aus seinen Verleumdungen bei
Proitos und Jobates nach Aecov tv roTg Xovoaogixolg die
Notiz aus der Lyde des Antimachos, die Tötung der
.Solymer, die die Götter geliebt, habe ihm ihren Hafs zu-
gezogen" (Bethe, a. a. 0. S. 249). Nach Euripides, über
dessen Dai'Stellung sofort genauer zu handeln ist, wollte
er auf dem Pegasos den Himmel auskundschaften, wurde
aber abgeworfen und stürzte ins aleische Gefilde hinab,
wobei ihm die Hüfte ausgerenkt wurde. Er starb mit
seinem Schicksal ausgesöhnt.
Bezüglich der Herkunft und der Deutung des Mythus
gehen die Ansichten auseinander. Nach Bethe ist Bellero-
phon, „soweit wir wissenschaftlich erkennen können, ein
urgriechischer Gott". Sein Kult sei von der Nordostecke
des Peloponnes nach Kleinasien, besonders nach Lykien, aber
auch in die jonischen Kolonien gelangt. Die Vermutung
liege nahe, dafs Bellerophon auch in der Nordostecke des
Peloponnes erst eingewandert war und zwar von Norden
her. Seine Kämpfe gegen die Solymer seien offenbar ein
— 286 —
mythisches Spiegelbild der Kämpfe der Griechen um den
Besitz von Lykien. Ebenso betrachtet Rapp Bellerophon
als einen ursprünglich griechischen Heros.
Dagegen nahm Preller, Griech. Mythol. 11,77 umgekehrt
an, dafs der Kult des Bellerophon aus Kleinasien nach
Korinth übertragen wurde; er entstammt einem „sehr alten
lycischen Licht- und Sonnendienst": „Bellerophon, der
lycische Sonnenheld, ist ein Sohn des Glaukos oder des
Poseidon, weil die Sonne aus dem Meere aufsteigt: daher
sich dieselbe Vorstellung in manchen altertümlichen Sagen
wiederholt und auch darin bewährt, dafs Poseidon und
Apollo oder Poseidon und Helios nicht selten neben
einander verehrt wurden. Zu bemerken ist auch, dafs der
Kult des Sonnengottes in Korinth ein sehr alter war und
dafs Helios in diesem Kulte nach einer gleichfalls nicht
ungewöhnlichen Vorstellung als die streitbare Macht des
Himmels schlechthin verehrt wurde, so dafs er auch wie
sonst Zeus xeQavviog im Gewitter seine Macht offenbart.
Auch Blitz und Donner zogen als Rosse den Wagen dieses
korinthischen Helios und Pegasos, das Rofs des Belle-
rophon, ward sonst als das des Zeus Keraunios gedacht."
Ebenso nimmt lykisclien Ursprung der Bellerophon-
sage an 0. Treuber, Geschichte der LyJcier, Stuttgart 1887,
S. 57 ff.: „Die einzelnen diesem Heros zugeschriebenen
Taten versetzt die homerische Form der Sage alle nach
Lykien. In der späteren Gestaltung der Sage spielt nur
eine, die Bändigung des Pegasus, auf korinthischem Boden."
Er weist ferner darauf hin, dafs eine der lykischen Demen
BeUeQO(p6vTeiog hiefs, und dafs gerade das historische
Element in der ganzen Sage, der Kampf mit den Solj^mern,
spezifisch lykisch ist. Zu der gleichen Ansicht bekennt
sich H. Lewy, Die semit Fremdwörter im Griechischen,
Berlin 1895, S. 190. Den Namen erklärt letzterer aus dem
Semitischen als Ba'cil räfön, „Ba'al der Heilung, Rettung."
287
Der auch bezeugten Naraensform 'EkXeQOfpovrijg liege zu
Grunde 'El räßn, „'El der Heilung." „Die Formen
BeXX€Q(xp6vn]^ und " EkXEQ0(p6vTi]g für BeXXegocpdjv und 'EXXe-
QO(pcov sind Erzeugnis der Volksetymologie, gebildet nach
^AQiGToq)6vjt]g, KXeoffövrrjg , WO auch die verkürzte Endung
-(pöjv voikommt."
Nach Eapp, a. a. 0. S. 761 ist Bellerophon „der himm-
lische Reiter, der mit seiner heilsamen und reinigenden,
in Sturm und Gewitter einherfahrenden Macht das ver-
derbliche Gewitterungetüm, die Chimaira, erlegt und da-
durch als der Retter und Wohltäter der Menschheit, d. h.
als Heros erscheint." Der Pegasos sei ein Sinnbild der
Wolken, die aus dem Meere aufsteigen.
Bender, Die märchenhaften Bestandteile der home-
rischen Gedichte, Progr. des Gymn. von Darmstadt, 1878,
S. 13 ist geneigt, sich Max Müller, Essays II, 156 ff. an-
zuschliefsen, der Bellerophon mit Indra, dem Lichtgott,
identifiziert, dem Spender des befruchtenden Regens. „Denn
der Regen strömt nicht eher, so lehren die Vedas, bis der
Gott den schwarzen Dämon, die Wetterwolke, die schwarze
Haut, die das Nafs gefangen hält, getötet i. e. gespalten
hat." Bellerophon sei demnach ein Doppelgänger des
Herakles und Perseus und wie jene im Grunde nichts
anderes als der über dunkle Dämonen siegende Gott des
lichten Himmels. In seiner Geschichte, wie sie in der
Ilias vorliegt, würden wir „eine Verquickung uralten
Sonnendienstes eranischen Ursprungs mit semitischen Tradi-
tionen und vielleicht schliefslich mit der nachklingenden
Erinnerung alter Kolonisationsfahrten nach Kleinasien zu
erkennen haben, und es ist für diese Erklärung nicht be-
deutungslos, dafs die Haupthandlung in Lykien spielt,
dem Eigentum des Lichtgottes Apollo, der Verkehrs-
brücke zwischen Kleinasien und der Ostbucht des
Mittelmeeres."
288
Trenber, a. a. 0. S. 63 sieht in Bellerophon einen nach
und nach zum Heros sich entwickelnden Himmelsgott, der
zum Meer und den Gewässern überhaupt in Beziehungen
stand. „Diese Beziehung war derart, dafs Bellerophon
entweder der Held der aus dem Meer aufgehenden Sonne
war, welche Anschauung die Lykier dann aus früheren
Wohnsitzen mitgebracht hätten, oder der Gott, der aus
dem Meer und sonstigem Gewässer die Wetterwolken ent-
stehen läfst und kraft eines dualistischen Gegensatzes in
seinem Wesen, wie ein solcher so ziemlich bei allen
Naturgottheiten sich findet, im Gewitter gegen die finsteren,
unheildrohenden Wetterwolken siegreich kämpft. Für die
erstere Auffassung wäre die Chimaira ursprünglich eine
Verkörperung irgend welcher die Ordnung störender und
menschenfeindlicher Naturkräfte oder vielleicht der unheil-
vollen Seite und Wirkung der Sonnenhitze; für die zw^eite
ist sie die Verkörperung eben der Gewitterwolken und
der Gewittererscheinungen."
Fischer, a. a. 0. S. 91 sieht mit den Alten in der
Chimaira einen feuerspeienden Berg; ihr Schlaugeukopf
bezeichne das zündende vulkanische Feuer, das in Schlangen-
wdndungen aus dem Krater hervorströmt, der Löwenkopf
einmal das brüllende Getöse des Vulkans und dann die
Glut (braungelbe Farbe) des Feuers; den Ziegenkopf führt
Fischer zurück auf den feuerspeienden Berg Chimaira ==
Ziege in Lykien, der Plinius, Nat Rist 2, 106; 5, 28 und
Servius ad Aen. 6, 280 bekannt ist. Er leitet den Namen
mit Sickler ab von einem hebräischen Namen lOn . der
brausen, aufgähren, anschwellen bedeutet. Dieser Name
sei von den Griechen, die nach Lykien kamen, yjjuaioa
ausgesprochen worden, und so sei die Ziege in die Bildung
des Ungeheuers hineingekommen.
Auch Lewy, a. a. 0. S. 191 deutet die Chimaira auf
einen Vulkan; doch erklärt er die drei Köpfe anders:
- 289 —
„wahrscheinlich erklärt sich die Dreigestalt so, dafs der
glühende Lavastrom wie ein Löwe verheert, wie eine
Bergziege hüpft und wie eine Schlange sich windet."
Nach Gruppe, Müllers Handbuch V, 2, S. 838 bezeichnet
die Chimaira „den nach antikem Wahn aus Vulkanen her-
vorkommenden Sturm". Als Wohnsitz des Sturmdämons
sei die Chimaira durch ihren phoinikischen Namen empfohlen
worden. Gruppe erwähnt auch Useners Deutung der Chimaira
als des löwenförmigen, vom Sonnengott bezwungenen Winter-
dämons, stimmt ihr aber nicht zu.
Der Pegasos wurde von den Alten aufgefafst als das
Gewitterrofs des Zeus, vereinzelt auch als das Götterrofs
der Eos, s. Bethe S. 245. Die erstere Deutung wird von
Rapp a. a. 0. Sp. 759 acceptiert.
Negelein, a.a. 0. S. 50 bezeichnet ihn als das ,,Blitzrofs",
er sei „identisch mit dem ßlitzgott, die erstere Figur eine
theriomorphische, die zweite eine anthropomorphische Dar-
stellung derselben Naturerscheinung. Die Blitzgötter reiten
stets, Mann und Rofs sind körperlich ein untrennbares
Ganze und fallen begrifflich zusammen." vS. bei Negelein
Kap. II, 1, S. 48: Das Pferd als Blitzsymbol.^)
Da ich nicht Fachmann bin, so kann ich mir über
diese Fragen ein Urteil nicht erlauben. Doch darf ich
wohl bemerken, dafs mir die Ansicht, wonach die Belle-
rophonsage aus Lykien nach Griechenland erst übertragen
wurde, besser begründet und die Auffassung Bellerophons
als eines lykischen Sonnenheros alle Wahrscheinlichkeit
für sich zu haben scheint; dazu stimmt die, wie mir scheint,
einleuchtende Deutung des Namens, welche Lewy gibt.
Die Beilerophonsage ist sowohl von Sophokles als von
^) Dichterrofs ist der Pegasos erst seit Bojardo, Orlando ina-
moratOj infolge einer Vennengung der Sage von Bellerophon und der
von der Hippokrene.
Zenker, Boeve-Amlethus. 19
— 290 ~
Euripides dramatisch behandelt worden, von ersterem im
Jobates, von Euripides im Beller oj)hontes und in der Stkene-
hoia. Von allen drei Tragödien sind uns nur Fragmente
erhalten.
Mit der Rekonstruktion haben sich befafst F. G. Welcker,
Die griech. Tragoedien, Bonn 1839, I, 416—18, II, 785—800,
777 — 785; J. A. Härtung, Euripides restitutus I, Hamburg
1843, 388—401, 78—86, und Wecklein, Über fragmentar.
erhalt. Tragoedien d. Euripides, Sitzungsber. d. Äkad. d. JViss.
z. Mimchen, philos.-hist. Klasse 1888, 1, S. 98—109. Die
Fragmente sind gesammelt bei A. Nauck, Tragicorum Grae-
corum fragmenta, Leipzig 1856, S. 351 — 59.
Vom Jobates des Sophokles sind nur zwei Fragmente
auf uns gekommen, die über den Gang der Handlung keine
Auskunft erteilen. Doch nimmt Welcker an, dafs Askle-
piades in seinem Scholion zu Ilias VI, 155 aus Sophokles
schöpft: „Proitos", so berichtet A., „wollte den Bellerophontes
nicht mit eigener Hand töten, deshalb schickte er ihn
nach Lykien zu seinem Schwiegervater Jobates und gab
ihm ein Schreiben mit, das, ohne dafs der Überbringer es
wufste, gegen diesen selbst gerichtet war. Jobates über-
trug ihm viele Kämpfe, als er aber sah, dafs er alle glück-
lich bestand, wurde er argwöhnisch bezüglich des gegen
ihn gerichteten schlimmen Anschlages. Denn eine solche
Menge Feinde kämpfte er durch seine Kraft nieder. Er
gab ihm nun seine eigene Tochter Kassandra zur Gattin
und schenkte ihm einen Teil seines Königreiches." Welcker
nimmt an, das Drama habe eingesetzt bei der Rückkehr
des Bellerophon von seiner letzten Prüfungsfahrt: „Diese,
sowie die vorangegangenen, wurde so durch ihn und den
Chor, der natürlich aus Lykiern bestand, der Inhalt der
ersten Darstellung. Und als nun Jobates Zweifel an der
Schuld des Bellerophontes fafste, so gab der Brief des Proitos
Anlafs, die Beschuldigung der Anteia ihm vorzuhalten und
— 291 —
die Vorfälle nach der Wahrheit aus Licht zu bringen."
Das Stück behandelte also nur den ersten Teil der Sage.
Beide Teile hat dramatisiert Euripides in den genannten
Tragödien.
Der Inhalt der Sthenehoia war im wesentlichen dieser:
Bellerophüu, wegen Todschlags aus Korinth flüchtend, kommt
zum König Proitos nach Tiiynth.^) Stheneboia, des Proitos
Gemahlin, verliebt sich in den Fremden, als er ihr aber
nicht zu Willen ist, verklagt sie ihn bei Proitos, er habe
ihr Gewalt antun wollen. Dieser sendet Bellerophon mit
einem Briefe, der ihm den Tod bringen soll, nach Karlen
zu Jobates. Jobates beauftragt ihn, die Chimaira zu be-
kämpfen. Bellerophon tötet diese und kehrt nach Tirynth
zu Proitos zurück. Als er erfährt, dafs Stheneboia ihm zum
zweiten Male nachstellt, nimmt er an ihr Rache, indem er
ihr Liebe heuchelt, sie auf dem Pegasos in die Luft empor-
führt und dann ins Meer hinabstürzt. Fischer finden ihren
Leichnam und bringen ihn nach Tirynth. Bellerophon setzt
den Proitos von dem Geschehenen in Kenntnis: zweimal habe
man ihm nach dem Leben getrachtet, nun habe er gerechte
Rache genommen.
Die Rache des Bellerophon an Stheneboia ist nach
Rapp, a a. 0. S. 772, unzweifelhaft eine Erfindung des Euri-
pides. Das Drama war sehr populär; nach Fischer S. 45
war es so ins Volk übergegangen, dafs mehrere Sentenzen
daraus zu Sprichwörtern wurden.
Bei weitem wichtiger ist für uns nun aber das zweite
Drama des Euripides, der Bellerophontes. Über seinen Inhalt
geben die Nachrichten der Alten zusammen mit den ziem-
*) Bei Homer spielt die Handlung vielmehr in Korinth. Ihre
Verlegung nach Tirynth rührt daher , dafs Euripides den Proitos
Homers mit dem gleichnamigen Beherrscher von Tirynth verwechselte,
s. Prittwitz-Gaffron S. 4.
19*
— 292 —
lieh zahlreichen Fragmenten und der Parodie im Frieden
des Aristophanes ungefähren Aufschlufs.
Der Prolog wurde nach Härtung S. 389 von Mega-
penthes, dem Sohne des Proitos und der Stheneboia, ge-
sprochen. Er gab die bekannte Vorgeschichte von der
Flucht des Bellerophontes aus Korinth bis zu seiner Ver-
mählung mit der einen Tochter des Proitos. Es wurde
darin u. a. erzählt, dafs Jobates, als Bellerophontes mit
dem versiegelten Schreiben des Proitos ankam, gerade bei
Tafel war, dafs er ihn als einen Vertrauten seines Schwieger-
sohnes einlud und mit sich speisen liefs. „Als er darauf
den Brief gelesen hatte, schöpfte er sogleich Verdacht,
dafs Bellerophontes unrecht beschuldigt sei, da Dike zuge-
lassen^ dafs er mit ihm afs: denn es ist Gebrauch bei den
Hellenen, dem, der mitgegessen hat, nicht übel zu tun."
Von Stheneboia meldete der Prolog nach Härtung S. 390,
sie habe sich, als sie vernahm, dafs Bellerophon schuldlos
befunden, aus Scham mit Gift das Leben genommen —
also eine Version, welche von der des erstbesprochenen
Dramas abwich.
Bellerophon wurde nun in dem Stücke geschildert als
ein von tiefer Schwermut befallener, „der nicht blofs von
Glück und Unglück Zweifel gegen die göttliche Gerechtig-
keit auf Erden schöpft, .... sondern gegen die Welt-
regierung hadert und die Götter leugnet" (Welcker).
Seine Gesinnung kommt deutlich zum Ausdruck in
Fragment 287, welches lautet:
„Ich bekenne mich zu dem Satze, den man überall
vernimmt: das Beste sei es dem Sterblichen, nie geboren
zu werden. Unter drei Lebensschicksalen aber, dem Reich-
sein, der Abstammung aus edlem Geschlecht und der Armut,
trägt nach meinem Urteil eines den Sieg davon — denn
diese Zahl [sc. möglicher Schicksale] nehme ich an. Wer
sehr reich, hinsichtlich seiner Abstammung aber nicht
— 293 -
glücklich ist, der leidet zwar, er leidet, doch in schöner
Weise, wenn er die mit Reichtum erfreulich gefüllte Kammer
öffnet. Mufs er aber diese verlassen, nachdem er vorher
reich gewesen, dann ist er, unter dem Joch des Unglücks,
traurig. Wer aber, aus edlem, ehrwürdigem Geschlechte
stammend, Mangel erduldet, der ist im Hinblick auf seine
Herkunft zwar glücklich, durch seine Armut aber ist er
übel dran, und dabei leidet er in seiner Seele; aus Scham
meidet er die Arbeit der Hände. Wer aber gar nichts
hat und in jeder Beziehung unglücklich ist, der trägt eben
dadurch deü Sieg davon. Denn Mangel leidend, stets un-
glücklich und in Not, hat er das Wohlbefinden gar nicht
kennen gelernt. Und so ist es das Beste, das Angenehme
nie gekostet zu haben; denn dieses behalten wir in der
Erinnerung. Ein solcher war auch ich einst, als ich glück-
lich war unter den Menschen."
Er bestreitet das Dasein der Götter, Fragm. 288:
„Mancher meint, es gebe wirklich im Himmel Götter:
es gibt keine, keine! Wenn der Mensch redet, soll er
nicht einfältig Althergebrachtes nachsprechen. Erwäget
dieses und seid nicht gegen meine Worte von vornherein
eingenommen. Ich behaupte, dafs Tyrannei die meisten
tötet und ihres Besitzes beraubt, dafs solche, die die Eide
brechen, die Städte zu Grunde richten. Und obgleich sie
das tun, sind sie glücklicher als die, welche Tag für Tag
in ruhiger Frömmigkeit dahin leben. Ich kenne kleine
Städte, welche die Götter ehren und dennoch gröfseren,
weniger frommen Untertan sind, überwunden durch die
gröfsere Zahl der Lanzen ..."
Damit steht im Einklang seine Äufserung in Fragm. 295 :
„Möchf ich doch sterben! Denn nicht ist es recht,
das Licht zu schauen, wenn man sieht, wie die Schlechten
widerrechtlich in Ehren sitzen."
Bellerophon tat diese Äufserungen im Gespräch mit
— 294 —
einem Vertrauten, in dem Härtung seinen Sohn Glaukos
vermutet; denn offenbar sind als Erwiderungen auf Belle-
rophons Klagen zu fassen Fragm. 303 und 304:
„Du siehst in zahllosen Fällen unverhoffter Weise
eine Wendung zum Besseren eintreten. Viele entflohen
den Wogen des Meeres, viele auch, erst unterlegen, ge-
wannen dann die Oberhand über die feindlichen Lanzen
und erreichten ein besseres Geschick."
„Unverzagter Mut hat im Unglück grofse Kraft."
Bellerophon fafst nun den Plan, mit Hülfe des Pegasos
den Himmel auszukundschaften. Er läfst sich sein Flügel-
rofs bringen, besteigt es und schw^ebt durch die Luft empor,
indem er spricht:
„Komm, goldgezäunter, erhebe deine Fittiche . . . .
erscheine, schattiges Laubdach, ich überfliege die quellen-
reichen Waldtäler; den Äther über meinem Haupte wünsche
ich zu sehen, erfahren will ich, welche Stätte Einodia („die
wegeschützende", d. i. Hekate) innehat."
Eine Parodie dieses Pegasosrittes gibt Aristophanes
im Frieden, wo er im ersten Akt den attischen Landmann
Trygaios auf dem Mistkäfer zum Olymp emporreiten läfst.^)
Es folgt dann Bellerophons Sturz ins aleische Gefilde.
Er wird über die Bühne getragen, wobei er die Worte spricht:
„Wehe! Was wehe! Irdisches traun erdulden wir.
Tragt diesen Unglücklichen hinein."
Nachdem seine Wunden geheilt sind, irrt er lahm auf
dem aleischen Gefilde umher, s. Härtung S. 393, der erst hier
^) Nach Wecklein S, 99 bezöge sicli die Parodie vielmehr auf
den Pegasosritt in der Stheneboia, was mir nicht glaublich scheint;
seine Begründung: „Da sich die Töchter des Trygaios nach der Fahrt
erkundigen, die stattfinden soll, so kann sich die Parodie nur auf
die Stheneboia beziehen, in welcher naturgemäfs Stheneboia Näheres
über die gefährliche Fahrt, mittelst welcher Bellerophontes sie ent-
führen zu wollen vorgibt, erfahren will", ist mir nicht verständlich.
— 295 —
den oben citierten Fragmenten 287, 288, 295 ihren Platz
anweist.
Nun werden die Anschläge gegen ihn fortgesetzt:
Megapenthes will ihn ermorden, aber Bellerophon wird
von seinem Sohne Glaukos gerettet. Härtung vermutet,
Stheneboia habe sich vor ihrem Tode von Megapenthes
schwören lassen, dafs er ihren Tod an Bellerophon rächen
wolle; Welcker meint, eine Kabale von seiten des Mega-
penthes sei vielleicht gerade die Ursache von Bellerophons
Unmut gegen die Götter, die Grundlage des Stückes gewesen,
und Jobates sei wohl im Einverständnis mit Megapenthes zu
denken. Zu der Vermutung Welckers dürfte stimmen, jeden-
falls läfst sich damit vereinigen die Angabe des Ilias-
Scholiasten Leon, „Bellerophon sei dem Trübsinn verfallen
und habe sich von dem Umgang mit Menschen zurückgezogen
aus Schmerz darüber, dafs er beim Proitos von der Anteia
(= Stheneboia) verleumdet, dann beim Jobates vom Proitos
fälschlich angeklagt worden sei", s. Fischer S. 43.
Wecklein nimmt an, dafs es ein Vergiftungsanschlag
war, den Megapentlies gegen Bellerophon unternahm. In
einem Fragment ist nämlich von der richtigen Anwendung
von Heilmitteln die Rede: „Dies scheint seine Erklärung
darin zu finden, dafs einer sich dem Bellerophon, der ja
krank ist, als Heilkünstler anbietet, ihn mit seinen Heil-
mitteln zu vergiften." Fragm. 293 zeigt einen Älteren im
Gespräch mit einem Jüngeren, bemüht, diesen vom offenen
Angriff zurückzuhalten:
„Knabe, die Hände junger Leute sind wohl kräftig
zur Tat, bessere Einsicht aber haben die Bejahrten, denn
die Zeit ist der beste Lehrmeister."
Der Jüngere verwirft Hinterlist und dunkle Mittel,
Fragm. 290:
„Listen und dunkle Anschläge sind Mittel, die zu ver-
wenden unmännlich ist unter den Sterblichen."
— 296 —
Der Alte jedoch ist anderer Ansicht, Fragra. 292:
„Stets fürchte ich den körperlich starken, aber un-
wissenden Mann weniger als den schwachen, aber klugen."
Er empfiehlt die Hinterlist, Fragm. 291:
„Denn in mörderischen Kämpfen der Männer und in
Schlachten mufs man mit List zu Werke gehen; der Weg
der Wahrheit taugt nichts, Ares ist ein Freund des Truges."
In diesem Älteren vermutet Wecklein — ich denke, mit
Eecht — den Jobates, von dem Plutarch, Moralia p. 147 B
bemerkt, er sei unter denen, die um Bellerophon
waren, der schlechteste gewesen (d(3<^o3TaTog7re^tat'Tdi^).
Der Anschlag mifslang indes, wie man annimmt; wir
hören, dafs Megapenthes von Bellerophous Sohne Glaukos
getötet wurde.
Bald darauf stirbt Bellerophon, woran, wird nicht über-
liefert, Härtung meint: sive fato sive ex vuhiere in pugna
accepto; er scheidet „beruhigt, von der Krankheit seines Innern
geheilt, im Bewufstsein seiner früheren, natürlichen Frömmig-
keit und Menschenfreundlichkeit". Nach Aelian schickte er
sich „heroisch und mit grofser Seele {fjQcoixöjg xal jueyayjvxcoQ)"
zum Tode an, indem er seine Seele apostrophierte:
„Du warst stets gegen die Götter fromm, solange Du
warst, den Fremden zeigtest Du Dich hilfreich und nicht müde
wurdest Du in Deinen Bemühungen für Deine Freunde."
Der Chor bestand nach Hartungs Vermutung aus
„Freunden des Bellerophon, welche herbeigekommen waren,
den kranken, unglücklichen Mann zu sehen", nach Wecklein
aus Landleuten, die gekommen, „um ihn in seiner Schwer-
mut zu trösten und ihn zu frommem Gottvertrauen aufzu-
fordern." Der Eest eines Chorgesanges, Fragm. 305, be-
zieht sich auf die Vereitelung eines hinterlistigen Anschlages:
„Niemals, darf man vermuten, ist das Wohlsein und
das hoffärtige Glück eines schlechten Menschen von Bestand,
noch das Geschlecht der Ungerechten; denn die aus dem
— 297 —
Nichts entsprungene Zeit bringt gerechte Normen herbei und
zeigt die schlechten Taten der Menschen auf immerdar." ^)
Icli bin bei der gegebenen Rekonstruktion im wesent-
lichen Härtung, dem sich Fischer, S. 50 — 54 anschliefst,
teilweise auch Wecklein gefolgt. Von Härtung weicht ab
Wecklein, insofern er den Anschlag des Megapenthes vor
den Aufstieg mit dem Pegasos setzt und Bellerophon an
den Folgen des Sturzes sterben läfst. Aber diese Annahme
steht doch in direktem Widerspruch zu der erhaltenen
Beschreibung eines Basreliefs im Tempel zu Kyzikos, auf
dem dai'gestellt war „Bellerophontes, wie er von seinem
Sohne Glaukos gerettet wird, als er, vom Pegasos ins aleische
Gefilde hinabgestürzt, von Megapenthes, dem Sohne des
Proitos, ermordet werden sollte," s. Härtung S. 388. Weck-
lein äufsert sich über diese Stelle nicht.
Der Bellerophontes wurde im Altertum, wie es scheint,
unter den Tragödien des Euripides besonders bewundert.
Härtung bemerkt S. 400, er zweifle nicht, dafs Aristoteles
den Dichter gerade im Hinblick auf den Bellerophontes
als den TQayixanaTog bezeichnet habe. Von dem Philosophen
Krantor (um 320 v. Chr.), dessen Cicero mit hohem Lobe
gedenkt, berichtet Diogenes Laertius IV, 26, er habe unter
allen am meisten den Homer und den Euripides bewundert
/Jycov £gyc7)deg h rw xvgiq) xQayixcöq äjua xal ovfijia^öjg
ygdtf'ai' xal Jigoecpegero rov otIxov tov ex xov BekXeQ0(p6vT0v'.
oifioi' Tt 6*oTjuoi; &t>r]Td roi nenovd^afiev.
„Honestissimum de Bellerophonte iudicium fecerat etiam
is auctor, quem Aelianus Hist a/iim, V, 34 compilavit. Oniitto
Plutarchum, M. Antoninum, Athenagoram, Sextum Empiri-
cum,Lucianum aliosque, qui Studium Euripidis versibus huius
tragoediae in medium proferendis testificati sunt" (Härtung).
Vornehmlich auf Euripides — Stheneboia und Belle-
^) aisi für htoi der Hds. ist Emendation von Wecklein.
— 298 —
rophontes — beruhen die künstlerischen Darstellungen der
Sage, s. Prittwitz-Gaffron S. 5: „er war es, der den Künstlern
und besonders den Vasenmalern, die hier fast ausschliefslich
in Erwägung kommen, die, wenn auch längst bekannten
Mythen erst nahe brachte und zur bildlichen Gestaltung
derselben anreizte."
Einen Beller ophontes schrieben auch der Tragiker Asty-
damas und der Komiker Eubulos (beide 4. Jh. v. Chr.);
leider wird uns über den Inhalt dieser Stücke gar nichts
überliefert^).
Ich meine nun, die Analogien zwischen der Bellerophon-
sage, wie sie uns in dem eben analysierten Drama des
Euripides vorliegt, und der Hamletsage, wie sie uns teils
bei Saxo, teils bei Shakespeare, aber auch im Boeve
von Hamtone entgegentritt, sowie der Chosrosage bei Firdosi
sind in hohem Grade frappant. Bevor ich aber daran
gehe, die Übereinstimmungen im einzelnen aufzuzeigen, will
ich nachweisen, dafs eben die Bellerophonsage, d. h. der
erste Teil derselben, auch die Quelle einer anderen be-
kannten Sage, nämlich des sogenannten Goldenermärchens
gewesen ist, von dem F. Panzer, Hilde - Gudrun , eine
sagen- und literargeschichtliche Untersuchung, Halle 1901,
S. 252 — 54 nicht weniger als 72 Versionen verzeichnet und
aus dem er in überzeugender Weise die Hildesage ableitet.
Auch hier ist, soweit meine Kenntnis reicht, der Zusammen-
hang mit der Bellerophonsage bisher von niemandem be-
achtet worden. Die Tatsache des Zusammenhanges ist für
den Nachweis des Ursprungs der Hamletsage aus der
Bellerophonsage in mehrfacher Hinsicht von Interesse: ein-
mal zeigt sie, welch weite Verbreitung die Bellerophonsage
^) Eine komische Darstellung der Sage, Bellerophon, im Kampfe
gegen die Chimaira den Pegasos hinter sich herzerrend , findet sich
auf der Kabirenvase von Athen, s. Winnefeld, Mitteil. d. arch. Instit.
Athen. Abt. 1888, Bd. 13, S. 421.
— 299 —
gefunden hat; sodann bietet sie ein vortreffliches Analogon
zu dem Fortleben der gleichen Sage in der Hamletsage,
und endlich ist sie geeignet, über die Beziehung der letz-
teren zur Servius-Tulliussage Licht zu verbreiten.
Ich gebe den Typus des Märchens mit Panzers eigenen
Worten :
„Die Grundzüge der Erzählung, bemerkt er, die in
allen Versionen wiederkehren, sind folgende: Ein Knabe
— es ist zumeist ein Königssohn — kommt in die Dienste
eines dämonischen Wesens (das wir im folgenden mit
Variante 1 [Grimm, Kinder und Hausmärchen 136] ein- für
allemal Eisenhans nennen wollen) und erwirbt bei ihm
goldene Haare. Er scheidet von ihm entweder in Güte
und erhält dann die Zusicherung fortdauernden Beistandes,
oder im Bösen, ihm heimlich auf einem wunderbaren Rosse
entfliehend, das dann im folgenden die Rolle des dämo-
nischen Helfers übernimmt. Als Tier oder Mensch niedrigen
Standes verkleidet tritt der Held, gewöhnlich als Gärtner,
in die Dienste eines Königs, gibt sich vielleicht noch für
einen Grindkopf, Narren, Stummen aus. Die Königstochter
aber entdeckt die goldenen Haare unter der Verkleidung
des Dienenden, verliebt sich in ihn und begehrt ihn, nach-
dem er zumeist noch in einem ritterlichen Spiel, bei dem
nur die Prinzessin ihn erkannt hat, einen Beweis seiner
adeligen Herkunft geliefert hat, zum Mann. Der Vater
mufs einwilligen, verbannt das Paar aber vom Hofe^).
Gleich darauf entsteht ein Krieg; der verachtete Schwieger-
sohn will mitziehen und erhält zum allgemeinen Spott eine
elende Mähre. Er aber vertauscht heimlich den Klepper
gegen sein irgendwo verborgenes Wunderrofs, bezw. erhält
vom Eisenhans Rofs und Rüstung und besiegt so dreimal
*) Dieser letztere Zug ist aus dem Typus zu streichen; er findet
sich keineswegs in allen Versionen.
- 300 —
den Feind. Zweimal vermochte er sich einer Erkennung
zu entziehen, in der dritten Schlacht wird er verwundet,
erkannt und auch vom alten König freudig als Schwiej>-er-
sohn angenommen,''
In einer Anzahl Versionen — zehn nach Panzer —
wird der Prinz im Beginn der Geschichte „durch die Nach-
stellungen seiner buhlerischen Stiefmutter aus dem Hause
getrieben und triift den Eisenhans zufällig."
Den engen Zusammenhang zwischen dem Märchen und
dem Boeve von Hamtone hat schon Panzer erkannt, indem
er S. 266 den Stoif des letzteren „im Hauptteile eine
Bearbeitung des Goldenermärchens" nennt. Nur täuscht er
sich bezüglich der Art und Weise des Zusammenhanges.
Denn der BvH ist keineswegs, wie Panzer meint, eine
Bearbeitung des Goldenermärchens, sondern eine solche
seiner mit einer andern Sage verschmolzenen Quelle, d. i.
der Quelle der Hamletsage, welche — um das Ergebnis
der nachfolgenden Untersuchungen hier vorauszunehmen —
eine Verschmelzung des griechischen Bellerophon-
mythus mit der römischen Brutussage darstellte.
Aus letzterer stammt das im BvH vorhandene Motiv der
Vaterrache, welches dem Goldenermärchen fremd ist.
Dem Märchen sind nun folgende wesentliche Züge
mit der Beilerophonsage gemein:
1. Der Held wird durch die Nachstellungen einer buhle-
rischen Frau (Anteia-Stheneboia der Bellerophonsage) aus
dem Hause getrieben (nur in den erwähnten 10 Versionen
des Märchens).
2. Er kommt zu einem fremden König (Jobates der
Bellerophonsage), dessen Feinde er besiegt.
3. Am Königshofe wird ihm zunächst mit Mifstrauen
begegnet: Goldener ist wegen seines vermeintlichen niederen
Standes verachtet, Bellerophon durch Proitos' Schreiben
bei Jobates verdächtigt.
801
4. Er gelingt in den Besitz eines Zaiiberrosses, ver-
mittelst dessen er seine Taten vollbringt.
5. Er erfreut sich des Beistandes eines mit über-
irdischen Kräften ausgestatteten Wesens. Der „Eisenhans"
erscheint nach Panzer S. 256 in mehreren Versionen als
Zauberer, in einer direkt als Dämon, in anderen vertritt
seine Rolle ein zauberkundiges Weib. Das gleiche Motiv
bietet die Bellerophonsage, insofern Bellerophon unterstützt
wird durch Athene und seinen Vater Poseidon. Athene
ist es, die ihm den Pegasos verschafft. Darüber
berichtet am ausführlichsten Pindar, Olymp. 13,61 — 88.
„Als Bellerophon am Quell Pirene sich vergebens bemüht
hatte, den Pegasus in seine Gewalt zu bringen, befragte er
den Seher Polyidus, welcher ihm riet, in der nächsten
Nacht am Altar der Athene zu schlafen; dort brachte
ihm Athene im Schlaf einen goldenen Zügel, den er
erwacht in der Tat vorfand; zugleich aber hatte die
Göttin befohlen, dem Poseidon einen Stier zu opfern und
den Zügel darzubringen. Als Polyidus dies erfahren, befahl
er dem Bellerophon, den Willen der Athene zu vollführen,
auch aufserdem noch ihr als "Inma beim Opfern des Stieres
einen Altar zu errichten. Der Götter Kraft macht auch
das Schwierige leicht. So legte auch Bellerophon dem
Pegasus die Zügel an, und auf ihm reitend, tötete er die
Amazonen, die Chimaera und die Solymer."^)
*) Die wichtige Stelle lautet in der Übersetzung von F. Thiersch,
Phidanis Werke I, Leipzig 1820, Übera. S. 143—147:
[Bellerophon,]
Der sterbend der schlangichten Gorgone Geschlecht [=: Pegasos] an
dem Brunnquell einzufahn, den
Pegasos, traun! vieles erduldend bestand,
Eh noch ein goldspangig Gebifs ihm die Jungfrau
Pallas bracht', und aus dem Traumbild ward sogleich
Wirklichkeit. Ihm rief sie: „Schläfst Du,
König von Aeolos Stamme? wohlan, nimm die Rofseinfriedigung,
Weih den Stier hochschimmemd dann für den allzähmenden Erzeuger.
— 302 —
6. Goldener besteht siegreich im Dienste des Königs
drei Kämpfe; ebenso Bellerophon: er besiegt die Chimaira.
die Solymer und die Amazonen.
7. Der Held zerstört durch seine Taten das gegen
ihn bestehende Mifstrauen und gewinnt die Hand der
Königstochter.
Dies die Übereinstimmungen, die sich aus einem Ver-
gleich der Beilerophonsage mit dem von Panzer aufgestellten
Typus und den Nr. 1 enthaltenden Versionen ergeben.
Weitere gemeinsame, zum Teil sehr spezielle Motive liefern
uns einzelne Versionen des Märchens. Ich mufs nun freilich
darauf verzichten, sämtliche 72 Fassungen, die Panzer nam-
In dem Schatten der Nacht schien
Diefs Wort im Schlaf ihm die Dunkelbewehrte
Zu sprechen, und er empor sprang graden Schritts,
Griff nach dem nahgelegten Wunderzaum
Und erreicht' in Sehnsucht den heimischen Seher.
Da stellt des Koeranos Sohn [Folyidos] ihm treu den Ausgang dar
des Beginnens, wie auf seinen Spruch
Er ruhte die Nacht an der Göttin Heerd und wie selber darauf ihm
Zeus' des Blitzstrahlversenders Tochter den Zaum
Des bezähmenden Golds gab.
Der Traumerscheinung unsäumig zu folgen
Ermahnet' er und, sobald zum Opfer den
Starkfüfsigen dem Gefilderschütterer
Er gefällt, Athena, der reisigen, Altar
Zu bauen. Göttliche Macht leiht gegen Eidschwur, gegen Erwartungen
mühlos Besitz.
Drum fing in ereilendem Anfall mächtiglich Bellerophontas,
Spannend ihm sanfte Zäumung über das Kinn,
Das flügelbeschwingte Rofs. Auf nun geschwungen in Erzrüstung
begann er
Waffentanz, zwang dann der Amazonen Schar
Aus der einsamströmenden Luft kaltem Schoos,
Schleudernd auf diefs Heer der wurfspiefsschwingenden
Fraun, Chimära's Flammenwut auch tilgt' er und Scharen des So-
lymer Volks. Schweigend berg' ich sein Geschick,
Doch im Ulympos empfahn jenen [sc. den Pegasos] Zeus' glanz-
helle Krippen.
— 303 —
liaft macht, hier heranzuziehen. Schon allzuweit hat mich
diese Untersuchung über die Grenzen meiner Fachwissen-
schaft hinausgeführt. Einen ins einzelne gehenden Ver-
gleich sämtlicher Versionen des Goldeuerraärchens mit seiner
Quelle, der Bellerophonsage, und eine Klassifizierung der
Vei*sionen mufs ich anderen überlassen. Ich begnüge mich
damit, einige von ihnen, die mir gerade zur Hand sind,
zu verwerten und auch bei diesen mufs ich mich darauf be-
schränken, die wichtigsten Züge, welche auf die Bellero-
phonsage als Quelle hinweisen, herauszuheben.
Eine deutliche Erinnerung an die Chimaira scheint
vorzuliegen in der bei Straparola, Le tredici piacevolissime
notti, 5. Nacht, Nr. 1 sich findenden Fassung, von der ich eine
vollständige Analyse gebe, da sie auch andere bemerkens-
werte Züge enthält und besonders auch für die Hamlet-
sage von Interesse ist:
In Sicilien herrscht ein König Filiijpomaria^ welcher
einen einzigen Sohn Namens Guerrino hat. Auf einer
Jagd im Walde trifft der König einen sehr grofsen, mifs-
gestalteten, wilden Mann, den er überwältigt, gebunden
mit in seinen Palast nimmt und gefangen setzt. Als der
König einmal wieder der Jagd obliegt, nähert sich Guerrino,
Bogen und Pfeil in der Hand, dem Gitter des Gefäng-
nisses und unterhält sich mit dem Manne; da nimmt ihm
dieser unversehens den Pfeil fort; als Guerrino darüber
weint, erklärt der Mann sich bereit, ihm den Pfeil zurück-
zugeben, wenn Guerrino ihn aus dem Gefängnis heraus-
lassen wolle. Guerrino tut das, indem er seiner Mutter
den Schlüssel entwendet; er erhält dafür nun seinen Pfeil
zurück und der Mann macht sich auf die Flucht. Von
diesem heifst es, er sei ursprünglich gewesen „ein sehr
schöner Jüngling, der aus Verzweiflung darüber, dafs er
die Neigung der Dame, die er liebte, nicht gewinnen
konnte, sich der verliebten Gedanken und der Zerstreu-
— 304 —
ungen der Stadt entsclilagen und sich unter das Getier
des Waldes begeben hatte, in den Forsten und dichten
Büschen lebend, Gras essend und Wasser trinkend nach
Art der Tiere." Das sei die Ursache seines verwahrlosten
Aussehens gewesen. Als die Königin erfährt, dafs Guer-
rino dem wilden Mann zur Flucht verholfen hat, ist sie
aufser sich, denn sie fürchtet, der König könnte ihn im
Zorne töten. Sie schickt ihn deshalb mit zwei Dienern
(due suoi servi fidelissimi) und guten Pferden, reich mit
Kleinodien und Geldmitteln versehen, in die Fremde. Der
König, zurückgekehrt, wird von dem Geschehenen benach-
richtigt. Er ist tief betrübt über die Entfernung seines
Sohnes und schickt nach allen Himmelsrichtungen Soldaten
aus, die den Verlorenen suchen sollen, aber vergeblich.
Guerrino, in der Welt umherziehend, bald hier, bald dort
verweilend, wird 16 Jahre alt. Eines Tages begegnet ihm
ein Jüngling, der, in prächtige Gewänder gehüllt, auf
einem stolzen Rosse reitet; er bietet sich Guerrino als
Begleiter an, Guerrino willigt ein, und beide ziehen nun
gemeinsam weiter. Der Jüngling ist kein anderer als
eben jener wilde Mann, den er aus dem Gefängnis befreit
hat. Letzterer war auf seinen Kreuz- und Querzügen ein-
mal von einer wunderschönen Fee erblickt worden. Sie
mufste über seine häfsliche Erscheinung so heftig lachen,
das ihr ein Geschwür nahe am Herzen, welches ihr sonst
vielleicht den Tod gebracht hätte, entzwei ging: nun Avar
sie geheilt. Aus Dankbarkeit machte sie ihn zum schönsten,
anmutigsten Jüngling, gab ihm Teil an aller Gewalt, die
ihr von der Natur verliehen, und beschenkte ihn mit
einem Zauberpferde (un fatato cavallo).
Guerrino und sein Begleiter kommen nun zu einer
Stadt Namens Irlanda; hier herrscht ein König Namens
Zifroi, der zwei wunderschöne Töchter hat, Potentiana
und Eleuteria. Die Reisenden nehmen in der Stadt
305
Wohnung bei einem Bäcker. In dem Lande hausen zwei
gefilhrliche Tiere, ein wilder Hengst und eine wilde Stute,
welche nicht nur die Felder verwüsten, sondern auch
Menschen und Vieh töten, sodafs alles aus dem Lande
flieht. Niemand wagt, es mit den Tieren aufzunehmen.
Nun trachten dem Guerrino seine beiden Diener nach dem
Leben, in der Absicht, sich seiner Kostbarkeiten und seines
Geldes zu bemächtigen. Sie erzählen dem Wirt, Guerrino
habe sich wiederholt gerühmt, den wilden Hengst töten
zu können; er möge das den König wissen lassen, damit
er Guerrino bewege den Kampf zu bestehen, Guerrino
werde fallen und sie wollten sich dann in seine Habe
teilen. Der Wirt entspricht ihrem Wunsche, Guerrino
wird zum König entboten, der sich auf dessen angebliche
Äufserung beruft. Aber Guerrino bestreitet, jemals etwas
derartiges gesagt zu haben. Da gerät der König in Zorn
und droht, es solle ihm ans Leben gehen, wenn er sich
des Kampfes weigere. Guerrino kehrt traurig in seine
Herberge zurück und setzt den Freund von dem Ver-
langen des Königs in Kenntnis. Dieser spricht ihm Mut
ein und erklärt, ihm behülflich sein zu wollen, damit er
den Kampf siegreich bestehe. Auf seinen Rat läfst nun
Guerrino durch einen Hufschmied vier Hufeisen anfertigen,
die um zwei Finger gröfser als gewöhnliche und hinten
mit langen spitzen Haken versehen sind, und läfst sie
dem Zauberpferde anlegen. Dann befiehlt der Jüngling
ihm, sich auf das Rofs zu schwingen und davon zu reiten;
wenn er das wilde Rofs wiehern höre, solle er absteigen,
seinem Pferde Sattel und Zaum abnehmen, selbst auf einen
hohen Baum klettern und abwarten, was geschehe. Guer-
rino tut, wie ihm geheifsen. Von der Eiche aus, die er
erklettert, ist er Zeuge eines erbitterten Kampfes der
beiden Rosse. Zuletzt versetzt das Zauberrofs dem andern
ein paar Hufschläge, durch die es ihm den einen Kinn-
Zenker, Boeve-Amlethus. 20
306
backen ausrenkt, so dafs das Tier sich nicht mehr ver-
teidigen kann. Alsbald steigt Guerrino vom Baum herab,
legt dem besiegten Pferde einen Zaum an und führt es
im Triumph in die Stadt vor den König; letzterer wie
das ganze Volk sind hocherfreut. Die beiden Diener, die
ihren Anschlag mifslungen sehen, veranlassen nun den
König, Guerrino auch mit der Erlegung der wilden Stute
zu beauftragen. Alles verläuft genau wie das erste Mal;
das Zauberpferd macht die Stute kampfuufähig, indem es
ihr durch einen Hufschlag ein Bein ausrenkt, und Guer-
rino bringt sie dem König. Nachts kann er infolge eines
Geräusches nicht einschlafen; er forscht nach und findet
in einem Honiggefäfs eine Hornisse, die mit den Flügeln
schlägt und die er in Freiheit setzt. Der Köuig erklärt
nun Guerrino, er wolle ihm zum Dank für die Bändigung
der wilden Rosse eine von seinen Töchtern zur Frau
geben: von diesen habe eine, Potentiana, Haare wie Gold,
die Haare der andern, Eleuteria, glichen dem feinsten
Silber. Wenn er errate, welche die mit den goldenen
Haaren sei, solle er sie mit grofser Mitgift zur Gattin haben,
andernfalls solle ihm das Haupt abgesclilagen w^erden.
Guerrino, erschrocken über diese Drohung, klagt abermals
seinem Freunde sein Leid. Dieser sagt ihm, die Hornisse,
der er neulich die Freiheit geschenkt, werde ihm aus der Not
helfen. Die Prinzessin, um deren Haupt sie dreimal summend
herumfliegen werde, sei die mit den goldenen Haaren. Zu-
gleich gibt der Freund sich Guerrino zu erkennen als jener
wilde Mann, den er einst aus dem Gefängnis befreit habe:
Ruhinetto sei sein Name. Guerrino löst nun mit Hülfe der
Hornisse die gestellte Aufgabe und erhält die Prinzessin
zur Frau, Eubinetto ward mit der Schwester vermählt.
Guerrino gibt sich als Sohn des Königs von Sicilien zu
erkennen und kehrt mit seiner Gattin in die Heimat zu-
rück, wo er mit offenen Armen empfangen wird.
— 307 —
In dieser Fassung des Märchens ist, wie ein Vergleich
mit den anderen Versionen zeigt, schon manches in Un-
ordnung geraten, aufserdem sind Motive eingefügt, welche
der Geschichte ursprünglich fremd sind. So sind die Gold-
haare der einen Prinzessin offenbar nichts weiter als die
Goldhaare,^ welche die anderen Versionen dem Helden selbst
zuschreiben und die durch Verwechselung auf die Prin-
zessin übertragen wurden. Ferner liegt eine Verwechselung
des Helden und seines Beschützers vor, wenn letzterem,
nicht Guerrino, wie sonst, das Zauberpferd von einem über-
irdischen Wesen geschenkt wird. Der Urheber der vor-
liegenden Fassung kannte wohl zwei Versionen des Mär-
chens, von denen die eine ein weibliches Wesen, die andere
ein männliches dem Helden dämonische Hülfe leisten liefs;
er vermengte beide, indem er nun wieder die Kräfte des
männlichen Beschützers auf jenes weibliche Wesen zurück-
führte, — offenbar ein überaus künstliches Motiv, dem
seine Unursprünglichkeit an die Stirn geschrieben steht.
Fremd ist der ursprünglichen Geschichte auch u. a. die
Guenino zuletzt vom König gestellte Aufgabe, durch deren
Lösung er die Hand der Prinzessin gewinnt.
Andererseits finden sich nun aber in dem Märchen
einige Züge der Beilerophonsage, welche dem mitgeteilten,
von Panzer aufgestellten l^pus fehlen. Einmal: wie Belle-
rophon ein das Land verwüstendes Ungetüm, die Chimaira,
so bekämpft Guerrino deren zwei, den wilden Hengst
und die wilde Stute; der Ersatz der Chimaira durch diese
wird sich erklären durch Verwechselung mit der Bändigung
des Pegasos, die Bellerophon ja auch nur durch über-
irdischen Beistand gelingt. Sodann: wie in der griech-
ischen Sage, so ist auch hier der Zweck der dem Helden
gestellten Aufgaben — allerdings nur der beiden ersten —
der, ihn zu beseitigen; hier wie dort wird diese Hoff-
nung zu Schanden. In der schönen Fee, die den „wilden
20*
— 308 —
Mann" mit dem Zauberrofs beschenkt und ihre ganze Macht
auf ihn überträgt, wird man, wenn die Annahme einer hier
vorliegenden Verwechselung Rubinettos und Guerrinos zu-
treifend ist, gewifs Athene erkennen dürfen, die Bellerophon
zum Pegasos verhilft, s. oben S. 301. Endlich dürfte viel-
leicht auch der griechische Name der einen Prinzessin
zu beachten sein: Eleuteria; nach Artemidor, Oneirocrit.
V war Fleuthera bei den Lykiern Name der Arterais, die
hier, wie es scheint, eine Göttin der Fruchtbarkeit war,
s. Treuber, Beitr. zur Gesch. d. LyMer S. 27.
Ein anderer spezieller Zug der Bellerophonsage findet
sich in der von Bunker, Heanzische Schwänice, Sagen u.
Märchen, Zeitsch. d. Vereins f. VolhsJc. 8, 192 mitgeteilten
Fassung des Märchens (Nr. 8 bei Panzer). Hier erhält
der „Michel" = Goldener, der am Grabe des verstorbenen
Vaters auf dem Kirchhof drei Nächte wacht, von demselben
nacheinander eine eiserne, eine silberne und eine goldene
Peitsche nebst ebensolchem Zügel mit der jedesmaligen
Weisung, Peitsche und Zügel im Walde einzugraben. Das
dritte Mal sagt der Vater ihm aufserdem, eine Prinzessin
werde dem ihre Hand versprechen, dessen Eofs zwei
Stock hoch springen und ihr den Kranz aus der Hand
nehmen könne; drei Tage nacheinander müsse das wieder-
holt werden. Er solle der Reihe nach die drei Zügel mit
Peitsche ausgraben, dann jedesmal mit der Peitsche knallen,
so werde ein schönes Rofs erscheinen und das Rittergewand
für ihn. Der Sohn befolgt den Rat, das erste Mal kommt
ein Rappe, das zweite Mal ein Schimmel, zuletzt ein Fuchs.
Mit Hülfe dieser Rosse erfüllt er die gestellte Bedingung,
besiegt dann noch an drei Tagen dreimal ein feindliches
Heer und gewinnt so die Hand der Prinzessin.
Hier also kommt der Held in den Besitz der Zauber-
rosse vermittelst ihm nächtlicherweile von seinem Vater
geschenkter Zügel; der dritte Zügel ist ein goldener. Das
— 809 —
entspricht genau der griechischen Beilerophonsage: nach
der oben mitgeteilten, von Pindar überlieferten Version
bändigt Bellerophon den Pegasos mit einem ihm nachts
von Athene geschenkten goldenen Zügel, den er vorher
dem Poseidon, d. i. seinem Vater, dargebracht hat; nach
dem Scholion Ilias VI, 155 erhält er den Pegasos von
seinem Vater zum Geschenk — durch eine Kombination
beider Versionen, durch die Athene eliminiert wird, er-
halten wir die des vorliegenden Märchens. Dafs in letzterem
von drei Pferden die Eede ist, tut natürlich nichts zur
Sache; der Vergleich mit den übrigen Fassungen zeigt,
dafs das eine jüngere Abänderung ist.
In ihren Hauptzügen der Bellerophonsage sehr nahe
steht die russische Fassung, das „Märchen vom Kitter
Iwan, dem Bauernsohne" bei A. Dietrich, Russische Volks-
märchen, Leipzig 1831, Nr. 4:
Der Bauernsohn Iwan wird von einem Bettler, dem
er ein Almosen und einen Trunk Bier reicht, mit dem ihm
von Kindheit an versagten Gebrauch seiner Füfse und mit
Riesenkräften begabt. Er zieht in die Fremde und gelaugt
in die Hauptstadt eines Reiches, in der sich, sowie er sie
betritt, „ein grofses Geschrei und Getöse" erhebt. Dem
erschrockenen Zaren verspricht er, das Getöse beseitigen
zu wollen, wenn dieser ihm schenke, was das Getöse ver-
ursacht. Der Zar willigt ein, und Iwan gräbt nun mit
Hilfe von hundert Arbeitsleuten ein Ritterrofs mit Pferde-
geschirr und Ritterrüstung aus der Erde, wo es hinter
einer eisernen Türe stand. Das Rofs fällt vor ihm auf
die Kniee und stellt sich ihm mit Menschenstimme ganz
zur Verfügung. Iwan steigt auf: „und das Rofs ergrimmte
und erhob sich von der Erde höher als der Wald, Berge
und Täler liefs es zwischen seinen Füfsen, mit seinem
Schweife bedeckte es grofse Flüsse, aus seinen Ohren liefs
~ 310 —
es dichten Dampf gehen, aus den Nasenlöchern Flammen."
Iwan kommt ins chinesische Reich, wo er sein Rofs frei-
läfst. Er selbst zieht sich eine Blase über den Kopf und
tritt beim Gärtner des Zaren in Dienst. Er antwortet
auf alle Fragen nur: „Ich weifs nicht," weshalb er für
einen Narren gilt. Die eine Prinzessin, Lotao, erhält
Kenntnis von einem wunderbaren Kraftstück, das er voll-
bracht hat, weshalb sie sich in ihn verliebt. Auf ihre
Bitten erhält sie ihn zum Gatten. Der Ritter Polkan fällt
mit einem grofsen Heere ins Land ein und verlangt Lotao
zur Gemahlin. Iwan geht ins Feld und ruft:
Siwka Burka! he!
Frühlings - LicMfuchs ! steh !
wie das Blatt vor'm Grase, hier,
unverweilt vor mir!
Das Rofs erscheint, Iwan verkleidet sich als Ritter
und besiegt unerkannt das feindliche Heer. Dieser Vor-
gang wiederholt sich dreimal. Das dritte Mal wird Iwan
an der linken Hand verwundet, woran seine Gattin ihn
als den siegreichen Ritter erkennt; überdies erblickt sie,
da ihm die Blase vom Haupte gefallen ist, seine goldenen
Haare [von denen vorher nicht die Rede war]. Nun erfährt
der Zar, dafs er es gewesen, der das Reich dreimal von
dem Einfall Polkans befreit hat; er führt Iwan in seinen
Palast und setzt ihm die Krone aufs Haupt.
Der Zusammenhang mit der Beilerophonsage dürfte
hier evident sein. An Stelle des Kampfes mit der Chimaira
und zweier Feldzüge gegen verschiedene Völker ist ein
dreimaliger Krieg gegen den gleichen Feind getreten. Zum
BvH stimmt es, dafs der Anführer des feindlichen Heeres
sich der Prinzessin bemächtigen will, s. oben S. 12.
Endlich dürfte aus der Bellerophousage vor allem
das zentrale Motiv der goldenen Haare stammen. Schon
die Brüder Grimm in den Anmerkungen zu 136 meinen.
— 311 —
die goldenen leuchtenden Haare schienen darauf hinzu-
weisen, dafs das Märchen eine alte Grundlage habe und
„von einem höheren halbgöttlichen Wesen erzähle, das in
die Gewalt eines Unterirdischen geriet und niedrige Ar-
beiten verrichten mufste, bis es wieder zu seiner höheren
Stellung gelangte." Ich vermag in den goldenen Haaren
nichts anderes zu sehen als eine Erinnerung an den das
Haupt umgebenden goldenen Strahlenkranz, mit dem die
griechische Kunst den Sonnengott darstellte; mit ihm erscheint
Bellerophon in der Tat auf einem von Jahn, Archaeol. Beiträge
Tafel V, I publizierten Vasenbilde, s. von Prittwitz-Gaffron
S. 43. Die Deutung ßellerophons als eines Sonnenheros ist
zwar, wie wir sahen, nicht allgemein anerkannt, aber sie
wurde von Preller, Fischer, Bender, Lewy, üsener vertreten
und scheint mir alle Wahrscheinlichkeit für sich zu haben.
Jedenfalls darf es nach dem Gesagten wohl als er-
wiesen gelten, dafs das Goldenermärchen aus der griecli-
ischen Beilerophonsage geflossen ist — freilich nicht aus-
schliefslich, vielmehr sind mit letzterer andere Sagen-
oder Märchenmotive verknüpft worden, auf deren Herkunft
einzugehen hier nicht der Ort ist. Es erhebt sich dann
die Frage, auf welcher Fassung der Beilerophonsage das
Märchen wohl beruht; ich möchte vermuten, dafs seine
Quelle entweder der Johates des Sophokles oder der Bellero-
phontes des Astydamas gewesen ist. Der Inhalt dieser
Dramen könnte Gegenstand einer griechischen Novelle
geworden sein, welche dann die direkte Quelle für das
weitverbreitete Märchen abgab.
Nichts anderes als einen Ableger der Bellerophonsage,
also eine weitere Version des Goldenermärchens, glaube
ich nun auch erkennen zu sollen in der oben S. 97 be-
sprochenen, als ein Element der Hamlet-Havel oksage nach-
gewiesenen römischen Sage von Servius Tullius, die sich
— 312 —
am ausführlichsten findet bei Dionys v. Halikarnafs IV, 1 ff.
Servius Tullius ist nach einer von Dionys überlieferten
Sage, die ich damals nicht erwähnte, wie Bellerophon
direkt göttlicher — oder dämonischer — Herkunft: einer
der Götter oder Dämonen, sei es Hephaistos, wie einige
glauben, oder der königliche Hausgott solle sich mit seiner
Mutter Ocrisia verbunden haben. ^) Dem goldenen Haare
des Märchenhelden entspricht bei ihm das sein Haupt um-
spielende Feuer, das, wie ersteres von der Prinzessin, von
seiner Mutter und der Königin zufällig entdeckt wird.
Auch er lebt am Königshofe ursprünglich in Niedrigkeit.
Er zeichnet sich dann in einer Reihe Feldzügen gegen die
Feinde des Landes — es werden vier Feldzüge ausdrück-
lich erwähnt, entsprechend den dreien im Goldenermärchen
— vor allen aus, erhält die eine Tochter des Königs zur
Frau und wird dessen Nachfolger.
^) Die seltsame Erzählung, Dion. IV, 2, lautet (es ist vorher die
oben S. 97 gegebene Überlieferung über die Herkunft des Servius mit-
geteilt): 'pBQSxai de rig ev räig EjiiycoQtoig a.vayQaq:elg xai ersQog vjisq rfjg
yevsogcog avrov Xoyog im ro /uv&cödsg e^aigcov ta Jisol avröv, ov iv JioX?.aTg
'PcofAa'ixaTg lorooiaig svqo/isv, sl '&soTg rs xal dai/iiooi ?Jyso'&ai (piXog roiovrog *
alrivsg cuto Ttjg soriag rcöv ßaoiXelow, sqf rjg äXXag rs Pcoßdtoi ovvzsX^ovotv
isQovQyiag xal rag ojio rcöv ösijivcov djtaQ)^a.g äyi'Covoiv, vjtso rov jivQog
dvaa^sTv Xeyovoiv aidocov ävögög. rovro ös '&sdoaodai rtjr 'Oxgioiav Jigtori^v
(psgovoav rovg slco^örag jisXdvovg ejii ro Jivg xai avrixa :rcg6g rovg ßaoü^ig
sXSovoav ebreXv. rov /iisv ovv Tagxvviov dxovoavrä rs xal fxsrd ravr idovra
ro regag sv d^avfiari ysvso&ai , rtjv 8e TavaxvXida rä raÜM ooq?r]V ovoav
y.al ör] xal rd fiavrixd ovdsvog yßlgov Tvggrjvwv sjnoraiiisvrjv sbtsTv Jigog
avrov, Sri yevog djio rrjg eoriag rfjg ßaoiXsiov jrsjigwxai ysvsa&ai agslrrov
t) xard rrjv dvdgoiTtsiav (pvaiv ex rfjg [xiyßsiorjg reo (pdoftari yvvatxog. rd
d'avrd xai rcov äXXwv rsgarooxojicov djTOcprjvaf^isvwv Sö^ai rcp ßaoiXsT rr/r
'Oxgioiav , fj Tigwrij s(pdvTj ro rsgag , sig ojuiXJav avr(p ovvsXMsTv xal fisrd
rovro ri]v yvvatxa xoa/ntjoafisvrjv, oTg S'&og sarl xoof.isTo^ai rag ya/iiovjusvag,
xaraxXsiO'&iivai juövrjv sig rov oixov, sv ro rd rsgag cöcp^r}. /myd'svrog ör)
rivog avrf] -dscbv rj daifiovcov xai fisrd rj-jv [.li^iv dqyaviod^svrog si'd'
'Hq^alorov xa'&djisg oiovral rivsg sl'rs rov xar olxiav r]go)og,
syxvfwva ysvso&ai xal isxsTv rov TvXXiov sv roig xa&)'jxovoi ygovoig.
— 313 —
Das Zauberpferd fehlt in der römischen Sage; das ist
vollkommen begreiflich: es mufste eliminiert werden, da
der Historiker dieses rein märchenhafte Element nicht
brauchen konnte.
Bekanntlich betrachtet man heute die überlieferte
älteste Geschichte Roms als durchaus sagenhaft; Mommsen
macht in seinem Werke von ihr gar keinen Gebrauch.
Nichts hindert uns deshalb, anzunehmen, dafs wir in der
Geschichte des Servius TuUius eine an irgend welche, nicht
mehr zu ermittelnde historische Ereignisse der älteren
römischen Geschichte angelehnte griechische Sage, die
teilweise modifizierte Bellerophonsage, vor uns haben.
Die Annahme des Ursprungs der Servius-Tulliussage
aus der Bellerophonsage gibt uns nun auch die Erklärung
für die S. 106 aufgezeigte merkwürdige Übereinstimmung
des BvH und der Ambalessage mit Dionys v. Halikarnass,
deren Deutung wir damals zweifelhaft liefsen. Sie ist
einfach die Folge davon, dafs beide, die von Dionys be-
nutzte, vielleicht schon poetisch fixierte römische Sage und
die Hamletsage aus der gleichen Quelle, der Bellerophon-
sage, geschöpft haben.
Ich komme nun also zu den Beziehungen der Hamlet-
sage und der Chosrosage zur Bellerophonsage, speziell
zu der Form der letzteren, welche in dem Bellerophmites
des Euripides vorliegt. Die Übereinstimmungen sind mannig-
fach und sehr spezieller Art: nahezu alle Motive der
griechischen Sage finden sich in den verschiedenen Versionen
der nordischen Sage und in der persischen Sage wieder.
Zunächst tritt uns in der Bellerophonsage sofort ent-
gegen das eigenartige Motiv des Uriasbriefes, und zwar
in einer Fassung, welche mit der Saxoschen und der der
Ambalessage so nahe verwandt ist, dafs über den unmittel-
baren Zusammenhang der beiden Versionen ein Zweifel gar
nicht bestehen kann.
— 314 —
Das Motiv begegnet bei Saxo, wie wir sahen, zweimal :
Fengo will den Amleth beseitigen, wagt es aber
nicht, ihm selbst etwas anzutim. Deswegen schickt er ihn
mit einem Uriasbrief an den König von Britannien; der
König heifst ihn mit gastlicher Freundlichkeit willkommen
und bewirtet ihn; das Mal spielt wegen der Scharfsinns-
proben, die Amleth dabei ablegt, in der Erzählung eine
besondere Rolle. („Der König verehrte seinen Scharfsinn
wie eine Art göttliche Gabe.") In der Ambalessage be-
traut dann der König Amleth seines Scharfsinns wegen
mit der Verteidigung des Landes. Seine riesische Freun-
din sendet dem Helden kostbare Waffen und ein aus-
gezeichnetes Rofs. Es werden zwei Feldzüge erwähnt,
in denen Amleth den Sieg davon trägt. Er erhält die
Tochter des Königs zur Frau.
Das zweite Mal ist es der König von Britannien,
Amleths Schwiegervater, selbst, der ihn mit einem Urias-
brief an den schottischen Königshof sendet; abermals ent-
geht Amleth der Gefahr und die Tochter des Königs von
Schottland wird seine zweite Frau.
Auch im BvH ist es der Schwiegervater, hier aber
der spätere Schwiegervater, der dem Helden durch den
Uriasbrief nach dem Leben trachtet.
Ganz ebenso will nun Proitos den ßellerophon be-
seitigen, wagt es aber nicht, ihn selbst zu töten. Deshalb
schickt er ihn mit einem Uriasbrief an seinen — des Proitos
— Schwiegervater Jobates, König von Lykien. Jobates
nimmt Bellerophon freundlich auf und bewirtet ihn (neun
Tage lang). Dann beauftragt er ihn mit Bekämpfung der
Chimaira und mit zwei Feldzügen, immer in der Erwartung,
Bellerophon werde im Kampfe seinen Tod finden. Als
dieser siegreich zurückkehrt, gibt er ihm seine Tochter
zur Frau und die Hälfte seines Königreiches, „weil er er-
kannte, dafs er göttlicher Abstammung sei" (Homer).
— 315 —
Das Motiv, dafs der König, au dessen Hof er gesandt
wird, d. i. sein späterer Schwiegervater, dem Helden nach
dem Leben trachtet, fehlt dem ersten Teil der Saxoschen
Sage und der Ambalessage; denn hier haben wir die von
der griechischen Sage abweichende Version, dafs der Held
den Uriasbrief öffnet und seinen Inhalt abändert. Dagegen
findet sich jenes Motiv bei Saxo im zweiten Teil und im
BvH, wie wir sahen, nur liegt auch hier wieder eine
Abweichung von der Bellerophonsage vor, insofern hier
der Uriasbrief nicht der Grund, sondern das Werkzeug
des von dem Schwiegervater ausgehenden Anschlages ist.
Diese Differenzen lassen sich durch Gedächtnistäusch-
ungen bei mündlicher Überlieferung unschwer erklären.
Der Zug der griechischen Sage, dafs der Brief uner-
öffnet übergeben wird, hat sich erhalten im BvH, wo
Boeve den Brief, mit dem er an Bradmund gesandt wird,
übergibt, ohne von dem Inhalt Kenntnis genommen zu
haben.
Zu dem Motiv des üriasbriefes tritt dann als zweites
wichtiges Moment die merkwürdige Übereinstimmung, welche
zwischen dem Bellerophontes des Euripides einerseits und
dem Hamlet Shakespeares sowie der Chosrosage Firdosis
andererseits bezüglich des Charakters des Helden besteht.
Bellerophon ist ein griechischer Hamlet-Chosro!
Icli meine, jeder, der die oben in Übersetzung mitgeteilten
Reflexionen des Bellerophon in dem Euripideischen Drama liest,
mufs sich sofort aufs lebhafteste an die im vorigen Kapitel in
Parallele gesetzten Äufserungen Hamlets und Chosros wie
auch an sonstige Äufserungen Hamlets in dem Shake-
speareschen Drama erinnert fühlen. Den „Weltschmerz",
den Lebensüberdrufs, die Todessehnsucht des nordischen
und des persischen Helden, hier haben wir sie ja bereits
in ausgeprägtester Form! Man vergleiche besonders die
berühmten Monologe Hamlets Akt I, 2 : „0 schmölze doch
— 316 --
dies allzufeste Fleisch" und Akt III, 1 : „Sein oder Nicht-
sein, das ist hier die Frage" mit den aus dem Bellero-
phontes erhaltenen Fragmenten und den angeführten
Monologen Kei Chosros: hier wie dort die gleiche schwer-
mütige Auffassung des menschlichen Daseins. Bellerophon
meint, das Beste sei es dem Menschen, nie geboren zu
werden, denn allzuviel Jammer und Elend herrsche auf
dieser Erde; er wünscht sich den Tod, weil er mit an-
sehen mufs, dafs die Schlechten hoch in Ehren stehen;
die Welt ist voll Ungerechtigkeit, fromme Städte müssen
gottlosen dienen, nur weil sie nicht die gleiche Zahl von
Lanzen aufzubringen vermögen. Ebenso Hamlet: der Tod
ist ihm „ein Ziel aufs innigste zu wünschen":
. . wer ertrüg' der Zeiten Spott und Geifsel,
Des Mächt'gen Druck, des Stolzen Mifshandlungen,
Verschmähter Liebe Pein, des Rechtes Aufschub,
Den Übermut der Ämter, und die Schmach,
Die Unwert schweigendem Verdienst erweist,
Wenn er sich selbst in Ruhstand setzen könnte
Mit einer Nadel blofs? Wer trüge Lasten,
Und stöhnt' und schwitzte unter Lebensmüh?
Ich möchte bitten, die Reden Bellerophons, Hamlets
und Chosros nach einander zu lesen und urteilen zu wollen,
ob nicht eng verwandte Empfindungsweise sich hier überall
ausspricht. Freilich, völlige Kongruenz besteht nicht.
Bellerophon geht — wegen der auf Erden herrschenden
Ungerechtigkeit — so weit, selbst am Dasein der Götter
zu zweifeln. Von einem solchen religiösen Skeptizismus
ist bei Hamlet keine Rede, s. Akt IV, 4:
Gewifs, der uns mit solcher Denkkraft schuf
Voraus zu schaun und rückwärts, gab uns nicht
Die Fähigkeit und göttliche Vernunft,
Um ungebraucht in uns zu schimmeln.
Und Akt V, 2:
. . . das lehr' uns,
Dafs eine Gottheit unsre Zwecke formt,
Wie wir sie auch entwerfen.
— 317 -
Kei Chosro vollends wird nach seiner Thronbesteigung
als mit der Gottheit in stetem Verkehr lebend geschildert,
die Sehnsucht nach völliger Vereinigung mit ihr ist gerade
der Grund seiner weitabgewandten Gesinnung. Aber diese
Differenz kann um so weniger ins Gewicht fallen, als
auch Bellerophon in Frömmigkeit dem Tode entgegengeht:
„Du warst gegen die Götter fromm", sagt er sterbend zu
seiner Seele, er zweifelt also nicht mehr an der Existenz
der Götter, sein Skeptizismus war nur eine vorübergehende
Anwandlung.
Ganz besonders beachtenswert scheint es mir noch,
dafs sich bei Euripides wie im Schahname der Lebens-
überdrufs, der „Weltschmerz" des Helden erst einstellt,
nachdem er sein Lebenswerk vollbracht hat. Das
ist ein eminent spezieller Zug, der meines Erachtens für
die Annahme der Abhängigkeit der persischen Sage von
der griechischen sehr schwer ins Gewicht fällt.
Ein drittes bedeutungsvolles Motiv, welches die Hamlet-
sage und ebenso wiederum die Chosrosage mit der Belle-
rophonsage gemein haben, ist das des wunderbaren Rosses,
mit Hilfe dessen der Held seine Taten vollbringt. Dieses
.Motiv bietet von den nordischen Versionen freilich nur
der BvH und, wie es scheint, aber in ganz verblafster
Gestalt, die Ambalessage. Wenn es sich hier und in der
Chosrosage nicht um ein eigentliches Flügelrofs, wie in der
griechischen Sage, sondern nur um ein Rofs von seltenem
Verstände und wunderbarer Schnelligkeit handelt, so ist
das offenbar irrelevant. Auch der Pegasos wird nach
Pauly, Realencycl. d. class. Altert, Stuttgart 1848 s. v. auf
alten Sternkarten noch nicht geflügelt dargestellt. Wie
Bellerophon eng verbunden erscheint mit dem Pegasos, so
Boeve mit dem Rosse Arondel, Chosro mit Bihzad; ich
verweise wegen beider auf S. 37 ff. Von Arondel heifst
es V. 2510, kein Vogel könne es mit ihm an Geschwindig-
— 318 —
keit aufnehmen. Bei einem Wettrennen, welches zu Pfingsten
in London veranstaltet wird, gewinnt Boeve mit ihm den
Sieg, was daran erinnert, dafs die griechische Sage auch
Bellerophon als Sieger in einem Wettrennen kennt, s. Hygin,
Fdbulae 273: Bellerophontes vicit equo (bei den argivischen
Spielen). Boeve beschliefst, eine Burg zu erbauen und sie
nach Arondel zu benennen, V. 2547.
Der Bihzad Kei Chosros gehörte früher dessen Vater
Sijawusch, der auf ihm den Feuerberg durchreitet, s. die
grofsartigen Verse bei Rückert 11, 31:
Er ritt auf einem schwarzen Rofs,
Der iStaub der Hufe zum Monde flofs.
Mit Kampfer hatt' er sich bestreut,
Wie es Brauch ist beim Sterbekleid,
Den Weg zum Paradies er schien
Zu suchen, nicht zum Holzstofs hin.
Als Sijawusch seinem Tode entgegengeht, sagt er
dem Bihzad ins Ohr, er solle einst Chosro, seinen Rächer,
tragen.
Die Art, wie Chosro später sich des Bihzad bemächtigt,
erinnert lebhaft an die griechisclie Sage von der Auf-
findung und Zähmung des Pegasos durch Bellerophon,
s. Rückert 11, S. 210f.:
Ferengis, Chosros Mutter, überreicht diesem einen
Sattel und einen schwarzen Zaum und befiehlt ihm, sich
nach einer Weide bei Sijawtischgird zu begeben, woselbst
er das Rofs seines Vaters, den Rappen Bihzad, finden
werde; er möge diesen heranlocken und ihm Sattel und
Zaum anlegen. Chosro tut, wie ihm geheifsen, und be-
mächtigt sich so des Bihzad; s. den Wortlaut oben S. 238f.
Man vergleiche damit die oben S. 301 mitgeteilte griechische
Sage von der Gewinnung des Pegasos durch Bellerophon.
Offenbar ist in der persischen Sage Ferengis an Stelle
der Athene der Beilerophonsage getreten.
— 319 —
Die Übereinstimmung zwischen der griechischen Sage
und der nordischen in den drei besprochenen wichtigen
Punkten, die zwischen der griechischen Sage und der
nordischen in den beiden zuletzt besprochenen würde,
meine ich, allein schon zu der Behauptung berechtigen,
dafs die Hamlet-Chosrosage teilweise aus der Bellerophon-
sage geflossen sei. Es kommen aber zu den angegebenen
Punkten noch eine Reihe weiterer hinzu:
Es ist ein charakteristischer Zug der Saxoschen Hamlet-
sage, dafs gegen den Helden wiederholt Anschläge unter-
nommen werden, welche er alle vereitelt: zuerst der An-
schlag mit dem Mädchen, das man ihm im Walde in den
Weg fuhrt; dann der mit dem Lauscher im Zimmer seiner
Mutter; dann der Uriasbrief Fengos an den König von
Britannien; — im zweiten Teil der Sage der Uriasbrief
des Königs von Britannien selbst, dann der nochmalige
Anschlag des nämlichen Königs, dem Amleth durch das
unter dem Gewände angelegte Panzerhemd entgeht, und
der allgemeine Angriff, der sich daran schliefst.
Ebenso in der Beilerophonsage: zuerst der Uriasbrief
des Proitos, dann die drei Anschläge des Jobates: Chi-
maira, Solymer, Amazonen — in allen drei Fällen ist der
Zweck des dem Bellerophon erteilten Auftrages ja der,
ihn aus dem Wege zu räumen; dann die abermalige Nach-
stellung der Stheneboia, s. oben S. 291, und zuletzt der
Vergiftungsanschlag des Megapenthes.
Weiter: Nur im BvH finden sich die folgenden beiden
Züge:
Boeves erste Waffentat am Hofe Hermins, Königs der
Bretagne, ist es, dafs er einen im Lande hausenden, ge-
fährlichen Eber erlegt, V. 420—449: „Boeve kam zum
Walde, um den Eber zu suchen; er fand ihn bald und
fürchtete ihn nicht; der Eber sah ihn und begann zu
wetzen und rifs seinen grofsen Rachen auf, als wollte er
— 320 —
Boeve ganz verschlingen. Boeve erblickte ihn, spornte
sein Rofs und setzte seine Lanze ein: in den offenen
Rachen stiefs er den Eber und bohrte ihm die Spitze bis
ins Herz hinein; da hauchte der Eber gleich sein Leben aus."
Ebenso tötete Bellerophon nach einer von Plutarch,
De mulier. virt. p. 248 überlieferten Sage im Lande der
Lykier einen wilden, die Felder verwüstenden Eber.
Der Gedanke liegt nahe, dafs wir hier eine Ver-
wechselung der Chimaira mit dem erymanthischen Eber
der Heraklessage vor uns haben. BeUeropkon tötet erst
die Chimaira, dann besiegt er in Feldzügen die Solymer
und die Amazonen; Boeve tötet erst den Eber, dann be-
siegt er im Kriege Bradmond von Damascus.
Als Boeve von der Eberjagd zurückkehrt, lauern ihm
zehn Förster auf, die ihm den Tod geschworen haben:
Boeve tötet sechs von ihnen, die übrigen entfliehen.
Auch dieser Zug hat in der Bellerophonsage seine
Entsprechung, s. Homer, Hias VI, 187 — 90: „Als er zurück-
kehrte [B. vom Kriege gegen die Amazonen], ersann er
[Jobates] einen anderen hinterlistigen Anschlag: aus dem
weiten Lykien wählte er die besten Männer [nach dem
Scholi asten zwanzig] und legte sie in den Hinterhalt;
diese aber kehrten nicht mehr nach Hause zurück, denn
alle tötete der untadelige Bellerophontes."
Die Stheneboia der Bellerophonsage, die Gattin des
Proitos, hat bei Saxo, bei Shakespeare und im BvH ihr
Gegenbild in der Mutter des Helden. Am nächsten steht
hier wieder der griechischen Sage der BvH, wo die Mutter
Boeve nach dem Leben trachtet: sie befiehlt Sabot, den
Knaben umzubringen, dann, als Boeve wieder auftaucht,
beauftragt sie zwei Ritter, ihn entweder zu ertränken oder
im Hafen zu verkaufen. Das letztere geschieht, und Boeve
wird nun übers Meer zu Hermin geschafft. Ähnlich wird
Bellerophon auf Betreiben der Stheneboia übers Meer an
I
— 321 —
Jobates geschickt, damit er dort seinen Tod finde. Wie
in der Bellerophonsago Stheneboia, so erscheint bei Saxo,
Shakespeare und im BvH die Mutter als ein pflichtver-
gessenes, buhlerisches Weib; nur handelt es sich dort
um ihre Liebe zu Bellerophon selbst, hier um ihre ehe-
brecherische Liebe zu dem Mörder von Hamlets, bezw.
Boeves Vater. Stellen, welche den Deklamationen Hamlets
und Boeves gegen die Mutter und denen des ersteren
gegen die Frauen überhaupt entsprechen, sind aus der
Stheneboia des Eiiripides erhalten: „0 du allerschlimmste,
du Weib," ruft Bellerophon Fragm. 670 aus; „denn mit
welchem Namen könnte man dich schwerer beschimpfen
als mit diesem!"^) Fragm. 663 lautet: „Viele, die auf
Reichtum und Geschlecht stolz sind, hat ein törichtes Weib
im Hause mit Schmach bedeckt." (Dieses Fragment legen
Welcker, Härtung, Fischer dem Bellerophou in den Mund,
Wecklein, a. a. 0. S. 101 allerdings läfst es von der Amme
gesprochen sein.) Man vergleiche damit Hamlet I, 2:
., Schwachheit, dein Nam' ist Weib!"; I, 5: „0 höchst ver-
derblich Weib!"; dann seine Tirade gegen die Ehe im Ge-
spräch mit Ophelia III, 1: „ ... gescheidte Männer wissen
allzugut, was ihr für Ungeheuer aus ihnen macht" usw.
Andererseits erinnert Stheneboia wieder an Shake-
speares Ophelia; wie diese ist sie ein Weib, dessen Liebe
verschmäht wird und die sich in der Verzweiflung das
Leben nimmt. Denn nach dem Prolog des Euripideischen
Bellerophontes endete Stheneboia durch Selbstmord, wie
wir sahen. Es scheint mir nicht ausgeschlossen, dafs hier
eine dichterische Spaltung vorliegt: Stheneboia, die Gattin
des Proitos, die den Ehebruch plant und Bellerophon nach
dem Leben trachtet, wurde zur Mutter Hamlets, Stheneboia,
das liebende Weib, das seine Liebe verschmäht sieht und
*) tu Jiayxaxiaxr) xcd yvvtj. ti yog XeyoDV
^eiCov ae tovö' oyeidog i^eüroc xig av ;
Zenker, Boeve-AmJethos. 21
— 322 —
durch Selbstmord endet, wurde zur Ophelia des Shake-
speareschen Dramas.
Sehr merkwürdig ist es nun wieder, dafs wir das in
Eede stehende Motiv der griechischen Sage, das der Hamlet-
sage fehlt, die Liebe der Gattin des Königs zu dem Helden,
dafür bei Firdosi in der Chosrosage finden, nur ist es hier
nicht an den Namen Chosros, sondern an den seines Vaters
Sijawusch geknüpft; die Erzählung geht der von Chosros
Schicksalen nur wenig vorauf, s. Eückert, II, S. 10—35:
Sijawusch, der bei Eostem in Zabulistan aufgewachsen
ist, lebt seit einem Jahre am Hofe seines Vaters Ka'us.
Sudabe, eine der Frauen des Ka'us, verliebt sich in ihn
und sucht ihn zu verführen, aber Sijawusch weist sie mit
Entrüstung von sich. Da verklagt sie ihn bei Ka'us, dafs
er ihr Gewalt habe antun wollen. Ka'us verhört beide,
er kommt zu der Überzeugung, dafs Sudabe die Unwahr-
heit gesprochen, sieht aber von einer Bestrafung ab und
befiehlt Sijawusch, von der Angelegenheit zu schweigen,
damit nicht ein Aufsehen entstehe. Sudabe, die sich be-
schimpft sieht, will nun an Sijawusch Eache nehmen und
Ka'us von der Wahrheit ihrer Aussage überzeugen. Sie
hat eine zauberkundige Magd, die gerade guter Hoifnung
ist; sie veranlafst diese, durch Einnehmen eines Arznei-
trankes eine Fehlgeburt herbeizuführen, dann sucht sie den
Anschein zu erwecken, die beiden Kinder, die die Magd
zur Welt gebracht hat, seien ihre eigenen, und behauptet
Ka'us gegenüber, die Fehlgeburt sei eine Folge von Sija-
wuschs angeblichem Attentat. Um Licht in die Sache zu
bringen, beruft Ka'us die Sterndeuter des Landes, die auf
Grund ihrer Astrolabien behaupten, die Kinder seien nicht
von Sudabe, und als Mutter die betrügerische Magd nam-
haft machen. Letztere leugnet hartnäckig, trotz Anwendung
der Folter, und es wird nun auf Anraten der Mobeden des
Landes bestimmt, dafs Sijawusch, um sich von der Anklage
— 323 —
zu reinigen, durch einen Feuerberg: liindurchreiten solle.
Eine Karawane von hundert Kamelen trägt das Holz herbei:
Zu zwei Bergen türmten sie das,
Das Holz stieg über Zahl und Mafs,
Man sah es auf zwei Meilen weit
Raum war nur soviel, dafs ein Reiter zu Rofs
Sich bahnen könnt' einen Weg durch den Trofs. ')
Dann befahl der Gebieter stolz
Schwarzes Naphtha zu giefsen aufs Holz.
Zweihundert Feuerschürer mit Macht
Bliesen, da ward's am Tage zur Nacht.
Sijawusch reitet auf dem Bihzad unversehrt durch das
Feuer hindurch und gilt nun als schuldlos. Sudabe soll
hingerichtet werden, aber auf Bitten Sijawuschs wird sie
begnadigt und in den Frauensaal zurückgeführt. Trotzdem
versucht sie später, als Ka'us von neuem Liebe zu ihr
gefafst hat, jenen nochmals zu verdächtigen:
Wiederum mit dem Herrscher der Zeit
Übte sie Zauber in Heimlichkeit,
Auf dafs er werd' auf Sijawusch bös,
Wie es böser Art gemäfs.
Aus ihrer Rede schöpft' er Verdacht,
Doch keinem er kund das Verborgne macht'.
Eben um den Nachstellungen Sudabes zu entgehen,
zieht Sijawusch selbst gegen Afrasiab ins Feld. Später
wird sie von Rustem, der Ka'us die Nachricht von Sija-
\vuschs Ermordung überbringt, als die eigentliche Anstifterin
alles Unheils erdolcht.
Offenbar steht diese Erzählung der von Stheneboia in
der Beilerophonsage sehr nahe, und vielleicht würde die
Übereinstimmung als noch genauer erscheinen, wenn wir
die Dramen des Euripides selbst besäfsen und bezüglich
^) Diese Übersetzung ist wohl nicht ganz genau. Gemeint ist
offenbar der Raum zwischen den beiden Bergen, indem Sijawusch
zwischen letzteren durchreiten soll. Mohl H, S. 189 übersetzt ein-
fach: on laissa au müieu un passage tel qü'un cavalier arme pouvaü
ä peine le traverser ä cheval.
21*
— 324 —
der Sage nicht allein auf die kurze Darstellung Homers,
auf eine Reihe zerstreuter Notizen und Anspielungen und
auf wenige Fragmente aus den Dramen angewiesen wären.
Der Feuerprobe, durch welche Sijawusch bei Firdosi seine
Unschuld dartut, entsprechen in der Beilerophonsage die
Aufgaben, welche Jobates dem Helden stellt und aus deren
glücklicher Lösung er dessen Schuldlosigkeit erkennt. Der
Feuerberg erinnert speziell an die feuerspeiende Chimaira,
und da nun, wie S. 288 bemerkt, die letztere von den Alten
mit einem feuerspeienden Berge in Lykien, d. i. mit den
Erdfeuern von Jarnatasch, identifiziert wurde, so liegt, meine
ich, der Gedanke nahe genug, der Feuerberg bei Firdosi,
durch den Sijawusch hindurchzureiten hat, sei ein Wider-
schein der Chimaira der griechischen Sage, indem der natür-
liche Feuerberg, den man in ihr erblickte, durch die Tradition
in einen künstlichen, aus Holz und Naphtha hergestellten,
umgewandelt wurde. Im übrigen möchte ich noch aufmerksam
machen auf die, wie in der Bellerophonsage, so auch im
Schahname sich findende Wiederholung der Anschläge von
selten der beleidigten Frau, und auch das möchte ich bitten,
beachten zu wollen, dafs Firdosi in dieser Episode weiber-
feindliche Äufserungen hat, welche denen in der Stheneboia
und im Hamlet sehr ähnlich sind, s. Rückert II, S. 30:
Durch Weiber kann nur Unheil geschehen.
Hörst du zu Ende diesen Bericht,
Besser ist es, du freiest nicht.
Nur einer sittsamen strebe nach,
Ein unartiges Weib bringt Schmach.
Weib und Drache sind besser tot.
Besser die Welt frei von beider Not.
In Anbetracht der nahen Übereinstimmungen der Sudabe-
episode mit der Bellerophonsage zusammengenommen mit
der oben aufgezeigten Verwandtschaft des Charakters des
Helden in der Chosrosage und der Bellerophonsage sowie im
Hinblick auf die zahlreichen, der Hamletsage, deren Zu-
i
— 325 —
saramenhang mit der Chosrosage erwiesen wurde, und der
Bellerophonsage gemeinsamen Züge spricht m. E. alle Wahr-
scheinlichkeit dafür, dafs die Sijawusch-Sudabeepisode auf
dem Stheneboiaraotiv der griechischen Sage beruht und dafs
die Geschiclite durch eine Verwechselung Chosros mit seinem
Vater Sijawusch auf letzteren übertragen wurde, — eine Ver-
wechselung, die nicht auffallen kann, da Sijawusch und Chosro
in der persischen Sage als identische Charaktere erscheinen.
Ich komme nun wieder zur Hamletsage. Die Analogien
zwischen ihr und der Bellerophonsage sind mit dem bei-
gebrachten noch nicht erschöpft.
In hohem Grade merkwürdig ist, deucht mich, die
Ähnlichkeit zwischen der Handlung des Euripideischen ßelle-
rophontes und dem Schlufs des Shakespeareschen Hamlet:
Stheneboia nimmt sich, als sie Bellerophon von der
Anklage gereinigt und sich selbst beschimpft sieht, aus
Scham das Leben; vorher aber liefs sie sich, so nimmt man
an, von ihrem ^ohne Megapenthes versprechen, dafs er
ihren Tod rächen werde. Megapenthes begibt sich nun
zu Jobates und schmiedet mit ihm gemeinsam einen Plan,
um Bellerophon den Untergang zu bereiten. Jobates tritt
ein für die Anwendung von List, durch die man gegen seine
Feinde mehr ausrichte als durch offenes Vorgehen. Als Belle-
rophon nach dem Sturz vom Pegasos menschenscheu auf dem
aleischen Gefilde umherirrt, sucht Megapenthes ihn zu er-
morden — , wie Wecklein annimmt, durch Gift. Bellerophon
aber wird von seinem Sohne Glaukos gerettet. Trotzdem
stirbt er bald darauf — , woran, ist uns nicht überliefert.
Bei Shakespeare hat Hamlet den Polonius getötet und
dessen Tochter Ophelia hat sich, weil sie sich von Hamlet
verschmäht sieht, das Leben genommen. Laertes will den
Tod des Vaters und der Schwester rächen. Akt IV, 7 zeigt
ihn uns in Unterredung mit dem König: Laertes will den
Hamlet in der Kirche erwürgen. Aber der König rät zur
— 326 —
List: er soll sich mit Hamlet in der Fechtkunst messen
und eine nicht gestumpfte Klinge wählen; Laertes ist ein-
verstanden, will aber überdies noch Gift zur Hilfe nehmen:
Ich wilFs tun
Und zu dem Endzweck meinen Degen salben.
Ein Charlatan verkaufte mir ein Mittel,
So tötlich, taucht man nur ein Messer drein.
Wo's Blut zieht, kann kein noch so künstlich Pflaster
Yon allen Kräutern unterm Mond mit Kraft
Gesegnet, das Geschöpf vom Tode retten,
Das nur damit geritzt ist. . . .
Der König rät, es solle, damit man volle Sicherheit
des Gelingens habe, auch ein giftiger Trank bereit gehalten
werden, der Hamlet, wenn er erhitzt zu trinken fordere,
anzubieten sei. Der Schlufs ist bekannt: Hamlet wird mit
der vergifteten Klinge verwundet, Laertes infolge Ver-
wechselung der Klingen ebenfalls, die Königin stirbt an
dem Gifttrank, von dem sie ahnungslos genossen, der König
wird von Hamlet durch einen Stofs mit dem Rappler getötet.
Die Analogien sind m. E. frappant:
Ein junger Mann will den Tod einer Mutter oder
Schwester, die sich wegen verschmähter Liebe das Leben
genommen, an dem Helden des Dramas rächen. Er berät
sich mit dem diesem letzteren feindlich gesinnten Könige,
einem Erzbösewicht — „der schlechteste unter denen um
Bellerophon" wird Jobates genannt, s. oben S. 296 — über
die Mittel und Wege der Rache. Er selbst gedenkt, gerade
auf sein Ziel loszugehen, der König aber rät zur List und
findet damit Gehör. Der Mordanschlag kommt zur Aus-
führung und zwar wird Gift dabei angewandt (falls die
Annahme Weckleins richtig ist). Der junge Mann findet
bei dem Anschlag seinen Tod. Im übrigen differiert frei-
lich der Schlufs: Bellerophon wird von seinem Sohne
Glaukos gerettet, Hamlet hingegen stirbt alsbald an der
empfangenen Wunde. Indessen könnte es sein, dafs auch
hier der Unterschied kein sehr wesentlicher war. Denn
— 327 —
wir wissen, dafs das Stück mit Bellerophons Tod schlofs,
der doch mit der Handlung in irgend einem organischen
Zusammenhang stehen mul'ste. Die Überlieferung läfst uns
bezüglich der Ursache seines Todes im Stich. Härtung
S. 399 meint, Bellerophontes sei vielleicht an einer im
Kampfe — doch wohl mit Megapenthes — erhaltenen
Wunde gestorben. Dann müfste man die Untei^chrift des
Reliefs von Kyzikos, s. oben S. 297, dahin verstehen,
Bellerophontes sei durch seinen Sohn zwar vor dem un-
mittelbaren Tod, mit dem ihn der Angriif des Megapenthes
bedrohte, gerettet worden, sei aber doch nachträglich
einer im Kampfe empfangenen Wunde erlegen; es könnte
ja, wie im Hamlet, neben dem Vergiftungsanschlag, den
Wecklein vermutet, auch ein Angriff mit blanker Waffe
erfolgt sein. Damit hätten wir eine sehr nahe Überein-
stimmung zwischen dem Hamlet und dem Bellerophontes:
der Unterschied zwischen beiden Dramen würde sich darauf
beschränken, dafs Bellerophon nicht, wie Hamlet, schon
beim Kampfe selbst seinen Tod fand.
Mag dem aber sein wie ihm wolle, jedenfalls sind,
auch wenn das Ende des Helden ein verschiedenes war,
doch die hier aufgezeigten Übereinstimmungen zwischen
den beiden Dramen m. E. so ganz eigenartig, dafs sie,
vereinigt mit den sonstigen gemeinsamen Zügen der Sagen
und mit den im Hamletdrama vorliegenden nicht-Saxoschen
Motiven der anderen Versionen der Hamletsage, uns mit
zwingender Gewalt zu dem Schlüsse hindrängen, dafs
Shakespeares Original, der Hamlet Kyds, nicht, wie man
noch heute allgemein annimmt, auf Saxo-Belleforest be-
ruhte, sondern durch irgend welche Zwischenstufen auf
den Bellerophontes zurückging.
Was aber von dem Hamlet Shakespeares gilt, das gilt
selbstverständlich auch von der Hamletsage überhaupt;
ich glaube es auf Grund der vorausgehenden Darlegungen
— 328 —
als ein Ergebnis von hoher Wahrscheinlichkeit, ja von
annähernder Gewifsheit hinstellen zu dürfen:
Die Haralet-Chosrosage ist teilweise aus der griechischen,
ursprünglich vermutlich lykischen, Bellerophonsage geflossen
und zwar geht sie zurück auf das Bellerophontesdrama des
Euripides. Alle Züge der Bellerophonsage, die wir in den
einzelnen nordischen Versionen der Sage und in der Chosro-
sage wiederfinden, können in dem Drama vereinigt gewesen
sein. Die Stheneboiaepisode, die Grundlage des Stückes, kann
im Prolog ausführlich erzählt gewesen sein. Es liegt
kein zwingender Anlafs vor, aufser dem Bellerophontes noch
eine andere Quelle für die in der nordischen und der per-
sischen Sage enthaltenen Elemente der griechischen Sage
anzunehmen, — was freilich nicht ausschliefst, dafs vielleicht
trotzdem auch andere Quellen mit verwertet worden sind.
Nun fehlen aber andrerseits eine Eeihe wichtiger Motive
der Hamlet-Chosrosage der Bellerophonsage, Vaterrache usw.:
dies sind diejenigen Motive, welche der Brutus-
sage entstammen, die, wie S. 79 ff. nachgewiesen, eine
der Quellen der Hamletsage gewesen ist.
Folglich ist die Hamletsage entstanden durch
Verschmelzung der griechischen Bellerophonsage
mit der römischen Brutussage.
Wie und in welcher Form diese Verbindung zustande
kam, wird im folgenden Kapitel zu erörtern sein.
Ich werde der Kürze halber von jetzt ab die Brutussage
in der Regel mit BtS, die Bellerophonsage mit BS bezeichnen.
Die Brutus-Bellerophonsage als Quelle der Hanilet-
Cliosrosage; 'A/uimg?
Die Vereinigung der BtS und der BS wurde jedenfalls
bewirkt durch eine gewisse Verwandtschaft, die zwischen
— 329 —
ihnen besteht: sie weisen im Gang der Handlung bemerkens-
werte Analogien auf, nämlich:
1. Bellerophon lebt eine Zeit lang am Hofe eines
Königs — des Proitos — , der ihm, durch seine Gemahlin
angestiftet, nach dem Leben trachtet; Brutus am Hofe
eines Königs, der ihm den Vater und den Bruder ermordet
hat und Grund hat seine Rache zu fürchten. Gemeinsam
ist beiden Sagen also die zwischen dem Könige und dem
in seinem Hause lebenden Helden bestehende Feindschaft.
Es wäre überdies möglich, dafs die BtS, die uns ja auch
nur fragmentarisch überliefert ist, ebenfalls von einem
Anschlage des Königs gegen das Leben des Helden wufste.
2. In der BS wie in der BtS erscheint die Gemahlin
des Königs als ein böses, Unheil stiftendes Weib; dort
sucht Stheneboia dem Bellerophon, durch den sie sich ver-
schmäht und beschimpft sieht, den Untergang zu bereiten,
in der BtS ist die Tullia, die zweite Gemahlin des Tar-
quinius Superbus, die Urheberin des in Gemeinschaft mit
letzterem begangenen Doppelmordes an seiner Gattin und
an ihrem ersten Gemahl.
3. Der von düsterem Pessimismus beherrschte, über
das unverdiente Glück, das die Schlechten und besonders
die Tyrannen in der Welt geniefsen, grollende, von heim-
tückischen Nachstellungen bedrohte Bellerophon und der
sich wahnsinnig gebärdende Brutus, dem ein Tyrann auf
dem Throne den Vater und den Bruder ermordet hat und
der nur durch seine Verstellung dem gleichen Schicksale
entgangen ist, das sind offenbar eng verwandte Charaktere,
die leicht in eins verschmolzen werden konnten.
4. Bellerophon wie Brutus vollbringen eine grofse Tat,
die als ihr eigentliches Lebenswerk erscheint: Bellerophon
erlegt die Chimaira, Brutus nimmt Rache an Tarquinius,
indem er ihn vom Throne stöfst und die römische Demo-
kratie begründet.
— 330 -
5. Beide werden nach Vollbringung ihres Lebenswerkes
durch einen frühen Tod dahingerafft. Bellerophon stirbt
bei Euripides bald nach dem von Megapenthes gegen ihn
verübten Anschlag, Brutus fällt in der Schlacht im Zwei-
kampf mit dem Sohne des Tarquinius.
Diese nahen Berührungspunkte beider Sagen machen
es vollkommen verständlich, wie ein Dichter, der vorhan-
denes sich zunutze machen wollte, darauf verfallen konnte,
die beiden Sagen zu einem neuen Ganzen zusammen-
zuschweifsen.
Die Motive der Bellerophonsage schöpfte er, wie ge-
sagt, aus dem Bellerophontes des Euripides. Es erhebt
sich die Frage: aus welcher Quelle entnahm er die Motive
der Brutussage, in welcher Form hat er letztere benutzt
und von M^ elcher Art war das neue Ganze, das durch Ver-
bindung der beiden Sagen entstand?
Die Antwort auf die erste Frage mufs m. E. lauten:
vermutlich aus dem Brutusdrama des römischen Tragikers
Accius.
Und zwar aus folgenden Gründen:
Von den erhaltenen literarischen Fassungen der
Brutussage kann keine die Quelle gewesen sein. Denn
keine von ihnen weist alle Motive der Brutussage, welche
sich in der persischen und später in der nordischen Sage
finden, vereinigt auf.
Der Passus bei Valerius Maximus ist ganz unvollstän-
dig, bei Livius fehlt die Angabe, dafs der Vater des Bru-
tus getötet wurde u. a. m., bei Dionysius v. Halikarnass fehlt
der Traum des Tarquinius und seine Deutung, bei Zonaras
= Dio Cassius (2. Jh. n. Ch.) gleichfalls der Traum des
Tarquinius. Also mufs eine andere, uns nicht erhaltene
Fassung der Brutussage die Quelle der gemeinsamen Grund-
lage der nordischen und orientalischen Version gewesen sein.
Nun wissen wir von der Existenz einer selbständigen,
— 331 —
ausführlichen Darstellung der Brutussage, einem Brutus-
drama des berühmten römischen Tragikers Accius, aus dem
uns jenes, bei Cicero, De divinatione I, 22 citierte Frag-
ment erhalten ist, welches den Traum des Tarquinius und
seine Auslegung durch die Traumdeuter zum Gegenstand
hat, und, wie oben im einzelnen nachgewiesen wurde, zeigt
gerade dieser Traum eine ganz merkwürdige Übereinstim-
mung mit dem Traum des Afrasiab bei Firdosi und dem
einen Traum des Faustinus in der Ambalessaga.
L. Accius oder Attius war 170 v. Chr. geboren und
hat ein hohes Alter erreicht, Cicero hat als junger Mann
noch mit ihm gesprochen. Accius führte die römische
Tragödie auf die Höhe; seine Dramen haben sich jedenfalls
bis zum Ende der Republik auf der Bühne gehalten und
waren zum Teil allgemein bekannt. Noch ein Zeitge-
nosse Senecas bezeichnet ihn als einen Dichter ersten
Ranges^). Von seinem Brutus haben sich nur die beiden
von Cicero angeführten Fragmente erhalten, auch eine Ana-
lyse des Stückes besitzen wir nicht. Eine Rekonstruktion
hat aber unternommen Ribbeck, Römische Tragödie, Leipzig
1875, S. 586-93 auf Grund der verschiedenen uns erhal-
tenen Nachrichten über die Brutussage, von denen nach
ihm die Erzählung Ovids, Fast. II, 739 und die Anmerkung
im Kommentar des Servius zu Virgil. Äen. VIII, 646 direkt
auf dem Drama beruhten. Er läfst das Drama im Lager
von Ardea mit dem Traum des Tarquinius beginnen und
mit der Vertreibung des Königs, dem Tode des Arruns
Tarquinius (mutmafsungsweise) und dem Selbstmorde der
Tullia schliefsen. Dafs in dem Stücke auch Brutus in
seinem verstellten Wahnsinn vorgeführt wurde, kann natür-
lich gar- nicht bezweifelt werden, obgleich Ribbeck es
*) Vgl. Ribbeck, Böm. Tragödie S. 340, 606; M. Schanz, Oeschichie
d. röm. Lit.\ München 1898, S. 94.
— 332 -
nicht ausdrücklich erwähnt; denn Brutus wirft die Maske
ja erst nach dem Tode der Lucretia ab, und es ist doch
anzunehmen, dafs er in dem Stücke, das seinen Namen
trägt, von Anfang an auftrat, wie auch der Dichter sich
unmöglich ein so dankbares dramatisches Motiv kann haben
entgehen lassen. Wenn, wie ich glauben möchte, die Dar-
stellung des Dio Cassius, welche der Erzählung des Zonaras
zu Grunde liegt, auf dem Drama des Accius beruht, so
trat Brutus in der Maske des Blödsinnigen jedenfalls in
dem — von Ribbeck noch in den ersten Akt verlegten —
Trinkgelage bei Sextus Tarquinius auf, insofern ein Frag-
ment des Cassiiis (11, 13) ihn als Teilnehmer dieses Gelages
erwähnt und er seine wahre Natur ja erst später oifenbart.
Die von Livius (I, 59) und von Ovid (a. a. 0. V. 847 — 50)
kurz erwähnte, von Dionys (IV, 79 — 83) ausführlich wieder-
gegebene Rede des Brutus in der Volksversammlung, deren
auffällige Übereinstimmung mit der Rede Hamlets bei
Saxo B. IV oben S. 85 ff. aufgezeigt wurde, war in dem
Stücke sicher vorhanden, wie ein aus derselben erhaltenes
Fragment von einem Verse, in dem Brutus des Servius
Tullius gedenkt, beweist: „Die Hauptpunkte, welche Livius
hervorhebt, können ebenso im Drama vorgekommen sein:
die Schandtat des jungen Tarquiniers, der Tod Lucretias
(kurz und kräftig zusammengefafst) , die Einsamkeit des
unglücklichen Vaters; die Mifshandlungen des Volkes durch
den Tyrannen; die Ermordung des Servius Tullius, und
hier kam der Vers fr. IV vor:
Tullius, qui libertatem civibus stabil tveraf.''
(Ribbeck, a. a. 0. S. 592.)
Die Annahme, es seien in diesem Drama alle Motive
der Brutussage, welche uns später bei Firdosi und in der
nordischen Sage entgegentreten, vereinigt vorhanden ge-
wesen, hat keinerlei Bedenken, und die Vermutung liegt
nahe, es möchten in ihm auch schon Rätselantworten des
— 333 —
Helden, die sowohl die persische als die nordische Sage
kennt, eine Bolle gespielt haben. Dafs die römische Über-
lieferung nichts davon weifs, spricht nicht dagegen, denn
auch des Traumes des Tarquinius bei Accius geschieht in
ihr ja keinerlei Erwähnung.
Die Rekonstruktion des Dramas, welche Ribbeck a. a. 0.
gibt, darf übrigens nicht als zuverlässig betraclitet wer-
den; sie ist in wesentlichen Punkten eine rein hypo-
thetische. Das Material, auf dem sie fufst: Dionys, Livius,
Diodor, Dio Cassius, Zonaras, Servius- Kommentar, Ovid
{Fast II, 739 ff.), bietet keine Anhaltspunkte für einen so
vollständigen Wiederaufbau. Ribbeck vermutet in der An-
merkung des Servius zu Virgil, ^m. VIII, 646^), mit der
wörtlich übereinstimmt der Mythogr. Vatic. 1, 74^), einen
kurzen Auszug der dramatischen Fabel.
Aber die betreffende Anmerkung, welche die Virgilverse:
Xec non Tarquinium ejecüim Porsenna jubebat
Accipere, ingentique urbem, obsidione premebat
kommentiert, setzt gleich mit der Lucretiageschichte ein
und erwähnt den verstellten Wahnsinn des Brutus über-
haupt nicht, kann demnach in keinem Falle als ein Resume
des ganzen Dramas betrachtet werden.
Ich vermute also, im Hinblick auf die frappante Über-
einstimmung zwischen den Träumen des Afrasiab, des
Faustinus und der ganzen Traumscene im Schahname und
der Ambalessaga einerseits und dem als Fragment erhal-
tenen Traum des Tarquinius nebst Traumscene in dem
Brutusdrama des Accius andererseits, dafs eben dieses
Drama des berühmten römischen Tragikers es ist, welches
mit dem Bellerophontes des Euripides verschmolzen wurde,
und zwar, so möchte ich die zweite der oben aufgewor-
^) Servii commeni. in Virg. Aen. ed. Thilo u. Hagen II, S. 291.
*) Script, rer. myth. ed. Bode I, S. 25.
— 334 —
fenen Fragen beantworten, verschmolzen vermutlich
zu einem neuen Drama.
Die Kontamination zweier Dramen hat nichts Befremd-
liches. Bekanntlich haben die alten römischen Dramatiker
sich dieses Verfahrens bei ihrer dramatischen Produktion
oft bedient. Wir haben dafür das ausdrückliche Zeugnis
des Terenz, der im Prolog zu seiner A^idria sich folgender-
mafsen äufsert:
Menander schrieb eine Andria und Perinthia:
Wer eins der Stücke gründlich kennt, kennt alle zwei.
Nach ihrem Inhalt nicht so gar verschieden, sind
Sie doch im Ausdruck und im Stil verschiedener Art.
Was pafste, trug der Dichter aus dem Einen Stück
(Er will es frei bekennen) in die Andria herüber, und benützt
es wie sein Eigentum.
Dies tadeln jene Herren und behaupten fest:
Komödien so zu verschmelzen, das gezieme nicht.
Da wandelt der Verstand sich wohl zum Unverstand.
Denn wer ihn anklagt, wahrlich, klagt den Naevius,
Den Plautus, Ennius, unsres Manns Vorbilder, an.
Die doch in ihrer Lässigkeit ihm höher steh'n,
Als sie mit ihrer dunklen Vielbeflissenheit ^).
Nicht anders als hier Terenz nach seinem eigenen
Zeugnis verfahren ist, wird, denke ich, der Verfasser jenes
Dramas, in dem ich die Quelle der Hamlet-Chosrosage ver-
mute, zu Werke gegangen sein: Was pafste, trug er aus
dem Brutus in den Bellerophontes — oder umgekehrt —
herüber und verwertete es.
Nun möchte ich aber mit dem Verweise auf das
römische Schauspiel nicht gesagt haben, dafs ich hier an
ein römisches Drama denke. Das Verfahren der Kontami-
nation von Dramen ist doch sicher nicht von den römischen
Dichtern erfanden, sondern letztere haben auch in diesem
Punkte gewifs nur ihre literarisclien Lehrmeister, die
Griechen, nachgeahmt. Der älteste römische Dramatiker,
^) J. J. C. Donner, Die Lustspiele des Publiiis Terentius, deutsch
in den Versmafsen der Urschrift, I, Leipzig und Heidelberg 1864.
— 335 —
Livius Andronicus, — der allerdings von Terenz nicht er-
wälint wird — war ja selbst ein aus Tarent gebürtiger
Grieclie. Dafs es sich nicht um ein durch Kontamination
entstandenes römisches, sondern um ein griechisches
Drama handelt, das läfst mich vornehmlich der Umstand
vermuten, dafs die so entstandene Form der Sage ihren
Weg nach Persien gefunden hat, welches doch zu Griechen-
land in viel näheren Beziehungen stand als zu Rom.
Fragen wir nun, wo jenes Schauspiel entstanden sein
könnte, in dem ich die gemeinsame Quelle der Hamlet-
und der Chosrosage vermute, so wird man doch wohl zu-
nächst an den Hauptsitz der hellenistischen Poesie und
Gelehrsamkeit, an Alexandrien denken dürfen, wo eine
rege dramatische Produktion herrschte und die Fortdauer
dramatischer Spiele bis in die römische Zeit bezeugt ist,
s. Christ, Geschichte der griech. Literatur^, München 1898,
S. 539 Anm. 3. Dafs auch den alexandrinischen Drama-
tikern das Verfahren der Stoffverschmelzung nicht unbe-
kannt war, zeigt z. B. die Tatsache, dafs nach Susemihl,
Gesch. der griech. Lit in der Alexandriner zeit, I, Leipzig 1891,
S. 271 der alexandrinische Dramatiker Sositheos in seinem
Daphnis oder Lityerses, einer Tragödie „nach dem Zu-
schnitt der euripideischen Alkestis" „die sikelische Legende
von Daphnis mit der phrygischen von dem Unhold Lilyerses
verschmolz". Nach Susemihl sind wir „über keine poetische
Gattung dieser Zeit . . so unvollständig unterrichtet wie
über die Tragödie." Das dürfte vielleicht der Grund sein, dafs
Kontaminationen in alexandrinischen Tragödien, so weit ich
sehe, in ausgedehnterem Mafse nicht nachgewiesen sind.
Indessen betrete ich hier ein Gebiet, welches mir
nicht hinreichend vertraut ist und auf dem ich mich nur
mit der gröfsten Reserve äufsern darf; ich mufs das Urteil
über die beregte Frage den Kennern der spätgriechischen
und hellenistischen Literaturgeschichte anheimstellen.
— 336 —
Dieses hypothetische Drama nun mufs alle Motive,
welche der Hamletsage einerseits, der Chosrosage andrer-
seits mit der Bellerophon- und der Brutus(-Tullia)sage gemein
sind, vereinigt enthalten haben; es sind das die folgenden:
Ein Tyrann tötet seinen Bruder und läfst den Vater
des Helden (und dessen Bruder?) heimlich aus dem Wege
räumen (BtS. 1). Der Held stellt sich, um dem gleichen
Schicksal zu entgehen, blödsinnig (BtS. 2), indem er sich wie
ein Hund gebärdet (BtS. 3). Er wächst auf im Hause des
Tyrannen (BtS. 4) und setzt sich die Vaterrache zur Aufgabe
(BtS. 5). Er legt in Antworten einen anderen Sinn, als sie für
Unbefangene zu haben scheinen (BtS. 6). Der König hat eine
böse, Unheil stiftende Gemahlin (BtS, BS. 7j. Ein unglück-
verkündendes Omen wird ihm, in dem eine Schlange
(Schlangen) und Geier eine Eolle spielen (BtS. 8). Er
trachtet dem Jüngling nach dem Leben (BtS, BS. 9), wagt
aber nicht, ihn selbst zu töten und schickt ihn mit einem
Uriasbrief an einen mit ihm (dem König) verwandten König
jenseits des Meeres (BS. 10). Der in dem Uriasbriefe ent-
haltenen Aufforderung, den Überbringer zu töten, gibt der
König keine Folge (BS. 11). Der Held gelangt in den
Besitz eines wunderbaren, windschnellen Eosses — das
Rofs hat seinem Vater gehört oder er erhält es von seinem
Vater — , mit Hülfe dessen er seine folgenden Taten voll-
bringt (BS. 12). Er tötet einen das Land verwüstenden
Eber (BS. 13) und übernimmt im Dienste des Königs mehrere
Feldzüge, die er siegreich beendet (BS. 14). Auch aus einem
Hinterhalt, den ihm zehn oder zwanzig von den Leuten
des Königs im eigenen Lande legen, geht er als Sieger
hervor (BS. 15). Der König wird von Bewunderung für ihn
erfüllt und gibt ihm seine Tochter zur Frau (BS. 16). Der
Held kehrt in seine Heimat zurück (BS. 17), führt Krieg
gegen den Usurpator, besiegt ihn, stöfst ihn vom Throne und
übernimmt selbst die Regierung (BtS. 18). Nun bemächtigt
— 337 -
sich seiner tiefe Melancholie und Lebensüberdrufs (BS. 19).
Bald darauf stirbt er (BtS, BS. 20). Aufserdem kam folgendes
Motiv vor: Kine verheiratete Frau bietet dem Helden ihre
Liebe an, wird aber von ihm abgewiesen (BS. 21); sie verklagt
ihn deshalb bei ihrem Gatten wegen versuchter Gewalttat;
der Held reinigt sich durch Vollbringuug einer schweren Auf-
gabe von der Anklage (BS. 22); die Frau nimmt sich in Ver-
zweiflung das Leben, ein mit ihr nah verwandter junger Mann
will sie rächen, er berät sich mit einem dem Helden feind-
lichen Könige über die Mittel und Wege und verübt einen
Mordanschlag auf den ersteren, findet aber bei dem Anschlag
seinen Tod (BS. 23). Endlich könnte möglicherweise auch
der Zug in dem Stücke vorhanden gewesen sein, dafs der
Held dem delphischen Orakel, um es sich günstig zu stimmen,
einen mit Gold gefüllten Stab darbringt (BtS. 24).
Diese Motive finden wir in den verschiedenen nordischen
Fassungen der Hamletsage sämtlich wieder, ausgenommen
No. 22; 8 und 21 erscheinen in etwas modifizierter Form^
indem dort der Inhalt des Omens abweicht, hier an Stelle
der Frau ein Mädchen erscheint. Dagegen finden wir in
der persischen Sage, die allein durch das Schahname reprä-
sentiert wird, nur die Motive 1 (mit dem Unterschiede, dafs
die Tötung nicht heimlich geschieht), 2, 3 (3 in modifizierter
Fassung), 5, 6, 7 (7 auf Sijawusch übertragen), 8, 9, 12, 17,
18, 19, 20, 21, 22 (21 und 22 auf Sijawusch übertragen); hier
sind also die übrigen Züge eliminiert worden.
In dem durch Verschmelzung des Bellerophontes und
des Brutus entstandenen neuen Drama nahm der Held also,
wie im Brutus, die Maske des Blödsinns vor, um der Ver-
folgung zu entgehen. Ich glaube nun, wir dürfen es wagen,
auf Grund der verschiedenen Fassungen der Hamletsage sogar
eine Vermutung zu äufsern über die Form des Wahnsinns,
den der Dichter ihn annehmen liefs. Bei den klassischen
Autoren geschieht mehrfach einer besonderen Art des
Zenker, Boeve-Amlethas. 22
— 338 —
melancholischen Irreseins Erwähnung, für die sich
die Bezeichnungen „Hundsmenschkrankheit" oder „AVolfs-
menschkrankheit", xvvdvdQomoc; oder kvyjivijoomoq voooq,
auch lvxav&QO)ma, xvvav^gajma oder Xvxdow, xvoxv finden
und aus der zum Teil hervorgegangen ist der Werwolfs-
glaubo, d. h. der Glaube an die zeitweilige Verwandlung
dämonischer Menschen in Wölfe und umgekehrt. Über diese
Krankheit hat sich neuerdings mit grofser Gelehrsamkeit
verbreitet W. H. Röscher, Das von der „Kynanthrojne^'
handelnde Fragment des MarceUus von Side, Ahhandl. d.
K. Sachs. Ges. d. Wiss., phil.-hist. C]., B. XVII , vgl. dazu
die Besprechung von E. Rohde, Kleine Schriften II, 216.
Aus der erhaltenen Beschreibung der Krankheit durch den
unter den Antoninen lebenden Arzt Marcellus von Side,
dem die übrigen von der Lykanthropie handelnden antiken
Autoren gefolgt sind und auf den sie sich berufen, ergibt
sich, „dafs die von dieser Art des Wahnsinns Befallenen
sich völlig wie Wölfe oder Hunde zu benehmen pflegten,
d. h. des Nachts in der Nähe der Gräber (ßÄrrj/AaraJ umher-
streiften, in dieselben einzudringen suchten, wohl auch, wie
Hunde, Wölfe und die diesen Tieren so nahe stehenden
und deshalb auch häufig mit ihnen verwechselten Schakale,
ein fürchterliches Geheul erschallen liefsen und gleich ihnen
sich mit Leichen zu schaffen machten. Ein solches wahn-
sinniges Benehmen beruhte zweifellos auf der schrecklichen
Vorstellung der Kranken, dafs sie zu Hunden oder Wölfen
geworden seien: eine eigentümliche Art des Irrsinns, für
deren wirkliches Vorkommen sich gar mancherlei Zeugnisse
aus alter und neuer Zeit beibringen lassen." Off'enbar eben
diese Krankheit hat im Auge Vincentius von Beauvais
(f 1264) in seinem Speculum Sapientiae 15, 59, wenn er
sagt: Est et quaedam melancholiae species, quam quipatitur
galli canisve similitudinem habere sihi videtur, unde iit
gallus clamat, vel ut canis latrat. Nocte ad monu-
— 339 —
menta egreditur ibique usque ad diem moratur, talis
nunquam sanatur, haec passio a parentihus haereditatur.
Röscher meint, Vincenz — der durchaus nur Kompilator
ist — habe hier vielleicht aus der gleichen Quelle ge-
schöpft wie der arabische Arzt Ali, Sohn des Abbas, „der
in dem Kapitel über Melancholie diejenige Art derselben
beschreibt, wobei die Menschen den Hähnen oder Hunden
nachahmen, und sich beständig an einsamen Orten auflialten."
Ich frage nun: Ist es wohl ein Zufall, dass gerade
die drei von Vincenz von Beauvais und ziemlich überein-
stimmend von Ali angegebenen Symptome der Krankheit:
das Nachahmen von Hunden und von Hähnen und das
nächtliche Verweilen bei Gräbern (an einsamen Orten) sich
bei Hamlet in der Sage vereinigt finden? Dafs letztere
den Hamlet sich als Hund gebärden läfst, dafs er sich
als Hund fühlt und als solcher bezeichnet wird, habe ich
S. 149 if. nachgewiesen — wobei ich bemerke, dafs ich, als
ich jene Seiten schrieb, nicht etwa schon auf die Kynan-
thropie als die mögliche Form seines Wahnsinns aufmerk-
sam geworden war. Hamlet als Hahn finden wir bei
Saxo Grammaticus, nämlich in jener Scene, wo seine
Unterredung mit der Mutter belauscht werden soll: Hamlet
hat Verdacht geschöpft: „Aus Besorgnis . . , dafs er von
irgend welchen verborgenen Augen gehört werden könnte,
nahm er zuerst zur Ausübung seiner gewöhnlichen Torheiten
seine Zuflucht; er erhob seine Stimme wie ein krähen-
der Hahn und focht mit den Armen hin und her,
als ob er mit den Flügeln schlage. Dann sprang er
auf das Stroh und begann fortwährend auf und abzu-
springen, um zu erproben, ob darunter irgend etwas ver-
borgen wäre. Als er die Masse unter seinen Füfsen spürte,
stach er mit dem Schwerte an die Stelle, durchbohrte den
darunter liegenden, holte ihn aus seinem Versteck hervor
und tötete ihn vollends." In düsterer Melancholie
22*
— 340 —
bei den Gräbern, auf einem Kirchhof weilend finden
wir endlich Hamlet — im 5. Akt bei Shakespeare. Einsam,
auch bei Nacht, in den Wäldern, im Gebirge, in der Ein-
öde sich herumtreibend zeigt ihn uns mehrfach die Am-
balessage, s. oben S. 131 — 33. Nachdem auf den voraus-
gehenden Blättern schwerwiegende Gründe, denke ich,
dafür beigebracht sind, dafs Kyd, Shakespeares Vorlage,
nicht, wie man noch immer annimmt, aus Saxo-Belleforest
geschöpft hat, sondern einer älteren, bis jetzt unbekannten
Quelle gefolgt ist, liegt offenbar die Möglichkeit vor, dafs
auch die Kirchhofsscene in irgend einer Fassung schon in
der gemeinsamen Quelle der Versionen vorhanden war, und
dafs die Quelle die drei in Rede stehenden, in verschiede-
nen Versionen überlieferten Symptome vereinigt enthielt,
dafs sie Hamlet sich als xvvdv^gcoTiog gebaren liefs.
Wie Eoscher ausführt, stand nach griechischem Volks-
glauben der Hund in nahen Beziehungen zu den Dämonen
des Totenreichs. „Ganz besonders aber galten die grofsen
schwarzen Hunde mit ihren feurigen d. h. bei Nacht un-
heimlich leuchtenden Augen als furchtbare, zu den Dämonen
des Totenreiches und der Unterwelt in nahen Beziehungen
stehende Wesen, deren blofses Erscheinen schon schweres
Unheil verkündete." Hekate wurde als hundsköpfig ange-
rufen. Die Erinj^en und Keren, die „im Grunde weiter
nichts sind als die zu höheren Potenzen gewordenen bös-
artigen Seelen unglücklich oder voll Groll Gestorbener,"
dachte man sich ursprünglich in Hundegestalt.
Ich frage: Pafst die Maske des Kwdvd'QcoTTog nicht
vortreiflich für Hamlet, der als Eächer seines ermordeten
Vaters die Spur des Mörders verfolgt? Daran, dafs schon
die Melancholie des Bellerophontes bei Euripides als xw-
av^Qcojiia zu fassen sei, ist natürlich nicht zu denken, da
uns das sonst gewifs ausdrücklich bezeugt wäre; dagegen
wäre es wohl möglich, dafs schon Brutus, den die Antwort
I
— 341 —
des delphischen Orakels bei Zouaras als „Hund" bezeichnet,
in dem Drama des Accius Kynanthropie simulierte. Jeden-
falls aber lag es für den Bearbeiter der beiden Sagen, der
dort die menschenscheue, tiefe Melancholie des Helden, hier
das Motiv des Hundes vorfand, überaus nahe, beides zu
dem bekannten Krankheitsbilde der K3^nanthropie zu ver-
einigen.
Also: ich möchte es der Erwägung anheimgeben, ob
nicht der verstellte Wahnsinn Hamlets ursprünglich Ky-
nanthropie gewesen ist.
Die Annahme, dafs es das verlorene Brutusdrama des
Accius ist, auf welches die in der Hamletsage vorhandenen
Elemente der BtS. zurückgehen, gibt uns nun auch die
Möglichkeit, die S. 85 ff. aufgezeigte merkwürdige Über-
einstimmung, welche zwischen der an das Volk gerichteten
Kede Hamlets bei Saxo und der Rede des Brutus bei
Dionys v. Halik. IV, 77 besteht und deren Ursache wir
damals nicht mit Sicherheit zu bestimmen vermochten, in
völlig befriedigender Weise zu erklären. Es ist nämlich
neuerdings sehr wahrscheinlich gemacht worden, dafs die
poetisch gefärbten Erzählungen der römischen Historiker
aus der ältesten Geschichte Roms einfach den Inhalt natio-
naler historischer lateinischer Dramen wiedergeben, s.
darüber die interessante Arbeit von Reich, Über d. Quellen
d. öltest röm. Gesch. u. die röm. Nationaltrag., Festschrift f.
OsJcar Schade, Königsberg i. Pr. 1896, S. 399 ff". Reich weist
darauf hin, dafs zu Rom in der Zeit des zweiten punischen
Krieges die Tragödie in der höchsten Blüte stand. Die
„Poesie in der römischen Vorgeschichte" stammt nach ihm
nicht aus einem römischen Nationalepos, das nie existiert
hat, „wohl aber aus der römischen Nationaltragödie,
welche die Schöpferin und Vollenderin aller dieser schönen
Sagen gewesen ist. Und wir müssen die glückliche Naivi-
tät der ersten römischen Historiker preisen, die alles, was
— 342 —
sie über die altrömischen Zeiten in den historischen Na-
tionaltragödien fanden, in ihre Werke einflochten, da sie
sonst hierüber spärliche oder überhaupt keine Quellen
hatten. Denn ihnen verdanken wir es, dafs wir uns jetzt
aus historischen Quellen genauer über Gestalt und Inhalt
jener verschollenen Dramen belehren können."
Reich macht dann wahrscheinlich, dafs die Sage von der
Kindheitsgeschichte des Romulus und Remus, wie sie Dionys
y. Halikarnass und Plutarch erzählen, weiter nichts ist „als
die ganz oberflächlich ihres dramatischen Gewandes ent-
kleidete ,ÄlimoniaBemi etRomuW desNaevius", eine römische
Nationaltragödie, aus der vermutlich Diokles schöpfte, der
Gewährsmann des Fabius Pictor, auf den sich Plutarch
beruft.
Ich vermute nun, dafs alles, was Dionys von Brutus
erzählt, in analoger Weise zurückgeht auf den Brutus des
Accius, wie denn Ribbek, Die röm. Trag. S. 586 die Dar-
stellung des Livius ebenfalls wenigstens teilweise aus
diesem Drama geschöpft sein läfst. Ist dem so, dann dürfen
wir jene Rede des Brutus bei Dionys als eine Entlehnung
aus Accius betrachten, bei dem eine solche Rede vorhanden
war, s. oben S. 332, und die Übereinstimmung mit der
Rede Hamlets bei Saxo erklärt sich sehr einfach durch
die Annahme, es sei eben diese Rede aus dem Brutus-
drama in das durch Kontamination des letztern mit dem
Bellerophontes des Euripides entstandene neue Stück, die
hypothetische Quelle der Hamlet-Chosrosage, ziemlich un-
verändert herüber genommen worden. Es mufs dann frei-
lich für Saxo teilweise eine schriftliche Quelle angenommen
werden, welche durch ebensolche schriftliche Zwischen-
stufen auf jenes Stück zurückging; aber eine solche An-
nahme scheint mir auch durchaus unbedenklich.
Ich frage weiter: Unter welchem Namen trat der
Held in dem fraglichen neuen Drama auf? Als Bellero-
— 343 —
phon schwerlich, da dessen Schicksale hier ja stark ab-
jreändert sind. Wenn es, wie ich annehme, ein griechisches
Drama war, so liegt der Gedanke nahe, man habe vielleicht
den Namen Brutus ins Griechische übersetzt. Nun ist die
genaue Wiedergabe des lateinischen hrutus im Griechischen
nußXik oder d/ußXvoeig, „blöde, stumpfsinnig". Ich frage:
Sollte etwa HfißXvg der Name des Helden gewesen sein?
Diese Namensform steht offenbar sehr nahe der in der
Ambalessage vorliegenden, neben Amloäi gebräuchlichen
Form Amhales, für die eine befriedigende Eiklärung noch
nicht gegeben ist; denn die S. 190 mitgeteilte Deutung
Olriks ist, wie dort gezeigt wurde, wenig einleuchtend.
Die Accentverschiebung in Amblys bietet keine Schwierig-
keit und durch Svarabhakti konnte der Name leicht zu
Amhalys werden, von wo dann nur noch ein Schritt war
zu Ambales. Damit würde dann freilich die von mir
S. 191 vorgeschlagene Ableitung von Amlaihh fallen, aber
ein Zusammenhang mit dem Namen könnte trotzdem bestehen,
indem es denkbar wäre, dafs der Name Amlaihh die Um-
bildung von Amblys zu Ambales begünstigt hätte. Jeden-
falls steht Amblys dem Ambales wesentlich näher als Amloäi
und Amlethus.^) Immerhin möchte ich auch diese Ver-
mutung nur mit aller Vorsicht geänfsert haben, sie zur
Erwägung stellen.
Und nun die wichtigste Frage: Von welcher Art
könnte das Drama gewesen sein, welches als Kontamination
des Bellerophontes und des Brutus die Quelle der gesamten
Sagenentwicklung wurde? Die Antwort scheint mir kaum
^) H. Stephanus, Theaaur. lingime graecae verzeichnet auch ein
afißXv€oxix6g ^ hebetans, H. Menge, Oriech. - deutsches Schulwörterbuch,
Berlin 1903, ein d/ißXv<orro), kurzsichtig oder blödsichtig sein, Formen,
die wiederum der anderen Namensform Amloäi merkwürdig ähnlich
sehen. Für die Etymologie von dfißÄvc: vergleicht Menge s. v. diia/Mg,
-ZU skr. mlayati, er welkt; oder zu fiaXa, mi/lffx Onit a. privat.)?"
— 344 —
zweifelhaft: es wird ein griechisches Volksdrama, ein
Mimus, gewesen sein. Über diese wichtige Gattung des
antiken Dramas hat neuerdings ausführlich gehandelt der
oben schon genannte Hermann Reicli in seinem interessanten,
weite Ausblicke eröffnenden Werke: Der Mimus, ein litterar-
entwicMungsgeschichtlicher Versuch, Berlin 1903. Ich ver-
weise hier besonders auf Kap. VI: Die Enkvicklung der
mimischen Hypothese vor und nach Philistion.
Der Mimus ist hervorgegangen aus dem dramatischen-
mimischen Tanz. Er begegnet schon im Anfang des achten
Jahrhunderts in den siziiisch- italischen Kolonien der Do-
tier, in Syrakus, Megara, Tarent. Vom vierten Jahrhundert
an wird der Begriff des Mimus herrschend für die primi-
tiven, mimischen Dramen, die bis dahin in den einzelnen
Städten verschiedene Namen hatten. Sein Lebensnerv ist
„die burleske Ethologie und Biologie, die Schöpfung und
Darstellung realistisch-humoristischer Typen und Figuren,
vermittels deren ein reales Bild des Lebens sich gestalten
läfst" (S. 504). In Sizilien wurde der Mimus schon am
Anfang des fünften Jahrhunderts, in Italien am Ende des
vierten zu einem gröfseren Drama. Seine ältesten berufs-
mäfsigen Darsteller sind aus den griechischen Jongleuren
hervorgegangen; es bildeten sich wandernde Mimengesell-
schaften, die sich besonderer Beliebtheit am Hofe König
Philipps und dann Alexanders erfreuten, mit dem sie nach
Kleinasien zogen. „Dort stiefsen diese Darsteller des
dorischen Mimus auf die jonischen Mimen, die sich in-
zwischen unabhängig von ihnen entwickelt hatten, und
aus diesem welthistorischen Zusammenstofs entstand erst
das grofse mimische Drama, die mimische Hypothese am
Anfang des dritten Jahrhunderts v. Chr." Während der
dorische Mimus ursprünglich prosaisch war, mischte die
mimische Hypothese Prosa und Verse (Jamben und Can-
tica). In Alexandria und Antiochia wurden auf den
- 345 —
Theatern Mimen agiert, hier spielte man sie nach dem
Zeugnis des Johannes Chrysostomus noch in den Jahr-
hunderten nach Christus. Ihren Höhepunkt erreichte die
Gattung durch Philistion im ersten Jahrh. n. Chr., der
seine Hypothesen vollständig ausarbeitete und sie so zu
einer vornehmen Litteraturgattung erhob. Seine Stücke
wurden noch in den späteren Jahrhunderten gelesen und
auch aufgeführt. Durch ihn wird der vorchristliche Mimus
verknüpft „mit dem spätesten byzantinischen Mimus, der
bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts n. Chr. blühte." In Rom
wurde das Florafest vornehmlich durch Mimen gefeiert
und zwar spielte man dort sowohl griechische als lateinische
Mimen. „Philistion gab griechische Mimen in Rom, sie
wurden auch später unaufhörlich dort aufgeführt. So er-
hielt sich die griechische Mimenbühne in Rom, und noch
zu Theodorichs Zeit kamen die griechischen Mimen aus
Byzanz dorthin" (S. 561).
Die mimische Hypothese „ist in ihrer Vollendung ein
grofses Drama, das an Umfang, an Zahl der Akte und
der Scenen das alte klassische Drama zum mindesten er-
reicht." Ihre Darsteller sind sehr zahlreich, von den
meisten Fesseln, die das klassische Drama einengten, ist
sie frei. Es existiert nur eine Einheit der Handlung,
die aber im Grunde mehr nur eine Einheit des Interesses
ist. Der Ort wechselt beständig. Der christologischc Mimus
von Genesius z. B. „spielt erst auf der Strafse, dann in
der Wohnung, wo der Täufling krank im Bette liegt, dann
in der Kirche, dann vor Gericht, und endlich sollte Ge-
nesius auch noch zum Hochgerichte geführt werden." Die
Darstellung wechselt zwischen dem Niedrigen und Er-
habenen: „Es treten alle menschlichen Typen auf vom
Rüpel bis zum Kaiser, ja bis zum Gotte." Eine Haupt-
figur ist der Narr, ^ucogög, der mimus calvus, der in be-
sonderer Tracht, mit spitzer Mütze, dem apex, agiert.
— 34G —
Neben den burlesken Mimen gab es nach dem Zeugnis
des Choricius solche, in denen der Ernst von Anfang bis
zu Ende vorwog. Mord und Totschlag waren im Mimus
nicht selten. „Vor allem geschahen im Mimus nicht selten
schwere und unheimliche Verbrechen. Meineid und Mein-
eidsprozesse scheinen nicht selten gewesen zu sein und
besonders war Giftmischerei im Schwünge. So sah Plutarch
im Theater des Marcellus bei einer Vorstellung, der auch
der greise Kaiser Vespasianus beiwohnte, ein grofses mimi-
sches Schauspiel mit zahlreichen Darstellern und einer
sehr verwickelten Handlung. Die Intrigue in diesem Mimus
hing wesentlich mit einem Grifte zusammen, das eigentlich
ein eigentümliches Schlafmittel war; wer es einnahm,
wurde von Totenstarre befallen, um dann nach einiger Zeit
wieder aufzuleben . . ." Die Kriminal geschichte, welche
Apulejus im Anfang des 10. Buches seiner Metamorphosen
mitteilt, stellt nach Eeich S. 589, Anm. 2, das Sujet eines
Giftmischermimus dar. Auch Gespenster scheinen im Mimus
aufgetreten zu sein.
„So ist denn im Mimus in der wunderbarsten Weise
Niedriges mit Hohem, Ernstes, ja Grausiges mit Burleskem
und Humoristischem, das platt Eeale mit höchst Phanta-
stischem und Zauberhaftem verquickt." Reich verweist hier
auf die gleichen Mischungen in den Shakespeareschen
Dramen, die er überhaupt öfter heranzieht, wie er denn in
ihnen direkt einen Jüngern Ausläufer des antiken Mimus er-
blickt. „Der Mimus ist in seiner höchsten Vollendung am Be-
ginn der christlichen Aera das grofse moderne Drama der
Antike, das Drama des griechisch-römischen Weltreichs, das
mit seiner Biologie dem damaligen Leben in der grofsen
griechisch-römischen Kultur weit gerecht wurde" (S. 615).
Ich begnüge mich, diese wenigen Hauptpunkte aus
der Fülle der Reichschen Darstellung und der von ihm
zusammengetragenen Tatsachen herauszugreifen. Ich bitte
— 347 —
mm diejeiiigeu, welche mir bis liierher gefolgt sind, sich den
oben S. 128 analysierten Inhalt der Ambalessage ver-
gegenwärtigen, noch besser aber, die Ambalessage in der
Gollanczschen Übersetzung vollständig lesen zu wollen
und sich zugleich der Darstellung Saxos, der Shakespeares
und des oben über den Inhalt des postulierten Dramas
Bemerkten zu erinnern.
Ich frage: Stimmt nicht der Inhalt der Hamletsage,
wie sie uns hier entgegentritt, vortretflich zu dem Bilde
der grofsen mimischen Hypothese, welches Reich entwirft?
Da haben wir als Hauptfigur den Narren, die Gestalt des
sich blödsinnig gebärdenden, hündisches Wesen zur Schau
tragenden, mit nackten Beinen tanzenden, krähenden, dann
wieder als Affe umher springenden Hamlet, wir haben die
ganze cynisch -burleske Scene des Trinkgelages in der
Königshalle, wir haben, in der Stheneboia- Episode, das
im Mimus besonders beliebte Ehebruchsmotiv, wir haben
das Nebeneinander burlesker und düsterer, tragischer Scenen,
den Giftmord — falls die Ermordung von Hamlets Vater
durch Gift ursprünglich ist, was wohl sein könnte, da
auch in der Brutussage des Brutus Vater von Tarquinius
heimlich aus dem Wege geräumt wird (Dionys v. Hali-
karnass) — sowie den auf Hamlet mit Gift unternommenen
Mordanschlag — alles in allem eine buntbewegte Hand-
lung, zugleich possenhaft und grausig, für ein Volksdrama
der Kaiserzeit von der Art des Mimus wie geschaffen.
Und so meine ich denn, es ist hinreichender Grund vor-
handen zu der Annahme, dafs das Resultat der vermuteten
Verschmelzung des Bellerophontes und des Brutus eben ein
in römischer Zeit entstandener griechischer Mimus war,
vielleicht der Mimus von Hjußkvg, dem xwdvx'^Qmnog.
Was nun die weitere Entwicklung betrifft, so denke
ich mir, dafs, ähnlich wie Apulejus im 10. Buch den Inhalt
eines Mimus wiedergibt, aus dem in Rede stehenden Drama
— 348 —
entweder eine griechische Prosaerzählung, ein Roman, oder
ein griechisches episches Gedicht im Stile der Alexandriner^)
geflossen ist, welches über Byzanz oder vielleicht direkt
von Byzanz aus einerseits nach Persien drang und dort
in verkürzter, teilweise modifizierter, durch historische Er-
eignisse beeinflufster Gestalt ins Schahname eingefügt
wurde, andrerseits, gleichfalls über Byzanz, durch Nord-
leute nach den britischen Inseln gelangte und dort die
Grundlage der Hamletsage wurde. Die Annahme griech-
ischen Ursprungs einer Episode des Schahname wird nicht
befremden. Vermutet doch auch E. Eohde, Der griech.
Roman S. 31, Anm. 4, für die Sudabeepisode, in der ich
einen Reflex der Stheneboia-Bellerophonsage sehe, griech-
ische Herkunft, nämlich Ursprung aus der Sage von
Phaedra und Hippolytos: „Es wäre vielleicht zu überlegen,
ob nicht, mit so manchen griechischen Überlieferungen
nach Osten wandernd, diese (auch in Griechenland in so
vielen parallelen Erzählungen imitierte) Sage von der
Liebe der Phaedra dort im Osten den Anlafs zu den
mannigfachen Erzählungen von der Liebe der Stiefmutter
zum Stiefsohne, der Verklagung des Tugendhaften beim
Vater usw. gegeben haben möchte. Vgl. z. B. die Ge-
schichte von Sijawusch und Sendabeh [sie] in Firdusis
Königsbuche . . . ." Die engen Beziehungen zwischen Byzanz
und Persien liegen so klar zu Tage, dafs eine besondere
Rechtfertigung der Annahme der Wanderung einer griech-
ischen Sage nach Persien überflüssig sein dürfte. Die
Litteratur über die Beziehungen zwischen Byzanz und
dem Orient überhaupt verzeichnet Krumbacher, Geschichte
d.by2!antin. Litteratur ^, S. 1097 fl^. Ich will nur auf die
eine Tatsache hinweisen, dafs unter Kaiser Theophilos
^) S. über das Epos der Alexandriner Susemihl, Gesch. d. griech.
Litt. d. Alexandrinerxeit I, 375 ff.
— 349 ~
(829—42) im griechiscben Heer persische Hilfstruppen in
der Anzahl von nicht weniger als 30000 Mann dienten,
die dann in den verschiedenen Gebieten des Reiches an-
gesiedelt wurden und mit den einheimischen Untertanen
in Ehegemeinschaft traten, s. A. Eambaud, L'empire gree
au dixieme stiele, Paris 1870, S. 215; dieses vortreffliche
Werk enthält überhaupt reiches Material über die Bezie-
hungen zwischen Byzanz und dem Orient.
Was dann die Annahme der Wanderung der Sage
nach dem skandinavischen, bezw. skandinavisch -britischen
Norden betrifft, so sind ja auch die schon in sehr früher
Zeit angeknüpften Beziehungen der Nordleute zu Byzanz
hinreichend bekannt. Skandinavische Söldnertruppen im
byzantinischen Heere begegnen schon unter Michael IIL
(842 — 67). Über die Unternehmungen der westlichen
Normannen gegen Byzanz vgl. Steenstrup, Normannernej
2 B., Kopenhagen 1876 — 78; über die der russischen
Varäger Rambaud, a. a. 0. S. 364. Vor allem aber bestanden
zwischen Skandinavien und Byzanz schon in sehr früher
Zeit rege Handelsbeziehungen, für die ich verweise auf
Wilken, Das Verhältnis der Russen zum hyzant Reich im
9. — 11. Jh., Äbhandl. d. Berlin. Äkad., phil.-hist. Cl. 1829,
S. 75 ff; K. Weinhold, Altnord. Lehen, Berlin 1856, S. 98 ff;
W. Kiesselbach, Der Gang des Welthandels und die Entwick-
lung des europäischen Völkerlehens, Stuttgart 1860; W. Heyd,
Geschichte des Levantehandels im Mittelalter I, Stuttgart
1879, und Noel, Histoire du commerce du monde, Paris 1891.
Schon die ältesten Verträge zwischen Byzantinern und
Russen, d. i. Skandinaviern, aus den Jahren 911 und 944
konstatieren, dafs viele Kaufleute aus Rufsland in Handels-
verkehr mit den Griechen standen und sich längere Zeit
in Konstantinopel aufzuhalten pflegten. Die Russen be-
wohnten hier eine ganze Vorstadt, Saint -Mames. Der
Handel ging den Dniepr hinauf über Kiew und Nowgorod
— 350 —
au die Ostsee, er berührte den Bereich der späteren Hansa
bei den alten Ostseestädten Vineta, Julin, Wisby und zog
seine Kreise bis nach Grofsbritannien. Der Verkehr war
ein so enger, dafs bei Adam von Bremen und verschiedenen
arabischen Geographen die Vorstellung begegnet, die
Ostsee flösse mit dem schwarzen Meere zusammen;
Adam bemerkt: „Das Ostmeer, welches das Baltische ge-
nannt wird, erstreckt sich weit gedehnt durch die Gegenden
Scythiens bis nach Griechenland" (Kiesselbach S. 53). An
der ganzen schwedischen Ostküste, dann besonders auf
Bornholm, auf Gothland, auch in Jütland und Schleswig,
weiter in Grofsbritannien, hat man in Masse arabische
Münzen ausgegraben, von denen die ältesten Ende des 7.,
die jüngsten x4nfang des 11. Jhs., die meisten aber ICnde
des 9. und Mitte des 10. Jhs. geprägt sind (Heyd, S. 67, 97);
sie sind natürlich auf dem Wege über Byzanz dahin gelangt.
Dieser rege Handelsverkehr, sodann die mit dem Ende des
8. Jhs. beginnenden Züge der Skandinavier nach Grofs-
britannien und Irland lassen die Annahme der Wanderung
eines byzantinischen Litteraturdenkmales über Skandinavien
nach den britischen Inseln, deucht mich, als ganz unbe-
denklich erscheinen. Unkenntnis der griechischen Sprache
auf Seiten der Skandinavier kann nicht dagegen angeführt
werden, denn diese Kaufleute waren des Griechischen voll-
kommen mächtig, dergestalt, dafs sie wohl diplomatischen
Personen als Dolmetscher beigesellt Avurden, s. Hüllmann,
Gesch. des hyzant. Handels bis zum Ende der Kreuzzüge,
Frankfurt a. Oder 1808, S. 118.
Immerhin möchte ich hier nur auf eine Möglichkeit
aufmerksam gemacht haben, wie die griechische Sage nach
Britannien, der Heimat der Hamletsage, gelangt sein könnte.
Vielleicht ist die Übertragung in Wirklichkeit auf ganz
anderem Wege erfolgt. Eine Vermutung über den Weg,
den 'die Erzählung genommen hat und den zu bestimmen
— 851 —
uns, so weit ich sehe, die bekaimten Versionen der Sage
keinen Anhalt bieten, möchte ich schon aus dem Grunde
nicht aufstellen, weil ich es für sehr wahrscheinlich halte,
dai's. sobald man erst sein Augenmerk nicht mehr, wie
bisher, ausschliefslich auf Saxo richtet, sondern auch die
von mir als von Saxo unabhängig erwiesenen Fassungen
der Sage mit heranzieht, man noch weitere, bisher un-
beaclitet gebliebene Versionen der Hamletsage entdecken
wird, die leicht über den Weg, den die Sage von Griechen-
land nach Britannien genommen hat, Fingerzeige geben
und eine bezüglich dieser Frage aufgestellte Vermutung
wie ein Kartenhaus über den Haufen werfen könnten.
Aufserdem bin ich auch diesem Probleme gegenüber nicht
kompetent, es fällt wesentlich in das Gebiet der alt-
nordischen Litteratur- und Kulturgeschichte.
Es ist nun noch ein Punkt zu erörtern. S. 155 ff.
wurde der Nachweis geliefert, dafs in der gemeinsamen
Quelle Saxos und der Ambalessage mit der Hamletsage
Teile der Heraklessage verschmolzen waren, und zwar
wurde bei Saxo speziell eine nahe Übereinstimmung mit
den Trachinierinnen des Sophokles aufgezeigt, eine Überein-
stimmung in einer Episode — Doppelheirat des Helden ^) — ,
welche, freilich in abweichender Fassung, auch der BvH
aufweist, und die deshalb auch in der gemeinsamen Vorlage
Saxos und des BvH schon existiert haben mufs. Es heischen
hier die Fragen Beantwortung:
1. Sind wirklich die Trachinierinnen benutzt?
2. Woher stammen die übrigen in der Ambalessage
') Die Untersuchung von A. Bayot, Le Roman de Oillion de
Traxegnies, Löwen u. Paris 1903, welche das Motiv des „Mannes mit
den zwei Frauen" behandelt, das ich bei Saxo und im BvH auf
die Heraklessage zurückführe, konnte ich nicht mehr benutzen. So-
weit ich sehe, ändern die von B. gegebenen Nachweise an meinen
Aufstellungen nichts Wesentliches.
— 352 —
und — vielleicht — bei Saxo (Prachtschild) vorhandenen
Motive der Heraklessage?
3. Wo ist letztere Sage mit der Hamletsage kombiniert
worden ?
Ich habe an der genannten Stelle die Meinung geäufsert,
dafs an eine Benutzung des Sophokleischen Dramas nicht
gedacht werden könne, und vielmehr vermutungsweise auf
die OixaUag äXcooig des Kreophylos als Quelle der Doppel-
heiratepisode bei Saxo verwiesen. Woher die in der
Ambalessage zu erkennenden Züge der Heraklessage
stammten, darüber wagte ich micli damals noch nicht zu
äufsern.
Nun lag aber, als ich jene Zeilen schrieb und dem
Druck übergab, die Bellerophonsage als Quelle der Hamlet-
sage noch völlig aufserhalb meines Gesichtskreises. Die
Erkenntnis, dafs die Hamletsage entstanden ist durch eine
Verschmelzung des Bellerophontes mit der Brutussage,
vermutlich mit dem Brutus des Accius, ist offenbar geeignet,
das Problem vollständig zu verschieben. Denn wenn die
Sage griechischen Ursprungs ist, dann liegt ein hinreichender
Grund, die direkte Benutzung jenes Sophokleischen Dramas
abzulehnen, nicht mehr vor, und es bleibt zu erwägen, ob
der Verknüpfer jener beiden Sagen nicht als dritten Faktor
auch die Heraklessage herangezogen habe und die ihr
entlehnten Züge also von allem Anfang in der Hamlet-
sage vorhanden waren. Ich glaube nun aber, man wird
diese Frage doch wohl verneinen dürfen, einmal, weil die
in der Ambalessage vorliegenden Motive der Heraklessage,
wenigstens zum Teil, so die Geburtsgeschichte, die Hirten-
episode, auch in einem Mimus kaum hätten Platz finden
können, sodann, weil in der persischen Chosrosage, soweit
ich sehe, eine Einwirkung der Heraklessage nicht hervor-
tritt. Denn dafs Kei Chosro wie Herakles bei den Hirten
im Gebirge aufwächst und dafs wir bei dieser Gelegenheit
353
hören, er sei auch auf die Löwenjagd gegangen, genügt
doch noch nicht, um daraufhin Einwirkung der griechischen
Sage anzunehmen. Aus eben diesem Grunde wäre dann
auch in der prosaischen oder epischen Erzählung, von der
ich annehme, sie sei aus jenem mimischen Drama geflossen
und die gemeinsame Wurzel der persischen und der nordischen
8age geworden, die Heraklessage noch nicht einbezogen ge-
wesen. Dagegen möchte ich vermuten, dafs sie in einer
vielleicht eben in Byzanz entstandenen Überarbeitung jener
Erzählung von einem in der Mythologie bewanderten Mann,
den die teils dem Bellerophon, teils dem Brutus nachgebildete
Gestalt des Helden an Herakles erinnerte — beide haben
Züge mit Herakles gemein, s. wegen Brutus S. 178 — zur
Ausschmückung des Stolfes herbeigezogen wurde. Er mochte
aus dem Gedächtnis verwerten, was ihm von der Sage er-
innerlich war, darunter auch die Episode von des Herakles
Doppelheirat, sei es auf Grund des Sophokl eischen Stückes,
das er kannte, sei es auf Grund eines Epos, etwa der OlyaUag
äXcooig, welches mit jenem Stücke nahe übereinstimmte.^)
Ich bin mir vollkommen bewufst, dafs alles das, was
auf den vorangehenden Blättern ausgeführt wurde über die
mutmafsliche Form, in der der Bellerophontes des Euripides
^) Ich möchte hier erinnern an die gewaltige Ausdehnung, die
der Herkuleskult im römischen Reich angenommen hatte; galt doch
Herkules als patronns des römischen A^olkes, s. darüber R. Peter, Kulttis
des H. in Rom, Roschers Lexikon I, 2, Sp. 2901 ff. Nach Dionys v. Hai.
I. 40 hätte es in Italien kaum einen Ort gegeben, wo dieser Gott
nicht verehrt wurde. Die Ära maxirna auf dem forum boariiim war
der Überlieferung zufolge zur ICrinnerung an den Kampf mit Kakos
errichtet, den wir seiner Zeit in dem Kampf Amlodis mit dem Höhlen-
bewohner Caron wiederzufinden glaubten. Der Sieg des Herkules über
Kakos galt „gleichsam als Typus und Vorbild der römischen Siege";
Livius I, 7, 4 stellt ihn an den Anfang der römischen Geschichte. — Man
könnte auch daran denken, dafs die Heraklessage erst im Norden, in Irland,
auf die Haraletsage aufgepfropft worden sei. In der irischen Cuchulinn-
Zenker, Boeve-Amlethus. 23
— 354 —
zusammengeschmolzen wurde mit der Brutussage, was ge-
sagt wurde über die Prosa oder Verserzählung, die aus
dem angenommenen Mimus geflossen sein könnte und über
die Bearbeitung dieser Erzählung, welche die Herakles-
sage einführte, reine Hypothesen sind. Indes ich lege auch
auf diese Hypothesen keinerlei Gewicht. Wesentlich ist
mir einzig und allein die Tatsache, dafs die Hamletsage
entstand durch eine Verknüpfung der Bellerophonsage mit
der Brutussage; in welcher Form diese Verknüpfung erfolgt
sei und wie erstere sich weiter entwickelt habe, bevor sie
nach Britannien übergeführt wurde, das ist eine Frage,
deren Entscheidung ich gerne denen anheimstelle, die in
der griechischen, römischen und byzantinischen Litteratur-
geschichte besser zu Hause sind als ich. Wenn ich mich
zu dieser Frage überhaupt geäufsert habe, so ist es nur
geschehen, Aveil ich glaubte, die Pflicht zu haben, auch
die Möglichkeit einer solchen Verschmelzung und der
Entstehung eines Denkmals, das die Sage sowohl nach
Persien als nach dem Norden zu verpflanzen vermochte,
darzutun. Ich werde alle meine Vermutungen gerne zurück-
nehmen, wenn andere plausiblere an ihre Stelle zu setzen
vermögen.
Damit bin ich am Ende meiner Untersuchung angelangt.
Ich werde nun im folgenden, letzten Kapitel die gewonnenen
Ergebnisse in Kürze zusammenfassen und im Anschlufs
hieran darlegen, wie sich meines Erachtens die Weiter-
bildung der Sage im Norden vollzogen haben könnte. i^
sage, deren wichtigster Text im 7. Jahrhundert entstand und auf- ^^
gezeichnet wurde, tritt Herkules als Ercoil auf, und Zimmer, Zeitschr.
f. deutsch. Altert. 32, 332 meint, dafs hier Kenntnis klassischer Mythen
nicht bestritten werden könne, es liege vor „Beeinflussung urverwandter
irischer Sage durch jene Stoffe des klassischen Altertums". Einem
gelehrten irischen Bearbeiter der Hamletsage könnte wohl eine Inhalts-
analyse der Sophokleischen Tragödie zugänglich gewesen sein.
— 355 —
Ergebnisse; Entwicklung der Sage im Norden.
Die Hauptresultate, zu denen wir in den voraus-
gehenden Kapiteln gelangten, sind die folgenden:
Die anglonormannische Chanson de geste von Boeve
de Hamtone, die in der ersten Hälfte des 13. Jhs.,
vermutlich im Süden Englands, verfafst wurde, stellt in
ihrem Kerne eine Version der Hamletsage dar, wie denn
schon H. Suchier als Grundlage des Gedichts eine Wikinger-
sage des 10. Jhs. vermutet hat; die Chanson ist in letzter
Linie aus der gleichen Quelle mit der Hamletsage des
dänischen Historikers Saxo Grammaticus geflossen, die
man bisher für die — mittelbare — Quelle des Shake-
speareschen Hamlet gehalten hat. Die Hamletsage ist den
von Axel Olrik gegebenen Nachweisen zufolge Saxo
aus England zugeführt worden, und zwar besteht einige
Wahrscheinlichkeit, dafs sie ihm übermittelt wurde durch
einen Engländer Lukas, der bezeichnet wird als ein
Schreiber des Christoforus und von dem es heifst, er sei
ein vorzüglicher Geschichtenkenner gewesen. Die Haupt-
motive der Hamletsage weisen nach den britischen Inseln
als ihrer Heimat, eines derselben, die Geschichte „von den
wiederaufgerichteten Erschlagenen, die den Sieg entscheiden"
speziell nach Irland, indem hier ein geschichtliches Ereignis
zu Grunde liegt, das sich unmittelbar anschlofs an die die
Wikingerherrschaft in Irland schwer erschütternde Schlacht
von Clontarf bei Dublin im Jahre 1014. Der terminus ad
quem für das Vorhandensein der gemeinsamen Quelle der
Hamletsage Saxos und des BvH ist, wie es scheint, der
Anfang oder die Mitte des 11. Jhs., insofern der deutsche
Kaiser Doon im BvH identifiziert werden darf mit Otto
dem Grofsen (936 — 73) und der englische König Edgar
mit dem angelsächsischen Könige dieses Namens (959 — 75).
23*
— 356 —
Der vonDetter unternommene Nachweis, dafs die Hamlet-
sage eine Umbildung der römischen Brutussage darstellt,
mit der die Geschichte von Tarquinius' zweiter Gemahlin
Tullia verbunden wurde, darf als gelungen betrachtet werden.
An Urverwandtschaft dieser Sagen ist nicht zu glauben/)
Mit der Hamletsage in ihrem Ursprung identisch ist
auch die Haveloksage, die uns in zwei französischen
Fassungen und einer — von den beiden ersteren unab-
hängigen — englischen erhalten ist. Einige der wesent-
lichsten Momente der Haveloksage stammen aus der Sage
von Servius Tullius. Der Held der Sage, Havelok Cuheran,
ist, wie Köster u. a. dargetan haben, identisch mit dem
bekannten Wikingerkönig Olaf oder Anlaf irisch Ämlaibh,
wälsch Äbloyc, der den Beinamen Guar an d. i. „Sandale"
führte, ein Sohn jenes Sihtric Gale, der eine Zeit lang
König von Dublin war und 925 als König von Nordhum-
brien starb. Er ist durch die Sage teilweise mit Olat
Tryggvason, König von Norwegen (995 — 1000), verwechselt
worden. Die Haveloksage scheint entstanden durch eine
Verknüpfung der Servius -Tulliussage mit der Brutus-
Tulliasage und Übertragung dieser Mischsage auf den
historischen Olaf Cuaran. Die Hamletsage weist mehrere
Züge auf, die der Haveloksage fehlen, aber lebhaft er-
innern an Züge der Geschichte des Wikingerkönigs Olaf
Cuaran; sie ist in Wahrheit nichts anderes als die an
einen anderen Namen, an den Namen Amhlaide-Amlodi,
geheftete Olafsage.
Die altnordische Grundform des Namens Ämleth, wie
Saxo hat, ist Amloäi, die irische Form Amhlaiäe. Ein
^) Die Bemerkungen auf S. 90 unten und S. 91 bedürfen der
Modifikation. Sie beruhen auf der Voraussetzung, dafs die Kei-Chosro-
sage die Quelle der Hamletsage war, und wurden gedruckt, bevor ich
den Zusammenhang der Hamletsage mit der Bellerophonsage erkannte.
— 357 —
Amhlaide ist historisch nachweisbar zum Jahre 919. Er
wird in einem in alten irischen Annalen überlieferten Lied-
fragment genannt als derjenige Wikinger, der im genannten
Jahre (am 15. Sept.) in der grofsen Schlacht von Ath-
Cliath in der Nähe von Dublin den irischen König Niall
Ghmdubh erschlug. In dieser Schlacht errangen die Dänen
unter Sihtric Gale, dem Vater Olaf Cuarans, einen glän-
zenden Sieg über die Iren unter Niall. Das Liedfragment
rührt her von der Witwe Nialls, der Königin Gormflaith.
Es darf vermutet werden, dafs dieser Amlodi- Amhlaide
das historische Prototyp des Amleth der Sage ist, indem
infolge Verwechslung der Namen Amhlaide und Aynlaibh
die Amlaibh-Olafsage auf ihn übertragen wurde. Zu dieser
Annahme stimmt, dafs das älteste Zeugnis für die Existenz
einer Hamletsage, die Anspielung auf „Amlodis Mühle"
(s. Saxo) bei dem Skalden Snaebjörn, aus dem 10. oder
11. Jh. stammt.
Eine Version der Hamletsage stellt auch dar, wie
Detter nachgewiesen hat, die altnordische Hrolfssaga
Kraka, wo an Stelle des einen Helden zwei, die Brüder
Helgi und Hroar, Söhne des Königs Halfdan auftreten. Diese
Sage stimmt in einigen Punkten, die bei Saxo keine Ent-
sprechung haben, zum Boeve v. Hamtone. Die Harald-
Haldansage bei Saxo im VII. B. ist mit der Hrolfssaga
eng verwandt.
Ebenso haben wir eine selbständige und zwar sehr
ausführliche Version der Hamletsage vor uns in der is-
ländischen, in Handschriften des 17. Jhs. überlieferten Am-
balessaga, von der man bisher annahm, sie sei aus Saxo
geflossen; die Unabhängigkeit der Ambalessaga von Saxo
wurde schon von Detter erkannt, doch nicht im einzelnen
nachgewiesen. Diese Sage enthält Züge von hoher Alter-
tümlichkeit und ist für die ganze Geschichte der Hamlet-
— 358 —
sage von gröfster Bedeutung. Es läfst sich nachweisen,
dafs in ihr eine Keihe Motive enthalten sind, welche aus
der antiken Heraklessage stammen; eine Episode der letz-
teren, die Deianira-Jolesage, ist auch die teilweise Grund-
lage des zweiten Abschnitts der Saxoschen Haraletsage
gewesen.
Unentschieden mufs es bleiben, ob das im Jahre 1707
aufgezeichnete Brjammärchen auf der Ambalessage be-
ruht oder eine von ihr unabhängige Fassung der Hamlet-
sage darstellt.
Das „Goldstabmotiv" der Saxoschen Hamletsage (das
Wergeid für die beiden hingerichteten Überbringer des
Uriasbriefes in zwei hohle Stöcke gegossen) beruht auf
dem Goldstabmotiv der römischen Brutussage (Brutus bringt
dem delphischen Orakel einen mit Gold gefüllten Stab
dar). Die Fassung, in der das Motiv bei Saxo erscheint,
beruht vielleicht auf einer Kreuzung der Hamletsage mit
der litterarischen Brutussage, indem ein vor-Saxoscher
Überarbeiter der Sage den Livius benutzte und die
Stelle: [Brutus] aureum haculum tulisse donum
Apollmi dicituTj per amhages effigiem ingeyiii sui in selt-
samer Weise mifsverstand. Aus dem Mifsverständnis der
gleichen Stelle ist vielleicht das Motiv der Ambalessage zu
erklären, dafs Ambales hier für den mohammedanischen
Gott gehalten wird und dem König ein Scepter zum Ge-
schenk macht.
Gleichfalls als ein Reflex vom Goldstabe des Brutus
darf vielleicht betrachtet werden jener Goldring, mit dem
in der Hrolfssaga die vom Könige befragte Zauberin be-
stochen wird, indem es nahe liegt, letztere mit der delphi-
schen Pythia zu identifizieren.
Eine besondere Version der Hamletsage stellt, wie
zuerst Jiriczek vermutet hat, ferner dar die Erzählung
I
— 359 —
von dem Iranschah Kei Chosro in Firdosis persischem
Nationalepos Schahname (Königsbiich); diese Sage zeigt
zum Teil sehr spezielle Übereinstimmungen mit den ver-
schiedenen nordischen Versionen der Hamletsage und mit
der Brutussage. Besonders bietet auch die Schilderung
der Katastrophe bei Firdosi, Eroberung von Behischti
Gang durch Chosro, Flucht und Tod des Afrasiab, über-
raschende Analogien zur Schlufskatastrophe in der Hamlet-
sage. Ziemlich alle Hauptelemente der nordischen Sage
finden sich hier bei Firdosi vereinigt. Alles weist darauf
hin, dafs jene zurückgeht auf eine Vorstufe der Firdosi-
schen Chosrosage, die aber nicht identisch gewesen sein
kann mit der Brutussage.
Das Hamletdrama Shakespeares enthält eine An-
zahl sehr merkwürdiger Übereinstimmungen einerseits mit
der persischen Chosrosage, andererseits mit den nicht-Saxo-
schen Versionen der Hamletsage in Motiven, die bei Saxo
fehlen, Übereinstimmungen, welche geeignet sind, die
stärksten Zweifel zu erwecken an der Richtigkeit der herr-
schenden Anschauung, dafs das von Shakespeare benutzte
Hamletdrama des Dramatikers Kyd auf einer französischen
Übersetzung Saxos beruhe.
Sowohl die nordische Hamlet- als die Chosrosage
zeigt eine Reihe sehr spezieller, zum Teil geradezu
zentraler Analogien mit der berühmten griechischen, ur-
sprünglich wohl lykischen Bell er ophonsage, — die auch
die Quelle des weitverbreiteten Goldenermärchens ist
— vornehmlich mit der Form der Bell ero phonsage, welche
vorliegt in des Euripides nur fragmentarisch erhaltenem
Bellerophontes. Vor allem ist in letzterem Drama der
Charakter des Shakespeareschen Hamlet und der des Kei
Chosro in der vollkommensten Weise vorgebildet. Die
Übereinstimmungen zwischen dem Bellerophontes und dem
— 360 —
Drama Shakespeares scheinen geeignet, die oben geäufserte
Vermutung über die letzterem zu Grunde liegende indirekte
Quelle nahezu zur Gewifsheit zu erheben/)
Die Hauptmotive der Hamlet-Chosrosage, die der Belle-
rophonsage fehlen, sind solche der römischen Brutussage.
') Erst während dieser Bogen im Druck ist, geht mir die Abhand-
lung von Antonio Amanta zu: // Mito di Bellerofonfe nella letteratura
classica, Acireale 1903. Der Verfasser glaubt, es habe eine epische
Dichtung über Bellerophon, eine Bellerophonteis , gegeben, aus der
Homer und Pindar ihre Angaben schöpften. Er sucht femer nach-
zuweisen, dafs von der Sage zwei verschiedene Fassungen existierten.
Der Inhalt der l)eiden Fassungen sei dieser gewesen (S. 57 ff. und 155 f.):
1. Bellerophon hat das Königreich Ephyra (=Korinth) geerbt,
aber sein Vetter Proitos — der sich vielleicht Bellerophons Jugend zu
Nutze macht — vertreibt ihn aus dem Lande. B. erhält von der
Gottheit das Flügelrofs und begibt sich zum König Jobates von Lykien.
der dem, welcher die Chimaira töten werde, Versprechungen gemacht
hat. Er erlegt das ungeheuer, erhält die Tochter des Königs zur
Frau, dazu die Hälfte des Reiches als Mitgift und bleibt nun in Lykien
wohnen. Als Ares und Artemis zwei seiner Kinder töten, stöfst er
Verwünschungen gegen die Götter aus, ja leugnet deren Existenz.
Dadurch zieht er sich den Zorn der Götter zu, die ihn verurteilen,
einsam im aleischen Gefilde umherirren zu müssen, „seine Seele ver-
zehrend und die Spuren der Menschen meidend."
2. Bellerophon flüchtet wegen eines Todschlages nach Tirynth
zum König Proitos, der mit Stheneboia vermählt ist. Es folgt die be-
kannte Stheneboiaepisode. Proitos schickt ihn mit dem Uriasbriefe
an seinen Schwiegervater Jobates nach Lykien. Dieser unternimmt
gegen B. eine Reihe Anschläge, welche alle mifslingen. B. kehrt nach
Tirynth zurück, führt Stheneboia auf dem Pegasos in die Luft empor
und stürzt sie ins Meer.
Von da an stimmten beide Versionen überein. Beide schlössen
damit, dafs B. auf dem Pegasos den Himmel auskundschaften will,
aber zu Fall kommt und an den Folgen- des Sturzes stirbt.
Der Pegasos wäre nach Amante nicht von Anfang an in der
Sage vorhanden gewesen, sondern erst nachträglich mit Bellerophon
verknüpft worden.
Ich darf mir über die Richtigkeit dieser Aufstellungen kein
Urteil erlauben, möchte aber nicht unterlassen, darauf hinzuweisen.
— 361 —
Folglich mufs die Hamlet-Chosrosage ent-
sprungen sein aus einer Verschmelzung der Belle-
rophonsage, wie sie in dem Drama des Euripides
daXs die von Amante konstruierte Fassung 1 dem oben S. 298 ff. be-
sprochenen Goldener mftrchen überaus nahe steht, so dafs man wohl
daran denken könnte, gerade sie als die Quelle des Märchens zu be-
trachten.
Was den Bellerophontes des Euripides anlangt, so bemüht sich
A., zu zeigen, dafs der Aufstieg mit dem Pegasos und der Sturz
Bellerophons, der seinen Tod unmittelbar zur Folge hatte, den Schlufs
des Dramas gebildet habe. Aber gegen diese Autfassung streiten ganz
entschieden einmal, wie schon oben S. 297 bemerkt, die ausdrückliche
Angabe des Epigramms von Kj'zikos, und dann die bekannte Stelle
im Frieden der Aristophanes , wo V. 426 das Töchterchen des Try-
gaios ihrem zum Olymp emporreitenden Vater zuruft, er möge sich
hüten, dafs er nicht herabfalle und dann als lahmer Mann dem Euri-
pides Stoff' zu einer Tragödie gebe:
'Exelva rijgsi, (xi] afpoXslg xaraQQvfjg
evtev{^sv, slxa ^oXög u>v Evguiidij
Xoyov jragdoxfjg ^"■'^ rgayMÖia ysvi).
Denn liier ist doch klar ausgesprochen, dafs der Held der Tra-
gödie der lahme Bellerophon war, lahm aber wurde er erst durch
den Sturz vom Pegasos. Folglich ist letzterer an den Anfang des
Dramas zu setzen. (Vielleicht darf man vermuten, Bellerophon habe
sich beim Sturze vom Pegasos eine offene Wunde zugezogen, der er
dann am Schlufs des Dramas erlag.)
Die Hypothese Weckleins, das Attentat des Megapenthes habe
in einem Vergiftungsanschlag bestanden, lehnt Amante ab, viel-
leicht mit Recjit (S. 140). Dagegen nimmt auch er an, dafs im Prolog
der Selbstmord der Stheneboia berichtet wurde, und zwar stellt er
unter Verwertung einer Stelle bei Hygin, Astron. 2, 18 die Ansicht
auf, der Grund ihres Selbstmordes sei ausschliefslich der Weggang
des Bellerophon nach Lykien gewesen.
Im Hinblick auf die oben S. 321 geäufserte Vermutung, es sei
in Stheneboia das Urbild von Shakespeares Ophelia zu erblicken, dürfte
die Charakteristik von Interesse sein, die Amante von Stheneboia gibt,
wie sie seiner Autfassung nach im Bellerophontes des Euripides erschien.
Er sagt: Kssa [sc. Stenebea] non e piü la donna cattiva che per-
siste nelV amore colposo per l'eroe, l'insidia, ima prima ed una seconda
volta c pofja poi il fio dfl/p proprie co/pe, r, invece, un anima di dmma
— 362 —
vorliegt, mit der Brutussage; man darf vermuten,
dafs die Verschmelzung erfolgte in der Weise, dafs der
Bellerophontes des Euripides kontaminiert wurde mit dem
innamorata che s'uccide, quando ha vedulo svanire le proprie speranxe,
quando, insomma, st persuade che non poträ mai ottener, da Bellero-
fonte, quanto desidera. Cosi, menire Vuna aspetta die Veroe ritorni,
spudoratmnente Vinganna ancora, Valtra preferisce il sacrißxio proprio
e s'ticcide, forse appena che Veroe e partito per la Licia. Cosi che la
Stenehea, della tragedia omonima, ci ispira un senso di ripulsione, di
sdegno, mentre quella del Bellerofonte eccita, neW animo nostro, iin
senso misterioso di simpatia psichica (S. 159).
Aus dem Kapitel: II Mito nella Comedia sei zu S. 298 nachge-
tragen, dafs auch Eunikos, Dichter der alten Komödie, und Antiphanes
(oder Alexis), Dichter der mittleren Komödie, die Beilerophonsage be-
handelt hatten, beide Verfasser einer Anteia (Name der Stheneboia
bei Homer). Diese Tatsache bietet ein weiteres Zeugnis für die grofse
Popularität der Bellerophonsage.
Gleichfalls erst jetzt, kurz vor Abschlufs des Druckes, stofse ich
auf eine Episode der irischen Cuchulinnsage, von der mit voller
Bestimmtheit behauptet werden darf, dafs sie eine Episode der griechi-
schen Bellerophonsage widerspiegelt. Zimmer, Keltische Beiträge H,
Zeitsch. f. deutsch. Altert. 33 (N. F. 21, Jg. 1889), 283 bemerkt, Cuchulinn
habe der irischen Sage zufolge im Kampfe, sowohl im ernsten als in
Kampfspielen, in ein dämonisches Rasen, eine Berserkerwut verfallen
können, in der er Freund und Feind bei seinem Anstürmen gefährlich
war. Man hatte hiergegen ein probates Mittel: man stellte 3 Fässer
kalten Wassers auf, Männer legten sich in der Nähe in den Hinter-
halt, und wenn Cuchulinn angerast kam, traten ihm die Königin mit
dem weiblichen Hofstaat entgegen nitdatis papillis et sublevatis vestibus,
ita ut muUebria apparerent. „Wenn dann Cuchulinn verschämt die
Augen niederschlug, ergriffen ihn die Männer und steckten ihn zur
Abkühlung in die Fässer mit kaltem Wasser. Das Mittel wurde sowohl
in Emain Macha von der Gattin Conchobars, als in Cruachan von
Medb und sonst in Anwendung gebracht." Es ist evident, dafs wir
hier eine Umbildung folgender, bei Plutarch, De mulierum virttd. c. 9
überlieferten Episode der Bellerophonsage vor uns haben: „Amisodaros,
den die Lykier Isaras nennen — so werde berichtet — kam aus der
lykischen Kolonie bei Zeleia angesegelt mit Piratenschiffen, welche
Chimarros führte, ein Mann von kriegerischem, aber auch grausamem,
wildem Sinn: sein Schiff trusr vorn das Bild eines Löwen, hinten das
I
— 363 —
Brutusdrama des berühmten römischen Tragikers Accius
(2. Jh. V. Chr.), und zwar kontaminiert zu einem griechischen
Volksdrama, einem Mimus.
eines Drachen [Hier ist also die Chimaira in seltsamer Weise auf ein
Seeräuberschiff umgedeutet]. Er fügte den Lykiem viel Übles zu, so
dafs es nicht möglich war, dort das Meer zu befahren noch auch die
am Meere gelegenen Städte zu bewohnen. Diesen schlug Bellerophontes
in die Flucht, verfolgte ihn auf dem Pegasos und tötete ihn, auch
warf er die Amazonen hinaus; er erntete indessen von Jobates keinen
Dank, vielmehr wurde er von demselben in der ungerechtesten Weise
behandelt. Deswegen schritt er ins Meer hinein und flehte zu Poseidon,
er möge das Land unfruchtbar machen und es verwüsten. Nachdem
er sein Gebet beendet, ging er davon. Da erhob sich die Flut und
überschwemmte das Land, und es war ein furchtbares Schauspiel, wie
das angeschwollene Meer ihm folgte und das Gefilde bedeckte. Da
die Bitten der Männer Bellerophontes nicht bewegten, gingen ihm
die Frauen entgegen dvaovodfisvai xovg ;ffTa>v<ö;<or'^. Indem er nun scham-
haft zurückwich, soll zugleich auch das Meer zurückgewichen sein."
Ich glaube, man darf, ohne kühn zu sein, es als ausgeschlossen be-
zeichnen, dafs ein so sonderbares Motiv zweimal erfunden sein sollte ;
hier wie dort handelt es sich darum, dem Zorne des Recken und
dessen verderblichen Wirkungen Einhalt zu tun. Der Zug, dafs
Cuchulinn ins Wasser gesteckt wird, dürfte aus der naheliegenden
Vorstellung erwachsen sein, Bellerophontes sei, indem er vor den
Frauen zurückwich, in die hinter ihm vordringende Meerflut geraten.
Treuber, Beiträge xur Geschichte der Lykier, S. 21, meint, die Geschichte
solle einen Brauch erklären, dessen ursprünglicher Sinn vergessen worden
war. Die lykischen Frauen seien vielleicht zu bestimmten Zeiten in
feierlicher Prozession der Meeresküste zugewandert, wobei sie auch
das dvaavgao&ai vornahmen; ursprünglich möchte das den Zweck ge-
habt haben, den Meergott in drastischer Weise zu beschwören, das
Land mit Springfluten und Erdbeben zu verschonen.
Da die Sage meines Wissens nur von Plutarch überliefert wird,
so darf man annehmen, dafs ein gelehrter Ire, der die Cuchulinnsage
überarbeitete, die Geschichte aus ihm entlehnt hat. Wir haben dann
hier ein neues wichtiges Zeugnis für den Einflufs antiker Mythologie
auf nordische Sage in Irland und eventuell ein Analogon zu der Ein-
führung des Motives von Herakles' Doppelheirat in die Hamletsage
auf irischem Boden, s. oben S. 353, Anm. 1.
— 864 —
Der Held könnte in diesem Drama den Namen \iußhk
geführt haben, indem äjußXvg die genaue griechische Über-
setzung des lateinischen hrutus darstellt; der Name Amhlys
steht dem Namen Hamlets in der viel Altertümliches ent-
haltenden Ambalessage, Amhales, lautlich sehr nahe und
wäre geeignet, den Ursprung dieser von der nordischen
Form Amloäi stark abweichenden Namensform zu erklären.
Es sind Gründe vorhanden, anzunehmen, dafs in diesem
hypothetischen Mimus der Held eine ganz bestimmte, bei
den Alten oft genannte Form des Wahnsinns zur Schau
trug, nämlich die Kynanthropie (xvvdv&QMTzog vooog).
In welcher Form die durch Verschmelzung der Belle-
rophon- und der Brutussage entstandene neue Sage einer-
seits nach dem Orient, andererseits nach Britannien ge-
langte, mufs vorläufig zweifelhaft bleiben.
Vielleicht wurde der Miraus zu einem griechischen
Roman oder zu einem epischen Gedichte verarbeitet. In
einer abermaligen Überarbeitung dieses Romanos oder Ge-
dichtes könnten die in der Hamletsage vorhandenen Motive
der Heraklessage eingefügt worden sein. Auf die erste
Fassung würde die persische Sage, welche, wie es scheint,
diese Motive nicht enthält, auf die zweite die nordische
zurückgehen. Diese letzteren Fragen bedürfen noch ein-
gehender Erwägung und der Beurteilung von kompetenter-
Seite.^)
Soviel über die Hauptergebnisse der voranstehenden
Untersuchungen.
*) Eine ähnliche Entstehung, wie hier für die Hamletsage (und
ebenso das Goldenermärchen) angenommen wird, nämlich Ursprung
aus einem griechischen Drama, behauptet M. Mayer, Über d. Vericandt-
schaft heidnischer u. ckristl. Drackentöter , Verhandl. d. 46. Versamml.
deutsch. Philol. u. Schulmänner, Leipzig 1890, S. 341 ff. für die mittel-
alterliche Sage von St. Georg dem Drachentöter, die in ausführlicher
Fassung bei Jacobus a Voragine, Legenda aiirea (erste Hälfte 13, Jhs.)
— 365 —
Es soll nun zum Schlufs in Kürze dargelegt werden,
in welcher Weise die Ausbildung der Hamletsage im Norden
sich vielleicht vollzogen haben könnte.
Ich denke mir, dafs vielleicht ein nordischer Skalde
des 11. Jhs. von seinen Fahrten nach dem griechischen
Osten, sei es aus Byzanz selbst, sei es aus einem Lande
griechischer Zunge, die in prosaische oder poetische Form
gekleidete Geschichte von Amblys mitbrachte, die ent-
standen war durch eine Verknüpfung der Bellerophon- und
der Brutnssage und später mit Motiven der Heraklessage
ausgeschmückt worden war. Die Erzählung zerfiel in
zwei Teile, deren erster schlofs mit der Vermählung des
Helden und deren zweiter das aus der Heraklessage ent-
nommene Motiv seiner Doppelheirat enthielt und zuletzt
seinen Tod berichtete. Der Dichter übertrug diese Er-
zählung ins Nordische, sei es, dafs er sich selbst die
Kenntnis des Griechischen angeeignet hatte, sei es, dafs
er sich durch einen des Griechischen kundigen Landsmann
den Text verdollmetschen liefs.
Ein derartiges Hineintragen völlig fremder Stoffe, die
dann allmählich nationalisiert werden, in die Sagenlittera-
tur eines Volkes ist ja etwas sehr häufiges. Jagic, Die
und kürzer in einer ca. ein Jahrhundert älteren lateinischen und äthio-
pischen Erzählung vorliegt. Mayer bemerkt S. 342, diese Geschichte
sei nichts anderes, „als die von Perseus und Andromeda oder, wie
man geradezu hätte sagen können, als Reminiscenzen aus p]uri-
pides' Andromeda, aus der w^ir noch jede der vorgeführten Scenen,
höchstens mit Ausnahme der Volksscenen, in den Fragmenten nach-
weisen und durch Bildwerke illustrieren können"; und S. 342: „Es
scheint nach alledem in der Tat, dafs der Perseusroman und
zwar in der populären Form, die ihm Euripides gegeben,
noch Jahrhunderte lang an der Küste von Joppe fortlebte,
gerade wie wir den Gorgonenmythus bis zur Zeit der Kreuzzüge in
Kleinasien lebendig finden werden. Von Joppe aus ist aber Lydda,
die klassische Stätte Georgs, die erste gröfsere Station landeinwärts."
— 366 ~
christl. - mythol. Schicht d. russ, VolJcsepiJc, Archiv f. slav.
Phil. 1 (1876), S. 106, bemerkt, nachdem er die Geschichte
von der Entführung der Frau des Salomon analysiert hat,
er wolle hervorheben, „dafs wir in der mitgeteilten Inhalts-
angabe drei nach allen Regeln der russischen Volksepik
ausgeführte Volkslieder (= Byling) vor uns haben, deren
Inhalt dennoch mit dem nationalen Leben, mit den natio-
nalen Traditionen des russischen Volkes gar nichts gemein
hat; er ist oifenbar von aufsen gekommen, gefiel dem
Volk, eigentlich zunächst den Trägern der Volksepik,
wurde populär und bekam allmählich eine der echten
Volkspoesie entlehnte oder nachgeahmte poetische Behand-
lung. Wäre nicht der Name Salamon und Salamanija
überliefert, so würden die Herausgeber keinen Augenblick
gezweifelt haben, die erwähnten Lieder unter die echten
Byling einzureihen, und wer weifs, ob nicht gelehrte Inter-
preten mythologisierender Richtung darin Spuren uralter
Mythen entdeckt hätten, welche russische Slaven etwa
aus Indien schon mit sich nach Europa gebracht hätten."
Ich nehme hier also an, dafs die Sage von Byzanz
direkt nach Irland gelangte, aus dem Griechischen ins
Altnordische übertragen wurde. Vielleicht darf aber auch
eine andere Möglichkeit ins Auge gefafst werden: ich meine
die, dafs die Sage eine arabische Zwischenstufe durch-
laufen habe.
Es sind nämlich in der Hamletsage Elemente vor-
handen, welche den Gedanken an eine arabische Quelle
nahe legen könnten.
Bei der Analyse der Saxoschen Hamletsage S. 150".
habe ich die Scharfsinnsproben, welche Hamlet am bri-
tannischen Königshof ablegt, übergangen, weil sie sich im
BvH nicht finden und mithin für den Nachweis der Identität
der Saxoschen Sage mit der Sage von BvH nicht in Be-
tracht kommen.
— 367 —
Die Erzählung ist diese:
In Britannien angelangt, wird Amleth mit seinen Be-
gleitern vom Könige zur Tafel gezogen, aber er rührt
zur allgemeinen Verwunderung weder Speisen noch Ge-
tränke an. Als die Fremden sich zur Ruhe begeben, läfst
der König sie in ihren Zimmern belauschen. Amleth, von
seinen Begleitern nach dem Grunde seines auffälligen Be-
nehmens befragt, erklärt, „das Brot sei mit Blut bespritzt
gewesen, der Trank habe nach Eisen geschmeckt, die
Fleischgerichte hätten nach Menschenleichen gerochen und
seien durch das Anziehen von Grabesdunst verdorben ge-
wesen. Er fügte auch noch hinzu, dafs der König Sklaven-
augen habe und dafs die Königin drei Mägdegewohnheiten
zur Schau trage." Er erntet wegen dieser Äufserungen
von den beiden Trabanten nur Hohn. Der König aber,
von dem Lauscher über seine Äufserungen unterrichtet,
läfst nachforschen und da ergibt sich die vollkommene
Wahrheit aller Behauptungen des Gastes: das Getreide,
von dem das Mehl zum Brote stammt, war auf einem mit
alten Totengebeinen besäten Felde gewachsen, auf dem
früher einmal ein Blutbad stattgefunden hatte; die Schweine,
die das Fleisch geliefert, hatten von der verwesenden
Leiche eines Räubers gefressen; das Wasser zum Trank
war aus einem Brunnen entnommen, in dem mehrere vom
Rost zerfressene Schwerter lagen. Schliefslich erfährt der
König noch von seiner Mutter, dafs er der Sohn eines
Knechtes und sie die Tochter einer Magd ist.
Olrik, Kilderne tu Sakses Oldhistorie II, 165 if., hat
über die Herkunft und die Verbreitung dieser Geschichte
gehandelt. Er zeigt, dafs sie am häufigsten und am
reichsten entwickelt sich bei den Arabern findet; sie
begegnet u. a. in Tausendundeine Nacht in der Erzählung
von dem Sultan und den drei Schelmen: von den letzteren
erklärt der eine des Sultans besten Edelstein für unecht,
— 3G8 -
der andere sein Rofs für den Bastard eines Pferdes und
eines Ochsen, der dritte seine Lieblingsfrau für die Tochter
einer Tänzerin, ihn selbst aber fiir den Sohn eines Kochs.
Als Beweise geben sie dann an: einen Flecken im Stein,
die Form des Rofshufes, die dunklen Augen und buschigen
Brauen der Frau, und seine eigene Vorliebe für Fleisch
und Brot. Eine andere Fassung findet sich in der Ge-
schichte von den drei Söhnen des Sultans von Yemen.
Olrik nimmt an, dafs die Geschichte ausging von
einer südasiatischen Stammform und im frühen Mittel-
alter teils über Konstantinopel, teils durch die Handels-
verbindungen Italiens nach dem Norden gelangte.
Weiter:
S. 338 ff. wurde die Vermutung ausgesprochen, dafs
der Wahnsinn Hamlets als Kynanthropie aufzufassen sei.
Die in der Hamletsage begegnenden Merkmale dieser Krank-
heit werden nun gerade von dem arabischen Arzte Ali.
dem Sohne des Abbas, erwähnt, und was Vincenz von Beau-
vais betrifft, der die gleichen Symptome nennt, so ist es bei
der bekannten Abhängigkeit der medizinischen Litteratur
des Mittelalters von den Arabern gewifs nicht unwahr-
scheinlich^ dafs seine Angabe aus arabischer Quelle ge-
flossen ist.
Was dann die Ambalessaga betrifft, so sei darauf hin-
gewiesen, dafs Salmans Vater, der Grofsvater Anilodis,
König von Spanien und Cambrien (d. i. Wales) ist, dafs
Faustinus' Vater, ein König von Skythien, Soldan heifst,
dafs Faustinus und sein Volk Mohammedaner sind, dafs
Faustinus' Bruder Tamerlaus, der dem König von Britan-
nien bei Saxo entspricht, König in Skythien ist und mit
Amlodi Konstantinopel gegen die Sarazenen verteidigen
hilft, endlich dafs Amlodi später einen Piraten bei Cypern
besiegt. Die Handlung spielt also zum guten Teil am Mittel-
meerbecken, und da nun eine Eroberung von Wales durch
— 369 —
Sarazenen (Faustiuus) historisch ein Unding ist, anderer-
seits die Vereinigung Cambriens oder Cimbriens, wie Hds. y
liest, mit Spanien (unter Donrik) nach der Pyrenäenhalb-
insel hinweist, so wird man die Vermutung wagen dürfen,
Cambrien und Cimbrien seien entstellt aus Coim-
bra (dem Conimbrica der Eömer), das tatsächlich bis 1064
im Besitz der Mauren und bis 1147 die Residenz der portu-
giesischen Könige war, nach dem auch einige portugiesische
Prinzen den Titel „Herzöge von Coimbra" führten.
Dann wäre also der Schauplatz der Ambalessage ur-
sprünglich nicht Wales, sondern das unmittelbar an das
arabische Spanien grenzende Portugal gewesen.
Vielleicht würde es noch möglich sein, in einzelnen
Namen der Ambalessage bei genauerem Zusehen liistorische
Beziehungen auf Portugal nachzuweisen, indessen mufs
ich hier darauf verzichten, diese Fährte weiter zu ver-
folgen.
Nun wissen wir, dafs auch die spanischen Araber
eine epische Sage und Dichtungen epischen, erzählenden
Inhalts besessen haben, die teils historische Vorgänge
widerspiegelten, teils altüberkommene Sagen verarbeiteten,
s. darüber den Grafen von Schack, Poesie u, Kvmst d,
Araber in Spanien u. Sicilien II, Stuttgart 1877, S. 62ff.:
„Krieger wufsten Lieder und Kunden von den Abenteuern
der alten Zeit herzusagen, ja Königen selbst rühmte man
nach, sie wüfsten die Poesien und Kriegstaten der Araber,
sowie die Annalen der Chalifen auswendig und seien Re-
citatoren von Gedichten."
Femer ist bekannt, dafs die Wikinger schon im 9. Jh.
ihre Eroberungszüge bis nach Portugal ausgedehnt haben,
s. R. Dozy, Becher ches sur Vhistoire et la litter ature de
VEspagne^, 11, 250 ff.; A. Fabricius, Normannertogene ül den
spansJce HalvÖ, S. 75 — 160; Jahresber. f. Geschichtswiss. 21,^
III, 1 79. Im Jahre 844 plünderten die Normannen an der Küste
Zenker, Boeve-Amlethas. 24
— 370 —
von Galizien, wandten sich dann nach Lissabon und Cadix
und eroberten Sevilla. Dieser Einfall hatte die Anknüpfung
freundschaftlicher Beziehungen zwischen Abderrahman IL
und dem damaligen Normannenkönig, jedenfalls Eric I., zur
Folge. Abderrahman ordnete an letzteren den bekannten
Dichter und Diplomaten Yahya ibn al-Hacam Becri, mit
dem Beinamen Al-Ghazäl, als Gesandten ab. In dem er-
haltenen interessanten Bericht über diese Gesandtschaft
heilst es, Al-Ghazäl sei gekommen nach einer „grofsen
Insel im Ozean . . . drei Tagereisen vom Festland ent-
fernt", wie man annimmt, Seeland. „Während seines Auf-
enthalts im Lande der Madjous (d. i. der Normannen) trat
Al-Ghazäl zu ihnen in mancherlei Beziehungen: bald dis-
putierte er mit ihren Gelehrten und brachte sie zum
Schweigen, bald kämpfte er mit ihren besten Kriegern
und setzte ihnen mit seinen Streichen zu." Er wird von
der Königin täglich in Audienz empfangen, der er erzählt
„von den Mohammedanern, ihrer Geschichte, ihrem Lande
und den benachbarten Völkern . . ."; s. Dozy, a. a. 0.
S. 270 if.
Dieses Beispiel zeigt also deutlich, dafs die Verschieden-
heit der Sprache schon damals durchaus kein Hindernis
für den geistigen Austausch zwischen Arabern und Nord-
leuten bildete.
Bei einem zweiten Angriff der Normannen in den
Jahren 859 — 61 wurden die Küsten von Galizien und
Asturien verheert; bei weiteren Eaubzügen in den Jahren
964 und 968—70 wurde wiederum Galizien heimgesucht
und wahrscheinlich St. Jago geplündert.
Dafs die Normannen bei diesen Einfällen Gefangene
in Menge mit sich fortführten, wird in den von Dozy über-
setzten Berichten der arabischen Historiker wiederholt aus-
drücklich erwähnt, vgl. a. a. 0. S. 255, 256, 257 u. s. f.
Damit aber ist offenbar schon zu dieser frühen Zeit sofort
— 371 —
auch die Möglichkeit litterarischen Austausches, die Mög-
lichkeit der Verpflanzung einer arabischen Sage, einer
epischen Dichtung nach dem Norden gegeben. Welchen
Eifer gerade die Normannen entwickelten, arabische Sitten
zu copieren, das zeigt sehr drastisch der von Dozy S. 345 ff.
mitgeteilte Bericht über den Besuch eines jüdischen Kauf-
manns bei einem normannisclien Grafen in Barbastro im
Jahre 1064, kurz nach der Einnahme der Stadt durch die
Normannen. Der Kaufmann fand den Grafen, der ein ge-
brochenes Arabisch sprach, in kostbarer orientalischer Ge-
wandung auf einem Sopha sitzend; gefangene arabische
Mädchen bedienten ihn, deren eine ihm arabische
Lieder zur Laute vorsang.
Dafs unter solchen Umständen die nordischen Eroberer
auch die erzählende Poesie der ihnen kulturell weit über-
legenen Araber begierig aufgenommen haben werden, ent-
spricht gewifs aller Wahrscheinlichkeit.
Andererseits traten bekanntlich im 9., 10. und 11. Jh.
die Ai-aber in Süditalien und in Sizilien in enge Fühlung
mit Byzanz und byzantinischer Kultur.
Und damit wäre denn ein Etappenweg gewonnen, auf
dem eine griechische Sage, mochte sie in Form einer
Prosaerzählung oder eines Epos gekleidet sein, von Byzanz
durch Vermittelung der Araber Spaniens zu den Normannen
in Irland gelangen konnte. Auch St. Jago de Compostela
als berühmter, liatürlich auch von Normannen besuchter
Wallfahrtsort düifte als mögliche Zwischenstation Beachtung
verdienen.
Es sei hier daran erinnert, dafs neuerdings G. Huet,
Sur Vorigine de Floire et Blanchefleur, Romania 28 (1899),
348 ff. für diesen bekannten altfranzösischen Roman, für den
man bisher byzantinischen Ursprung annahm, eine arabische
Quelle wahrscheinlich gemacht hat, und dafs nach Mitteilung
Huets G. Paris zu dem gleichen Ergebnis gelangt war.
24*
— 372 —
Auch für die berühmte Chantefable von Äucassin imd
Nicolette vermutet W.Hertz, Spielmannshuch, Stuttgart 1886,
S. 360 f. eine orientalische Quelle, indem er auf den ara-
bischen Namen des Helden: Äucassm ^ Al-Kdsim und die
Tatsache hinweist, dafs die — sonst in der französischen
Litteratur des Mittelalters nicht begegnende — Form dieser
Erzählung, erzählende Prosa mit eingeflochtenen Gedichten,
die älteste Form aller arabischen Überlieferung bildet und
noch heute von den maurischen Ehapsoden gehandhabt wird.
Also ich meine, es wird sich empfehlen, auch mit der
Möglichkeit zu rechnen, dafs unsere ursprünglich griechische
Sage den Nordleuten durch arabische Yermittelung be-
kannt wurde und nicht über Eufsland, sondern über Italien,
Spanien nach den britischen Inseln gewandert ist.
Der Dichter nun, der die Sage sei es aus griechischer,
sei es aus arabischer Quelle entlehnte, kam, so nehme ich
an, nach Irland au den Hof eines mit den Wikingern in
guten Beziehungen lebenden irischen Königs — dafs der
Aufenthalt nordischer Skalden an irischen Höfen bezeugt ist,
wurde schon S. 119 erwähnt — und hier hörte er nun er-
zählen von den wechselvjollen Schicksalen Amlaibh (Anlaf)
Cuarans, der 945 — 80 König von Dublin gewesen, im Jahre
980 bei Tara geschlagen und im Kloster zu Jona gestorben
war. Die Schicksale Amlaibhs wiesen gewisse Analogien mit
der dem Dichter vorliegenden Sage auf: Amlaibh war in
früher Jugend von einem Könige seines Erbes beraubt worden,
war an den Hof eines anderen Königs (nach Schottland)
gekommen, dessen Tochter er heiratete, er hatte sich
in • Kriegen vielfach ausgezeichnet, war als König des
Wikingerstaates in Irland ,auf den Gipfel der Macht ge-
langt, aber zu Ende seines Lebens vom Glück verlassen
worden und bald nach seiner Niederlage als Mönch im
Kloster gestorben (s. wegen dieser Tatsachen oben S. 99 f.).
Einerseits diese Analogien sowie die Ähnlichkeit der
— 373 —
beiden Namen Amlaibh^) und Amblys — wenn letzteres
wirklich der Name des Helden war, was freilich nur eine
Vermutung ist — anderei^eits der Wunsch, seinen Stoff
aktuell zu gestalten, veranlafsten den Dichter, die ganze
Geschichte auf Amlaibh zu übertragen, ihn zum Helden
derselben zu machen und zu dem Behuf aus Amlaibhs
Leben einzufügen, was etwa pafste. Zugleich aber behielt
er doch den ursprünglichen Namen bei, indem er sich in
der Weise half, dafs er, mit der Bedeutung des Wortes
bekannt, Amhlys den Namen sein liefs, den man dem
Helden beigelegt habe, seitdem er die Maske des Blöd-
sinnes vorgenommen. Letzteres Verfahren erschliefse ich aus
der Ambalessage, wo der Held abwechselnd unter den
Namen Ambales und Amlodi auftritt; es wird dafür die
Erklärung gegeben, man habe Ambales' Namen wegen
seines blöden, tölpelhaften Benehmens in Amloäi = Tölpel
geändert. Offenbar läfst sich in gleicher Weise Amhlys
als eine Abänderung von Amlaibh fassen; später wurden
die beiden Namen verwechselt und nun vielmehr Amlodi
= Amhlaide für Amlaibh, als „Tölpel" gedeutet.
Auf diese Weise entstand die älteste Form der
nordischen Hamletsage, die also dann ursprünglich
eine Amlaibh(Anlaf oder Olaf) -Sage war. Aus ihr, so
nehme ich an, sind durch Umbildung, Eliminierung, Neu-
einfügung von Motiven, zum Teil geschichtlichen Ursprunges,
die verschiedenen Fassungen der nordischen Sage hervor-
gegangen.
Die Entstehungsweise, welche ich hier für die älteste
nordische Form unserer Sage annehme: dafs eine vor-
handene — griechische? — Sage an eine völlig fremde
historische Tradition angelehnt und ihr teilweise ange-
^) Über die Aussprache von Amlaibh s. Heyman, Havelok-Tale
S. 70 f.; danach war das m ein bilabialer Laut, der im Wälschen mit
b wiedergegeben wurde ; die wälsche Form Abloyc ist irisches Lehnwort
— 374 —
glichen worden sei, ist eine ganz analoge, wie sie z. B.
Zimmer, Kelt Beitr., Zeitsch. f. deutsch. Altert 32 (1888),
313 für die irische Cuchulinnsage annimmt. Zimmer findet
in Cuchulinn den Hagen, in Fer Diad den Sigfrid, in Fer
Baeth den Giselher wieder; er bemerkt: „Natürlich darf
man nun nicht ausdeuten wollen, den Vergleich Cuchulinn-
Hagen pressen: denn Cuchulinn ist keine dem Hagen nach-
bildete Gestalt, sondern eine Gestalt der irischen Helden-
sage, die in einer bestimmten Situation mit dem
aus Wikingererzählungen bekannten Hagen ver-
glichen und naturgemäfs unter diesem Vergleich
in dieser Situation umgestaltet wurde .... diese
Reihenfolge von Episoden ist eben keine Nachbildung
der hervorstechendsten Züge der Nibelungensage der Wi-
kinger, sondern die hervorstechendsten Züge der germani-
schen Sage oder vielmehr, was die Iren aus den Er-
zählungen der Wikinger als hervorstechendste Züge auf-
nahmen, wurden in einer Eeihe von Episoden des Epos
Täin bö Cüalnge hineingewoben." Dafs es sich hier nicht
um eine historische Tradition, sondern um eine Sage
handelt, ist irrelevant.
Der Fall, dafs eine historische Persönlichkeit schon
bei blofser Namens ahn lichkeit mit einer Person der Sage
identifiziert und infolge dieser Identifikation in einen
ganz fremden Sagenkreis eingeführt wird, liegt — um ein
Beispiel zu nehmen, das mir gerade zur Hand ist — vor
in der Sage von dem Wikingerkönig Magnus Barefoot
(Ende 11. Jahrb.), wegen deren ich verweise auf Alexander
Bugge, Contrih. to the Hist. of the Norsemen in Ireland II:
„With the passage of time", bemerkt Bugge hier, ,,the
tradition of Magnus has completely lost its historic stamp,
and its hero hecame a mythical flgure In the 18th
Century, or prohably even earlier, Magnus also passed
into the celebrated legend of the „Fate of the Children
— 375 —
of Usnech." Magnus in the translation of d'Arhois de
Jubainvillej is called Mane ä la main rouge, fils du roi
de Norvege! Magnus is Jiere confounded with the celtic
personal name Mane, which, as the name of another hero,
appears in an older Version of the legend of üsnech."
Nun mochten eben damals auch irgendwelche sagen-
hafte Traditionen über einen Wikinger Namens Amlodi,
den die Iren Amhlaide nannten, existieren. Dieser hatte
in der grofsen Scli lacht von Ath-Cliath im Jahre 919 sich
vor allen ausgezeichnet, indem er den feindlichen Heer-
führer, den irischen König Niall, erschlug, — eine Tat, die
seinen Namen berühmt machte. Wir besitzen ein Liedfrag-
ment von des Königs Witwe Gormflaith, in dem er genannt
wird. Dafs aucli andere Lieder und historische Traditionen
ihn erwähnten, zum Teil ihn verherrlichten, wird sich
kaum bezweifeln lassen, und es scheint ganz unbedenklich,
anzunehmen, dafs solche Traditionen noch ca. 100 Jahre
später vorhanden und in Irland verbreitet waren. Wir
wissen freilich aufser jenem Faktum gar nichts von Amhlaide,
wir sind deshalb über seine Lebenszeit nicht genau unter-
richtet; war er im Jahre 919 noch in jungen Jahren, so
wäre er mit Amlaibh, der 981 starb, annähernd gleich-
zeitig gewesen: jedenfalls war er nicht sehr wesentlich älter.
Ich nehme nun an. dafs die Popularität seines Namens
der Anlafs wurde, dafs ein Dichter, der mit der Amlaibh-
sage bekannt wurde, die Namen Amlaibh und Amhlaide
verwechselte — geradeso, wie der moderne Herausgeber
der Four Masters die beiden Namen verwechselt hat, s. oben
S. 112 — oder dafs jener Dichter absichtlich Amlaibh
durch Amhlaide ersetzte. Da. wie die Ambalessage zeigt,
der Held unserer Sage ursprünglich als ein Heraklestypus
geschildert wurde, der in vielfachen Kämpfen Riesenkräfte
bewährte, so ist es vollkommen begreiflich, wie ein Dichter
darauf verfallen konnte, ihn mit einem Krieger zu iden-
— 376 —
tifizieieii, der durch eine glänzende Watt'entat sich Ruhm
erworben hatte.
Damit war dann die erste Fassung gewonnen, in der
der Held der Sage den Namen führte, der sie in der Welt-
litteratur berühmt gemacht hat: Amhlaicte an. Amloäi d. i.
Hamlet
Wann haben wir uns diese Fassung entstanden zu
denken, wann ist der Name Amhlaides in die Sage ein-
geführt worden?
Die x4.ntwort lautet: nicht vor, aber auch nicht allzu-
lange nach dem Jahre 1014. Wie nämlich oben S. 64 ff.
gezeigt wurde, beruht die Episode von den „wiederauf-
gerichteten Toten" in der Hamletsage auf einem geschicht-
lichen Vorgang, der sich abspielte in unmittelbarem An-
schlufs an die Schlacht von Clontarf bei Dublin, die im
genannten Jahr geschlagen wurde. Folglich können die-
jenigen Fassungen der Sage, die die Episode bieten, nicht
entstanden sein vor dem Jahre 1014. Nun findet sich die
Episode sowohl in der Saxoschen Hamletsage als im Lai
von Havelok d. i. Amlaibh-Olaf, und zwar in eng ver-
wandter Fassung; somit mufs sie auch schon in der Quelle
der beiden Versionen vorhanden gewesen sein, und da die
Saxosche Hamletsage Züge enthält, die aus der Geschichte
Amhlaibs stammen oder doch an solche angeglichen worden
sind, so mufs der Name Amlaibhs in der Sage älter sein
als der Amhlaides, folglich mufs die gemeinsame Quelle
Saxos und des Lais noch den Namen Amlaibh enthalten
haben und kann die Übertragung der Sage auf Amhlaide
erst nach dem Jahre 1014 erfolgt sein.
Ein Bearbeiter in Irland nun, so nehme ich weiter an.
welcher gelehrte Kenntnisse hatte und dem die teilw^eise
Ähnlichkeit der Sage mit der Geschichte des Brutus bei
Livius auffiel, führte in dieselbe das „Goldstabmotiv" ein,
— 377 —
indem er die Liviusstelle in seitsamer Weise daliin mifs-
vei-stand, die beiden Gesandten, ambages, mit denen Brutus
nach Delphi ging:, seien getötet worden und Brutus habe
einen, das Wergeid für sie enthaltenden, mit Gold ge-
füllten Stab von der Reise mit zurückgebracht, s. das
Nähere oben S. 201 ff. Auf diese Fassung geht die Dar-
stellung Saxos und vermutlich auch die Ambalessaga zurück,
welche mit jener aus der gleichen Quelle entsprungen ist,
doch liegt das Goldstabmotiv in der Ambalessaga nur noch
in sehr entstellter Fassung vor.
Gleichfalls auf gelehrtem Wege, durch litterarische
Beeinflussung der Sage, ist dann, vermute ich, in die
Haveloksage hineingekommen das markante Motiv, dafs dem
Helden nächtlicher Weile Feuer aus dem Munde schlägt,
s. oben S. 93. Es wurde schon S. 97 ff. darauf hingewiesen,
dafs dieses Motiv offenbar identisch ist mit dem der
römischen Servius-Tiilliussage, wonach man einmal vom
Haupte des Servius eine Flamme emporschlagen sah. Das
Motiv begegnet nur in der Haveloksage, keine andere
Version der Hamletsage kennt es — der Zaubermantel
Tostis, der Ambales in überirdischem Glänze erstrahlen
läfst, ist doch wohl davon verscliieden — , somit liegt kein
Grund vor, es für die gemeinsame Quelle der verschiedenen
Versionen der Sage zu postulieren. Ich nehme an, dafs
ein Bearbeiter der Haveloksage, der die Ähnlichkeit der
Geschichte Haveloks mit der des Servius Tullius bei Livius
bemerkte, das Motiv aus dem letzteren in die Haveloksage
einführte. Die Analogien zwischen dem Havelok und der
Servius-Tulliussage. welche die Einführung des Motives ver-
anlafsten, ebenso wie die zwischen den übrigen Versionen der
Hamletsage und der Servius-Tulliussage erklären sich, wenn
eine früher S. 311 ausgesprochene Vermutung richtig ist.
durch Urverwandtschaft der beiden Sagen, indem die Servius-
Tulliussage eine römische Vei^ion des Goldenermärchens
— 378 —
darzustellen scheint, das ebenso wie der Havelok auf die
griechische Bellerophonsage zurückgeht. Die Beeinflussung
der Volksdichtung durch den griechischen und römischen
Klassikern entlehnte antike Elemente hat gerade in Irland
gar nichts Auffälliges. Bekanntlich hat Sophus Bugge in
seinen tiefgehenden Studien üb. d. Entstehung der nord.
Götter- und Heldensagen den Nachweis geliefert, dafs diese
Sagen zum Teil Umbildungen antiker Götter- und Helden-
sagen darstellen, und er nimmt an, dafs letztere den Nord-
leuten auf den britischen Inseln im Wikingerzeitalter ver-
mittelt wurden durch mündliche Erzählungen von Eng-
ländern und Iren, Mönchen oder Leuten, die auf Mönchs-
schulen gewesen waren und aus Büchern schöpften. „Bei
den Iren und Angelsachsen", sagt Bugge S. 10, „hatte die
von dem klassischen Altertum und von den Kirchenvätern
ererbte literäre Bildung mehr als bei irgend einem anderen
abendländischen Volk eine Zufluchtsstätte gefunden, und
es hatte sich auf den Grundlagen dieser Bildung bei ihnen
eine heimische Literatur in der Sprache des Klerus sowohl
wie in der Volkssprache entwickelt. Es konnte nicht
ausbleiben, dafs die geistesfrischen und geisteskräftigen,
aber an einen engen Gesichtskreis gewöhnten Nordleute
hier bei der neuen Eeibung mit den fremden Kulturen
mancherlei befruchtende Keime aufnehmen und festhalten
mufsten, die sie bald selbst mit ihrer stark ausgeprägten
Selbständigkeit zu einer reichen und eigentümlichen Blüte
entfalteten. "1) S. auch oben S. 353 Anm. 1 und S. 359 Anm. 1.
Die Anfänge der nordischen Sagenentwicklung
weisen also nach Irland, dort wurden die Schlachten
von Ath-Cliath v. J. 919 und von Clontarf v. J. 1014 ge-
^) S. jetzt auch oben S. 362 Anm. Betreffs der klassischen Stu-
dien in Irland verweise ich speciell auf die interessante Abhandlung
von Zimmer, Die Bedeutung des irischen Elements für die mittelalter-
liche Kultur, Preufs. Jahrbücher 59 (1887) S. 26.
- 379 —
schlagen, nur dort war eine Verwechselung von Amlaibh
und Amhlaiäe und, wenn dieser Name wirklich in Betracht
kommt — wie ich glaube — , von Amhlys möglich, dort
war Amlaibh d. i. Olaf Cuaran, der anerkannte Held der
Haveloksage, 945 — 80 König von Dublin.
Von Irland nun wanderte die Sage einerseits zu den
Kelten und Angelsachsen nach Britannien, andererseits
wurde sie diu'ch Nordleute nach Island verpflanzt.
Auf derjenigen Fassung der Sage, in welcher der
Name Amlaibh-Anlaf noch nicht durch Amhlaide-Amlodi
ersetzt war, beruhen der englische und französische Lai
von Havelok. Der Name HaveloTc .= wälsch Äbloyc oder
Abloec, 8. oben S. 101, beweist, dafs die Sage, bevor sie
in englischer und französischer Sprache bearbeitet wurde,
eine wälsche Zwischenstufe durchlaufen hatte. Sie ist also
von Irland zunächst nach Wales gewandert.
Die jüngere Version, in der statt Anlafs der Name
Amlodi eingeführt war, wurde gleichfalls von Irland zu
den Angelsachsen verpflanzt.
Hier wurde Amlodis zweite Gemahlin, als deren Vor-
bild ich einerseits die Jole der Heraklessage, anderseits
die historische Gormflaith, Anlaf Cuarans zweite Gemahlin,
betrachte, identifiziert mit der aus dem Beowulf bekannten
freierfeindlichen ßryäo, die als Eormen^ryä, s. o. S. 57, in
die Hamletsage eingeführt wurde. In dieser Form gelangte
die Sage nach Dänemark und zur Kenntnis Saxos, vielleicht
durch Vermittelung des Engländers Lukas, dessen Saxo als
eines vorzüglichen Geschichtenkenners Erwähnung tut, s.
oben S. 74 f.
Vermutlich auf einer älteren Stufe der Sagenentwicklung
als die Amlethsage Saxos zweigte sich ab, sei es in Irland,
sei es in England, diejenige Fassung, welche bei Saxo
selbst in der Harald - Haldansage und aufserdem in der
— 380 —
mit dieser nahverwandten Hrolfssaga Kraka vorliegt. Hier
erscheint die Sage abermals an andere Xamen geknüpft
und an Stelle des einen Helden, den die ursprüngliche
Fassung bot, sind zwei Brüder getreten, vielleicht in An-
lehnung an irgend welche historische Verhältnisse, die
auch sonst den Inhalt dieser Version beeinflufst haben
könnten.
Wohl direkt von Irland wurde die Sage ferner nach
Island verpflanzt, wo sie uns entgegentritt in der mit
Saxo nahverwandten, aber von ihm unabhängigen Ambales-
saga; diese ist zwar erst in Handschriften des 17. Jhs.
überliefert, mufs aber, wie sich aus der Analyse des In-
halts mit Sicherheit ergibt, aus sehr alten Vorlagen ge-
schöpft sein.
Wie verhält es sich nun endlich mit der Dichtung,
welche den Ausgangspunkt für diese ganze, weitschichtige
Untersuchung gebildet hat, mit dem Boeve v. Hamtone?
Ist auch er auf die irische Form der Sage, auf die Anlaf-
Amlodisage, zurückzuführen?
Es scheinen mir gewichtige Gründe gegen eine solche
Annahme zu sprechen.
Vor allem ist zu beachten, dafs alle diejenigen Elemente
der Sage, welche auf Irland hinweisen, sowie die, welche
wir aus den Schicksalen Anlaf Cuarans ableiteten, dem
BvH fehlen, nämlich:
1. Die Namen Anlaf-Amlodi.
2. Die Geschichte von den wiederaufgerichteten Toten,
welche wir im Havelok und bei Saxo finden, vgl. o. S. 64 ff.
3. Der Zug, dafs es der Oheim ist, durch den der
Held seines Erbes beraubt wird, vgl. o. S. 108.
4. Der weitere Zug, dafs er sich nach Schottland be-
gibt und die Tochter des schottischen Königs heiratet.
s. ebenda.
— ^81 —
5. Der Zug, dafs er Krieg gegen einen König von
Britannien fülirt.
Es fehlt ferner im BvH vollständig das Goldstabmotiv,
von dem wir wenigstens vermuteten, es sei erst in Irland
durch einen gelehrten Bearbeiter in die Sage herein-
gekommen, s. S. 202.
Andei-seits enthält wieder der BvH einige Elemente,
welche allen anderen nordischen Versionen abgehen, also
auch für die zu Grunde liegende irische Sage nicht an-
gesetzt werden können, welche dagegen in der Bellerophon-
und in der Chosrosage vorhanden sind, nämlich:
1. Das wunderbare Rois, mit dem der Held
seine Taten vollbringt (Arondel im BvH = Pegasos-
Bihzad). Da es in keiner der anderen nordischen Versionen
eine Rolle spielt, so dürfen wir annehmen, dafs es schon
in ihrer gemeinsamen Quelle eliminiert war oder doch
nur noch nebenbei erwähnt wurde, wie vielleicht noch in
der Ambalessaga, wenn wirklich das ausgezeichnete Rofs,
das seine liesische Freundin dem Amlodi sendet, s. S. 136,
mit dem alten Zauberrofs identisch ist.
2. Der Kampf Boeves mit dem Eber, der Hinterhalt,
den ihm zehn Förster legen, das Wettrennen zu London,
in dem er mit Arondel siegt — alles Züge, welche auch
der Bellerophonsage eignen, vgl. o. S. 319f. und 318.
3. Die Flucht Boeves vor Bradmund und seine Rettung
durch den reifsenden Strom, den er auf seinem Pferde
durchschwimmt, eine Episode, welche, wie S. 240 dargelegt,
einer Episode des Schahnarae — Chosros Flucht vor Afrasiab
und seiner Rettung durch den angeschwollenen Dschihun
— so genau entspricht, dafs hier notwendig ein Zusammen-
hang angenommen werden mufs.
Weiter ist zu beachten, dafs die ganze Darstellung
im BvH gegenüber den anderen Versionen ein total ver-
schiedenes Gepräge zeigt: das so wichtige Wahnsinnsmotiv,
— 382 —
von dem sich freilich auch im Havel ok nur noch eine
Spur vorfindet, ist vollständig ausgemerzt, dafür ist die
Erzählung mit einer Masse von Abenteuern überladen, von
denen die übrigen Fassungen gar nichts wissen.
Alles dieses scheint mir den Ursprung der Boevesage
aus der irisch -nordischen Anlaf-Amlodisage sehr unwahr-
scheinlich zu machen, und speziell die Übereinstimmungen
mit der Bellerophon- und der Chosrosage scheinen mir
kaum eine andere Erklärung zuzulassen, als dafs eine
zweimalige Überführung der aus der Bellerophon-
Brutussage geflossenen Sagendichtung nach Süd-
england stattgefunden hat, und dafs die Boevesage
nicht aus der Anlaf-Amlodisage selbst, sondern aus ihrer
Quelle entsprungen ist, welche noch eine Keihe Elemente
enthielt, die in der irischen Sage bereits unterdrückt waren.
Nun begegnen im BvH verschiedene Elemente, welche
auf den Orient und zwar speziell auf Kleinasien hin-
weisen:
Zunächst spielt ja die Handlung des ersten Teiles zum
grofsen Teil im Orient. Hermin, an dessen Hof Boeve
kommt, ist nach der einen Version König von Ägypten,
nach der anderen, ursprünglicheren — vgl. S. 11, Anm. 1
— König von Armenien. Hermin wird bekriegt von
Bradmond v. Damascus, in dessen Gefangenschaft Boeve
später gerät. Boeve kommt nach Jerusalem, wo er dem
Patriarchen beichtet (Stimming S. LXV).
Allerdings hat Suchier die Ansicht ausgesprochen, unter
Armenien sei im BvH Armorica, d. i. die französische Bre-
tagne zu verstehen, s. o. S. 5, und ich habe ihm S. 11,
Anm. 1 darin beigestimmt. Indessen bin ich bezüglich dieses
Punktes seitdem anderer Meinung geworden. Da Damascus
und Jerusalem als Schauplätze der Handlung bestehen
bleiben und Boeve von Armenia nach Damascus reitet,
so liegt gar kein Grund vor, zu bezweifeln, dafs der
— 383 —
Dichter selbst unter Annenia eben Armenien in Klein-
asien verstanden hat, — was nicht ausschliefst, dafs ein
Bearbeiter es mit Armorica, der Bretagne, identifiziert
haben mag.
Sodann erinnert an den Orient, dafs zweimal in der
Erzählung Löwen eine Rolle spielen: Während Boeve ein-
mal auf der Jagd ist, wird Josiane von zwei Löwen ge-
raubt, die sie auf einen Felsen schleppen und dort bewachen.
Von der Jagd zurückgekehrt, tötet Boeve die beiden Löwen
(V. 1652—1740).
Dann: Sabot träumt einmal, dafs hundert Löwen dem
Boeve sein Rofs Arondel rauben und erzählt den Traum
seiner Gattin Eneborc, die ihn dahin deutet, dafs Josiane
dem Boeve geraubt sei.
Eben bei diesem Motiv, welches den Gedanken an
eine orientalische Quelle nahe legt, möchte ich einsetzen,
um zu einer Vermutung bezüglich der Herkunft des BvH
zu gelangen.
Es wurde oben S. 348 angenommen, die zu einem
neuen Ganzen verschmolzene ßellerophon-Brutussage habe
ihre Wanderung einerseits nach dem Norden, anderseits
nach Persien über Byzanz angetreten.
Nun sind Kämpfe des Helden mit Löwen ein Motiv,
welches wiederholt begegnet in dem erst in den 70er Jahren
des vorigen Jalirhunderts aufgefundenen byzantinischen
Nationalepos von Digenis Akritas, zuerst veröifentlicht, mit
französischer Übersetzung, von Sathas und Legrand, Les
Exploits de Digenis Akritas, epopee hyzantine du dixieme
siede, Paris 1875 (Collection de monuments pour servir ä
Vetude de la langue neohellenique , no. 6, n. s.). Es ist
dies ein Epos von echt volksmäfsigem Charakter, das die
Schicksale des Digenis und seiner Gattin Eudokia zum
Gegenstand hat, den historischen Hintergi-und der Dar-
stellung bilden „die Verhältnisse, welche im neunten,
— 384 —
zehnten und elften Jahrhundert in den Grenzgebieten
Syriens, Kleinasiens und Armeniens am oberen Euphrat
herrschten." Der Name Digenis, der „Zwiegeborene", be-
zieht sich darauf, dafs der Vater des Helden ein Araber,
seine Mutter eine Griechin ist; äxoiTnq^ von äxQa^ Grenze,
ist seit dem 7. Jh. die byzantinische Bezeichnung für die
Verteidiger der äufsersten Keichsgrenzen, also etwa = „Mark-
graf"; ihnen lag ob die Bekämpfung der Mohammedaner
und der Apelaten, d. i., von uTielaim»^ ursprünglich Vieh-
wegtreiber, Viehdiebe, dann Wegelagerer überhaupt. Digenis
lebte nach der ältesten Handschrift unter Kaiser Basileios,
der identisch ist mit Basileios II., 976 — 1025. Ich ver-
weise auf Krumbacher, Geschichte d. hyzant Litteratur-,
S. 827 ff., und auf die Analysen von A. Eberhard, Über
ein mittelgriechisches Epos, Verhandl. d. 34. Philologenvers.
zu Trier 1879, Leipzig 1880, und von G. Wartenberg, Das
mittelgriechische Heldenlied von Basileios Digenis Ahritis,
Berliner Gymnasialprogramm 1897.
Im Digenis nun begegnet das Motiv des Löwenkampfes
nicht weniger als viermal, nämlich:
Der Vater des Digenis stöfst mit seinen Gefährten in
einem Engpafs auf einen Löwen, die Gefährten entfliehen,
er aber tötet das Tier (Wartenberg S. 7).
Dem zwölfjährigen Digenis, der auf der Jagd ist, tritt
aus dem Busch ein Löwe entgegen; er mufs erst von seinem
Oheim ermahnt werden, sich des Schwertes zu bedienen,
mit dem er nun dem Tiere das Haupt spaltet (ebenda S. 8).
Digenis tötet einen plötzlich erscheinenden Löwen,
indem er ihn am Fufse ergreift und zerreifst (ebenda S. 11).
Während er mit seiner Gattin auf einer Wiese rastet^
bricht ein Löwe aus dem Walde hervor, den er mit der
Keule erlegt (ebenda S. 12).
Aber auch sonst zeigt diese Dichtung vielfach Ähnlich-
keit mit dem BvH.
— 385 —
Wie das anglonormannische, so gibt das byzantinische
Epos eine vollständige Biographie des Helden:
Digenis ist der Sohn des syrischen Emirs Miisur und
einer Tochter des Andronikus Dukas. Wie Boeve, so be-
steht auch er schon in jugendlichem Alter gefährliche Jagd-
abenteuer, von denen eines oben erwähnt wurde. Er kämpft
dann, wie Boeve in Armenien gegen Bradmund, gegen die
Feinde des Landes und gewinnt die Hand der Eudokia,
die er entführt wie Boeve die Josiane (Stimraing S. LXVI).
Die Verfolger werden hier wie dort besiegt und in die
Flucht geschlagen. Digenis wird nun, wie Boeve, auf
seinen Fahrten von seiner jungen Gattin begleitet.
Ein Quelldrache, in einen Jüngling verwandelt, will
sich Eudokias bemächtigen. Digenis eilt herbei, der wieder
verwandelte streckt ihm drei feuerspeiende Rachen ent-
gegen, wird aber von Digenis getötet (Wartenberg S. 12).
300 Apelaten wollen sich Eudokias bemächtigen — auch
sie werden von Digenis erschlagen (ebenda S. 13).
Ähnlich ist im BvH Boeve wiederholt in Gefahr,
Josiane zu verlieren. Ein Graf Miles bemächtigt sich ihrer
und will sie zwingen, seine Frau zu werden, Josiane aber
erdrosselt ihn mit einer seidenen Schnur. Sie soll nun
verbrannt werden, aber B. rettet sie. Später wird Josiane
von Sarazenen geraubt, aus deren Händen sie der greise
Sabot befreit (Stimming S. LXnif., LXXIII).
Auch das Motiv von der ;, freierfeindlichen Jungfrau"
(Herrin von Civile im BvH, Hermuthrud bei Saxo) begegnet
in dem griechischen Epos. Digenis hat gegen die Amazone
Maodmu und ihre Leute zu kämpfen. Maximu stammt von
den Amazonen ab, die Alexander einst aus Indien mit sich
geführt hatte. Sie will nur dem Manne angehören, der
ihr an Stärke überlegen ist. Digenis überwindet sie und
nun bietet sie sich ihm als Gattin an. Er aber weist sie
zurück, er erklärt, seiner Gattin die Treue nicht brechen
Z enk er, Boeve- Amlethus. 25
— 386 —
zu wollen. Trotzdem verbindet er sich dann mit ihr, den
Argwohn seiner Gattin beschwichtigt er mit einer Aus-
rede (Wartenberg S. 13ff.).
Mau vergleiche hiermit im BvH die Episode von der
Königstochter von Civile oben S. 22 f., 30, 38ff. Nach der
englischen Version, die wir als die ursprünglichste er-
kannten, gewinnt Boeve ihre Hand durch ein Turnier;
auch der Kampf zwischen Digenis und Maximu trägt den
Charakter des Turniers: Wartenberg S. 14 meint, es sei
dies eine Stelle, „welche möglicherweise westeuropäische
Turniersitte wiederspiegelt."
Digenis erbaut sich zuletzt am Euphrat einen präch-
tigen Palast mit Garten, wo er mit Eudokia seine Tage
in Ruhe und Frieden beschliefst; er stirbt im Alter von
33 Jahren an einer Krankheit, die er sich im Bade zu-
gezogen — Genickstarre — , seine Gattin bricht neben seinem
Lager tot zusammen, s. die Übersetzung des Schlusses bei
Wartenberg S. 24 ff.
Auch Boeve und Josiane sterben gleichzeitig; wie
dort Eudokia, so wird hier Boeve vom Schmerz getötet,
indem er die sterbende Gattin umarmt:
V. 3833: Kant veit la dame, entre ses bras la prent,
La morust la dame e Boves ensement-
DemDigenisepos steht nahe das gleichfalls zum „Akriten-
cyklus" gehörige Lied „Der Sohn des Änclronikus'- , d. i.
offenbar der mütterliche Grofsvater des Digenis, Andro-
nikus Dukas; der Inhalt des Liedes wird von Krumbacher
S. 862 f. charakterisiert mit den Worten: „Sarazenen und
Räuber überfallen den Andronikus und nehmen seine Gattin
gefangen, die sich in gesegneten Umständen befindet. Sie
gebiert einen Sohn, der, ganz ähnlich wie Digenis, un-
^) Die Angabe von Stimming, S. LXXVI: „Als dann auch Josiane
starb, fols-te er ihr bald nach", ist also ungenau.
— 387 —
gewöbulich schnell heranwächst, nach einem Jahre schon
das Schwert führt, nach 2 Jahren die Lanze schwingt . . .
die Sarazenen fesseln ihn mit dreifachen Ketten; er aber
zerbricht seine Bande und entweicht zu seinem Vater, wo
die freudige Wiedererkennung statt hat."
Dies erinnert wiederum einmal daran, wie Josiane
von Sarazenen geraubt wird, nachdem sie eben zwei Söhnen
das Leben gegeben (Stimming S. LXXIII), sodann an die
Kerkerhaft Boeves bei dem Sai'azenen Bradmund, aus der
er befreit wird, indem „durch Gottes Kraft" seine Ketten
zerbrechen (ebenda S. LXIII).
Aus dem Gesagten dürfte erhellen, dafs der BvH
einen dem Digenis Akritas und den zugehörigen
Akritendichtungen eng verwandten epischen Typus
darstellt. Im Hinblick darauf und in Anbetracht des
Umstaudes, dafs auch der Schauplatz der Handlung teilweise
der gleiche ist, nämlich Armenien und Syrien, möchte
ich denn nun also vermuten, die Quelle des BvH sei ge-
wesen ein im Stile der Akritenlieder, speziell des Digenis
Akritas gehaltenes mittelgriechisches Volksepos des 10.
oder 11. Jhs., in das die Bellerophon-Brutussage eingefügt
worden war, und das durch eine altnordische Zwischen-
stufe — s. die altnordischen Eigennamen Ivori, Bradmund,
Rudefon — auf dem Wege des Handelsverkehrs über
Rufsland und die Ostsee nach Britannien gelangte. In
ihm waren die oben vermerkten, im BvH erhaltenen, aber
in den anderen nordischen Versionen der Hamletsage ge-
tilgten Motive der Bellerophon-Brutussage, vor allem das
w^underbare Rofs, noch vorhanden, dagegen war das im
BvH vollständig fehlende Motiv des verstellten Wahnsinns
des Helden, als zum stereotypen Charakter des Akriten-
recken nicht passend, bereits eliminiert. Das Epos wurde
nordischen Verhältnissen adaptiert, der Schauplatz der
Handlung wurde teilweise nach England und Deutsch-
25*
— 388 —
land verlegt, teilweise aber blieb der alte Schauplatz be-
stehen.
Durch diese Hypothese scheinen mir die sehr starken
Abweichungen des BvH gegenüber den anderen nordischen
Fassungen der Hamletsage eine völlig befriedigende Er-
klärung zu finden. Die letzteren, so nehme ich an, gehen
zurück auf eine ältere Fassung der Sage, als sie die Quelle
des BvH bot, eine Fassung, welche vor allem das Wahn-
sinnsmotiv noch enthielt.
Sollte etwa die letzte, indirekte Quelle auch jener
anderen nordischen Versionen schon ein griechisches Volks-
epos gewesen sein? Die Möglickeit scheint mir gegeben.
Es sei erinnert an Ambales' Kriege in Skythien^ bei
Konstantinopel und bei Cypern, die sich den Akritenkäm-
pfen vergleichen lassen. Amleths Abenteuer mit dem Mäd-
chen, das man ihm im Walde entgegenführt, bei Saxo zeigt
eine gewisse, wenn auch nur entfernte Verwandtschaft mit
der Barzahlung von Digenis und der Tochter des Emirs
Haplorrabdes, die Digenis in einer Oase der syrischen
Wüste trifft, s. Wartenberg S. 11 f. S. 155 ff. wurde ge-
zeigt, dafs sowohl die Ambales- als die Amlethsage Züge
der Heraklessage enthalten; dazu stimmt es, dafs nach
Eberhard a. a. 0. S. 54 auch auf Digenis Züge von Herak-
les übertragen sind. Aber freilich sind diese Momente nicht
ausreichend, um auf sie eine Vermutung zu gründen; ich
möchte, wie gesagt, nur auf eine Möglichkeit aufmerk-
sam gemacht haben. Vielleicht würden sich durch einen
genaueren Vergleich vor allem der Ambalessage mit den
erhaltenen Eesten mittelgriechischer Volksepik weitere An-
haltspunkte gewinnen lassen.
Das gleiche byzantinische Volksepos, in dem ich die
indirekte Quelle des BvH vermute, kann es dann auch ge-
wesen sein, welches die Bellerophon-Brutussage nach Per-
sien trug; durch diese Annahme würde sich die auffällige
— 389 —
Übereinstimmung zwischen dem BvH und dem Schahname
in jener, S. 239 f. besprochenen, den übrigen nordischen
Versionen fehlenden Episode von der Rettung des Helden
durch den angeschwollenen Strom, den er durchreitet, in
ungezwungener Weise erklären.
Dafs das Digenisepos mit der zeitgenössischen epi-
schen Poesie der Perser nahe verwandt ist, hat neuerdings
gezeigt Italo Pizzi (Professor an der Universität Turin)
in seiner Storia della poesia persiana, 2 B., Turin 1894.
Verpflanzung nach dem skandinavischen Norden, wie
sie hier für die Quelle des ßvH vermutet wird, hat bei
einer byzantinischen Sage gewifs nichts Auffälligeres als
bei einer persischen. Für eine solche aber wurde Über-
gang ins Nordische bereits wahrscheinlich gemacht von
Felix Liebrecht in dem Artikel Die Ragnar Lodhroksage
in Persien, Orient u. Occident, hgg. v. Benfey, I, Göttingen
1862, S. 561 ff.; wieder abgedruckt Zur Volkskunde, Heil-
bronn 1879, S. 650". L. zeigt hier, dafs die Erzählung von
Ragnars Kampf mit dem Drachen der Thora so nahe über-
einstimmt mit der von Ardschirs Kampf mit dem Drachen
der Tochter des Hefthdad in Firdosis Schahname, dafs ur-
sprüngliche Identität der beiden Sagen behauptet werden
mufs. und er vermutet, dafs die Sage von Persien nach
dem Norden gelangte: „Wenn Indien der Ausgangspunkt
war, so ging der erste Teil ihres Weges wohl über Persien
und Vorderasien, vielleicht auch über Griechenland."^)
*) Olrik, Sakses Oldhistorie, in dem Abschnitt über die Ragnar
Lodbroksage S. 102—133 erwähnt den Artikel Liebrechts nicht; Mogk,
Geschichte der norwegisch-isländischen Literatur^ S. 843 citiert ihn,
macht aber keinen Gebrauch von ihm.
Um einen Vergleich zu ermöglichen, setze ich den Inhalt der
beiden Versionen in knappster Form hier neben einander:
Nordische Sage: Thora, die Tochter eines westgothischen Jarls,
erhält von ihrem Vater einen kleinen, in einem Garn befindlichen
— 390 —
Es sei ferner darauf hingewiesen, dafs nach Krum-
bacher S. 880 der Digenis Akritas selbst zwar nicht in
die nordische, wohl aber in die russische Litteratur ein-
gedrungen ist, „wahrscheinlich durch Vermittelung süd-
slavischer Übersetzungen"; er hat also die Wanderung
nach dem Norden wenigstens angetreten.
Eine Reihe sehr merkwürdiger Übereinstimmungen
zwischen persischen Nationalepen und Romanen einerseits
und solchen des Occidents anderseits hat aufgezeigt I. Pizzi
in dem oben genannten Werke Kap. IX: Le somiglianze e
le relazioni tra la poesia persiana e la nostra del medio
evo, 8.412-489,
Lindwurm zum Geschenk. Sie bewahrt ihn in einem Kästchen auf
einem Lager von Gold auf: mit dem Lindwurm wächst auch das Gold.
Als das Tier grofs geworden, liegt es um das Haus, so dafs Kopf und
Schweif zusammenstofsen. Der Jarl verspricht dem, der das Tier tötet,
die Tochter und das ganze Gold. Der fünfzehnjährige Ragnar macht
durch Pech und Sand seine Kleider undurchdringlich und tötet mit
dem Spiefs den Drachen, der sich so windet, dafs das ganze Haus er-
bebt. Ragnar erhält Thora zur Frau.
Schahname: Ein Mädchen, die Tochter des Hefthdad, die unter
einem Apfelbaume mit Genossinnen spinnt, findet in einem Apfel einen
kleinen Wurm. Seitdem spinnt sie täglich das Doppelte von dem,
was sie am Tage vorher gesponnen, und der Reichtum der Familie ist
in stetigem Wachsen. Der Wurm wird in einem Kasten aufbewahrt.
Nachdem Hefthdad sich der Stadt bemächtigt hat, erbaut er auf dem
Berge ein stark befestigtes Schlofs; hier erhält der Wurm eine neue
Wohnung von Stein. H. führt von dem Schlosse aus mit seinen Be-
waffneten ein Schreckensregiment. Endlich erlangt. Ardschir, Schah
von Persien, als Kaufmann verkleidet in das Schlofs Eintritt; er giefst
dem Tiere geschmolzenes Zinn in den Rachen, so dafs es verendet,
dabei schreit es so gellend, dafs die Erde weit im Umkreis erzittert.
Das Schlofs wird nun erobert und geplündert, Hefthdad und sein
ältester Sohn werden gehenkt.
Trotz des etwas abweichenden Schlusses scheint mir ein Zweifel
an der ursprünglichen Identität der beiden Geschichten nicht möglich,
und es versteht sich von selbst, dafs dann der persischen Version die
Priorität zukommt.
— 391 —
Wenn ich nicht irre, erhebt sich hier ein grofses
Problem am Horizont der mittelalterlichen Litteraturge-
schichte: das Problem der Beziehungen der umfangreichen,
erst zum Teil durch Übersetzungen zugänglich gemachten
epischen Litteratur der Perser zu der erzählenden Poesie
des Occidents, vor allem zu der reich entwickelten, bis
jetzt nur wenig erforschten französischen Epik des Mittel-
alters. Ich mufs darauf verzichten, auf dieses Problem
hier irgendwie weiter einzugehen, ich begnüge mich, auf sein
Vorhandensein aufmerksam zu macheu. Litterarischer Aus-
tausch zwischen Persien und dem Occident könnte wenigstens
teilweise durch Byzanz vermittelt worden sein, und ge-
setzt, es würde sich stoffliche Beeinflussung anderer fran-
zösischer Epen des Mittelalters durch orientalische Dich-
tungen nachweisen lassen, so würde offenbar die hier aus-
gesprochene Vermutung einer mittelbaren byzantinischen
Quelle des BvH an Wahrscheinlichkeit sehr gewinnen.
Soviel über das anglonormannische Epos, dem ich
also neben jenen anderen Versionen der Sage eine selb-
ständige Stellung zuweise.
Und nun endlich: Wie steht es mit der berühmtesten
Fassung der Hamletsage, mit dem Hamletdrama Shake-
speares? Woher stammt die in vielen Punkten durch-
aus eigenartige Fassung der Sage, welche uns hier ent-
gegentritt?
Es wurde gezeigt, dafs das Drama Shakespeares dem
Bellerophontes des Euripides viel näher steht als irgend
eine andere der erhaltenen nordischen Fassungen der Ham-
letsage. Folglich kann von diesen Fassungen keine die
eigentliche Quelle des berühmten Dramas gewesen sein.
Wo haben wir dann seine Quelle zu suchen?
Wie schon S. 268 f bemerkt, gilt es heute als erwiesen,
dafs dem Hamlet Shakespeares ein älteres Hamletdrama
zu Grunde liegt, welches spätestens 1589 vorhanden war,
— 392 —
und alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dafs der Ver-
fasser dieses Dramas Thomas Kyd (f 1594) gewesen sei.^)
Wir müssen also fragen: aus welcher Quelle ist Kyd
der Stoff zu seinem Hamletdrama zugeflossen.
Ich glaube in der Lage zu sein, hierüber eine Ver-
mutung zu äufsern.
Wir wissen^ dafs am 24. Juni 1626 englische Komö-
dianten in Dresden eine „Tragödia von Hamlet ^ einen
printzen in Bennemarh'- zur Aufführung brachten. Dieses
Stück ist nicht im Druck erschienen und das Manuskript
hat sich nicht erhalten. Dagegen veröffentlichte im Jahre
1781 der gothaische Bibliothekar Reichard nach einer Hand-
schrift, welche die Jahreszahl 1710 trug, in der Zeitschrift
Olla Potrida n. 11, S. 18 — 68 ein Drama „Der bestrafte
Brudermord oder: Prinz Hamlet von Bännemarh", von dem
man annimmt, dafs es im wesentlichen, aber keineswegs
durchaus, mit jenem im Jahre 1626 aufgeführten Stücke
identisch ist.
Das von Reichard publizierte Stück, das jetzt bequem
zugänglich ist in dem Neudruck von W. Creizenach, Bie
Schauspiele der englischen Komödianten, Kürschners Beut-
sche Nationallitteratur B. 23, S. 147 ff., unterscheidet sich
von dem Shakespeareschen Drama in vielfacher Beziehung.
Es enthält einen Prolog, in dem die Nacht, Alecto, Mägera
und Thisiphone auftreten, es ist viel kürzer gefafst als das
englische Stück und weicht von letzterem teilweise in den
Namen, in der Darstellung und in vielen Einzelheiten ab;
der Name des Königs ist hier Eric, der der Königin
Sigrie^), Ophelias Vater heifst Coramhus, ihr Bruder Leon-
^) S. darüber jetzt auch H. R. D. Anders, Shakespeares Books S. 1271
Neue Litteratur zur Geschichte der Shakespeare-Kydschen Sagenfassung
wird besprochen von W. Dibelius, Jahrb. d. deutsch. Shakespeareges. 39
(1903), 331—35.
^) Soweit ich sehe, hat noch niemand darauf aufmerksam gemacht,
dafs dieser Name offenbar identisch ist mit dem Namen der Königin
— 393 —
hardtcsj es tritt ein Hofnarr Phantasmo auf, der bei Shake-
speare fehlt, 11. a. m. Das Stück wurde genau untersucht
von Creizenach in der Abhandlung: Die Tragödie „Der
bestrafte Brudermord oder Prinz Hamlet aus Dänemark
und ihre Bedeutung für die Kritik des Shakespeareschen
Hamlet", Berichte der Königl. Sachs. Gesellschaft d. Wissensch,
philol'hist Glosse 1887, Bd. 39, S. Iff. und in der Einlei-
tung zu der genannten Ausgabe. C. kommt zu dem Er-
gebnis, dafs das deutsche Drama zum weitaus gröfsten
Teil auf Shakespeare zurückgeht, und dafs keine Veran-
lassung vorliegt, die nicht Shakespeareschen Bestandteile
aus einem anderen altenglischen Drama herzuleiten; sie
für etwas anderes zu halten als für Zusätze, wie sie die
englisch-deutschen Komödianten auch sonst in ihre Re-
pertoirestücke einzufügen pflegten." Tanger im Jahrb. der
deutsch. Shakespearegesellsch. 23 (1888), S. 224 ff., hat Creize-
nach in der Hauptsache zugestimmt.
Dagegen ist nun zu einem völlig verschiedenen Resultat
gelangt M. Blakemore Evans, Der bestrafte Brudermord,
sein Verhältnis zu Shakespeares Hamlet, Bonner Disser-
tation, Hamburg und Leipzig 1902. Evans glaubt nach-
weisen zu können, dafs das deutsche Hamletdrama
auf Shakespeares Vorlage, dem Hamlet Kyds be-
ruht, nur meint er, die späte Abschrift von 1710, die wir
besitzen, sei vielleicht bereits durch die Shakespearesche
Fassung beeinflufst. Evans sieht sich zu dem Schlüsse ge-
drängt, „es sei schon zu Saxos Zeit eine andere [von
der Saxos verschiedene] Fassung der Sage vorhanden
gewesen . . , jedoch inwieweit diese sich von Saxo unter-
in der Hrolfssaga Eraka, Sigrid, s. o. S. 123. Das Zusammentreffen ist
doch schwerlich ein zufälliges. Man wird darin einen weiteren Beweis
dafür erblicken dürfen, dafs dem Kydschen Drama nicht die Version
Saxos zu Grunde liegt, wo der Name der Königin bekanntlich Gerutha
lautet.
~ 394 —
schied, ist nicht mehr zu erkennen."^) Evans erklärt im
Vorwort, dafs sein Lehrer, Prof. Bülbring, auf dem gleichen
Standpunkt stehe. W. Dibelius im Liter aturhlatt f, gerni.
u. rom. Philol. 1904, Sp. 275 meint, bei kritischer Nach-
prüfung von Evans' Aufstellungen ergebe sich „eine ge-
wisse Wahrscheinlichkeit für seine Hypothese."
Ich kann hier weder in eine Nachprüfung der Creize-
nachschen noch der Evansschen Untersuchung eintreten,
bemerke aber, dafs mir Evans Darlegungen durchweg plau-
sibel erscheinen, und dafs ich persönlich von der Lektüre
des deutschen Dramas den entschiedenen Eindruck erhielt,
es liege hier ganz und gar nicht eine Verkürzung und
Verstümmelung des Shakespeareschen Dramas, sondern viel-
mehr eine ältere, primitivere Fassung vor.
Ich akzeptiere also das Evanssche Ergebnis und be-
trachte das deutsche Hamletdrama als im wesentlichen
identisch mit dem Kydschen „Urhamlet".
Woher hat nun Kyd seinen Stoff entlehnt?
Für die Beantwortung dieser Frage scheint mir den
entscheidenden Fingerzeig zu geben eine seltsame Anek-
dote im IL Akt, Scene 4, welche bei Shakespeare nichts ent-
sprechendes hat: Hamlet hält hier Ophelia vor, die Mäd-
chen kauften ihre Schönheit „bei den Apothekern und
Krämern"; er wolle ihr eine „Historie" erzählen: Ein
„Kavalier in Anion" habe sich in eine anscheinend sehr
schöne Dame verliebt, in der Brautnacht aber nahm sie
„erstlich das eine Auge aus, welches künstlicherweise ein-
gesetzt, hernach die Vorderzähne, welche von Elfenbein
auch so künstlich waren eingemacht, dafs man's nicht sehen
konnte, hernach wusch sie sich, da ging die Schminke,
womit sie sich angestrichen hatte, auch fort. Der Bräutigam
^) Hier ist Evans also auf ganz verschiedenem Wege zu dem
gleichen Ergebnis gelangt, zu dem auch die vorliegende Abhandlung
geführt hat.
- 395 —
kam endlich, gedachte seine Braut zu umfangen, wie er
sie aber ansichtig ward, erschrak er, und gedachte, es
wäre ein Gespenst."
Creizenach in der Einleitung zu seiner Ausgabe S. 138
fragt, ob mit Anion vielleicht Anjou gemeint sei und be-
merkt: „Eine ähnliche Anekdote erzählt Lope de Vega in
seinem Drama el maijor hnposible, das auf mancherlei Um-
wegen nach Deutschland gelangte. Doch wird der Schwank
auch sonst verbreitet gewesen sein."
Dafs Anion = Anjou ist, glaube ich nun nicht. Wie
sollte man dazu gekommen sein, den Namen dieser all-
gemein bekannten Provinz in Anion zu ändern? Bedenken
wir vielmehr, dafs die Anekdote, wie wir eben hörten,
sich ähnlich bei Lope de Vega findet, so scheint mir kaum
ein Zweifel sein zu können, dafs wir es hier mit einem
auf mangelhafter Sprachkenntnis beruhenden Mifsverständ-
nis eines spanischen Wortes, also eines spanischen Originals,
zu tun haben. Spanisch am nämlich heifst auch: „Der
Herr oder die Dame, welche, infolge eines gewissen Ge-
brauchs am Vorabend des neuen Jahres, das Los bestimmt,
für das nächste Jahr Chapeau oder Dame eines anderen
zu sein", s. Franceson, Nuevo Diccionario, Leipzig 1900.
Das Wort ist wohl verkürzt aus anqjo, einjährig = anni-
culus s. Körting, Lat-rom. Wörterbuch^ s. v. Offenbar
war in dem spanischen Original der betreffende caballero
als ano der Dame bezeichnet, und der Übersetzer, dem
die in Rede stehende Bedeutung von ano nicht be-
kannt war, verstand das fäfschlich dahin, es handle sich
um einen caballero in Aiio (Anion). Vielleicht ging dem
ano ein Wort voraus, welches bei mangelhafter Sprach-
kenntnis als „in" oder „von, aus" gefafst werden konnte.
Es handelte sich also, denke ich, in der fraglichen
Geschichte nicht um ein junges Ehepaar, sondern um ein
durch das Spiel zusammengefügtes Brautpaar.
-- 396 —
Dieser Brautstand auf Zeit hatte sehr oft intimeren
Umgang der so im Scherz auf ein Jahr Verbundenen zur
Folge. Das sagt uns niemand anders als — Ophelia bei
Shakespeare. Denn bei dem Liebesspiel des Val entin tages,
auf das sich ihr Lied bezieht, handelt es sich genau um
das gleiche Spiel, das nur an einen anderen Tag, den
14. Februar, geknüpft ist:
To-morrow is Saint Valentine's day,
All in the morning betime,
And I a maid at your window,
To be your Valentine.
Then up he rose, and donn'd bis clotbes
And dupp'd the Chamber door;
Let in the maid, that out a maid
Never departed more.
Gegen die Sitte des Valentinstages richtet sich die
Tendenz eines Eomanes des Bischofs Camus: Biotreiohe, Hi-
stoire Valentine, Lyon 1624. H. Körting, Geschichte des
Französischen Romans im 17. Jh. I, Oppeln und Leipzig
1885, S. 191 bemerkt, C. stelle in diesem Roman „die ver-
derblichen Folgen dar, die das Liebesspiel eines Valentins-
tages zur Folge hatte. Er agitiert aufs lebhafteste gegen
jene Volkssitte, die zu seiner Zeit in Frankreich in höchster
Blüte stand, und die um ihrer Unzartheit willen allerdings
verdiente, angegriffen zu werden. Der Brauch bestand in
folgendem: Am Sankt- Valentinstage (dem 14. Februar) ver-
sammelten sich die jüngeren Leute einer Gemeinde, Ver-
mählte und ünvermählte, meist vor der Kirchentür und
taten sich durch Losziehen auf ein volles Jahr als Liebes-
leute zusammen, wobei der Zufall oft ein neckisches Spiel
trieb. Der Mann, „Valentin" genannt, hatte während dieser
Zeit nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht seine
Partnerin, die „Valentine", durch allerhand Aufmerksam-
keiten auszuzeichnen, sie allein zur Kirche und zu gesel-
ligen Zerstreuungen zu geleiten. Bei verheirateten Frauen
— 397 —
war seine Stellung etwa die des italienischen cicisheo (fran-
zösisch sic/ishi'e), während, wenn beide Teile unverheiratet
waren, häufig aus dem Valentinspaar ein Ehepaar wurde,
noch häufiger jedoch sich unsittliche Verhältnisse heraus-
bildeten."
Also um ein eben solches Verhältnis handelt es sich,
wie ich glaube, bei der Geschichte von dem „Kavalier in
Anion" und seiner Dame. Dafs bei Shakespeare auf die
gleiche Sitte Bezug genommen wird, dürfte meiner Auf-
fassung günstig sein.
Dann ist also die vorliegende Anekdote aus dem
Spanischen übertragen, und was von ihr gilt, das gilt doch
aller Wahrscheinlichkeit nach auch von dem ganzen Stück:
wir sind zu der Vermutung berechtigt, dafs Kyd aus einer
spanischen Quelle geschöpft hat, sei es, dafs er eine spa-
nische Novelle dramatisiert oder dafs er direkt ein spanisches
Drama bearbeitet hat.
Der Annahme einer spanischen Quelle für den Ur-
hamlet scheinen mir auch folgende Umstände und Er-
wägungen günstig zu sein:
1. Die Tatsache, dafs von den vier erhaltenen Dramen
Kyds zwei, welche eng zusammengehören, in Spanien und
Portugal spielen, nämlich Jeroni wo und The Spanish Tragedy,
or Hieronimo is mad again.
2. Der Umstand, dafs sehr wahrscheinlich der Schau-
platz der Ambalessaga ursprünglich Spanien war, indem
die beiden Oheime Ambales' in Spanien herrschen und das
Land seines Vaters, welches die Handschriften Cambria
oder Cimbria nennen, mit Coimbra, der Residenz der portu-
giesischen Könige zu identifizieren sein dürfte, s. oben
S. 128 und 368f.i)
^) Auf eine Übereinstimmung der Ambalessaga mit Shakespeare
und dem deutschen Hamlet, wo Saxo und Belieferest nichts Ent-
sprechendes haben, macht ganz richtig aufmerksam Evans S. 19,
398
3. Die grofse Rolle, welche überhaupt die spanische
Novelle und das spanische Drama in der Litteratur des
16. Jhs. spielen.
Sollte nicht auch die Antwort, die Hamlet im deutschen
Drama Akt III, Scene 10 dem König gibt, als dieser ihm
verkündigt, er wolle ihn nach England schicken: „Ja, ja
König, schickt mich nur nach Portugal, auf dafs ich nimmer
wieder korame^ das ist das Beste". — König: '„Nein, nicht
nach Portugal, sondern nach England" — sich aus der spa-
nischen Vorlage Kyds erklären? Man hat sich bisher über
die Deutung dieser auffälligen Erwähnung des entlegenen
Portugal nicht geeignet, s. darüber Creizenach, Einl. S. 132.
Hat also Kyd, wie ich glauben möchte, für sein Hamlet-
drama eine spanische Vorlage gehabt, so wird man ver-
muten dürfen, dafs diese in letzter Linie auf die gleiche
Quelle zurückging wie die Vorlage der nordischen Sage,
aus der die auf Spanien und Portugal hinweisende Ambales-
sage, die Amlethsage Saxos, die Hrolf- und Haraldsage ab-
zweigten — auf eine, in Spanien oder Portugal lebendige
Form der alten Bellerophon-Brutussage, welche noch alle
diejenigen Momente der griechischen Beilerophonsage intakt
aufwies, die uns bei Shakespeare entgegentreten, während
sie in den anderen Versionen der Sage getilgt sind: so in
erster Linie den Weltschmerz des Bellerophon, die Unter-
redung des Megapenthes (=Laertes-Leohnardus) mit Jobates
(= Claudius-Eric) und das Attentat des Megapenthes, alle
diese Motive natürlich wohl schon an andere Namen geheftet.
Demnach wäre dann eine dreimalige Überführung der
gleichen Sage auf verschiedenen Stufen ihrer Entwicklung
Anm. 3. Nach der Ambalessaga hatte Amlodis Schiff bei der Über-
fahrt nach England einen Sturm zu bestehen, s. Jiriczek S. 88 — ich
habe den Zug S. 135 nicht erwähnt — vgl. dazu Shakespeare: Being
crossed by tke coniention of the windes — deutscher Hamlet: ^Nun
begab es sich, dafs wir eines Tages contrairen Wind hatten." Das
Motiv ist den oben S. 276 zusammensrestellten noch hinzuzufüo-en.
— 399 —
nach Britannien anzunehmen, der drei wesentlich ver-
schiedene Fassungen der Haiuletsage ihre Entstehung ver-
danken würden:
1. die irisch -nordische Sage (Ambaless., Saxo usw.);
2. die Boevesage;
3. die Hamletsage Kyds und Shakespeares, welche
aufserdem durch die Saxosche Fassung der irisch-nordischen
Sage beeinflufst scheint.
Ich breche hier ab. Die genauere Erörterung der
wichtigen Frage nach der Quelle des Kydschen Urhamlet
rauls ich den Anglisten überlassen; sie mögen auch ent-
scheiden, ob die Annahme einer spanischen Quelle, die mir
viel für sich zu haben scheint, zulässig ist oder nicht.
Ich schliefse meine Untersuchung in der bestimmten
Hoffnung, dafs es weiterer Forschung gelingen werde, neue
Versionen unseres Sagenstoffes ans Tageslicht zu fördern
und mit ihrer Hilfe über die vielfach noch so dunklen Wege,
welche die Sage bei ihren Wanderungen eingeschlagen hat,
mehr und mehr Licht zu verbreiten; am ehesten dürfte,
meine ich, von einer Umschau auf dem Gebiete der orien-
talischen Litteraturen neues Material zu gewärtigen sein.
Falls es gelingt, Vorstufen der Chosrosage — Zwischen-
stufen zwischen ihr und der griechisch-römischen Bei lerophon-
sage — in der persischen, in der von ihr abhängigen jüngeren
arabischen oder auch in der indischen Litteratur nachzu-
weisen, dann wird vielleicht auch für die Hamletsage der
schon so oft und bezüglich einiger wesentlicher Punkte
bereits durch die vorliegende Abhandlung bestätigte alte
Satz seine Richtigkeit aufs neue bewähren:
Ex Oriente lux.
Hofbuchdruckerel Rudol Stadt.
Nachträge.
Zu S. 8 ff. und 79 ff.
Auf die Saxosche Hamletsage nimmt mehrfach Bezug auch
L. Laistner in dem Aufsatz Der germanische Orendel, Zeitsch. f. deutsch.
Altert. 38 (N. F. 26, Jg. 1894), 113 ff., von dem ich ewt nachträglich
Kenntnis erhalte. Laistner will die Orendeldichtung teilweise aus dem
oben S. 298 ff. besprochenen „Goldenermärchen'* ableiten; da er nun
auf eben dieses auch den „Buovo von Antona", der ihm „nur in der
abgeleiteten Fassung des russischen Volksbuches bei Dietrich S. 68 ff.
zur Hand ist," zurückführt und S. 128 bemerkt, der erste Teil der
Saxoschen Hamletsage sei „nach dem Muster des Orendelmärchens
gebaut, und zwar nach einer Fassung, auf der auch Bowa beruht,"
80 hat bereits er die Verwandtschaft zwischen Saxo und dem Boeve
von Hamtone erkannt, wie er auch S. 127 — doch nur für das. Motiv
des Uriasbriefes — schon auf die Bellerophonsage hinweist. Freilich
ist die Annahme, der Boeve von Hamtone und die Saxosche Hamlet-
sage beruhten auf dem Goldenermärchen, nicht haltbar, wie bezüglich
des Boeve schon oben S. 300 ausgesprochen wurde.
Ein Einflufs der Brutussage auf die Hamletsage scheint Laistner
,an und für sich gar wohl denkbar," S. 130, doch sieht er von einem
näheren P^ingehen auf dieses Problem ab. S. 131, Anm. 2 verweist
er auf einen „höchst merkwürdigen Märcheneingang" bei U. Jahn,
Volksmärchen aus Pcmimern und Rügen I, 354 f. „Von den Nach-
stellungen seiner widernatürlichen Mutter und ihres zweiten Gatten
bedroht, fährt ein Prinz über Meer zu seiner Braut nach Niederland,
leidet Schiffbi-uch und rettet sich mit einem Diener auf eine Insel.
Da findet er die Leiche eines Greises nebst einem Schriftstück, worin
dem, der sie bestatte, alle Schätze des Verstorbenen zugesprochen
werden. Nachdem die letzten Ehren erwiesen sind, füllt er das
vorgefundene Gold in ausgehöhlte Hollunderstämme, die
Zenker, Boeve -Amlethas. 26
— 402 —
er an sichrem Ort zur Verwahrung gibt, um sie auf der Heimfahrt
von Niederland mitzunehmen. — Der erkenntliche Tote hat die gröfste
Ähnlichkeit mit dem in der Anm. vorhin erwähnten sterbenden Greis,
der als Lohn für sein Begräbnis ein Wunderrofs verheilst {Arch. f.
slav. Phil. 5, 65 [auf das vorher in der erwähnten Anm. verwiesen wird])."
Laistner meint, diese goldgefüllten Stäbe gehörten einer älteren Ent-
wicklungsstufe an, als die entsprechenden in der Brutus- und Hamlet-
sage, und es sei deshalb an eine Entlehnung aus diesen beiden nicht
zu denken. „Saxo kann also die seinigen gar wohl aus alter Volks-
überlieferung haben, und wenn ihm dabei das baculum cavatum im
Livius einfiel, so erklärt sich die Ähnlichkeit seiner Darstellung mit
der römischen genugsam."
Mir scheint der Grund, durch den L. die Fassung des Motivs
der goldgefüllten Stäbe in dem Märchen gegenüber der Brutus-Hamlet-
sage als ursprünglicher erweisen will, als durchaus unzureichend, und
ich möchte im Gegenteil vermuten, dafs das Märchen ein ziemlich
junges Produkt ist, dessen Anfang sich aus Reminiszenzen an Shakes-
peares Hamlet, an die Saxosche Hamletsage und an die Geschichte
von dem dankbaren Toten zusammensetzt. Man kann, meine ich, bei
Sagenuntersuchungen gegenüber solchen in neuerer Zeit aus dem Volks-
munde aufgezeichneten Märchen gar nicht mifstrauisch genug sein.
Zu S. 45 ff.
Bei Besprechung des Motivs von dem ^umgeschriebenen Brief
(Constantiusnovelle) sind mir leider die einschlägigen Mitteilungen von
C. H. Tawney, Indian Antiquary X (1881), S. 190, von Godabole,
ebenda XI (1882), S. 84ff., von Weber, Über die Geschichte vom, Kauf-
mann Campaka, Sit%ungsber. der Berlin. Akademie 1883, 567 u. 885,
von Wesselofsky, Ro7nania 14 (1885), 137 ff. (Referat über Achille
Coen, Di una leggenda relativa alla nascita e alla gioventü di Costan-
tino Magno, Rom 1882) und von E. Kuhn, Zur byxantin. Erxählungs-
litteratur, Byxant. Zeitsch. IV (1895), S. 241 ff. entgangen. Ich darf,
abgesehen von dem letztgenannten Artikel, zu meiner Entschuldigung
anführen, dafs auch Olrik ihrer nicht Erwähnung tut und ich annahm,
Olrik habe die Litteratur vollständig benutzt.
Tawney a. a. 0. weist hin auf eine Version unserer Sage, die
in Prof. Nilmani Mukhopädhyäyas Sanskritchrestomathie steht und
entnommen ist aus dem Kathähoäa, „a collection of stories, written by
Jaina authors in a Propagandist spirif^
Auch hier findet das junge Mädchen, das Vishä heifst, den
Helden schlafend und entwendet ihm den Brief. Sie liest darin die
— 403 —
Aufforderung, dorn Überbringer Gift, visliam, zu geben. Sie folgert,
dafs sie selbst ihm gegeben werden soUe und ihr Vater nur einen
orthographischen Fehler gemacht habe. Sie nimmt die nötige Konjek-
tur vor, steckt den Brief wieder an seine Stelle, und die Heirat wird
vollzogen. Die Erzählung schliefst auch hier mit dem Fridolins-
motiv : der Vater des Mädchens trachtet dem jungen Mann ein zweites
Mal nach dem Leben, statt dessen aber wird sein eigener Sohn getötet.
Godabole, Sanskritlehrer in Bombay, teilt a. a. 0. eine Pa-
rallele zu dieser Geschichte mit: The Story of Chandrahäsya , über
deren Herkunft er leider gar keine näheren Angaben macht; er
bemerkt einfach: / was put m viind of a story agreeing with that
in the main , though differing in names and particulars, current in
the presidency^ Es ist sehr merkwürdig, dafs diese Erzählung einige
Züge mit der Hamlet - Chosrosage gemein hat, welche sich, soweit
ich sehe, in keiner der anderen Versionen des in Rede stehenden
Themas finden. Ich gebe deshalb eine vollständige Analyse der Ge-
schichte :
Der König Prasoma von Kerala fällt in der Schlacht; seine
Frauen besteigen den Scheiterhaufen. Der zwei Monate alte Sohn des
Königs, Chafidr, wird von der Amme aufgezogen, welche sich der
Sicherheit wegen mit ihm nach Küntalapura begibt und dort als
Bettlerin lebt.
Auf der Strafse spielend findet der Knabe einmal einen Shuli-
gräma, d. h. einen dem Vishnu heiligen Stein; er trägt ihn nun immer
im Munde, nur bei der Morgenandacht und beim Essen nimmt er ihn
heraus. Der König von Küntalapura hat einen Minister Namens
Dushtabuddhi; dieser versammelt eines Tages eine Anzahl Brahmanen
behufs einer Ceremonie, durch die er seinem Sohne die Herrschaft
über das Königreich sichern will (to give his son the sovereignty of
the kingdom of his lord and patron). Als die Brahmanen versammelt
sind, sieht Dushtabuddhi den Knaben auf dem Hofe, hebt ihn auf
und nimmt ihn mit hinein zum Mahle. Die Brahmanen glauben, Chandr,
der auf dem Schofs des Ministers sitzt, sei dessen Sohn, und streuen
nach Beendigung des Mahles mit rotem Pulver vermischte Reiskörner
unter Absingung vedischer Hymnen auf sein Haupt.
Der Minister, überzeugt, dafs nun Chandr zu Teil werden wird,
was er seinem Sohn zugedacht hatte, sendet die Brahmanen ärgerlich
fort. Dann ruft er einige chändäla^ und befiehlt ihnen, den Knaben
in einem von der Stadt weit entfernten Walde umzubringen. Als sie
in dem Walde angelangt sind und Chandr merkt, dafs ihm Gefahr
droht, nimmt er den Stein aus dem Munde und betet inbrünstig zu
26»
— 404 —
Narahari. Der Gott erscheint und verjagt die chdndälas; doch findet
einer von ihnen noch Zeit, dem Knaben eine Zehe abzuschneiden, um
den Minister von dem Vollzug seines Befehles zu überzeugen. Chandr
liegt bewufstlos blutend da. Zufällig jagt der König von Kulinda im
gleichen Walde. Narahari in Gestalt eines Rehes führt den König zu
dem Platz, wo der Knabe liegt. Der König nimmt ihn auf und bringt
ihn wieder zum Bewufstsein; da vernimmt er eine überirdische Stimme,
die sagt: 0 König, Du wirst gesegnet werden mit diesem Knaben,
nimm ihn mit in Deine Residenz. Der König tut so, die Königin
selbst nährt das Kind. Chandr lernt nun die Vedas und besiegt in
seinem sechzehnten Jahre alle Könige der Erde (in his sixteenth year
conqiiered all the längs oftheearth); sein Adoptivvater macht ihn nua
zu einem yuvardja.
Auch zu Dushtabuddhi dringt der Ruhm des jungen Prinzen von
Kulinda ; als deshalb der König von Kuntalapura ihn beauftragt, nach
einem Gatten für seine Tochter zu suchen, begibt er sich zunächst
nach Kulinda, um den Prinzen zu sehen. Er erkennt in ihm den
totgeglaubten Chandr. Er sagt nun dem König, er möge seinen Sohn
an den König von Kuntala senden, er wolle ihm einen Empfehlungs-
brief an seinen eigenen Sohn mitgeben. In dem Schreiben befiehlt
er letzterem, dem jungen Prinzen Gift, visha, zu geben. Chandr reitet
gemäfs dem Befehle seines Vaters nach Kuntalapura. In der Nähe
der Stadt angekommen, rastet er in einem Garten und schläft ein.
In eben diesem Garten ergeht sich die Tochter des Königs, Vishäja;
blumenpfiückend wird sie Chandrs ansichtig und verliebt sich in ihn.
Sie sieht den Brief in seiner Kopfbedeckung stecken, nimmt ihn heraus
und liest ihn. Sie sagt sich, die Meinung ihres Vaters sei es gewifs,
dafs sie selbst dem jungen Mann gegeben werden solle, es handle sich
wohl nur um einen Schreibfehler. Sie nimmt die betreffende Ände-
rung vor und entfernt sich. Chandr übergibt den Brief, und der Sohn
des Ministers läfst die Hochzeit mit seiner Schwester vollziehen. In-
zwischen nimmt der Minister die Hauptstadt von Kulinda ein, plündert
sie und macht den König selbst zum Gefangenen. [Hier besteht eine
Unklarheit in der Erzählung; denn von einem Feldzuge Dushtabuddhis
gegen Kulinda ist vorher nirgends die Rede gewesen.] In sein König-
reich zurückgekehrt, vernimmt er von den Brahmanen die Vermählung
seiner Tochter. Er fürchtet, der König werde zürneu, weil seine
eigene Tochter mit dem Prinzen vermählt wurde, während die Prinzessin
unvermählt geblieben ist. Er beauftragt nun seinen Sohn, den König
von dem Vollzug der Heirat in Kenntnis zu setzen, von der dieser
schon durch einige Diener vernommen hat, welche ihm den Schwies-er-
— 405 —
söhn dos Ministers als jifeeigneten Gatten ffir seine Tochter Champa-
kamalati empfahlen. Der Minister ersinnt nun einen neuen Anschlag?
gegen Chandr. Er beauftragt einen chändäla^ sich an der Schwelle
von Ambikäs Tempel zu verstecken und den ersten, der den Tempel
betrete, niederzumachen. Als Chandr sich nach dem Tempel begibt,
triift er seinen Schwager, der ihm mitteilt, der König wünsche ihn
zu sprechen und ihm sagt, er selbst wolle für ihn die Andacht im
Tempel verrichten. [Auch hier liegt eine Unklarheit vor, da wir
nicht erfahren, welchen Grund der Minister zu der Annahme hat, dafs
sein Schwiegersohn als erster den Tempel betreten werde.] Der König
gibt nun Chandr seine Tochter zur Frau. Als der Minister sieht,
wie er mit der Prinzessin auf einem Elephanten angeritten kommt,
eilt er zum Tempel und findet hier seinen eigenen Sohn tot. In der
Verzweiflung schneidet er sich selbst die Kehle ab.
Chandr wird von der schrecklichen Katastrophe benachrichtigt
und findet im Tempel die Leichname seines Schwiegervaters und
Schwagers. Da betet er zur Gottheit, erweckt beide wieder zum Leben
und führt seitdem ein friedliches Dasein.
Offenbar stimmt diese Fassung in einer Reihe wesentlicher Züge
mit der Hamlet-Chosrosage überein, nämlich:
1. Der Held ist der Sohn eines Königs.
2. Er verliert in früher Jugend seinen Vater.
3. Er wird vor dem Usurpator in ein fremdes Land geflüchtet
und lebt hier in Niedrigkeit (unter der Obhut einer Bettlerin).
4. Er soll umgebracht werden, aber der Befehl kommt nicht zur
Ausführung und der Auftraggeber wird durch einen falschen Beweis
seines Todes getäuscht (s. BvH, oben S. 10).
5. Er wird durch einen Beschützer vom Tode errettet; als solcher
erscheint hier der Gott Narahari selbst, der dem Sabot, Grim, Regin-
Regno, Piran der Hamlet-Chosrosage entspricht.
6. Er kommt an dem Hofe eines fremden Königs zu hohem An-
sehen und unternimmt siegreiche Feldzüge.
7. Nachdem der Anschlag mit dem Uriasbrief mifslungen ist,
wird von seinem eigenen Schwiegervater ein neuer Mordanschlag gegen
ihn gemacht, der abermals mifslingt.
8. Er wird schliefslich der Gatte zweier Frauen (der Tochter des
Ministers und der Prinzessin).
Diese Analogien sind gewils höchst auffällig; der Zug, dafs als
Beschützer des Knaben ein Gott auftritt, stimmt zu der unten zu
erwähnenden äthiopischen und arabischen Version, wonach als Retter
m der Not, freilich bei anderer Gelegenheit, der heilige Michael er-
— 406 —
geheint, sowie auch zur Bellerophonsage , wo Athene und Poseidon
selbst dem Helden ihren Beistand leihen. Die Übereinstimmungen
legen den Gedanken nahe, die indische Geschichte möchte vielleicht
aus Persien eingewandert sein und auf eine ältere Fassung der Chosro-
sage zurückgehcm. Indessen, da die Quelle, aus der Godabole schöpft,
anscheinend nur die moderne mündliche Tradition ist, so dürfte
gröfste Vorsicht geboten sein, und ich wage, bevor ältere indische
Fassungen der Erzählung nachgewiesen sind, nicht, mit derselben zu
operieren.
Weber in dem genannten Aufsatz publiziert eine der Jaina-
Litteratur angehörige Erzählung, die zu der von ihm Sitxungsber. 1869,
S. 42 mitgeteilten buddhistischen Relation in naher Beziehung steht.
Obgleich der Text möglicherweise erst nach dem 12. Jh. anzusetzen
ist, glaubt W. doch annehmen zu dürfen, „dafs uns hier der Reflex
einer alten buddhistischen Erzählung vorliegt, die dann eben
ihrerseits teils zur Zeit der Kreuzzüge nach dem Orient wanderte,
teils in Indien selbst ihre verschiedenartigen Sprossen getrieben hat."
Die Geschichte steht der Constantiusnovelle und der Darstellung Saxos
ferner als die übrigen besprochenen indischen Versionen. Der Name
des Mädchens ist hier Tilottamä. Von den oben herausgehobenen,
der Version Godaboles mit der Hamlet-Chosrosage gemeinsamen Zügen
findet sich hier nur No. 7.
Das Referat von Wesselofsky enthält nichts, was für die vor-
liegende Untersuchung in Betracht käme.
Kuhn endlich a. a. 0. bespricht eine äthiopische und eine ara-
bische Version, die nach ihm unzweifelhaft auf ein griechisches Ori-
ginal zurückgehen.
Den Inhalt der äthiopischen Version entnimmt K. der Beschreibung
einer Hds. des 17. Jhs., die Rodwell in einem Katalog von Quaritsch
gibt. Es handelt sich hier um einen Knaben, den seine Eltern dem
heiligen Michael geweiht haben und der später den Namen Thalassion
erhält, weil er in einem Sack auf dem Meere ausgesetzt wird. Michael
selbst nimmt die Vertauschung des Briefes vor; er unterrichtet den
Knaben von dem Inhalt des Schreibens und gibt ihm ein anderes. —
Rodwell verweist wegen des Uriasbriefes auf den Mythus von Bellerophon.
Die arabische Version steht in einer Gothaer Hds., einem Buche
über die Macht und die Wunder des Erzengels Michael; sie weist
gegenüber der äthiopischen nur geringe, für uns irrelevante Ab-
weichungen auf. Michael tritt hier auf unter der Gestalt eines Soldaten.
Auch Kuhn hält, wie Wesselofsky, diejenigen Fassungen, welche
das Fridolinsmotiv anknüpfen, für jünger. „Eine ebenso sekundäre
— 407 —
Erweiterung ist es, bemerkt K., wenn wir andererseits unsere Erzählung
durch die Episode vermehrt finden, dal's der unbequeme Schwiegersohn
von dem Schwiegervater, welcher ihn um jeden Preis verderben will,
weiter ausgesandt wird, Haare oder Federn des Teufels, des Vaters
Allwissend, eines Riesen, eines Drachen, eines gewissen Vogels zu
holen oder an den Teufel usw. eine Frage zu stellen, unterwegs aber
noch von anderen Personen gebeten wird, ihnen auf gewisse Fragen
Antwort zu schatfen/ Die betreflfenden Erzählungen sind zusammen-
geetellt von R, Köhler, Archiv f. slav. Philol. 5, 74.
Zu S. 72, Anm. 1.
Die Angabe, es handle sich an den Stellen, auf die Heyman be-
züglich des Motives von den „wiederaufgerichteten Toten" verweist,
vielmehr nur um Puppen, welche aus Holz, Haaren u. a. Material
hergestellt werden, ist nicht zutrefi'end für die Romance de don Garcia
bei V^olf-Hofmann , Primavera y Flor de Romances II, p. 43 tf. Hier
spricht Don Garcia, dessen Schlofs Urueüa seit sieben Jahren von den
Mauren belagert wird, die Absicht aus, seine toten Krieger zur
Täuschung der Feinde, bewatfnet auf die Zinnen stellen zu wollen:
veo morir ä los mios,
no teniendo que les dar,
pöngolos por las almenas
armados como se estän,
porque pensasen los moros
que podrian pelear.
Die Herausgeber verweisen auf die a. a. 0. citierte Episode im
Ogier li Danois als mutmafsliche Quelle der Romanze. Da es sich
aber in letzteren eben nur um Puppen handelt, so darf vielleicht
aufserdem, insofern an die Stelle der Puppen Leichname getreten
sind, eine Reminiszenz aus dem Havelok angenommen werden.
Zu S. 122 und 194:
Die Strophen, durch die in der Hrolfssaga Kraka die Völva
(Seherin) Heid bei dem Festmahl in der Königshalle Frotho vor Helgi
und Hroar warnt, lauten in der Übersetzung von Th. Torfaeus, Historia
Hrolfv Krakii, Kopenhagen 1715, die ich erst nachträglich einzusehen
Gelegenheit hatte — das altnordische Original war mir unzugänglich — :
Sunt queis fidendum non ego censeo,
Intra palati limina Regii;
Viri duo, quorum hie uterque
Exteriore foco calescit.
— 408 —
Dann :
Hos arte longo tempore Virfilis [sicj
(Novi) tenellos insula nutriit:
Dum nominis quondam latrantum
Hoppus et Ho tegerentur umbrä.
Später fügt sie hinzu, dafs sie Frotho töten werden:
Halfdanides video: sedet isthic salvus uterque;
Helgius hinc, illinc Hroar: uterque ferox.
En horum auspiciis occumbet Frodius ispe
Ni cito toUantur; quod mala fata vetant;
nnd indem sie von der Schwelle herabsteigt:
Exardent oculi: Regum certissima proles
Hranius atque Hamus fervida corda gerunt.
Wie S. 195 ff. ausgeführt, vermute ich in dem Spruche der Yölva
einen Widerschein der dem Tarquinius Superbus durch das delphische
Orakel (die Pythia) gewordenen Prophezeihung : er werde dann den
Thron verlieren, wenn ein Hund (= Brutus) mit menschlicher Stimme
reden werde.
Im folgenden erzählt Frotho seinen Mannen einen schweren
Traum, den er gehabt: Er habe eine Stimme gehört, welche sagte:
Nun bist Du mit den Deinigen nach Hause gekommen. Als er ge-
fragt: Wohin? habe die Antwort gelautet: Zur Hei, zur Hei: tamque
propinquiim eum, qui clamavit, visuin, ut excussum vestibus ejus ven-
tulmn persentire videretur; eodemque momento evigilasse.
Die unheilverkündenden Träume des Tarquinius, Faustinus,
Afrasiab haben also in dieser Sage gleichfalls ihre Entsprechung, was
aus der Analyse Detters nicht zu entnehmen war.
In dem Liede, das dann Regin in der Aufsenhalle singt: Foris
Reiginus filiique Halfdani 'versantur, dolosi sagittarii: nunciate
Frodio Varem clavum cudisse, Varem caput ei affixisse, Varem ßrmum
durahilemque clavum elahorasse, ist von Interesse die Bezeichnung
Helgis und Hroars als „Bogenschützen", indem sie sich dem Ausspruche
Amleths bei Saxo vergleicht: er verfertige scharfe Pfeile zur Vater-
rache, s. 0. S. 16.
Eine dänische Übersetzung der Hrolfssaga enthält C. Ch. Rafn,
Nordiske Iiae9}ipe- Historier, Kopenhagen 1821, I, Iff.
Zu S. 127.
Gollancz, Hamlet in Icelatid, wurde besprochen von Detter im
Anzeiger f. deutsch. Altert. 26 (1900), 274 ff. D. hält fest an seiner
— 409 —
Ableitung der Hamletsatji» aus der Brutussage; er betrachtet es als
aemlich gewil's, dals das Stabmotiv schon vor Saxo vorhanden war.
worin ich ihm ja beistimme. Er handelt dann noch über die Her-
kunft des Namens Amlodi und verweist wegen der Entwickelung der
Sage auf den S. 120 Anm. 1 angeführten Artikel von Olrik.
Zu S. 169.
Zu der Vermutung, es liege in der Erzählung von Amlodis
Kampfe mit dem Höhlenbewohner Caron vor eine Verwechselung des
griechischen Charon mit dem Hadeshunde Kerberos, sei nachgetragen,
dafs sich nach Wilamowitz, Hermes 34, 230 griechischer Volksglaube
den Todesgott Charon als wildes Tier mit funkelnden Augen und
scharfen Krallen dachte.
Zu S. 335.
Ich habe die Vermutung geäufsert, dafs der Bellerophontes des
Euripides mit dem Brutus des Accius zu einem griechischen Drama
kontaminiert wurde. Indessen dürfte doch auch die Möglichkeit zu
erwägen sein, dafs es sich vielmehr um ein römisches Drama ge-
handelt habe. Es könnte sein, dafs eine lateinische Übersetzung des
Bellerophontes veranstaltet worden war und das Drama in dieser Ge-
stalt mit dem Brutus kombiniert wurde. Die Popularität des Euri-
pides bei den römischen Dramatikern wii'd konstatiert von Alfred
Schöne, Das historische Nationaldrama der Römer. Die Fabula prae-
teoda, Kiel 1893, S. 5: „Allerdings ist auch die Tragödie, wie die
Komödie, als sie unmittelbar nach dem ersten Punischen Kriege im
Jahre 240 durch Livius Andronicus in Rom eingeführt wird, nichts
anderes als Übersetzung und Bearbeitung griechischer Ori-
ginale, und zwar vornehmlich der Tragödie des Euripides,
den die Hauptvertreter der Römischen Tragödie: Livius, Naevius,
Ennius, Pacuvius und Accius, die während der Zeit von 240 bis un-
gefähr 100 V. Chr. tätig sind, unverkennbar bevorzugen." Es wäre
doch gewifs recht wohl denkbar, dafs dieses Drama später, sei es in
dramatischer, sei es in epischer Form, wiederum eine griechische
Bearbeitung erfahren hätte. Leider bewegt sich, bei dem Mangel
jeglicher Anhaltspunkte, die Untersuchung hier auf einem über die
Massen unsicheren Boden.
Zu S. 343 ff.
Zu der Annahme, Shakespeares Hamletdrama gehe durch das
Medium eines antiken ATimus teilweise zurück auf den im Altertum
— 410 —
weitberühmten Bellerophontes des Euripides, bietet eine vortreffliche
Parallele der von Hermann Reich, Der Mann mit dem Eselshopf, ein
Mimodrama vom klassischen Altertum verfolgt bis auf Shakespeares
Sommernachtstraum, Weim2ir 1904 (Separatabdruck aus dem Shakespeare-
jahrhuch B . 40) erbrachte Nachweis , dafs die Quelle der Esels-
scenen im Sommernachtstraum, in letzter Linie ein antiker
Eselsmimus des 1. Jhs. n.Chr. gewesen sein mufs. Das Vor-
handensein eines solchen Mimus wird bezeugt durch ein erst vor
sieben Jahren von Pasqui veröffentlichtes Reliefbild auf der Scherbe
eines aus dem genannten Jahrhundert stammenden Topfgefäfses -. das
Bild gibt deutlich eine Scene aus einem Mimus wieder und läfst unter
anderen Figuren auch einen nackten Mann mit einem Eselskopfe er-
kennen, s. die Abbildung bei Reich S. 5. Reich vermutet, dafs Shake-
speares unmittelbare Quelle der 1566 in englischer Übersetzung er-
schienene Ooldene Esel des Apulejus gewesen sei, insofern die Liebes-
scene des eselköpfigen Webers Zettel mit der Feenkönigin Titania
eine den Zufall ausschliefsende Übereinstimmung mit der Liebesscene
des in einen Esel verwandelten Lucius im X. Buche, cap. XX ff., des
Apulejus'schen Romanes zeigt, s. Reich S. 20. Da der Roman erst aus
dem 2. Jh. n. Chr. stammt, so ist anzunehmen, dafs er auf dem Esels-
mimus beruht. Ich verweise wegen alles Näheren auf die interessante
Abhandlung Reichs.
Register.
A bailach 119 Anm.
Abderruhman 370.
Abloyc, Abloec = Anlaf 101, 373
Anm. 1, 379.
Abreford 5, 11.
Accius, römischer Tragiker 146,
330 ff.
Actamond 159.
Adaltag 6 f.
Addomolus 130.
Adgar 6.
Aedelberht, König von Ostanglien
58.
Aedeldryd 58.
Aethelstan, König von Wessex 7, 99.
Afrasiab, Schah von Turan 210 ff.
Agrirath 210, 257 f.
Al-Gazäl 370.
'4h'jiov Ttebiov 285.
Alexandrien 335.
Ali, Sohn des Abbas 339.
Alsi (Edelsi), König in Lincoln 63, 93.
Amazonen 284, 301, 385.
Amba, Mutter Amlodis 128, 191.
Ambales, Herkunft des Namens
190 f., 342 f.
Ambalessage 127, Inhalt 128 ff.,
Verhältnis zum Brjammärchen
141 ff'., von Saxo unabhängig
145 ff., 397 Anm. 1, enthält Ele-
mente der Heraklessage 157 ff'.;
357; Schauplatz Spanien ? 368 f.,
397.
'Afißkvg 343, 347, 364, 373.
Amhlaide, an. Amlodi, Wikinger =
Hamlet lllft'., 191, 356f., 373,
375 f.
Amisodaros 362 Anm.
Amlaibh = an. Anlaf 191, 357,
372.
Amlaudd 119 Anm.
Amleth 15ft'., 25tf.
Amlethsage s. Hamletsage.
Amlodi = Ambales 128, 191, 356,
373.
Ammeihede 29 Anm.
Amphitryon 164.
Ancus Martius 109.
Andria 334.
Andronikus Dukas 385 f.
Anion 394 ff.
Anlaf (Olaf) Cuaran 99f., 110, 357,
372.
Antaios 167.
Anteia = Stheneboia 283, Komödie
des Eunikos und des Anti-
phanes oder Alexis 362 Anm.
Antiphanes 362 Anm.
Apelaten 384f.
Apollin 202 ff'.
Apollo (Poebus) 193, 201, 259 Anm.,
287, 358.
Apulejus 346 f., 410.
Ardschir 389.
Argentille 41 Anm., 63, 93.
Armenia = Armorica 5, 1 1 ; 382.
— 412 —
Arnoldus, Isländer, Gewährsmann
Saxos 75.
Arondel, Boeves Rofs 12, 21, 239,
317f., 381, 383.
Arruns Tarquinius 80, 258 f.
Arthur, König 92.
'iomg 'HgaxXeovg 186.
Asturien 370.
Astydamas 298.
Ath-Cliath, j. Kilmashogue 111,
357, 375.
Athene 301 f., 309, 406.
Ath-I, j. Athy 68.
Atthakathä 47.
Aucassin u. Nicolette 372.
Aumbeforce 22, 42.
Bäland, Sohn Donriks 128.
Barbastro 371.
Barzouname, persisches Epos 262.
Basileios IL, Kaiser von Byzanz 384.
Bastinus 136.
Batellus 159.
Behischti Gang 216, 266.
Behmen 242.
Belieferest 269.
Bellerophon, -phontes 282 ff., Ety-
mologie 286f., 360Anm.ff.
Bellerophonsage282ff., 359, 360ff.
Anm., als Quelle des Goldener-
märchens 298 ff., mit der Brutus-
sage kontaminiert 328 ff'., Quelle
derHamlet-Chosrosageib., 313ff.
Bellerophontes, Tragödie des Eu-
ripides als Quelle von Shake-
speares Hamlet 325 ff. (361
Anm.), 291 ff.; 409; B., Tra-
gödie des Astydamas 298, 311,
Komödie des Eubulos 298.
Bencobar 136.
Beowulf 54, 57 ff.
Berbha, j. Barrow 68.
Beton s. Daurel.
Bihzad, Chosros Ross 237 ff'., 31 7 f.,
381.
Boeve de Hamtone 1, Inhalt 8 ff.,
21 ff'., Quelle 380 ff'.
Bradmund (von Damascus) 6, 12,
240, 381, 387.
Bretagne (Britannia) 34, 383.
Brjammärchen 141 ff., 190, 358.
Brudermord, Der bestrafte, deut-
sches Hamletdrama 392 ff.
Brian, irischer König 65 ff.
Brunanburh 100.
Brunhild 53.
Brutus, Drama des Accius 146,
330 ff., 341.
Brutussage, als Quelle der Ham-
letsage, 79ff., 192f., 258, 356,
401, 409.
Buovo V. Antona
Cadix 370.
Calitor 129.
Cambrien, Cimbrien 128, = Coim-
bra in Portugal? 369.
Campaka 402.
Caron, Charon 131, 159, 309.
Carvel 135.
Cashel 66.
Cearbhall 112.
Cenn Coradh 69.
Chandr 403 ff".
Chandrahäsya, Story of 403 ff'.
Chimaira 283, ihre Deutung 288 f.,
324, 360 Anm., 363 Anm., =
Feuerberg b. Firdosi? 324.
Chimarros 362 Anm.
Chiron 166.
Chnut, dänischer König 6.
Chodhäiname 208 f.
— 413 —
Choricius 346.
Chosro s. Kei Chosro.
Chosrosage 210ff., 271 ff„ 359.
Christoph, Sohn Waidemars 74.
Chrysaor 284.
Cimbal 135.
Cimbrien s. Gambrien.
Civile = Sevilla 22, 25 Anm., 29 f.,
185, 385f.
Coimbra 369.
Clontarf b. Dublin 65, 376.
Cogadh Gaedhel, irische Chronik 65.
Constance-Saga 54.
Constantin, Kaiser v. Byzanz 49,
402.
Constantin, König v. Schottland
100.
Constantius - (Coustant-)novelle
45 ff., 53, 74, 402 ff.
Corambus 392.
Comiculum 97.
Coustant, Kaiser von Byzanz 45.
Crida, König von Mercia 56.
Cuchulinn, Cuchullin 52, 353 Anm.
Cuchulinnsage , beeinflufst durch
die Herkulessage 353 f., durch
die Bellerophonsage 362 f. Anm.,
durch die Nibelungensage 374.
Cynedi-yd, Gemahlin Offas II. 56,
58 Anm. 3, 61 f.
Dal-Cais, irischer Stamm 66 ff.
Damascus 12 f., 382.
Daphnis, Tragödie des Sositheos
335.
Daurel u. Beton 3, 277 f.
David 208 Anm.
Deianira 180 f., 358.
Delphi 79, 192f., 201.
Desmond, Leute von, irischer
Stamm 66.
Digenis Akritas , byzantinisches
Nationalepos 383 ff".
Diomedes 176.
Dionys v. Halikarnass 79, 85, 106,
192, 311, 332.
Diotrfephe, Roman von Camus 396.
Donnchadh, Sohn Brians 67.
Donrik, König von Spania, Hispa-
nia, Cimbria (Cambria) 128.
Doon = Odon 6, 9 ff., 77.
Draftiar 131, 161.
Drida 56 f.
Dschamschedh 222.
Dscherire 211.
Dublin 65.
Eadmund, König v. Wessex 100.
Edgar (Adgar), englischer König
6, 77.
Edgitha, Gemahlin Ottos I. 6, 78
Anm.
Einodia = Hekate 294.
Ekenbright (Adebrit), König von
Surrey 93.
Ekkehart IV. 6.
Eleonore 22.
Eleuthera = Artemis 308.
Eleuteria 304, 806, 308.
Eliduc, Lai 401'., 51.
Ellerophontes-Bellerophontes (aus
El räfbn) 287.
Emer 52.
Eneborc, Sabots Gattin 383.
Ennius 256, 334.
Eömor 56.
Eormenpryd = Hermuthruda 57,
379.
Ercoil = Herkules 354 Anm.
Eric 392.
Ermenia, Ermonie, Ermony, Ar-
mony 5, 11.
— 414
Erymanthischer Eber 166, 320.
Escopart 18.
Estorie des Engleis v. Gaimar
64, 91.
Eubulos 298.
Eudokia, Gattin des Digenis 383 ff.
Eunikos, Verfasser einer Anteia
362 Anm.
Eurystheus 164, 283.
Fand 52.
Faustinus, heidnischer König 128flf.,
198f., 368.
Fengo 15 ff.
Ferengis 211, 260.
Feriborz 215.
Ferod 211.
Firdosi 207 ff.
Fjaller, Jarl 73.
Filippomaria, König von Sicilien
303.
Floire et Blanchefleur 371.
Florien, Kaiser v. Byzanz 45.
Fridlev 63, 69 ff.
Fridolinsmotiv 47, 403, 406.
Frieden, Komödie des Aristo-
phanes 294, 361 Anm.
Frodi 121.
Frotho, König 124, 194, 407 f.
Füre, -es, 12, 24, 31 Anm.; s.
Gocelyn.
Graimar 64, 91.
Galeron 41.
Galfrid v. Monmouth 76.
Galizien 370.
Gamaliel 129.
Gang Dizh 216, 276.
Ganor 41.
Garcia, don, Romanze 407.
Gärmund 56.
Genesius, Mimus 345.
Georg, St., Sage, aus der Perseus-
sage entsprungen 364 Anm. f.
Gersiwas 212, 250, 263.
Gerutha = Gertrud 15, 392 Anm. 2.
Geryones 165.
Gew 215.
Gilles (Gillion) v. Trasignies 41,
351 Anm.
Giselher 374.
Gistillinn 12, s. Gocelyn.
Glaukos, Sohn des Bellerophon
295 ff".
Glaukos = Poseidon 283.
Gleichen, Graf von 40, 42.
Gocelyn (Gistillin) 12, 24; Gocelyn
und Füre im BvH = Trabanten
bei Saxo (Rosenkranz u. Gülden-
stern bei Shakespeare) ? 31.
Godfrid 99.
Godfreyr, König von Valland 139.
Goldborough 41 Anm.
Goldener Esel von Apulejus 410.
Goldenermärchen, aus der Bellero-
phonsage entsprungen 298 ff.,
361 Anm.; 401.
Goldstabmotiv 79f., 192ff; 221 f.,
224, 264, 358, 376 f., 401 f.
Gold-tree u. Silver-tree 41, 51.
Gormflaith, Witwe Mails 112, 357,
375.
Gormflaith, Gemahlin Anlaf Cua-
rans, Malachys II. und Brians
lOOf., 379.
Grander 240.
Grim 92 f.
Grimnis-mäl 36.
Grimsbysiegel 93.
Grimsby 101.
Gris 25 Anm.
Guderz 215, 275.
415
Guerrino 303 ö'.
Gui, Boeves Sohn 24.
Gui im Daurel u. Beton 277 f.
Gui von Hamtone 9.
Güldenstem 109.
Gunter, König von Dänemark 92.
Gurui 212, 263.
Hagen 374.
Halfdan, König 121.
Hamlet von Shakespeare 268 ff.,
359; Hamlets Weltschmerz vor-
gebildet im Charakter Kei Chos-
ros 270 ff., und Bellerophons
bei Euripides 292ff., 31,5 ff.,
Quelle des Hamletdramas 391 ff.
Hamletsage bei Saxo 15, 25, iden-
tisch mit der Boevesage 19 ff.,
29 ff., ihre Herkunft 44 ff., 401,
stammt aus Britannien 77,
355; Hamlets Scharfsinnsproben
366 ff-.
Ham 122.
Hammerstein 3.
Hamtone = Southampton 1.
Harald-Haldansage 124 f., 194 f.,
241, 357, 379.
Harbra 139, 188 f.
Haukr, Sohn Donriks 128.
Havelok, 63, 71, 73, Havelok Cu-
heran =: Anlaf (Olaf) Cuaran
99 f.
Haveloksage (Gaimar, franz. und
engl. Lai) 64, 91 ff., 377ff.
Hefthdad 389 f.
Heid, Völva 194, 407 f.
Helgakvida Hundingsbana 126.
Helgi 121, 357, 408.
Helgisage 84.
Helyanour s. Eleonore.
Heming 56.
Hemning 56.
Hephaestos 139, 312.
Hera 174.
Herakles 155 ff*., in Sophokles'
Philoktet 206 Anm.
Heraklessage 155 ff., 352, 388.
Herkules 155, 353 Anm.
Hermin, König v. Armenien 5, 11 ff'.,
882.
Hermuthruda 27 f., 110, 180, 187,
385.
Hermutrudnovelle 45 ff., ihre Ele-
mente 72 f.
Hodulf 92.
Horvendül, Amleths Vater 15, 82.
Hrani 122.
Hroar 121, 357, 408.
! Hrolfssaga Kraka 121 ff., 194,
357 f., 379, 407 f.
Hum 216.
Hundstein 3.
Ille u. Galeron 41.
Indra 287.
Irland 71.
Irlanda, Stadt 304.
Isaras 362.
Iskander im Schahname = Alexan-
der d. Grofse 256.
Ivar, Ivor 5.
Iwan, der Bauemsohn, russisches
Märchen 309 f.
Jaimini-Bhärata 47.
Jeronimo von Kyd 397.
Jerusalem 382.
Jobates, König v. Lykien 283,
360 Anm.
Jobates, Tragödie des Sophokles
290f., 311.
Jole 180ff., 358, 379.
416 —
Jona 100, 372,
Jormunjjrudr = Hermuthi'uda 57.
Josiane 12, = Ophelia? 280; 383,
385 f.
Kakos 165, 353 Anm. 1.
Karl der Grofse 56.
Kei Ka'us, Schah v. Iran 211.
Kei Chosro, Sohn des Sijawusch
212tF., 359.
Kellok 94.
Kentauren 166.
Kerberos 167, 409.
Klerkom 102.
Köln 4, 13.
Konrad, Kaiser 46.
Krantor 297.
Kreophylos 352.
Kyd, Thomas, Verfasser eines
Hamletdramas (Urhamlet) 268f.,
281, 359, 391 f., Kyds Hamlet aus
spanischer Quelle geschöpft?
394ff.
Kynanthropie, Form von Hamlets
Wahnsinn? 338, 368.
Laertes = Megapenthes im Belle-
rophontes des Euripides 325 ff.
Lambert IL von Gleichen 40.
Leabhar na h'Uidhre 52.
Laighsi, j. Leix 68.
Leonhardus 892.
Leta, Gemahlin des Faustinus 129.
Lincolnshire 64.
Linos 164.
Lissabon 370.
Little Snow- White 40.
Livius 79, 83, 85, 192, 201.
Lohrasp 272.
Lope de Vega 394.
Lotao 310.
Lucius bei Apulejus 410.
Lucius Tarquinius 80, 258,
Lucretia 85.
Lukas, Schreiber des Christoforus,
Engländer 74, 379.
Lykanthropie 338.
Mac Gillapatraic 69.
Maelmuaidh 68.
Magnus Barefoot 374.
Malachy, König v. Irland 100.
Malpriant 129, 198 f.
Mane 364.
Marcellus v. Side 338.
Maximu, Amazone 385 f.
Megapenthes, Sohn des Proitos
und der Stheneboia 292, 295 f.,
Vorbild des Laertes? 325 ff.;
361 Anm.
Menander 334.
Menoites 171.
Mesia, Gattin Amlodis 137.
Michael, St., 406.
Michel 308.
Mimus 344 ff., Eselsmimus 410.
Mile, Boeves Sohn 24.
Miles 385.
Mohallek 48.
Mohammed 203.
Monbrant 24.
Munster 5 Anm. 1, 66.
Muselin, Kaiser v. Byzanz 45.
Musur, Vater des Digenis 385.
Naevius 334, 342.
Naudher 210, 257.
Neoptolemus 206.
Niall Glundubh, irischer König
111, 357, 375.
Niel = Niall Glundubh 113.
— 417 —
Normannen, Boziehon^en zu By-
zanz 349 f.. /.ni:»^ nnoh Forto-
Ocrisia, Mutter dt's Senius Tnl-
Kns 97, 812.
(Ulun = Otto der (tioIso b.
Odvsseus 206 Anm
Otta I., König der Angeln 54 «F.
()ffa I!. 5^ff:
Ogier le Danois 72 Anm., 407.
Oineus, König der Aitoler 180.
Oi/zdiag nÄarfm; von Kreophylos
V. Samos 185 f., S52.
Olaf, Sohn Godfrids 99.
Olaf Cuaran s. Anlaf.
Olaf Tryggvason, König \. iSor-
wegen 64 Anm., 102-, 263, 356.
Ophelia 84, 276, 279, 394f.
Orendel 401.
Osraighe, j. Ossory 68.
Ospryd, Gemahlin Aedelrods 61 f.
Otto der Grofse 6 f., 77.
Ovid 79, 259 Anm.
Parmenie 5.
Pegasos 284, = Gewitterroft des
Zöus 289; 301 f., 381.
Perinthia 334.
Perseus 287, 365 Anm.
Phaedra 348.
Phantasmo 392.
Philistion 344.
Philoktet 206 Anm.
Philomena 72 Anm.
Philonoe (Kassandra, Astymedusa,
Antikleia), Gemahlin des Bel-
leropho« 28»S.
Pholos 166.
Pirene 301.
Plautus 334.
Plutarch 320, 342, U^ 362 Anm
Polkan 310.
Polonius 84, 325.
Polyidus 801 f.
Portugal 369.
Potentiana 304, 3t>6.
Poseidon, Vater Bellerophons 2S3;^
301, 406.
Proitos, König von Tiryns 283,
360 Anm.
Puschang, Sohn Afrasiabs 259^.
Pythia = Völva Heid 195tf., 358,
40H.
(^ndrida = Cynedryd 57,
Ragnar-Lodbroksagc 889 f.
Rath Maisten 66.
Regin 121.
Re'gno 125.
Rige Per Kraemmer 50.
Rorik, König von Dänemark 15.
Rosenkrantz 109.
Rosenkranz und Güld!en.stern 17
Anm., 279
Roudefoun 6.
Rubinetto 306.
Sabot (Saber) 10.
Saburc 95.
Saevil 122.
Salamanija 366.
Salamon = Salomo 366.
Salla 132.
Salman, Sohn Donriks 128, Mi^.
Salomo 222, 366.
Saxo Grammaticus 14 f., seine
Gewährsmänner 75.
Schahname von Firdosi 207 tf.
Schneewittchen -Märchen 40, 51.
Serosch 275.
418
Servius Tullius 80, 82.
Servius-Tulliussage 97, 1 06f., 3 1 1 ff.,
356, 377.
Sevilla 22, B70.
Sichfrith 113.
Sigar 94, 103 Anm.
Sigfrid 374.
Signy 194.
Sigrid 123, 392 Anm. 2.
Sigrie 392.
Sigvardr, Bruder Amlodis 128, 173.
Sijawusch. Sohn des Kei Ka'us
211 f., 222 Anm. 2, 322.
Sitric, Sohn Olaf Cuarans 72.
Sihtric Gale, Vater des Anlaf
Cuaran 99, 111.
Sitriuc 113.
Siwka Burka, Rofs Iwans 310.
Snaebjörn, Skalde 120, 357.
Soldan, König von Skitia 128, 368.
Solymer 284, 301.
Sommernachtstraum 410.
Sositheos 335.
Southampton 1, 3.
Spanish Tragedy von Kyd 397.
Stheneboia, Gemahlin des Proitos
= Anteia 283, 325, Urbild der
Ophelia? 320 ff., 360 ff. Anm.
Stheneboia, Tragödie des Euripides
291.
Straparola 303.
Sudabe 322 ff, 348.
Tamerlaus 129, 198 f.
Tanaquil 97.
Tara 100.
Tarquinius Priscus 97, 109.
Tarquinius Superbus 79ff., 86 f., 259.
Terenz 334.
Tervagant 203.
Thalassion 406.
Thierry 22 ff'., 237.
Thora 389 f.
Thorolf 102.
Thrydo, Gemahlin Ottas I. 54 ff.
379.
Tilottamä 406.
Tosti 133, 203, 377.
Trachinierinnen v. Sophokles 181.
3511.
Trygaios 294. 361 Anm.
Tryggvi, König v. Viken 102.
TuUiasage, mit der Brutussagt-
vermengt 80 f.
Tus 215, 242.
por = Hercules 204.
prudr, Walküre ,= Hermuthruda
61.
Ulf 112.
Uriasbrief 20, 35, 45 ff., 279, 313 ff'..
403 ff.
Valentinstag 395 f.
Valerius Maximus 79, 83, 88, 193.
Vifil 121, 408.
Viglet 28.
Vincenz v. Beauvais 338 f.
Yishä 403.
Vishayä 48.
Walter
Ar ras 41,
Yellow Book of Slane 52.
Yvori 5, 239.
Zal 272.
Zifroi, König in Irlanda 304.
Zonaras 193, 259.
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1431
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1905
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